RIVERSIDE – Wasteland

Band: Riverside
Album: Wasteland
Spielzeit: 50:58 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Inside/Out
Veröffentlichung: 28.09.2018
Homepage: www.riversideband.pl

Nach dem absoluten Tiefschlag, den die polnischen Prog-Rocker RIVERSIDE mit dem viel zu frühen Tod Ihres Gründungsmitglieds und Gitarristen Piotr Grudzinski einstecken mussten, meldet sich die auf Trio-Größe geschrumpfte Band nun wieder mit einem neuen Album zurück. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der Verlust von Grudzinski war für das eingespielte Team natürlich nicht nur musikalisch sondern auch vor allem auf persönlicher Ebene schwer zu verkraften. Das Erlebte hat entsprechend auch Spuren in der Musik der Band hinterlassen. „Wasteland“ wurde im Kern von den verbleibenden Bandmitgliedern eingespielt, wobei Sänger/Bassist Mariusz Duda dann auch die Gitarrenspuren übernommen hat und einige Soli vom Live-Gitarristen Maciej Meller übernommen wurden. Die Produktion der neuen Scheibe, die als Ltd. Mediabook CD, einfache CD, Doppel-LP und Digitales Album seit dem 28. September 2018 erhältlich ist, wurde von Robert Srzednicki übernommen, der dem Ganzen einen schön warm, organischen und verträumten Sound verpasst hat.

In die Heavy-Prog-Sparte haben RIVERSIDE nie gepasst, auch wenn es auf Alben wie „Second Life Syndrome“ oder „Anno Domini High Definition“ durchaus harte Passagen gegeben hat. Der Sound der Truppe hat sich vielmehr zumeist im gemächlichen Artrock und Neo-Prog Bereich abgespielt und auch auf „Wasteland“ sind die härter rockenden Momente nur sporadisch vertreten, wie z.B. in den mit feinen Riffs gespickten „Acid Rain“ oder „Vale of Tears“. Als Eckpfeiler dieses mitunter sehr düsteren und introvertiert anmutenden Werkes sind die beiden längeren Tracks auszumachen: das Instrumental „The Struggle for Survival“ kann mit dezenten Film-Noir Spielereien und einer mächtig groovenden Rhythmusfraktion überzeugen, der Titelsong „Wasteland“ fasst dann gegen Ende der Scheibe nochmal alles zusammen wofür RIVERSIDE eigentlich stehen: entschleunigter Gesang, Breitwand Klangkulissen, zumeist gute Hooklines und überzeugendes Handwerk (das nie zum Selbstzweck verkommt). Wer einen Titel zum Antesten sucht, ist mit diesem Track bestens bedient. Die restlichen Songs tun niemandem weh, lassen sich gut anhören und, das ist leider auch ein wenig die Krux, plätschern mitunter am Hörer vorbei, es sei denn man widmet dem Ganzen seine gesamte Aufmerksamkeit. So richtig packen tut das Songmaterial aber nicht und echte kompositorische Highlights kann ich keine ausmachen. Ebenso wenig fesselt mich der doch immer sehr zurückhaltende Gesang von Duda. Das ist aber alles nun beileibe nichts Neues im RIVERSIDE Universum, weshalb die zahlreichen Fans der Band hiermit wahrscheinlich kein Problem haben werden.

Mit „Wasteland“ ist RIVERSIDE zwar nicht das beste Album Ihrer Karriere gelungen, aber es ist immerhin als großer Erfolg zu bewerten, dass die Band es überhaupt geschafft hat neues Material zu erarbeiten und aufzunehmen. Mir fehlt es ein wenig an kompositorischer Finesse und dem gewissen Schmackes, auch wenn ich die sehr persönliche Athmosphäre der Scheibe mit jedem Durchlauf mehr zu schätzen lerne. Fans von melancholischem Prog à la Katatonia sollten aber auf jeden Fall ein Ohr riskieren (und die RIVERSIDE Fans sowieso). Wer noch unbedarft ist und RIVERSIDE für sich entdecken möchte, sollte aber erstmal zum Highlight der Diskographie („Anno Domini High Definition“) greifen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. The Day After
02. Acid Rain
03. Vale Of Tears
04. Guardian Angel
05. Lament
06. The Struggle For Survival
07. River Down Below
08. Wasteland
09. The Night Before

Mario

MARILLION – All One Tonight (BluRay)

Band: Marillion
Album: All One Tonight (BluRay)
Spielzeit: / min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: e.a.r Music
Veröffentlichung: 27.07.2018
Homepage: www.marillion.com

Nur wenige Bands können sich auf eine solch treue Fanbasis verlassen, wie die britischen Neo-Prog Götter MARILLION, die mittlerweile ihren zigsten Frühling erleben. Das zeigte sich mal wieder eindrucksvoll, als die Band ihre ambitionierten Pläne in Angriff nahm ein exklusives Konzert in der altehrwürdigen Royal Albert Hall zu spielen. Ob man den Konzertsaal würde füllen können? Alleine die Tatsache, dass die Band sich solche Fragen im Vorfeld überhaupt stellte zeugt von der Bodenständigkeit der Truppe. Natürlich waren jegliche Zweifel überflüssig. Das Event war binnen kürzester Zeit ausverkauft, und was das Publikum da zu sehen bekam liegt uns nun auch für den privaten Genuss am heimischen Fernseher auf Blu-ray vor.

Was man auf 2 prall gefüllten Scheiben, die in ein schickes Digipack, nebst schönem Booklet, verpackt sind, hier geboten bekommt ist tatsächlich eine audio-visuelle Vollbedienung. Die Klangqualität der Aufnahmen ist beeindruckend und die mit eindrucksvollen und geschmacksicheren Kameraeinstellungen eingefangenen Bilder zumeist atemberaubend. Man ist der Band, diesmal verstärkt durch ein 4-köpfiges Streichquartett (In Praise of Folly) und weitere Gäste , immer ganz nah. Sei es weil man, dank der geschickten Kameraeinstellungen, mal Teil des innig lauschenden Publikums ist, dann wieder das Gefühl mit Steve Hogarth und Co auf der Bühne zu stehen und die ehrwürdigen Bretter der Royal Albert Hall zu betreten. Selten hat mich eine Konzert-DVD/Blu-ray dermaßen gefangen genommen wie „All One Tonight“. Zu bestaunen sind in Teil 1 des Konzertes die Aufführung des letzten Studioalbums „F.E.A.R.“, was hier, auch dank dem tollen Drumherum nochmal um einiges imposanter wirkt, und in Teil 2 werden dann noch einige Highlights aus dem Bandkatalog (u.a. eine grandiose Version von „Easter“) serviert bevor bei den letzten Tracks „Neverland“ und „The Leavers: V. One Tonight“ optisch nochmal alles gegeben wird und der Gig in einem fulminanten Finale endet. Es ist eine Freude Sänger Hogarth zuzuschauen wie er seine Texte nicht nur singt, sondern lebt und wie alle Musiker, trotz Ihrer über die vergangenen Dekaden gesammelten Erfahrungen, vor Freude und Stolz beinahe zu platzen scheinen. Wer mit MARILLION bisher nichts am Hut hatte, aber prinzipiell dem Prog im Allgemeinen nicht abgeneigt ist, der sollte spätestens mit „All One Tonight“ mal ein Auge/Ohr riskieren. Die Band lässt den Zuschauer in dem Konzertmitschnitt (sowie in dem sehr unterhaltsamen Backstage Bericht auf der Bonus Scheibe) so nah an sich heran wie nur selten. Und musikalisch ist des Gebotene eh vom allerfeinsten.

Ja, ich bin begeistert. Nicht nur weil das Setting dieses außergewöhnlichen Auftritts ein ganz besonderes ist, sondern vor allem weil es MARILLION gelungen ist dem auch ein gewichtiges Konzert entgegen zu setzen. Während Opeth zB an gleicher Stelle („In Live Concert At The Royal Albert Hall“) wie eingeschüchterte Jungs manchmal deplatziert und eingeschüchtert wirkten, machen die Engländer aus der Bühne Ihr Zuhause und laden gleich noch alle Freunde mit ein. Technisch ist das vorliegende Produkt ebenfalls zum mit der Zunge schnalzen. Beide Daumen hoch und eine absolute Kaufempfehlung!

WERTUNG:

(keine Wertung)

Trackliste:

Disc: 1

01. El Dorado
02. Living in F E A R
03. The Leavers
04. White Paper
05. The New Kings
06. Tomorrow’s New Country
07. The Space
08. Afraid Of Sunlight
09. The Great Escape
10. Easter
11. Go!
12. Man Of A Thousand Faces
13. Waiting To Happen
14. Neverland
15. The Leavers: V. One Tonight

Disc: 2

01. Documentary Film
02. Intermission (Audio/Video)
Screen Media
03. Screen Media:The Space
04. Afraid Of Sunlight
05. The Great Escape
06. Easter
07. Go!
08. Man Of A Thousand Faces
09. Waiting To Happen
10. Neverland
11. The Leavers vs. One Tonight

Mario

DUKES OF THE ORIENT – Dukes of the Orient

Band: Dukes Of The Orient
Album: s/t
Spielzeit: 52:57 min
Stilrichtung: Prog/Melodic Rock
Plattenfirma: Frontiers Records / Soulfood
Veröffentlichung: 23.02.2018
Homepage: www.dukesoftheorient.com

Hinter dem außergewöhnlichen Bandnamen verbergen sich mit JOHN PAYNE (Ex ASIA) und ERIK NORLANDER (LANA LANE) zwei langjährige Protagonisten des Melodic Rock-Hard Rock/Prog Sektors. Wie man auf diesen Band oder Projekt Namen gekommen ist, ließ sich vorab nicht erschließen, aber musikalisch gesehen erscheint die Beschaffenheit dieses Rundlings quasi zwangsläufig.
Eine wohl dosierte Portion Melodic Rock, angereichert mit diversen Stilmitteln des Prog-Rock, kommen hier eindeutig zur Geltung. Beides wirkt sehr harmonisch zusammengefügt, was letztlich der Ausrichtung beider Hauptakteure geschuldet ist.
Bestes Beispiel für diese Klassifizierung ist die Vorab Single „Strange Days“, die trotz leichter Prog Elemente, einen deutlich hörbaren „Airplay-Einschlag“ aufweist.
Dies zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Silberling. Lediglich die Tatsache, dass nur 8 Titel vertont wurden, ergibt einen minimalen Minuspunkt, der die gute Bewertung jedoch nicht wirklich in Frage stellt.
Müßig am Ende zu erwähnen, dass auch die Sangesleistung von Herrn Payne außerordentlich gut zu bewerten ist.
Anhänger beider genannter Stilrichtungen, dürfen sich über ein wirkliches Highlight freuen. Wer auf bereichsübergreifende Mucke mit erwähnten Trademarks steht, sollte hier zugreifen. Man darf gespannt sein ob die Story DUKES OF THE ORIENT“ eine Fortsetzung findet.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Brother In Arms
02. Strange Days
03. Amor Vincit Omnia
04. Time Waits For No One
05. A Sorrow’s Crown
06. Fourth Of July
07. Seasons Will Change
08. Give Another Reason

Bonne

KINO – Radio Voltaire

Band: KINO
Album: Radio Voltaire
Spielzeit: 56:10 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Inside/Out Records
Veröffentlichung: 23.03.2018
Homepage: www.facebook.com/KINObandofficial/

Wohlfühl (Neo)Prog ist ja immer ein zweischneidiges Schwert. Da wird es dann mal ganz schnell unheimlich kitschig, seicht belanglos oder einfach nur sterbenslangweilig. Bei mir hat das formidable, keineswegs oberflächliche, Debüt der Briten KINO aus dem Jahr 2005 allerdings einen ganz besonderen Platz im Herzen. Auf dieser Scheibe zauberten die Jungs (Arena Sänger/Gitarrist John Mitchell, Marillion Bassist Pete Trewavas und Keyboarder John Beck von It Bites) einen leckeren Happen hochmelodischen, beinahe schon poppigen Progs, der auch heute noch zeitlos und unverbraucht klingt. Leider war es lange still um die Formation, da sich die Beteiligten nach Veröffentlichung des Erstlings wieder anderen Projekten/Bands widmeten. Umso überraschender nach 13 Jahren die Ankündigung, dass mit „Radio Voltaire“ tatsächlich ein Album mit neuem Material erscheint. Personell hat es lediglich leichte Veränderungen gegeben: Keyboarder John Beck ist heuer nur noch als Gastmusiker aufgeführt und an den Drums hat Craig Blundell die Stöcke von Chris Maitland übernommen.

Bereits der der Opener/Titeltrack „Radio Voltaire“ vermittelt mit seinen gefühlvollen Gitarrenleads, der packenden Melodieführung und einer perfekten Produktion das Gefühl als sei die Zeit stehengeblieben. Das Ganze knüpft recht nahtlos an den starken Vorgänger an und als Fan der Band kann man sich entspannt zurücklehnen und den restlichen, abwechslungsreichen Tracks lauschen. Da wird nicht unbeholfen auf Teufel-komm-raus ein nicht passendes Heavy-Riff passend gemacht, oder verkopft ohne Sinn und Zweck vor sich hin gefrickelt. Bei KINO stand und steht der Song im Vordergrund und über allem thront John Mitchell mit tollen Gesangsmelodien („Grey Shapes On Concrete Fields“) und starken Gitarren-Leads bei denen das Prinzip des „Weniger-ist-mehr“ auf die Spitze getrieben wird. Anspieltipps dieser sehr abwechslungsreichen Scheibe sind das leicht psychedelische „Out Of Time“, der Rocker „The Dead Club“, das beschwingte „I Don’t Know Why“ sowie der ruhige Rausschmeißer „The Silent Fighter Pilot“. Absolut begrüßenswert ist die positive, erbauende Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht und den Hörer von vorne bis hinten zu fesseln weiß. Hier haben KINO Einiges richtig gemacht und scheren sich nicht im Geringsten um Erwartungshaltungen oder Konventionen, was der Scheibe (mal wieder) einen ganz eignen Charme und etwas Zeitloses gibt.

Mit „Radio Voltaire“ legen die Routiniers von KINO einen weiteren Leckerbissen vor, der das lange Warten (beinahe) vergessen macht. Perfekt produziert, mit hohem Können komponiert und eingespielt gibt es ein Album zu hören, das auch nach dem x-ten Durchlauf nicht langweilig wird und mit zum Kompaktesten gehört was in letzter Zeit im Neo-Prog Sektor veröffentlicht wurde. Die Scheibe kann als Special Edition im CD Digipak, als Gatefold Vinyl (inkl. CD) oder Digitales Album erworben werden. Fans von gepflegten, kompetent eingespielten Pop/Neo-Prog können, nein sollten, hier bedenkenlos zugreifen.

WERTUNG :

 

 

Trackliste:

01. Radio Voltaire
02. The Dead Club
03. Idlewild
04. I Don’t Know Why
05. I Won’t Break So Easily Any More
06. Temple Tudor
07. Out Of Time
08. Warmth Of The Sun
09. Grey Shapes On Concrete Fields
10. Keep The Faith
11. The Silent Fighter Pilot

Mario

JONO – Life

Band: Jono
Album: Life
Spielzeit: 57:52
Stilrichtung: Progressive Rock/AOR
Plattenfirma: Fontiers Records
Veröffentlichung: 01.12.2017
Homepage: www.jonotheband.se

JONO sind eine der Bands, die hinsichtlich ihres Namens erschreckend unkreativ wirken, setzt sich dieser doch schlicht aus den Initialen von Bandgründer Johan Norrby zusammen. Dies sei den Herren aus Schweden jedoch angesichts ihrer musikalischen Leistung bedenkenlos verziehen. Die 2006 gegründete Gruppe hat am 01.12. mit ihrem vierten Album “Life” ein kleines Meisterwerk veröffentlicht, das Freunde von leicht progressivem exzellent komponierten und umgesetzten Melodic Rock noch geschwind auf ihren Wunschzettel schreiben sollten. Schließlich liefert “Life” über zehn auf knapp 60 Minuten verteilten Tracks konstant hohes Niveau. Dieses äußert sich zuerst einmal in der sehr guten, klaren und druckvollen Produktion, die keine Wünsche offen lässt.
Auch die Musiker überzeugen auf ganzer Linie. Sänger Johan hat nicht nur eine ausdrucksstarke, für diese Art von Rock sehr geeignete Stimme, er weiß sie auch hervorragend einzusetzen. Dabei ist er gelegentlich kurz davor, zu übertreiben – aber eben nur kurz davor. Realistisch betrachtet: Mit einem derartig guten Sänger ist die halbe Miete eh schon bezahlt. Der Rest der Musiker tut dem sein Übriges. Die Rhythmusfraktion beweist Gespür für stimmigen Antrieb. Die Keyboards, häufig als Klavier-Sounds umgesetzt, unterstützen die Songs und geben ihnen zusätzlichen Charaker, ohne übertrieben oder fehl am Platze zu wirken. Und die Gitarren, die von anderen Vertretern des Genres leider ab und an sträflich vernachlässigt werden, sind dominant genug, um “Life” nicht zu einem Album voller Halbballaden verkommen zu lassen.
Zu den einzelnen Tracks muss an dieser Stelle gar nicht viel gesagt werden. JONO legen in den Strophen durchgängig Wert auf Melodien abseits des Standards, die jedoch stets eingängig und kurzweilig erscheinen. Die Refrains sind generell episch, manchmal leicht pathetisch, setzen sich innerhalb kürzester Zeit als unbarmherzig bohrende, gleichzeitig aber auch sehr angenehme Ohrwürmer fest. Tatsächlich schaffen es JONO dabei allermeistens, nicht in Kitsch abzudriften, vom letzten Track, der Ballade “The March”, einmal abgesehen.
Um es etwas deutlicher zu machen: “Life” ist auf nahezu jedem Track durchgängig außergewöhnlich. Das hervorragende Zusammenspiel von Instrumenten und Sänger kombiniert mit den kreativen Melodien macht diese Platte zu einem der Highlights des Jahres 2018, das auch nach dem zehnten Durchlauf noch keine Abnutzungserscheinungen zeigt. Und obgleich QUEEN, JOURNEY oder ASIA häufig als Einflüsse durchschimmern, bewahren JONO ihren eigenen Stil und Sound. Lediglich bei Track sieben und acht mag ein wenig das Gefühl aufkommen, man habe zu dem Zeitpunkt sein Pulver verschossen (auch wenn sich auch um diese Songs noch ein großer Teil aller Melodic-Rock-Bands prügeln würde). Dieses Gefühl gibt sich beim folgenden “Trust” jedoch direkt wieder, das eines der absoluten Highlights des Albums darstellt und noch einmal bestätigt, dass “Life” ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Melodic-Rock-Opus ist.

Anspieltipps:
“Crown”, “Trust”, “No Return”, “On The Other Side”, “Down Side” und “To Be Near You”

Fazit:
Man kann “Life” eigentlich gar nicht genug loben. JONOs Mischung aus Melodic Rock mit progressiven und symphonischen Elementen ist an sich schon hörenswert genug, doch die Melodien und Arrangements machen den aktuellen Release der Schweden zu einem Stück Underground-Melodic-Rock-Geschichte, das sich kein Fan dieses Genres entgehen lassen sollte.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Sailors
02. Crown
03. No Return
04. On The Other Side
05. Down Side
06. To Be Near You
07. My Love
08. The Magician
09. Trust
10. The March

Jannis

KNIGHT AREA – Heaven And Beyond

Band: Knight Area
Album: Heaven And Beyond
Spielzeit: 62:32 min
Stilrichtung: Progressive Metal / Neo-Prog
Plattenfirma: Butler Records
Veröffentlichung: 10.02.2017
Homepage: www.knightarea.com

Die bereits seit 2004 aktiven Niederländer KNIGHT AREA waren mir bisher kein Begriff – umso erfreuter bin ich die Band nun durch Ihr mittlerweile 6. reguläres Studioalbum entdeckt zu haben. Mag der recht oberflächliche Promo-Zettel noch hauptsächlich von Neo-Prog und entsprechenden Einflüssen wie Camel oder Genesis sprechen, so passen die Jungs auf „Heaven And Beyond“ doch am ehesten in die (seichtere) Prog Metal Ecke. Was wohl vor allem an Gitarrist Mark Bogert liegt, der der Band seit seinem Einstieg 2012 eine etwas härtere Kante verpasst hat. Soviel vorweg: KNIGHT AREA liefern mit dem in zweijähriger Arbeit entstandenen Album einen echtes Highlight ab.

Gleich zu Beginn lässt der ungemein fette und transparente Sound der Platte aufhorchen. Der Opener „Unbroken“, flankiert von luftigen Gitarrenriffs und in ein fettes Drum/Bass Fundament eingebettet, bietet Sänger Mark Smit gleich die besten Voraussetzungen seine hochmelodischen Parts zu intonieren. Weiter geht es mit dem nicht minder starken, durch eine maßgeschneiderte Hookline veredelten „Dreamworld“, bevor in „The Reaper“ die ersten Dream Theater Parallelen auszumachen sind. Zur modernen Inkarnation von DT allerdings. Diese sind in dem eleganten Titeltrack noch stärker vertreten, vor allem in der Melodieführung. Was soll ich sagen? Mir gefällt die Interpretation dessen, was DT seit 4 Alben versuchen, bei KNIGHT AREA um einiges besser. Denn die Jungs verstehen es einfach, melodische Songs in rockigere Arrangements zu packen (was den großen US Paten im Gegenzug leider ein ums andere Mal misslingt). Dass „Heaven And Beyond“ dann auch noch eine viel bessere Produktion hat, hilft natürlich auch … Wir wollen es mit den Vergleichen aber nicht übertreiben, denn KNIGHT AREA haben durchaus Ihren ganz eigenen Sound. In diesem sind zwar auch Menge Saga oder traditionell britische Neo-Prog herauszuhören. Doch es klingt zu keinem Moment wie ein blasser Abklatsch. Nicht alles auf „Heaven And Beyond“ hat das Niveau der angesprochenen Tracks: das durchschnittliche „Saviour Of Sinners“ sowie das belanglose, beinahe schon nervige Instrumental „Eternal Light“ hatte man sich sparen können. Besonders löblich ist allerdings, dass nicht wie üblich das Ende des Albums mit Füllmaterial gestreckt wird. Mit dem abwechslungsreichen Prog Spektakel „Twins Of Sins” und der klasse Ballade „Memories“ (in der die Band ganz dezente Journey Referenzen einflechtet) sind einige der stärksten Tracks sogar ganz ans Ende gestellt.

Wer auf „entspannten“ Prog Metal/Rock irgendwo zwischen den allgegenwärtigen Dream Theater, Saga und Marillion steht, sollte sich das neue Album von KNIGHT AREA definitiv auf dem Einkaufszettel schreiben. Bei „Heaven And Beyond“ handelt es sich zwar um keinen Meilenstein des Genres, aber die Platte macht dennoch mehr Spaß als das Gros der Veröffentlichungen in diesem Sektor der letzten Jahre (zumal sich auch die Produktion mehr als hören lassen kann). Ein Prog Highlight des noch jungen Jahres.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Unbroken
02. Dreamworld
03. The Reaper
04. Box Of Toys
05. Starlight
06. Heaven And Beyond
07. Saviour Of Sinners
08. Eternal Light
09. Twins Of Sins
10. Tree Of Life
11. Memories

Mario

 

SOEN – Lykaia

Band: Soen
Album: Lykaia
Spielzeit: 49:42 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: UDR
Veröffentlichung: 03.02.2017
Homepage: www.facebook.com/SoenMusic

Nach dem bereits starken Debüt aus dem Jahr 2012 („Cognitive“) und dem nicht minder überzeugenden 2014er Nachfolger „Tellurian“ legen die Schweden SOEN nun ihr drittes Langeisen vor. Und „Lykaia“ ist ein weiteres Schwergewicht im Prog/Düster Sektor, ein Album, das den aktuellen Status der Jungs um den ehemaligen Opeth Schlagzeuger Martin Lopez auch weiterhin festigen wird. Mit einem schnieken Atwork versehen und dank einer wunderbar erdigen Produktion von Gitarrist Marcus Jidell (Mix: Stefan Boman, u.a. The Hellacopters) bleibt die Truppe sich weitestgehend treu und schmiedet neuerlich ein hypnotisierendes Monster aus Tool, Opeth und Katatonia Einflüssen.

Der Opener "Sectarian" walzt mit tonnenschweren Riffs nach vorne, gepaart mit gefangennehmenden Gesangsmelodien. "Orison" zitiert erst verschmitzt Tool mit seinen typischen verschobenen Riffs um dann in einen ganz eigenen Klangkodmos abzudrehen – hier macht sich dann auch sofort das wirklich gelungene Sounddesign der Scheibe bemerkbar: Breitwandsound in Reinkultur, jedes Instrument hat genug Raum zum atmen und keine Frequenz stört das warme Klangbild. Über allem thront Sänger Joel Ekelöf mit seinen ausgeklügelten Melodien. Insgesamt wirkt „Lykaia“ nachdenklicher, introvertierter als seine Vorgänger, bei denen die Band merklich bemüht war ein eigenes Profil herauszuarbeiten. Anno 2017 scheint man angekommen zu sein und stellt ganz selbstverständlich völlig tiefenentspanntes wie "Lucidity", Pink Floyd artige Prog/Psych-Experimente ("Paragon"), hymnische Epen ("Jinn") und Opeth-typische Wundertüten ("Sister") nebeneinander. Und das Beste ist: es funktioniert Alles ganz wunderprächtig. Das Zusammenspiel der Band offenbart, dass sich hier eine Truppe gefunden hat die mehr als nur der Spass am gemeinsamen Musizieren verbindet. Der Weg scheint das Ziel zu sein, und auf diesem Weg schaffen as SOEN immer wieder packende, zutiefst berührende Songs zu schreiben.

Ja, auch „Lykaia“ ist mal wieder ein Festschmaus für Prog Fans jedweder Coleur geworden. Hier stimmt wirklich so ziemlich alles. SOEN schwimmen mal mit dem Strom (die Einflüsse der Jungs sind weiterhin deutlich herauszuhören) und mal gegen den Strom (die erfreulich saftige Produktion ist nicht alltäglich). Dass dabei manches wie schonmal gehört anmutet ist nicht weiter tragisch, denn SOEN gelingt es aus dem Ganzen ein homogenes Gebräu zu mischen, dass einfach nur Freude macht. Wem die ersten beiden Platten gefallen haben greife bitte ohne zu zögern zu. Alle anderen Interessierten sollten sich mal den ein oder anderen Song zu Gemüte führen – vielleicht wartet hier die neue Lieblingsband darauf entdeckt zu werden.

WERTUNG:

 


Trackliste:

01. Sectarian
02. Orison
03. Lucidity
04. Opal
05. Jinn
06. Sister
07. Stray
08. Paragon

Mario

PAIN OF SALVATION – In the Passing Light of Day

Band: Pain of Salvation
Album: In the Passing Light of Day
Spielzeit: 72:10 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Inside/Out Records
Veröffentlichung: 13.01.2017
Homepage: www.painofsalvation.com

Das Schwedische Prog-Flagschiff PAIN OF SALVATION hat über die Jahre die ein oder andere Turbulenz durch- bzw. überlebt, und ist dank Kapitän und Bandchef Daniel Gildenlöw immer auf Kurs geblieben. Es ist aber wohl anzunehmen, dass die nun 2 Jahre zurückliegende lebensbedrohende Erkrankung des Ausnahmesängers und Gitarristen die bisher schwerste Prüfung für die Band und Ihren starrsinnigen Vordenker war. Nur haarscharf am Tod vorbeigeschrammt, verarbeitet Gildenlöw auf „In the Passing Light of Day“ die wohl dunkelste Phase seines Lebens. Es ist daher kaum verwunderlich, dass auf dem neuesten Werk seiner Band vor allem düstere Töne und introvertierte Texte zu finden sind. Wer die Karriere von PAIN OF SALVATION ein wenig verfolgt hat weiß, dass die Band sich nie in die künstlerische Ausrichtung Ihrer Musik hat hereinreden oder diese an irgendwelchen Erwartungen orientiert hat. Und das unterstreicht das neue Album aufs Neueste.

Ein erster Blick auf die Songtitel von „In the Passing Light of Day“ lässt bereits die thematische Marschrichtung der Platte erkennen. Der Opener „On a Tuesday” beginnt vielversprechend, mit verschobenen harten Rhythmusgitarren und einer zwar recht trockenen, aber auch modern ausgerichteten Produktion. Nach knapp 80 Sekunden ist es mit der Spannung aber auch schon vorbei und der Song entpuppt sich als äußerst schroffer Brocken, der trotz des starken Ohrwurmrefrains seine Längen hat. Und an diesem Prinzip wird sich im weiteren Verlauf der Scheibe auch nicht mehr allzu viel ändern: Tracks wie „Tongue of God“ oder „The Taming of a Beast“ pendeln zwischen angenehmer Härte, immer wieder aufblitzenden Melodiehighlights und Belanglosigkeiten und langatmigen Durchhängern hin und her. Zwischendurch gibt es mit dem rundum gelungenen „Meaningless” und dem überlangen, epischen Titeltrack zwar auch starke Lichtblicke. Ein Song wie „Reasons” klingt allerdings wie eine nicht zu Ende gedachte Single B-Seite. Das Hauptproblem für mich persönlich ist allerdings, neben dem immer wieder aufkommenden kompositorischen Leerlauf, der zumeist regelrecht jammernde Gesang und die mitunter unspektakulären Gitarrenparts, die das Hörvergnügen irgendwo im Mittelfeld halten. Mir ist klar, dass es dramaturgisch absoluten Sinn macht, den von Gildenlöw durchlittenen Krankheitsverlauf in den Songs mehr oder minder chronologisch aufzuarbeiten – ein Garant für eine gute Platte ist das aber noch lange nicht. Auf der positiven Seite verbuche ich jetzt mal die mutige Produktion (fernab vom modernen Hochglanz/Homestudio Brei), die oftmals schmerzhafte Offenheit der Texte und die immer wieder aufblitzenden Energieschübe im Gesang und die Gildenlöw-typischen Melodien. Bei einer (sehr langen) Gesamtspielzeit von über 70 Minuten reicht das alles aber nicht für ein richtig starkes Album.

So sehr ich es auch begrüße, dass PAIN OF SALVATION wieder härtere Töne anschlägt und somit einen Schritt weg vom Retro Rock der letzten Alben hin zu den älteren Platten gehen, so zwiespältig ist der Eindruck den „In the Passing Light of Day“ hinterlässt. PAIN OF SALVATION haben nie einfache oder leicht verdauliche Musik gemacht und bleiben sich auch Anno 2017 treu – allerdings vermisse ich die richtig durchschlagenden Highlights. „In the Passing Light of Day” ist kein wirklich schlechtes Album, sondern eines, das seine durchaus vorhandenen Stärken erst nach mehrmaliger konzentrierter Einfuhr preisgibt. Aber auch dann reicht es nicht für Begeisterungsstürme. Für Fans ist die Scheibe daher durchaus empfehlenswert. Alle anderen sollten sich erst einmal die Klassiker des Backkatalog anhören.

WERTUNG

 

 

Trackliste:

01. On a Tuesday
02. Tongue of God
03. Meaningless
04. Silent Gold
05. Full Throttle Tribe
06. Reasons
07. Angels of Broken Things
08. The Taming of a Beast
09. If This Is the End
10. The Passing Light of Day

Mario

 

NTH ASCENCION – In Fine Initium

folderBand: Nth Ascension
Album: In Fine Initium
Spielzeit: 68:09 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Melodic Revolution Records
Veröffentlichung: /
Homepage: www.nthascension.com

Das 2015er Debüt der britischen (Prog) Rocker NTH ASCENCION war ein feines Kleinod inmitten der üblichen Prügel-Orgien der hart und heftig Fraktion auf der einen und den quälend langweiligen pseudointellektuellen "Schuh-Guck"-Sceancen auf der anderen Seite des Prog Bereichs. Völlig unaufgeregt und selbstsicher steuerten die 5 nicht mehr ganz taufrischen Briten um den TEN-Keyboarder Darrel Treece-Birch ihr Schiff durch das weite Feld des mit leichten progressiven Elementen angereicherten Rocks. Und genau in dieselbe Kerbe schlägt auch das nun vorliegende 2te Album der Band, die sich nun mit dem amerikanischen Label Melodic Revolution Records Verstärkung bei der Promotion bzw. des Vertriebs Ihrer Musik gesucht hat. Das ändert freilich nichts daran, dass sich auch diesmal wieder Herr Treece-Birch persönlich um die Bemusterung der Platte bemüht hat – ungewöhnlich und sympathisch.

Musikalisch geben sich NTH ASCENCION auch auf "In Fine Initium" keine Blöße und – was vielleicht noch viel wichtiger ist – sie vermeiden (zumindest die meisten der) Fallstricke, in die andere Bands nur allzu gerne hineintappen: die Jungs spielen ihre Instrumente, das hört man. Da ist nichts künstlich zusammengefügt, was in der Natur nur schwerlich handwerklich zu realisieren ist. Der Hörer wird nicht mit musikalisch wertlosen technischen Sperenzchen geblendet. Nein, auf "In Fine Initium" wird eine gute Stunde lang guter Rock serviert. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Soweit alles bestens. Allerdings überschätzen NTH ASCENCION die Effektivität Ihrer Songs/Kompositionen hier und da doch ein wenig: so gut Tracks wie der Opener "Kingdom Keys" oder "The Cage" auch sein mögen, über die gesamte Dauer von jeweils 15 bzw. 17 Minuten geht den Tracks dann doch die Luft aus. Da hätte der Rotstift durchaus gut getan. Das ändert aber unterm Strich nichts daran, dass sich der geneigte Fan an Songs wie dem spannenden Instrumental "So, That Was The Apocalypse", dem mit tollen Melodien gespickten Titeltrack oder den weiterführenden Tracks des schon vom Debüt bekannten, groß angelegten "Clanaan"-Zyklus durchaus die ein oder andere Stunde froh und aus dem stressigen Alltag weg hören können.

Was ich anlässlich des guten Debüts hier an gleicher Stelle gesagt habe, lässt sich quasi 1zu1 auch auf die neue Platte von NTH ASCENCION übertragen. „In Fine Initium“ ist ein grundsolides, über weite Strecken spannendes und ab und zu etwas langatmiges Prog Rock Album, das gehört gehört. Fans der Stilrichtung können bedenkenlos zugreifen.

WERTUNG:

8

 

 

Trackliste:

01. Kingdom Keys
02. End Of Days
03. So, That Was The Apocalypse
04. The Cage
05. In Search Of The Rider (Clanaan Pt4)
06. Forever (Clanaan Pt5)
07. When The Rain Falls (Clanaan Pt6)

Mario

 

OPETH – Sorceress

folderBand: Opeth
Album: Sorceress
Spielzeit: 57:04 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Metal
Plattenfirma: Nuclear Blast Records
Veröffentlichung: 30.09.2016
Homepage: www.opeth.com

Der Wechsel von Roadrunner Records zu Nuclear Blast Records hat sich zumindest in Sachen Promotion für die Schweden OPETH gelohnt – bereits seit Wochen wird die interessierte Öffentlichkeit auf das neue, mittlerweile 12. Album, der Band medial aufmerksam gemacht. Da hört es aber auch schon auf, mit der Mainstream Anbiederung, die so mancher Alt-Fan der band schon seit 20 Jahren vorwirft. "Sorceress" ist, das dürfte niemanden mehr wirklich überraschen, wieder völlig anders als alles was die Band bisher gemacht hat und zementiert auf eindrucksvolle Weise den Status der band als wahre Progressive Rocker, im echten Sinne des Wortes. Wo Bands wie Dream Theater der Queensryche das Genre nur noch zum Selbstzweck missbrauchen, lassen Michael Åkerfeldt und seine Begleitmannschaft keinen Zweifel daran, dass bei dieser Band alles Möglich ist, nur keine Stillstand.

Zu sagen, dass "Sorceress" wie „Heritage“ oder „Pale Communion“ klingt, lediglich auf Grund der Tatsache, dass keine Death Metal Growls vorhanden sind und als Basis wieder der 70er Jahre Prog Rock Pate gestanden hat, ist etwas kurz gegriffen. Schon der als erstes Video vorgestellte Track "Sorceress" lässt mit seinem doomigen, stoischen Riff eine gewisse Nähe zu Black Sabbath durchscheinen und noch nie haben OPETH so locker und befreit aufgespielt wie in den beinahe jammigen durchgeknallten Parts in „Strange Brew“ (auch wenn die Scheibe mal wieder von Åkerfeldt. im Vorfeld bis ins kleinste Detail vorproduziert wurde). Neben den durchaus mitunter gewagten Kompositionen wird auch die Produktion von "Sorceress" (wieder von Tom Dalgety) wieder hier und da auf Kritik stoßen: mitunter etwas dumpf und mit einer extremen Dynamik ausgestattet, muss man mitunter schon den Lautstärkeregler der Anlage bemühen um die kleinen ruhigen Details heraushören zu können. Der Mix, bzw. das Mastering der Scheibe ist das entgegensetzte Extrem des in den letzten Jahre so ausgeuferten Loudness-War – aber man kann es ja nie allen recht machen. Ich persönlich finde den Klang der Scheibe phänomenal – vor allem wenn man sich das ganze unter einem guten Kopfhörer gönnt: ganz großes Kino! Die Gitarren sind fett, erdig und strotzen vor Vitalität – in Fredrik Åkesson hat Åkerfeldt den Sidekick gefunden, der all das umsetzt wozu ihm selbst die technischen Fähigkeiten fehlen. Das Rhythmus-Rückgrat aus Schlagzeuger Martin Axenrot und Bassist Martín Méndez ist eine Bank und der Mann an den Tasten Joakim Svalberg setzt die echten Fender Rhodes, Hammond C3 etc. Sounds perfekt in Szene. Und so ganz nebenbei dokumentiert "Sorceress" auch einen interessanten Shift im Bandgefüge: haben sich Fans und "Kritiker" der Band bisher eigentlich ausschließlich am Bandkopf abgearbeitet, seinen Gesangsstil und das Songwriting mal vergöttert, mal verrissen, wie es gerade ins eigenen Weltbild passte, so ist aus OPETH, still und heimlich, eine bärenstarkes Einheit geworden in der Åkerfeldt mittlerweile gar nicht mehr wie der Alleinherrscher sondern als Teil eines Ganzen wirkt. Tatsächlich hat man das Gefühl er müsse sich mittlerweile doppelt anstrengen um das Level seiner Mitstreiter halten zu können – was sich in den fein herausgearbeiteten Gesangsmelodien in "Will O The Wisp" oder „The Wilde Flowers“ besonders bemerkbar macht. "Sorceress" wirkt als Gesamtwerk, auch wenn die Songs relativ eigenständig wirken und Abwechslung Trumpf ist: "Chrysalis" erinnert an selige "Still Life" Zeiten, "A Fleeting Glance" hätte auch auf "Damnation" eine gute Figur gemacht und das orientalisch angehauchte Instrumental "The Seventh Sojourn" legt nahe, dass Opeth Anno 2016 keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr im Prog Rock Genre hat. In dem treibenden "Era" zeigen OPETH zum Abschluss noch den fabelhaften Night Flight Orchestra ganz nebenbei wo der Classic Rock Frosch die Locken hat. Mein absoluter Lieblingstrack auf der Platte.

OPETH liefern mit "Sorceress" den Beweis ab, dass sie in einer völlig eigenen Liga agieren: zum einen hat Åkerfeldt Musiker um sich geschart die handwerklich über jeden Zweifel erhaben sind und wie eine perfekt geölte Maschine einen unwiderstehlichen Drive entwickelt haben. Zum anderen bietet die Scheibe zu weiten Strecken mal wieder formidables Songwriting, das den Totalausfall "Heritage" endlich vergessen lässt. Das Album versprüht eine unbändige Spielfreude und Detailversessenheit – es macht einfach Spaß der Truppe beim Spielen zuzuhören, denn der Spaß am eignen Schaffen perlt aus jeder Rille der Platte. Kurz, "Sorceress" ist ein wunderliches, verspieltes, herrliches und durchweg unterhaltsames Album geworden. Es geht auch gar nicht darum, ob man als Fan nun Akerfeld's Mut und/oder Stursinn immer zur Seite steht oder nicht. Was zählt ist die Frage ob er weiterhin gehaltvolle Musik schreiben kann. Und ein Sahnealbum wie "Sorceress" ist da wohl das beste Argument.

WERTUNG:

9

 

 

Trackliste:

01. Persephone
02. Sorceress
03. The Wilde Flowers
04. Will O The Wisp
05. Chrysalis
06. Sorceress 2
07. The Seventh Sojourn
08. Strange Brew
09. A Fleeting Glance
10. Era
11. Persephone (Slight Return)

Mario