CLIVE NOLAN – Song Of The Wildlands

Band: Clive Nolan
Album: Song Of The Wildlands
Spielzeit: 57:15 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Crime Records
Veröffentlichung: 01.09.2021
Homepage: www.facebook.com/clive.nolan.7

In Zeiten von digitaler Musikproduktion, in denen quasi jedes Instrument und auch Chöre soweit realistisch in Soundbibliotheken verfügbar sind, ist das Rock/Metalalbum mit echtem Orchester, echtem Chor und echten Instrumenten abseits von Gitarre, Bass und Drums langsam zu einer aussterbenden Gattung geworden. Schließlich erfordert so ein Album krassen Personalaufwand, wahlweise hohe Investitionen oder die Bereitschaft vieler zur Arbeit für wenig Geld – und möglich genug, dass man je nach Aufnahme letztendlich ein Resultat hat, das weniger gut produziert klingt als eines, das man mit ein paar Oberklasse-Instrumenten-Plugins erreicht hätte.
Doch gibt es nach wie vor die Fraktion, die weiß, dass echte Instrumente einem Album einen Charakter und einen Sound geben können, die auf digitalem Weg schwer erreicht werden können. Einer davon ist Clive Nolan, der mit “Song Of The Wildlands” nun sein eigentlich bereits für letzten Mai angekündigtes neustes Werk veröffentlicht hat. Gut, ein Teil des Orchesters entspringt Nolans Keyboard-Künsten und lässt gerade im Intro Sorgen aufkommen, es könnte sich um ein eher günstig-retro-episch klingendes Album handeln. Die Sorge erweist sich als unbegründet, denn nach dem recht preiswert klingenden Anfang geht die Qualität steil nach oben. Mehrere Solo-Sänger und -Sängerinnen, ein 200-köpfiger Chor, Perkussion und diverse traditionelle Instrumente, starkes Sounddesign und eine treibende Rock-Instrumentalisten-Fraktion führt Nolan zusammen zu einem extrem guten Sound, der neben der gelungenen Mix/Master-Arbeit auch auf die herausragenden Arrangements zurückzuführen ist. Das hat mit “Streicherteppich, ’n AAAAAH-Chor und ’n paar Hörner drauf” gar nichts zu tun, im Gegenteil. Das Zusammenspiel von mittelalterlichen Klängen, Orchester, Chor und Rockband wirkt wie aus einem Guss, mal ruhig folkig, mal bombastisch treibend, aber stets mit Kreativität dahinter, mit musikalischem Tiefgang und mit Ausreizung der Möglichkeiten von Chor und Instrumenten.
Die Rock-lastigen Parts sind dabei vielleicht etwas seltener als erwartet, sicher die Hälfte der Platte ist Gitarren-, Bass- und drumfrei, was sich im Sinne von “Song Of The Wildlands” aber als gute Mischung erweist. Schließlich sind die Rock-losen Parts keinesfalls nur Lückenfüller oder Überbrückungen zwischen den einzelnen abgehenderen Parts, fallen stattdessen sehr stimmungsvoll und klanglich teils wirklich extrem schön aus. Einziger Kritikpunkt: Praktisch jeder Track beginnt mit einem Erzähler, der nicht Christopher Lee ist und die ansonsten dichte Atmosphäre der Platte teils unterbricht. Solche Texte hätte man auch ins Booklet packen können und auf dem Album die Musik für sich sprechen lassen. Aber das sollte nun wirklich niemanden vom Abchecken dieses Albums abhalten.

Fazit:
Wenn man eine dermaßene Arbeit und dermaßene Mengen an Beteiligten für ein Album auffährt, macht man das entweder zu Promozwecken, oder weil es tatsächlich einen Mehrwert bietet. Letzteres tut es bei “Song Of The Wildlands” ohne Frage, denn dank der starken Arrangements und der Liebe zum Detail ist die Platte viel mehr als nur eine Stunde Folk-Gedudel und Bombast. Nein, hier haben wir es mit einem 1a-Lagerfeuersoundtrack für Sommernächte zu tun, mit einem Klanggebilde, das einem Träumerei und Gänsehaut ohne Penetranz anbietet, beim konzentrierten Anhören nicht minder unterhält und seine Ressourcen komplett ausreizt. Schön, lieber Clive. Ein wirklich schönes Ding!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. The Story Begins
02. There’s A Threat
03. Crossing The Ocean
04. Beowulf’s Promise
05. Grendel Attacks
06. Celebration
07. The Hag’s Revenge
08. Journey
09. Underwater Cavern
10. Rewards
11. Beowulf, The King
12. Dragon Fire
13. The Warrior Dies
14. Funeral Pyre
15. The Story Ends

Jannis

VHF (VINCIGUERRA HOEKSTRA FRANKLIN) – Very High Frequency

Band: VHF (Vinciguerra Hoekstra Franklin)
Album: Very High Frequency
Spielzeit: 36:04 min
Stilrichtung: Progressive Psychedelic Rock (?)
Plattenfirma: Golden Robot Records
Veröffentlichung: 25.06.2021
Homepage: www.facebook.com/VHFtheband

“Vinciguerra Hoekstra Franklin” klingt nach dem Titel eines Liedes von CARACH ANGREN, ist aber eigentlich ein Projekt von Joel Hoekstra (WHITESNAKE und so), Tony Franklin und Todd “Vinny” Vinciguerra. Ein spezielles Projekt, muss man dazusagen, denn die Strategie “Einer spielt was ein und dann macht jeder seine Sachen drauf” ist normal etwas, was Bands während Corona machen und dann hoffen, dass es nicht auffällt. VHF machen das einfach mal zu ihrem Selling Point: erst die Drums, dann macht jeder individuell Sachen drauf und dann läuft schon. Was erstmal so klingt, als würde es in einigermaßenem Chaos resultieren, ist natürlich an sich eigentlich eine gute Sache, zwingt einen doch ein gegebenes Drumfundament dazu, sich diesem bei der Komposition anzupassen und darauf einzugehen, was Grenzen im eigenen Songwriting-Verständnis erweitert, wenn die Drums denn nicht allzu basic ausfallen.
Das tun sie auf “Very High Frequency” nicht und das Resultat dieser unkonventionellen Zusammenarbeit dreier starker Musiker ist höchst seltsam, aber eben auch geil in seiner Art. Kurz zusammengefasst könnte man sagen, dass die mit 36 Minuten Spieldauer recht kurze Platte klingt, als hätte eine Psychedelic-Rock-Gruppe nach größeren Einkauf guter Substanzen und professioneller Dosierung dieser ein Album mit Neo-Prog- und ZAPPA-Einflüssen gebastelt; mal irgendwie feierlich (“Invisible Thread”), mal komisch synth-angereichert (“Shattered Insomnia”), mal komplett Banane (“Conception To Death”) und mal ganz ruhig und hypnotisch (“All Is Within”). Dabei beweist man ein gutes Händchen für die eingängigeren Melodien ebenso wie für die bizarreren, bringt elektronische Elemente sinnig mit ein und ist letztendlich einfach ordentlich trippy.
Subjektiv ist man damit erfolgreich, sollte das Ziel der Platte denn sein, den Hörer vom Hinterfragen abzubringen. Innerhalb kurzer Zeit hat man die unkonventionelle Art des Albums akzeptiert, sich darauf eingelassen und lässt einfach fließen, durch die unerwarteten Stimmungswechsel, schmeichelnden Gitarrenmotive und seltsamen Brüche, die “Very High Frequency” mit dem nötigen Selbstbewusstsein präsentiert. Trotz der Freiheit der beteiligten Künstler, die ihnen das oben erwähnte Kompositionskonzept gewährt, klingt VHS‘ erste Meldung nicht willkürlich, nicht unpassend zusammengeschustert. Die Songs funktionieren allesamt, wenn man bereit für sie ist, Bock hat auf weitestgehende Vocallosigkeit und eine komisch-unterhaltsame Mischung aus Eingängigkeit und totaler Nicht-Eingängigkeit.
So ein Album kann komplett in die Hose gehen. Es ist wohl insbesondere der Besetzung zu verdanken, die mit Ahnung und Kreativität agiert, dass dies absolut nicht passiert ist.

Fazit:
Wie oben gesagt: Ihr wollt wissen, wie FRANK ZAPPA feat. TRANSATLANTIC geklungen hätte? VHF geben Euch da einen recht guten Einblick und wenn das kein Kompliment ist, weiß ich auch nicht. Musikalisch und konzeptionell so unkonventionell wie zündend.

Anspieltipps:
Entweder das ganze Album in einem oder “Invisible Thread”, “All Is Within” und “Conception To Death”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Shattered Insomnia
02. Whispers Of The Soul
03. Suspended Animation
04. Conception To Death
05. Invisible Thread
06. Backside Of Your Eyes
07. All Is Within

Jannis

DENNIS DEYOUNG – 26 East Vol 2

Band: Dennis DeYoung
Album: 26 East Vol 2
Spielzeit: 52:17 min
Stilrichtung: AOR/Classic Progressive Rock
Plattenfirma: Frontiers Music s.r.l.
Veröffentlichung: 11.06.2021
Homepage: http://www.dennisdeyoung.com/

Wäre Dennis DeYoung auf Eurer Hausparty eingeladen, wäre er der Typ, der kurz nach Mitternacht verkündet, er mache sich jetzt auf dem Heimweg, um anschließend noch zwei Stunden ordentlich die Sau rauszulassen. Schließlich sollte bereits „26 East“, im Frühling 2020 erschienen, den Abschied von weiteren Neuveröffentlichungen darstellen, aber was soll’s, ein Album bleibt man dann halt schon noch da. Eine letzte Chartplatzierung in den Schweizer Albumcharts für den Ex-Sänger und Tastenmann von STYX, eine finale Verabschiedung – klingt nicht danach, als würde Dennis hier noch einmal große Innovationen auspacken, aber das will man bei so einer Platte halt auch nicht und das passiert auch nicht.
Nein, stattdessen feiert man knapp über 50 Minuten klassischen, etwas angeprogten AOR der alten Schule, die Dennis zweifelsohne bestens beherrscht. Der Sound ist im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten nicht ganz optimal, funktioniert aber wunderbar mit der dargebotenen Musik, die klassische Rockband wird erwartungsgemäß durch Schmankerl wie Klavier, Orgel, Keyboards, diverse orchestrale Töne und Chorelemente erweitert und in einem mal gut gelaunten, mal emotionaleren Album zu etwas kombiniert, das trotz all der aktuell aktiven AOR-Bands auszusterben droht, wenn sich nicht eine weitere Retro-Bewegung gründet: Adult Oriented Rock mit Kenntnis von Musiktheorie, um es mal überspitzt auszudrücken, und mit Einflüssen abseits anderer Bands des Genres. Die Art der Komposition, die “26 East Vol 2” definiert, ist nicht weniger auf Feelgood-Harmonien, große Emotionen und Eingängigkeit fokussiert, als jüngere Vertreter des Genres, erreicht dies aber durch ein Melodieverständnis, das eher dem populärer Klassik und Musicals entspricht und die auf Melodieebene zum Vorschein kommende Progressivität in den Vordergrund stellt.
Nun gibt es auch bei dieser Art von Songwriting bessere und schlechtere Alben und DeYoungs Abschlusswerk zählt wohl nicht zu den Ausnahmewerken – aber egal, “26 East Vol 2” ist insgesamt einfach verdammt sympathisch und erzeugt exakt die Stimmung, die es erzeugen will. Dazu trägt die BEATLES-Würdigung “Hello Goodbye” ebenso bei wie die Abrechnung mit der heutigen Musikindustrie “The Last Guitar Hero” oder “There’s No Turning Back Time”, das halb Ballade und halb keine Ballade ist und ein paar dramatischere Nuancen mitbringt. Auch “Little Did We Know” ist ein witziges Ding geworden, mit netten kleinen Startschwierigkeiten und Spaß machendem Synthbreak und nach dem uuuultra-soft-warm-weich-angenehmen “Always Time” kommt mit “The Isle Of The Misanthrope” noch ein sehr gelungenes 6,5-Minuten-Opus, das alle Geschütze auffährt.

Fazit:
Ja, man kann “26 East Vol 2” einen etwas zu hohen Anteil an ruhigen Tracks unterstellen und ggf. einen etwas zu hohen Mangel an wirklich herausragenden Songs, aber dafür ist die Platte auf einem hohen Grundniveau angesiedelt und transportiert genau die Stimmung, die man von einer letzten DeYoung-Meldung erwartet. Komposition, klangliche Umsetzung und Instrumentierung machen einfach durchgänglich nostalgische Freude. Steuert dem Mann etwas zu seiner wohlverdienten Rente bei, das Album kann in keiner Plattensammlung schaden!

Anspieltipps:
“The Isle Of The Misanthrope”, “Little Did We Know”, “There’s No Turning Back Time” und “Hello Goodbye”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Hello Goodbye
02. Land Of The Living
03. The Last Guitar Hero
04. Your Saving Grace
05. Proof Of Heaven
06. Made For Each Other
07. There’s No Turning Back Time
08. St. Quarantine
09. Little Did We Know
10. Always Time
11. The Isle Of The Misanthrope
12. Grand Finale

Jannis

POVERTY’S NO CRIME – A Secret To Hide

Band: Poverty’s No Crime
Album: A Secret To Hide
Spielzeit: 58:56 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Progressive Metal
Plattenfirma: Metalville
Veröffentlichung: 30.04.2021
Homepage: www.facebook.com/povertysnocrime

Diese Rezension ist meinem werten Kollegen Mario gewidmet, der kurzzeitig als Interessent für die neue POVERTY’S NO CRIME zur Debatte stand, dies dann jedoch mir überließ. Wer die Chance hat, sich diese Platte zueigen zu machen: Macht nicht den selben Fehler wie Mario und greift zu! Warum?
Da gibt es viele gute Gründe. Wer die Deutschen noch nicht kennt: Quintett, inzwischen 30 Jahre aktiv, mit Hang zu längeren Pausen zwischen den Alben und mit gerade mal fünf Jahren seit dem letzten Album mit “A Secret To Hide” momentan sehr schnell im Veröffentlichen.
Musikalisch ist man im Herzen Progressive Rock der Marke TRANSATLANTIC (die kompositorisch unter anderem einen gewissen Einfluss auf POVERTY’S NO CRIME gehabt haben dürften), präsentiert diesen Progressive Rock jedoch im härteren Gewand, mit einem metallischeren Sound und einigen prog-metallischeren Wendungen. Das wird dann verpackt in einen wirklich sehr guten, druckvollen, klaren Sound, ergänzt um sehr vielseitige Synth-Arbeit und Sounddesign-Elemente, die den Klang hintergründig anreichern und gegebenenfalls beim ersten Hördurchgang gar nicht unbedingt bemerkt werden, unbewusst aber eine ziemliche Wirkung entfalten. Und was wäre all das ohne einen (ebenfalls hervorragend produzierten) Volker, dessen Vocals das Niveau des Sounds komplett halten.
Musikalisch ist “A Secret To Hide” wie gesagt absoluter Progressive Rock, ergänzt um die ein oder andere bratendere Metalgitarre und teils aggressiveres Drumming. Doch an sich ist das Album hochmelodisch, vielseitig in seiner Soundauswahl und eines der Alben, bei denen kein Song unter sechs Minuten kommt. Das kann schlecht sein, wenn man versucht, Standard-Vier-Minuten-Songs auf sechs Minuten zu pumpen, aber PNC machen eben keine Standard-Vier-Minuten-Songs, sondern Songs, die irgendwo losgehen, dann ein paar Umwege nehmen und irgendwo ankommen, was so auch auf das komplette Album übertragbar ist. Feierlicherweise besteht dieser Weg, den sowohl die einzelnen Songs als auch das Album an sich beschreiten, aus einer wunderbaren Station nach der anderen, und auch wenn man sich zwischendurch fragen mag, wie man nun eigentlich hier angekommen ist, ist der zurückgelegte Weg doch genau genommen stehts nachvollziehbar und gut sichtbar. Was ich eigentlich damit sagen will: “A Secret To Hide” ist ein Prog-Rock-Album, genau wie es sein sollte. Mit unendlich vielen Details, unendlich vielen Ideen, und in sich absolut stringent als Gesamtkunstwerk, bei dem die einzelnen Parts und Songs sowie die Verwendungen einzelner Sounds in ihrer Abfolge rückblickend absolut logisch und richtig erscheinen, während sie sich gleichzeitig nicht vorhersagen lassen. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf einzelne Songs eingehen, da jeder von ihnen im größeren Kontext eh nochmal mehr Sinn macht und ich denke, dass eine Beschreibung des allgemeinen Grundgefühls hier angemessener ist.

Fazit:
Denn mit seiner Verspieltheit, seiner ausgeprägten Melodiösität, seinen klugen Kompositionen und Arrangements, seiner Ausgefeiltheit und Struktur und nicht zuletzt seinen kleinen über das Album hinweg wiederkehrenden Motiven ist “A Secret To Hide” eine Art kleines metallisches “The Whirlwind”, um auf den TRANSATLANTIC-Vergleich zurückzukommen. Und das ist das größte Kompliment, das ich der Platte bei meinem persönlichen Musikgeschmack machen kann. Ernsthaft, die Band hat auf Facebook keine 1.500 Abonnenten. Das ist eigentlich das einzige, was bei den Herren falsch läuft.

Anspieltipps:
Am Anfang beginnen und treiben lassen. So einfach ist das.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Supernatural
02. Hollow Phrases
03. Flesh And Bone
04. Grey To Green
05. Within The Veil
06. The Great Escape
07. Schizophrenic
08. In The Shade

Jannis

KAISER AND THE MACHINES OF CREATION – Flowers And Lies

Band: Kaiser And The Machines Of Creation
Album: Flowers And Lies
Spielzeit: 46:49 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Metal
Plattenfirma: 1454550 Records DK
Veröffentlichung: 23.12.2020
Homepage: www.facebook.com/KMC3.AU

Das Spannendste am Rezensieren sind keineswegs die neuen Alben großer Bands, die man gerne mag. Eigentlich ist das Spannendste, eine Mail von irgendeiner obskuren Band reinzukriegen, von der man noch nie was gehört hat, und dann einfach heftig überrascht zu werden. So geschehen jüngst mit KAISER AND THE MACHINES OF CREATION, Austrailer und gegründet von Paul Kaiser. Das aktuelle Album (und das erste seit dem instrumentalen 2011er “Universal Mind”) hört auf den Namen “Flowers And Lies”, ist eine Dreiviertelstunde lang und beinhaltet neun sehr kurzweilige Songs.
Produktionstechnisch wäre noch ein bisschen mehr drin gewesen, der Sound ist ein wenig verwaschen, nichtsdestotrotz aber genießbar und auf Dauer nicht störend. Positiv betrachtet klingt “Flowers And Lies” absolut handgemacht und angemessen dreckig, ohne dass es in Sachen Nachvollziehbarkeit darunter leiden würde.
In ihrer Art kann man KATMOC nicht so richtig in Worte fassen. Viel 3er- und 6er-Takt-Verwendung ist drin, einiges an unmetallischen Instrumenten (Klavier, Saxophon, Synths, Conga-Trommeln), hin und wieder wird mit Vocal-Effects gearbeitet und in Sachen Stimmung ist man irgendwo zwischen Classic Rock, Post Rock, Heavy Metal und ein bisschen gruseligem Zirkus unterwegs, was erstaunlich gut funktioniert. Die fetten Parts (alleine schon im Opener) kommen wirklich fett und intensiv, die ruhigen nehmen sich guten Gewissens ihre Zeit. Der Gesang kommt in ruhigeren Parts ein wenig gepresst, doch gerade in dichteren ziemlich gut, und kompositorisch ist man sehr eigen zugange und hat einen in sich schlüssigen und feinen Kompositionsstil entwickelt, der so einiges ein bisschen anders macht, als man es von gängigen Kompositionen im Rock und Metal gewohnt ist.
Darin ist “Flowers And Lies” anständig progressiv, nicht durch komplexe Taktstrukturen sondern einfach hinsichtlich seiner gesamten ungewöhnlichen wie mitreißenden Art.
Okay, es ist auch nicht perfekt. Die Platte ist eine von denen kleinerer Bands, bei denen ein paar kleine Störfaktoren nun einmal auftreten. Mal ist das ein seltsam eingesetzter Effekt auf dem Gesang, mal Gitarren, die sich erst ankündigen und dann direkt wieder weg sind, wenn man sie gerade freundlich begrüßt, mal ein verkackter Gongsound. Aber damit muss man gerade bei einer solchen Band eben rechnen. Umso mehr ungewöhnliche Ideen klappen dafür umso besser. Alleine “In The Mist”, das zeitweise bizarre Happy-Gothic-Synthrock-Vibes versprüht und im Mittelteil kurzerhand einen Reggaeton-Rhythmus auspackt, macht einfach saumäßig Spaß, ebenso wie das finale “Not tonight, Josephine”, ein Classic-Rocker mit tollem Chorus. “Blown Away” geht ein wenig in Richtung GUNS N’ROSES, der Gesamtstil am ehesten noch gen KING’S X, aber auch nur teilweise. Ich will nicht weiter spoilern, ich rate einfach sehr dazu, sich selbst ein Bild von der Sache zu machen. Das ist keine Band, die nur knapp über 1000 Facebook-Fans verdient hat. Absolut nicht.

Fazit:
Und so hat “Flowers And Lies” seine Macken, erfordert hinsichtlich der Produktion ein bisschen Verständnis, offenbart sich aber ab dem ersten Track als außergewöhnliches Werk, das eine Menge an smarten Facetten beinhaltet, nie lustlos dahingespielt oder -geschrieben wirkt und über seine Dreiviertelstunde mächtig zu entertainen vermag. Starkes Ding mit kleinen Einschränkungen, aber mit besserem Sound wäre es locker eine 9/10!

Anspieltipps:
“Flowers And Lies”, “In The Mist”, “We’ll Climb The Mountain”, “Blown Away” und “Not Tonight, Josephine”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Flowers And Lies
02. Institute
03. We’ll Climb The Mountain
04. In The Mist
05. It’s All A Lie
06. Blown Away
07. Who Decides
08. It’s OK To Wake Up
09. Not Tonight, Josephine

Jannis

ARC OF LIFE – Arc Of Life

Band: Arc Of Life
Album: Arc Of Life
Spielzeit: 59:19 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Frontiers Music s.r.l.
Veröffentlichung: 12.02.2021
Homepage: www.facebook.com/ArcOfLifeRockBand

Ist ja momentan schwer für den musikalischen Nachwuchs, sich als Band im Proberaum angemessen zu professionalisieren. Frontiers Records scheinen darauf zu reagieren, indem sie einfach die alten Legenden, die es eh drauf haben, wieder an die Front holen. 3.2 mit Robert Berry und Keith Emerson, dazu ARC OF LIFE mit Jon Davison, Billy Sherwood und Jay Schellen von YES (dazu Jimmy Haun, Ex-YES). All diese Leute sind verlässliche Typen, die mit ihrem Genre, dem Progressive Rock, bestens vertraut sind und zu denen gehören, die auch heute noch einen authentischen 70er/80er-Prog-Sound und -Spirit erzeugen können, der inzwischen traurigerweise ein Stück weit zum Randphänomen wird – mit den großen aktiven Gesichtern und vergleichsweise wenig Nachwuchs.
ARC OF LIFE ist an sich Progressive Rock durch und durch, mit Jons klarer, heller Prototyp-Stimme, hohem Anteil an Nicht-4/4er-Takt-Parts, ordentlich Tasteninstrumenteinsatz und den klassischen harmonielastigen Songwriting-Elementen. Nichtsdestotrotz ist “Arc Of Life” ein zweischneidiges Schwert, je nach Erwartungen an die Platte. Der Sound stimmt soweit, hätte ein wenig mehr Drumpräsenz und gerade beim Opener “Life Has A Way” etwas subtiler-definierten Bass benötigt, klingt aber ansonsten warm und authentisch handgemacht. Musikalisch ist ein extremes Level an Vielseitigkeit gegeben, recht wenig Wiederholung je nach Track, dafür gefühlt jede mögliche Kombination jeglicher verwendeter Klänge, viele unterschiedliche Arrangements – man mag bei einigen Tracks fast annehmen, dass sie als Train of Thoughts komponiert werden, von Leuten mit entsprechendem Talent. Dieses Talent kann ARC OF LIFE keiner absprechen, nur hätte es effektiver eingesetzt werden können. So scheinen einige Songs (unter anderem besagter Opener) bewusst auf Intellekt komponiert worden zu sein, lassen (zumindest bei den ersten Hördurchgängen) jegliche Takt-Nachvollziehbarkeit missen und sorgen dafür, dass der Song an sich zwar soweit sehr schön klingt, dabei in seiner komplexen Konzeption für einen weniger geschulten Hörer aber nahezu willkürlich. Ja, das sind bestimmt sehr intelligente Strukturen, die von Profis geschrieben wurden, aber der Effekt geht leider ein wenig verloren, wenn man dem Hörer nicht die Chance gibt, ihnen zu folgen. Ein sehr gutes Prog-Rock-Album kombiniert komplexe Taktarten mit tollen, aussagekräftigen und trotz ihrer Unkonventionalität eingängigen Melodien. Es legt einen steinigen Weg aus und trägt den Hörer dann auf weichen Kissen darüber. ARC OF LIFE malen hingegen immer wieder die Steine auf dem Weg wunderschön an und ziehen den Hörer dann auf dem Bauch liegend den Weg entlang. Aber klar, es gibt auch straightere Songs, die nachvollziehbarer ausfallen und all das hält die Platte nicht davon ab, wirklich schöne Ideen und Melodien in herrlich nostalgischer Verpackung zu bieten (Alleine “Talking With Siri” ist schon sehr ungewöhnlich und hörenswert).

Fazit:
Und damit sollte trotz des negativeren Untertons der Rezension kein Freund von Progressive Rock “Arc Of Life” unangespielt vergessen. Unter Abschaltung des Hirnbereichs, der für den Willen zum Taktverständnis verantwortlich ist, und purer Akzeptanz all dessen, was das Album für einen bereithält – kurz, darauf fest vertrauend, dass ARC OF LIFE schon wissen, was sie da machen – bekommt er doch ein in sich sehr interessantes und gutes Album, dass aber eben den Blick für eine gewisse Übersichtlichkeit, einen erkennbaren roten Faden innerhalb der einzelnen Songs einige Male verliert. Wäre “Arc Of Life” eine italienische Pizza, wäre sie gerollt: weniger leicht zu essen, das Gefühl auslösend, dass man das eigentlich anders hätte servieren können, aber eben auch immer noch verdammt lecker und zubereitet von absoluten Profiköchen.

Anspieltipps:
„Talking With Siri“, „Until Further Notice“ und „Just In Sight“

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Life Has A Way
02. Talking With Siri
03. You Make It Real
04. Until Further Notice
05. The Magic Of It All
06. Just In Sight
07. I Want To Know You Better
08. Locked Down
09. Therefore We Are
10. The End Game

Jannis

3.2 – Third Impression

Band: 3.2
Album: Third Impression
Spielzeit: 57:00 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Frontiers Music s.r.l.
Veröffentlichung: 12.02.2021
Homepage: www.robertberry.com

Verdammt. Da plant man einen Einstieg in die Rezension mit einem grandiosen Flachwitz (Wo bestellt man sich geile Musik? Bei Emerson.) und erkennt dann, dass der Tod dieses einzigartigen Musikers knapp fünf Jahre zuvor komplett an einem vorbeigegangen ist. Und dann sitzt man vor mit dem letzten von Keith Emerson mitkomponierten Werk, denkt an sein erstes Rockkonzert zurück – eine starke ELP-Coverband, die “Pictures At An Exhibition” in Gänze aufgeführt hat – und muss sich für die Rezension einigermaßen zusammenreißen. Aber immerhin: Mein Bild von “Third Impression” wäre, soweit ich das beurteilen kann, auch ohne die persönliche Backstory nicht schlechter ausgefallen. Die Platte ist der Nachfolger des 80er-Albums “3” von Emerson, Robert Berry und Carl Palmer, das quasi eine melodischere, mainstreamigere Variante von ELP-Alben sein sollte. Emerson verstarb während der Arbeit an “Third Impression”, hinterließ einen am Boden zerstörten Robert Berry, der den Nachfolger zusammen mit ihm realisieren wollte – und Material in Form von musikalischen Ideen, Keyboard-Noten und Tapes aus alten „3“-Zeiten, Style- und Optik-Ideen; Material, das letztendlich seinen Weg auf „Third Impression“ finden sollte.
Optik: witzig, mit dem abgewandelten 5gum-Logo, Sound stark (vielleicht abgesehen von ein paar etwas zu lauten Solo-Synths), Performance herausragend. Was allerdings wirklich zählt: “Third Impression” ist authentisch Berry und lebt von seinem würdevollen Gesang, atmet aber ebenso Emersons Spirit, als wäre der gute Mann bis zum letzten Mastering-Moment dabei gewesen. Auf klanglicher Ebene sowieso: Sehr klar und definiert klingt “Third Impression”, sehr natürlich, sogar das Aufheben der Drumsticks ist in einem Track integriert. Dazu ist die Platte erwartungsgemäß tastenlastig, mit großartig geschmackvollen und authentisch ELPig (in poppiger) klingenden Synth-Sounds, von edlen Lead-Synthesizern bis hin zu knallenden Poly-Synths, ergänzt durch ein herrlich produziertes Klavier und eine absolute Retroorgel. Und aus allen Parts dieser Instrumente scheint der charakterstarke Stil von Keith durch, besser gesagt, tropft ihm aus jeder Pore.
Und Gott sei Dank: “Third Impression”s Entwicklungsgeschichte hat keinen hörbaren Einfluss auf die Kompositionen genommen. Man hätte das verfügbare Material in einen etwas schwermütigeren, melancholischen Kontext integrieren können, aber genau das ist nicht passiert. Im Gegenteil. Das Album hat über weite Teile eine sehr positive Grundstimmung, aber keine, die Positivität mit Kitsch-Overload verwechselt. Gut gelaunt, voller Energie, mit einer hörbaren Portion an Humor und vielen nicht zu schwulstig vermittelten Gefühlen, all das erzeugt durch starkes Songwriting, geile, zum Teil witzige Synthsounds und eine dichte Atmosphäre klassischer 70er- und 80er-Prog-Rock-Alben. Ich könnte an dieser Stelle auf einzelne Songs, all die Details, auf all die schönen Ideen eingehen, die Robert und Keith zusammengetragen haben und die Robert letztendlich zu einem großen Ganzen zusammengefügt hat, aber drauf geschissen. Hört die Platte einfach selbst, hört sie in einem durch. Kein Lückenfüller, kein Schwachpunkt, kein einziger durchschnittlicher Song.

Fazit:
Und dafür wirklich großen Respekt an Robert Berry, der in dieser für ihn zweifelsohne grausamen Zeit dieses wunderbare, leichtgängig-frisch-inspirierte Stück Musik vollendet hat, mit einem letztendlichen Gesamtergebnis, das Keith absolut würdig ist; und auch ungeachtet seiner Hintergründe einfach ein wunderbares Album für jeden, der gerne seine Laune verbessern und dabei über eine Stunde großartig unterhalten sein möchte.

Anspieltipps:
Egal. Einfach irgendwo reinhören.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Top Of The World
02. What Side You’re On
03. Black Of The Night
04. Killer Of Hope
05. Missing Piece
06. A Bond Of Union
07. The Devil Of Liverpool
08. Emotional Trigger
09. A Fond Farewell
10. Never

Jannis

TRANSATLANTIC – The Absolute Universe

Band: Transatlantic
Album: The Absolute Universe
Spielzeit: 64:19 min / 90:24 min
Stilrichtung: Progressive Rock
Plattenfirma: Inside/Out Music
Veröffentlichung: 05.02.2021
Homepage: www.transatlanticweb.com

Ich habe an dieser Stelle schon zahlreiche Alben vorgestellt, die unter Beteiligung von Mike Portnoy entstanden sind. Und die neue Single, bzw. das dazugehörige Video von Liquid Tension Experiment hat (wohl nicht nur) mir ein riesen Grinsen ins Gesicht gezaubert. Besonders freue ich mich aber auch immer wieder auf neues Futter der Prog-Rock Superkapelle TRANSATLANTIC, die im Abstand von einigen Jahren, zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, hochkarätige Alben veröffentlicht. Diese Konstellation hat einfach das gewisse Besondere, etwas das die anderen Bands in denen Portnoy die Felle verkloppt, alt aussehen lässt. So ist natürlich auch diesmal die Vorfreude groß, zumal es sich die Band nicht hat nehmen lassen das neue Album „The Absolute Universe“ in gleich 2 Ausführungen unter die Fans zu bringen: einmal in einer gut anderthalbstündigen „Extended Version“ Version (das auf den Namenszusatz „Forevermore“ hört) und einmal in der „Abriged“ (sprich, gekürzten) Fassung (unter dem Zusatz „The Breath Of Life“). Bei letzterem handelt es sich aber nicht um eine durch den Rotstift zusammengestrichene Version – vielmehr haben die Jungs einige Tracks in abgeänderten Arrangements (teils sogar mit anderen Sängern) neu eingespielt und Songs hier und da ausgetauscht … unterm Strich haben wir es hier also quasi mit tatsächlichen, alternativen Fakten zu tun 😉

Eigentlich könnte man das neueste Opus mit dem lapidaren Vergleich zu den starken Vorgängern abfrühstücken und wahrheitsgemäß darauf verweisen, dass TRANSATLANTIC einfach immer abliefern. Da erwarte ich ganz ehrlich auch nichts geringeres als ein absolutes Sahnealbum, und das ist „The Absolute Universe“ auch wieder geworden – mit allem was dazu gehört. Anspeltipps herauszupicken ist schwierig – wer sich ein Bild machen will, sollte mal in das durch eine traumhafte Melodieführung und gesunde Härte bestechende „Looking For The Light (Reprise)“ oder den mit tollen Harmoniegesängen verdelten Track „“Higher Than The Morning”“ reinhören. Ganz so Friede-Freude-Eierkuchen ist es dann doch nicht. Die Produktion ist zwar angenehm transparent, klingt aber ziemlich haargenau wie die letzten Alben der Band (da tut sich zwischen den Platten in Sachen Klangentwicklung leider nur wenig bis gar nichts). 90 Minuten geballte Prog-Finesse hält man nicht unbedingt mit voller Konzentration durch, vor allem bei der Detailvielfalt. Bei dem ein oder anderen Song wünscht man sich, dass die Jungs einen festen Sänger definieren würden (der knödelige Gesang in „Solitude“ muss nicht sein) . Und das ganz große Highlight, den einen Song der über alles strahlt sucht man diesmal vergeblich. Aber, sind wir ehrlich, das ist Meckern auf unverschämt hohem Niveau. Ich bleibe bei meiner Aussage , die ich zum letzten Studioalbum gemacht habe („Kaleidoscope„): ich glaube nicht, dass Neal Morse überhaupt einen schlechten Song schreiben kann. Und ich glaube auch nicht, dass TRANSATLANTIC ein nur durchschnittliches Album einspielen könnten. Nach mehrmaligem Durchhören habe ich mich zwar „nur“ auf die gekürzte Variante eingeschossen und auch die wird nicht zu meinem einsame-Inel-TRANSATLANTIC-Album werden. Aber die Konkurrenz muss sich auch nach Album Nummero 5 mit den hinteren Plätzen zufrieden geben.

„The Absolute Universe“ bietet wie gewohnt (oder erwartet) ganz großes Prog-Kino. Man mag monieren, dass die Jungs die Gesangsparts vielleicht etwas zu demokratisch aufgeteilt haben, statt dem stärksten Sängerin ihren Reihen den Vortritt zu lassen. Und das Überraschungsmoment solcher Glanztaten wie „Bridge Across Forever “ oder „The Whirlwind“ fehlt ebenfalls. Dennoch stechen TRANSATLANTIC die Genre-Kollegen wieder gewohnt locker aus und reihen ein weiteres Meisterwerk in Ihre an Meisterwerken nicht gerade arme Diskographie ein. Pflichtveranstaltung für Fans (wobei ich persönlich die gekürzte Version um einiges ansprechender, da kohärent/kompakter) empfinde.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

The Absolute Universe: The Breath Of Life (Abridged Version)

01. Overture
02. Reaching For The Sky
03. Higher Than The Morning
04. The Darkness In The Light
05. Take Now My Soul
06. Looking For The Light
07. Love Made A Way (Prelude)
08. Owl Howl
09. Solitude
10. Belong
11. Can You Feel It
12. Looking For The Light (Reprise)
13. The Greatest Story Never Ends

The Absolute Universe: Forevermore (Extended Version)

1. Overture
2. Heart Like A Whirlwind
3. Higher Than The Morning
4. The Darkness In The Light
5. Swing High, Swing Low
6. Bully
7. Rainbow Sky
8. Looking For The Light
9. The World We Used To Know
10. The Sun Comes Up Today
11. Love Made A Way (Prelude)
12. Owl Howl
13. Solitude
14. Belong
15. Lonesome Rebel
16. Looking For The Light (Reprise)
17. The Greatest Story Never Ends
18. Love Made A Way

Mario

FOREIGN – The Symphony Of The Wandering Jew Part II

Band: Foreign
Album: The Symphony Of The Wandering Jew Part II
Spielzeit: 72:52 min
Stilrichtung: Progressive-Rock/Metal-Oper
Plattenfirma: Pride & Joy Music
Veröffentlichung: 04.12.2020
Homepage: www.facebook.com/foreignrockoperafrance

Es ist menschlich schon nachvollziehbar: Da schleppst du dich mit deinem Kreuz den Berg zu deiner eigenen Hinrichtung hoch, fragst irgendwen am Straßenrand nach was zu trinken und kriegst leider nichts. Verhältnismäßigkeit hin oder her: Auch als Jesus verliert man in so einer Situation manchmal die Nerven und belegt den verdammten Wasser-Verweigerer dann eben mit einem Unsterblichkeitsfluch. Zweitausend Jahre später erzählt der arme Kerl seine Geschichte dann Ivan Jaquin und der denkt sich “Kann man eigentlich ganz gut in einer Rockoper verarbeiten”. Das wurde 2014 dann realisiert und 2020 geht die Geschichte weiter, überbracht von einer illustren Truppe: Leo Margarit (PAIN OF SALVATION) an den Drums, Mike LePond (SYMPHONY X) am Bass, Zak Stevens (SAVATAGE, TSO), Andy Kuntz (VANDEN PLAS), Tom Englund (EVERGREY) und Amanda Lehmann (STEVE HACKETT BAND) am Mic. Dazu ein Chor und weitere Musiker mit teils eher ungewöhnlichen Instrumenten, Keyboards, eine Produktion von Markus Teske (VANDEN PLAS, MOB RULES) und wir sind uns einig, dass wir über die interpretatorische und klangliche Qualität keine weiteren Worte mehr verlieren müssen. Daher schnell zur Musik:
“The Symphony Of The Wandering Jew Part II” ist über weite Teile eine gelungene Mischung aus Progressive Rock, Progressive Metal und Symphonic Metal. Die symphonischen Elemente sind dabei verhältnismäßig unbombastisch, was der Geschichte des Konzeptalbums aber durchaus zugute kommt, da die Musik somit (abseits der Metalkomponente) näher an der Realität des Albums liegt und es nicht zu einer Hollywooderzählung der besagten Story verkommen lässt. Die Orchesterinstrumente klingen gut, leiden nur selten unter fehlendem Hall. Und sie sind durchaus präsent, zusammen mit den anderen Metal-fremden Instrumenten. Tatsächlich schafft man es ab Track 3, dem “Bard’s Song”igen “Mariner Of All Seas”, dem Hörer über 13 Minuten ohne eine E-Gitarre, Drumset und Bass zuzumuten oder zu gewähren, das ist Ansichtssache. Musikalisch ist dies durchaus dem Storytelling zuzuschreiben, das eben nicht nur auf textlicher Ebene geschieht. Die Platte vollzieht einen Wandel, von nah-östlichen Klängen hin zu westlich-progressiverem Stil, was einen Einzug von Synthesizern und eine durchaus offensive Änderung des Stils ab “Mysteries To Come” bedeutet. In seiner Erzählweise und somit auch in seiner besten Hörweise erinnert “TSOTWJPII” an die neusten ELOY-Veröffentlichungen, auch wenn es musikalisch natürlich in eine andere Richtung geht: Das Album versucht nicht, Ohrwürmer zu produzieren, obgleich es absolut melodieorientiert ist. Als selbsternannte Rock/Metal-Oper muss es das aber auch nicht unbedingt, beschränkt sich doch auch bei normalen Opern der Ohrwurmanteil generell auf einen kleineren Teil des Gesamtwerks (außer natürlich “Carmen”). Stattdessen fließt das Ding über mehr als 70 Minuten seelen- und ohrenschmeichelnd über den entspannten Hörer hinweg, mit vertretbaren Kitschmomenten aber auch einer erstaunlichen Kurzweiligkeit, die durch vielseitige und auch in Bezug auf das Gesamte zuende gedachte Kompositionen und starke Leistung der Instrumental- und Gesangsfraktion zustande kommt. An dieser Stelle muss ich allen, die Schilderung der Erlebnisse des Wanderjuden interessant finden, übrigens den Film “The Man From Earth” empfehlen, der thematisch in eine nicht unähnliche Richtung geht und sehr großartig ist.

Fazit:
Anspieltipps lassen wir mal weg. Wer “TSOTWJPII” eine Chance geben sollte (und das sollte jeder, der Orchester, Einsatz von Instrumenten unterschiedlicher Kulturkreise, natürlichen Sound und schön geschriebene Konzeptalben mag – präsentiert von einer ziemlichen Supergroup), beginnt am Anfang und schaut, ob es zündet. Und vermutlich tut es das, denn der Release ist ziemlich genau das Richtige, um sich in dieser kalten Scheißzeit ein bisschen Wärme ins Herz spielen zu lassen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Yerushalim
02. Rise 1187
03. Mariner Of All Seas
04. Holy Lands
05. Eternity Part III
06. Running Time
07. The Fountain
08. Mysteries To Come
09. Secrets Of Art
10. Symphonic Caress
11. Eternity Part IV
12. Revolutions
13. Witness Of Changes

Jannis

WOLVERINE – A Darkened Sun

Band: Wolverine
Album: A Darkened Sun
Spielzeit: 27:57 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Progressive Metal
Plattenfirma: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 31.10.2020
Homepage: www.wolverine-overdose.com

WOLVERINE haben spätestens seit ihrem überragenden “Cold Light Of Monday”-Album einen besonderen Platz in meinem Herzen. Progressive Rock, Progressive Metal, irgendwo dazwischen ist die für das Genre sehr unfrickelige, atmosphärische, meist melancholisch-intensive Musik der Schweden angesiedelt, mit außergewöhnlichem Wert auf Lyrics, Melodien und eigentlich alle Komponenten der Alben.
Diese Komponenten wurde beim neuen Album “A Darkened Sun” noch einmal um eine erweitert. Zwar ist das gute Stück gerade mal 28 Minuten lang, das Nörgeln vergeht allerdings akut, wenn man erfährt, dass es sich um ein audiovisuelles Album handelt, mit dazugehörigem in schwarz-weiß aufgenommenem/bearbeitetem Film und Story. Und Tatsache, auch diese Komponente ist mit wahnsinnig viel Liebe und Aufwand realisiert worden und ist mit der klanglichen Ebene absolut in Einklang. Die Sorge, ein solch ambitioniertes Projekt einer doch eher kleinen Band ohne große finanzielle Mittel könnte im schlimmsten Fall sogar peinlich ausfallen, erweist sich bei “A Darkened Sun” eh als unbegründet, doch mehr noch: Optik, Stilistik, Schnitt, Umsetzung der Handlung – Bassist Thomas Jansson hat hier im Alleingang hervorragende, unter die Haut gehende Arbeit geleistet und die nicht ganz neue Thematik des in der Masse der Gesellschaft untergehenden und „verarbeiteten“ Individuums mit viel Kreativität und Ernsthaftigkeit, starker Bildsprache, toller Kameraarbeit und nicht zuletzt einer ernstzunehmenden Hauptdarstellerin umgesetzt. Nicht wirklich mit Budget, versteht sich, aber effektiv ohne Ende und absolut professionell.
Musikalisch geht es mit recht elektronisch anmutendem Basssound auf leicht stolperndem Midtempo los, als Intro zu “Chapter 1 – Phoenix Slain”, das wunderschön leicht, unheavy beginnt und bereits andeutet, dass “A Darkened Sun” das Gegenteil von einem Partyalbum wird. Ja, solche Strophen können WOLVERINE, genau wie die dicht-intensiv-verzweifelten Parts, von denen einer besagter Strophe als Chorus folgt. Ein elektronischerer düsterer Part dabei, alles auf hoher Qualität und bestens abgestimmt auf die tolle visuelle Ebene. Poah. Schon zum ersten Track hat man sich offensichtlich mehr Gedanken gemacht, als andere Bands zu ihrem kompletten Album. Und vom treibenderen Part des Tracks habe ich noch gar nicht geredet. Machen wir es an dieser Stelle kurz und spoilerfrei: Es bleibt so geil. Mit Erste-Sahne-Komposition und -Umsetzung, mitreißend, mal hypnotisch, mal aufwühlend, visuell mal offensiver erzählend, häufiger höchst (und höchst gelungen) stilisiert, musikalisch höchst emotional und erwachsen. Düster ab und an, mit kleinen Schimmern von Hoffnung, tollem Songwriting, starker Bandleistung und großartigen Vocals. Keine Kritik.

Fazit:
WOLVERINE schaffen es wie nur wenige andere Bands, mit ihrer Musik Emotionen, Stimmungen zu vermitteln, bereit, dafür eine heftige Menge an Arbeit zu investieren. Und sie haben das dank Thomas Jansson, dem Mann für’s Visuelle und die tiefen Töne, auf die nächste Ebene gehoben. Ernsthaft, nehmt Euch die halbe Stunde, wenn Ihr mitreißende Musik liebt, die noch wirklich etwas zu transportieren vermag (geht sogar offiziell gratis). Das konnten WOLVERINE seit jeher, das können sie auf “A Darkened Sun”, und mit der visuellen Komponente wird der Release ein einmaliges Gesamtkunstwerk. Volle Punktzahl, ohne Frage.

 

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Chapter 1 – Phoenix Slain
02. Chapter 2 – The Breach
03. Chapter 3 – Dead As The Moon
04. Chapter 4 – Hibernator

Das komplette audio-visuelle Album steht auf www.wolverine-overdose.com kostenlos (gegen eine freiwillige und berechtigte Spende) zur Verfügung.

Jannis