SMALL STRIDES – The Ground Beneath Our Feet

Trackliste:

01. Roads
02. Fake Doors
03. Exits
04. Hard To Know
05. Interlude
06. Why We Are
07. The Shore
08. Your Arms
09. Sleep
10. Gone
11. Into Grey

Spielzeit: 47:04 min – Genre: Indie Rock – Label: Eigenveröffentlichung – VÖ: 15.12.2023 – Page: www.facebook.com/smallstridesband

 

SMALL STRIDES geistern schon seit einigen Jahren durch die kleinen gemütlichen Konzertlocations NRWs und sind, wenn sie in meiner Nähe auftreten, zum Live-Pflichtprogramm für mich geworden. Das Düsseldorfer Quartett macht das, was man, wie so vieles, irgendwie noch als Indie Rock bezeichnet, also vielleicht richtig gute Sachen, vielleicht aber auch – nicht. Finden wir es heraus anhand des Debütalbums der Truppe, das den Namen „The Ground Beneath Our Feet“ trägt und mit seinen elf Songs angenehme 47 Minuten füllt.
„Womit?“, fragt man sich. Nun, allgemein gesagt mit fünf Lastwagenladungen Atmosphäre. „The Ground Beneath Our Feet“ ist der Spaziergang an einem grauen Herbsttag am Meer, oder der nächtliche in einer schlafenden beleuchteten Großstadt. Die Musik der SMALL STRIDES will in den seltensten Fällen hart sein, im Gegenteil. Eine sehr softe Gesangsstimme und tendenziell eher weiche Klaviersounds sind die markantesten Trademarks im Klang der Platte, ergänzt von hypnotisch-repetitiven Drum-Mustern abseits des Standards, die gar nicht selten auch mal elektronischer klingen, als man es von seinem Standard-Rockalbum erwarten würde. Distortion in den Gitarren ist immer wieder mal vorhanden, aber keineswegs in jedem Song in größerem Maße.
Und während der einzelne Song gerade in seiner zweiten Hälfte durchaus mal gut abgehen darf, ist „The Ground Beneath Our Feet“ im Normalbetrieb ruhig, gefühlvoll, nachdenklich.
Jut. Jetzt ist ruhig, gefühlvoll, nachdenklich klingen nicht die große Kunst, schließlich kann man das ohne jede Substanz in seiner Musik erreichen. Aber da stehen die STRIDES glücklicherweise drüber. Die Aufbauten der Songs, die Arrangements der einzelnen Parts, der charakteristische Klaviereinsatz, die nicht 08/15igen und doch vertraut wirkenden Melodien, der hörbare Post-Rock-Anteil an dem ganzen Ding – all das sitzt bei den einzelnen Songs und funktioniert als geschlossenes Album perfekt, um eine tiefe melancholisch-schöne Stimmung zu erschaffen, ohne in irgendeiner Form pathetisch zu wirken.
Damit das so sein kann, braucht es neben guten Musikern (check) einen guten Sound. Den hat man sich von Leuten bauen lassen, die durchaus Nummern in Business sind, und es zahlt sich aus. Der Sound klingt warm und angenehm, voll und breit in den eskalativeren Parts, die Backing Choirs sind genauso wunderschön, wie die Piano-Sounds und die kleinen Sounddesign-Elemente.
Kritik: „Gone“ ist der perfekte Endsong auf jedem Konzert der Band. Wer die Idee hatte, ihn auf diesem Album vor „Into Grey“ zu setzen, sollte mal ein ernstes Wörtchen zu hören bekommen.

Fazit:
Große Emotionen sind musikalisch nicht immer gut von Kitsch zu trennen. Das Debütalbum der SMALL STRIDES schafft das mit Bravour. „The Ground Beneath Our Feet“ ist ein hervorragendes, dichtes, intensives und ernstzunehmendes wie ernsthaftes Stück Musik geworden, das ich jedem Leser ans Herz legen kann, der keine Sorge davor hat, dass Ihm beim Hören von zu schöner Musik unter einem gewissen Härtegrad die Nieten aus der Kutte fliegen.

Anspieltipps:
„Roads“, „Why We Are“, „Sleep“ und „Gone“

Jannis

SKY EMPIRE – The Shifting Tectonic Plates Of Power – Part 1

Trackliste:

01. Prolegomenon: The Encomium Of Creation
02. On The Shores Of Hallowed Heaven
03. The Emissary
04. Into My Father’s Eyes
05. Wayfarer
06. The Last Days Of Planet Fantasy
07. House Of Cards

 

 

Spielzeit: 65:30 min – Genre: Progressive Metal – Label: ViciSolum Productions – VÖ: 27.10.2023 – Page: www.facebook.com/SkyEmpireMusic

 

Jeff Scott Soto ist wohl jemand, den viele Metal/Rock-Bands gerne als Sänger hätten. Dass er nun bei SKY EMPIRE hinter dem Mic steht, hat jedoch traurige Gründe – genauer gesagt den tragischen Tod von Sänger Yordan Ivanov kurz nach der Veröffentlichung des Debutalbums der Briten.
Der hat das Quartett/Quintett jedoch nicht aufgeben lassen, und nun ist man wieder zurück mit „The Shifting Tectonic Plates of Power – Part One“. Sieben Songs, über 60 Minuten Spieldauer, wie sich das für eine Prog-Rock/Metal-Band gehört. Musikalisch bewegt man sich auf denen irgendwo zwischen DREAM THEATER, HAKEN und klassischen Rock-Größen und hat die Platte gleich mal in den Abbey Road Studios mastern lassen.
Unerwarteterweise ist der Sound des Albums dennoch einer der Hautkritikpunkte, die sich vorbringen lassen. Der Klang fällt eher kraftlos aus, das Drumset ist gewöhnungsbedürftig. Die mächtigen orchestral unterlegten Parts sollten soundtechnisch mächtiger sein, als es die Produktion zulässt, und das Orchester klingt gerade in den Streichern doch eher computerig. Auch aus dem Vocals von Jeff hätte man einiges mehr herausholen können, das Ding wirkt klanglich einfach nicht wirklich rund.
Musikalisch ist „TSTPOP – P1“ in den nicht-instrumentalen Songs (das sind fünf von sieben) am besten. Gerade im 16-Minüter „House Of Cards“ mit seinem langsamen Aufbau und der Zeit, die er sich für einzelne Parts nimmt, kommt das Potenzial von SKY EMPIRE voll zur Geltung, ebenso im Zehnminüter „Wayfarer“. Damit beinhaltet das Album wesentlich mehr Seele und Gefühl für Atmosphäre und Hörkomfort als nach „Prolegomenon“ angenommen. Der Opener ist auch locker 15 Minuten lang, rein instrumental, und auf spielerischer und musiktheoretischer Ebene beeindruckend, aber in sich vielmehr Skill-Demonstration als funktionaler Einstieg in das Album und das, was es zu bieten hat.
Aber gut, nach dem Opener wird es besser, gerade die ruhigen Teile der Songs sind immer wieder mal wirklich schön und der Spagat zwischen Technik und Feeling soweit gut getroffen.
Wenn die klassischen Prog-Gesangsmelodien kommen, haben sie diesen positiv-nachdenklichen Spirit, den man gerne von ihnen haben möchte, so einige fettere Parts zünden ebenfalls und ganz ohne Zweifel wissen SKY EMPIRE genau, was sie da tun. Die großen Melodien, die Prog Rock/Metal dieser Art aber ebenso ausmachen, wie die technische Finesse, bleiben eher aus, wobei sie sich in „Wayfarer“ und „House Of Cards“ durchaus finden lassen.

Fazit:
Ein Opener, der das Album misrepräsentiert, ein eher unausgereifter Sound und eine etwas fehlgelagerte Technik/Melodie-Priorisierung trüben das Bild eines ansonsten schönen Prog-Albums mit guten Musikern und gutem Genre-Gespür. Für den Fan „smarter“ Musik lohnt sich ein Reinhören nichtsdestotrotz.

Jannis

THE FLOWER KINGS – Look At You Now

Trackliste:

01. Beginners Eyes
02. The Dream
03. Hollow Man
04. Dr Ribedeaux
05. Mother Earth
06. The Queen
07. The Light In Your Eyes
08. Seasons End
09. Scars
10. Stronghold
11. Father Sky
12. Day For Peace
13. Look At You Now

Spielzeit: 67:36 min – Genre: Progressive Rock – Label: InsideOut Music – VÖ: 08.09.2023 – Page: www.facebook.com/TheFlowerKings

 

Inflation, alles wird teurer und auch der Prog-Rock-Fan muss schauen, dass er korrekt investiert und möglichst viel für sein Geld bekommt. Ein Anschaffungs-Kandidat wäre da „Look At You Now“ von THE FLOWER KINGS. 67 Minuten Spieldauer, 13 Songs, neun Musiker, die singen (mit ordentlich Backing Vocals) und Gitarre, Bass, Drums und Percussioninstrumente von Congas bis hin zu Xylophonen spielen, ergänzt um alles, was man mit elektronischen Tasteninstrumenten so an Klängen erzeugen kann: Orgel, Klavier, Synthesizer, Orchesterinstrumente und so weiter.
Auch Töne gibt es ziemlich viele auf „Look At You Now“. Hab selten einen Satz geschrieben, der in einem Prog-Rock-Review dümmer klingt, nebenbei. Will eigentlich sagen: Jeder der Beteiligten beherrscht sein Handwerk mit beachtlicher Virtuosität und lässt das auch ganz gerne raushängen.
Das ist schon ziemlich viel für’s Geld und stabil vom Sänger und Bandleader Roine Stolt produziert worden. Angenehm ist der Fokus auf Wärme und Vollheit im Sound. Hart ist die Platte überhaupt nicht, ich hab schon seit Ewigkeiten keine so weiche Basstrommel auf einem Rockalbum gehört, aber damit kommt schon einmal Gefühl in die Sache und das ist ja was Schönes.
Musikalisch ist man zwischen Neo Prog Rock und Jazzrock unterwegs, mit einem Hang zu ZAPPA-artigen kleinen Eskalationen einzelner Instrumente, wenn man es nicht erwartet. Bis zum Rand ist „Look At You Now“ gefüllt mit kleinen Details. Bandfundament ist da. Jetzt hier eine kleine Synth-Spielerei. Jetzt hier zwei andere. Jetzt ein kleines Percussion-Element. Und kurz noch etwas Klavier.
So positiv und entspannt 90es proggy das 16. Album der Schweden im Grunde ist, so viel passiert doch an Action. Dabei mag es vorkommen, dass unsere neun Virtuosen praktisch alle im selben Moment ein Kribbeln in den Fingern oder Stimmbändern bekommen, und dann wird „Look At You Now“ durchaus auch mal was chaotisch – siehe exemplarisch der erste Track. Oder man hat eine ruhige Passage, die durch ihre Ruhigkeit viel Wirkung hätte entfalten können, wenn man nicht das eine Synth-Arpeggio in der Mitte noch rein hätte ballern lassen. Das passiert lange nicht bei jedem Track in der Art, aber doch immer mal wieder. Derweil sind die Gesangsmelodien – auch nicht immer, aber schon häufiger als bei anderen Bands des Genres – sekundär, unterstützen die Stimmung, die die Musik hervorruft, ohne dass sie nachher tagelang im Ohr hängen bleiben würden.
Was nicht bedeutet, dass die Scheibe nicht funktionieren würde, im Gegenteil. Wenn man sie so richtig hart konzentriert genießt, wird man überwältigt sein von seinen Arrangements, von seinem Ideenreichtum auf instrumentaler Ebene. Wenn man es halb-konzentriert in gemütlicher Atmosphäre hört, wird man einen ziemlichen Atmosphäre-Verstärker vorfinden. Damit arbeitet „Look At You Now“ ähnlich wie sein Vorgänger „By Royal Decree“, wenngleich dieser in seiner Gesangsmelodie-Auswahl subjektiv etwas stärker ausfällt.

Fazit:
„Look At You Now“ ist nicht für jeden. „Look At You Now“ ist aber ein wahres Fest für jeden, der sich fragt, wie es klingen würde, wenn TRANSATLANTIC ein Album mit FRANK ZAPPA machen würden. Und es ist schon beeindruckend, das (gewollt oder ungewollt) zu simulieren!

Anspieltipps:
Die ersten drei Tracks. Und dann bei Gefallen einfach dranbleiben!

Jannis

FUCHS – Too Much Too Many

Trackliste:

01. Don’t Get Me Wrong
02. Of Hopes And Dreams And Bitter Tears
03. Challenge Of Lifelong Learning
04. And Once Again
05. The Middle Years
06. Mad World
07. Here In My Void
08. My Life

 

 

Spielzeit: 69:40 min – Genre: Progressive Rock – Label: Tempus Fugit/SPV – VÖ: 14.07.2023 – Page: www.facebook.com/fuchsleavinghome

 

Es gibt so eine spezielle Subspezies in unserer Gesellschaft: völlig normal wirkende Leute zwischen 50 und 70, die völlig normalen Jobs nachgehen und dann aber plötzlich ein musikalisches Talent in Genres wie Jazz, Blues oder Progressive Rock offenbaren, das ihnen zur richtigen Zeit, mit dem richtigen Label und Marketing einen Platz als ganz heller Stern am Musikhimmel beschert hätte. Die Leute, die man als Band in einer Musikkneipe antrifft und nach deren Auftritt man sich die existenzielle Frage stellt, was Talent eigentlich noch wert ist. Introducing FUCHS aus Deutschland. Debütalbum im Jahre 2012, Sextett, angeführt von Realschullehrer Hans-Jürgen Fuchs, der mit seiner Frau Ines schon in den 90ern und frühen 2000ern vier Alben veröffentlicht hat und inklusive des aktuellen „Too Much Too Many“ mit FUCHS nunmehr fünf weitere Releases vorweisen kann.
„Too Much Too Many“ reiht sich ein in die opulente Liste von Alben kleiner Underground-Leidenschaftsprojekte, die sich klassischem Oldschool Progressive Rock verschrieben haben, die ich in meiner bisherigen Zeit bei der Rock Garage kennen lernen durfte. Keine 500 Fans auf Facebook, aber zwei bis drei Nullen hintendran verdient.
Was über die 70 Minuten Spieldauer zunehmend beeindruckt: „Too Much Too Many“ ist in jeglicher Hinsicht der makelloseste Vertreter dieser Art, den ich auch nach längerem Überlegen benennen kann. Der Sound ist top, sehr klar und warm. Jedes Instrument ist definiert und so präsent, wie es sein sollte, die Vocals sind auch dann perfekt unterscheidbar, wenn sie im Call-and-Response-Verfahren stattfinden, die Chöre klingen wunderbar, elektronische Elemente sind on point und nichts nervt oder sticht negativ hervor. Großes Kompliment für diesen Sound.
Nicht anders sieht’s mit der Leistung der Band aus. Jedes Mitglied hat richtig was auf dem Kasten und arbeitet mit einem Maß an Authenzität, das unerreichbar wäre, wenn man versuchen würde, diesen Stil zu kopieren, ohne sich seit Jahrzehnten mit handgemachter Musik wie dieser zu beschäftigen.
Und kompositorisch? Nun, es gibt bei Bands wie FUCHS neben aller Qualität, die sie erbringen, gerne mal den ein oder anderen Part, der nicht so ganz passen will, eine kleine peinliche Idee, eine zu kitschige Passage oder dergleichen. Nicht so auf „Too Much Too Many“. Es fällt mir selbst schwer, das zu glauben, aber von der ersten bis zur letzten Minute ist die Kompositionsarbeit einfach nur ernstzunehmend und fühlt sich zutiefst richtig an.
Und was geboten wird, ist ein klarer Fall von „Schwer zu komponieren, leicht anzuhören“. Die Platte ist ruhiger Progressive/Art Rock, der keinen Wert auf Härte legt, dafür aber auf gute Melodien, spannende Aufbauten, intuitiv wirkende Integration verschiedenster Instrumente und Klangelemente, Emotionen und progressive Elemente, wenn sie sich anbieten. Das ist die alte Schule von handgemachter Musik, in der der Drummer noch weiß, dass man bei einer Snare nicht nur voll in die Mitte hauen kann, und der Komponist, dass ein Song durchaus ein dreiminütiges Intro haben darf – auch wenn uns Meister Spotify weismachen will, dass zu dem Zeitpunkt der Song schon vorbei sein muss, um gut zu sein.

Fazit:
Ja, die Aussage „Das ist noch richtige Musik“ verrät an sich mehr über den, der sie trifft, als über die thematisierte Musik. Aber egal. „Too Much Too Many“ ist noch richtige Musik, mit Ahnung und Liebe in Sachen Songwriting, Bedienung der Instrumente und Sound, und mit Missachtung der digitalisierungsbedingten Normen, die aktuelle Mainstream-Musik so häufig zahn- und herzloser machen. Und eine wichtige Erinnerung daran, was für Gold sich finden lässt, wenn man einfach mal checkt, was der ganz normale Realschullehrer aus der Nachbarschaft so in seinem Proberaum macht. Vielleicht was ganz Besonderes!

Anspieltipps:
„Challenge Of Lifelong Learning“, „The Middle Years“, „Mad World“ und „Here In My Void“

Jannis

ELOY – Echoes From The Past

Trackliste:

01. Conspiracy
02. Compassion For Misery
03. Echoes From The Past
04. Danger
05. Deceptive Glory
06. Warning Signs
07. Fate
08. The Pyre
09. Farewell

 

 

Spielzeit: 48:55 min – Genre: Artrock – Label: Drakkar Entertainment – VÖ: 23.06.2023 – Page: www.facebook.com/Official4Eloy

 

Die Pläne normaler Leute für den Zeitpunkt, wenn sie 78 sind: noch leben, vielleicht genug Rente für ein würdevolles Leben haben, körperlich halbwegs funktionieren und sich beim Einkaufen nicht verirren. Die Pläne von Frank Bornemann für diesen Zeitpunkt: sein 20. ELOY-Album veröffentlichen, dieses vorher als dritten Teil einer Trilogie textlich verdammt gut geplant und recherchiert und die Musik dazu mit viel Liebe, Sinn für Atmosphäre und tollem Songwriting komponiert haben. Kurz: Qualität in jeder Hinsicht abliefern. Manche Leute leben halt anders.
Nun ist er da, der dritte Teil der Konzeptalben-Reihe über Jeanne d’Arc, und krankt nicht mal am altbekannten Qualitätsabbau von mehrteiligen Sachen im Verlauf der Veröffentlichungen. Nee, „Echoes From The Past“ ist genau das, was man sich als ELOY-Fan wünscht. Ruhiger Artrock, der sich viel Zeit für seine atmosphärischen Parts nimmt, dann mal ausbricht in kraftvolle Phasen oder Band-fokussierte Midtempoparts, in denen die Band eben nicht das macht, was sie normalerweise im Rock so macht.
Sehr übersichtlich gestalten sich die einzelnen Teile der Songs, was am Songwriting und der guten Produktion liegt, und sind trotz der nicht seltenen Ruhe, die in ihnen liegt, bis an den Rand gefüllt mit kleinen konstruktiven Details. Etwa so, als würde man nachts entspannt auf einer Wiese liegen und den wolkenlosen Sternenhimmel angucken. Ist schon viel da, aber alles fügt sich wunderbar zu einem beruhigenden Ganzen zusammen.
Was ist sonst so da? Auf jeden Fall die ultra-geschmackvolle Synthsound-Auswahl hinsichtlich der Leads und Pads, die man nicht anders von ELOY erwartet. Orchestrale Elemente, aber vergleichsweise wenige. Franks Stimme, der man das fortgeschrittene Alter im positivsten Sinne anhört. Es wäre seltsam, „Echoes From The Past“ mit einem 35 Jahre alten Frank zu hören, seine Storytellingstimme passt hervorragend. Dann gibt es sphärische Frauenchöre, noch einige gesprochene Parts und folkige Melodieansätze, wie man das von den Vorgängern kennt, massenhaft gute Atmosphäre und coole Rockparts, die nicht zu knapp sind und ELOYig ausfallen, ohne dass man sie unter „zigfach gehört“ abspeichern müsste.
Kritik muss sich das Ding maximal für den Endtrack anhören, der doch mehr Radioballade ist als erwartet, und für den Über-Neun-Minüter „The Pyre“, der noch in der ersten Hälfte über anderthalb Minuten Druck aufbaut, um den Hörer anschließend nicht zu erlösen – danach weiterhin wirklich schön ist, aber ein bisschen wirkt, als habe er einen relevanten Teil seines Pulvers verschossen.

Fazit:
Aber noch nichtmal letztgenannte wären irgendwie schwache Songs (gerade „The Pyre“ ist an sich das komplette Gegenteil). Es ist schwer, mit seinem Debütalbum alles richtig zu machen, aber genauso schwer ist es, das mit dem 20. Album zu tun, das gerne mal in langweilige Selbstkopiererei ausartet. Das passiert bei „Echoes From The Past“ absolut nicht. Was Komposition, Arrangements und Gesangsleistung angeht (und nebenbei auch den Rest der Band), ist ELOY nach wie vor vielleicht DER Ansprechpartner für diese Art von Musik. Kein Sommeralbum, aber ein absolutes Sommernachtsalbum.

Anspieltipps:
Wenn man nicht die an dieser Stelle sehr sinnvolle „Ab Track 1 starten und dann mal gucken“-Methode fahren möchte, dann „Warning Signs“, „Danger“ und „Fate“

Jannis

MOTORPSYCHO – Yay!

Trackliste:

01. Cold & Bored
02. Sentinels
03. Patterns
04. Dark State
05. W.C.A.
06. Real Again (Norway Shrugs And Stays At Home)
07. Loch Meaninglessness & The Mull Of Dull
08. Hotel Daedalus
09. Scaredcrow
10. The Rapture

 

Spielzeit: 42:13 min – Genre: Psychedelic Pop Rock – Label: Stickman Records – VÖ: 16.06.2023 – Page: www.facebook.com/motorpsycho.official

 

Oha. Hab ich jetzt nicht so erwartet. Gut, ich bin auch kein MOTORPSYCHO-Kenner, aber bei dem Namen hab ich andere Sounds im Kopf. Immerhin nicht nur ich, sondern auch erfahrene MOTORPSYCHO-Fans, denen der Promotext lang und breit nahezulegen versucht, warum „Yay!“, der neue Longplayer der Norweger, denn nun so klingt, wie er klingt.
Mir muss man die Platte eigentlich nicht mehr extra schmackhaft machen, denn oh Junge, was ein schönes Ding.
„Yay!“ ist im Prinzip poppig-schöner Psychedelic Rock der alten Schule mit progressiven Einflüssen und unerwartet entspannt-ruhig. Damit meine ich, dass man ein Drumset und einen Bass erstmals in Track 3 (!) hört. Ein Großteil des Albums verlässt sich auf leicht zusammenzufassende Bestandteile: Akustik-Gitarren, Perkussionsinstrumente, warme, weiche Vocals mit einigem an Backing-Vocal-Verdichtung sowie kleine eher cleane E-Gitarren- und Keyboard-Elemente. Fertig. Bei „Real Again (Norway Shrugs And Stays At Home)“ bleibt es sogar komplett bei Vocals und Gitarre, und wenn man mal ganz krass drauf ist, kommt in wenigen Tracks sogar mal ein Bass und ein Schlagzeug dazu.
All das wird eingeordnet von einer wunderbaren, warm-breit-klaren Produktion, und all das wird dann wiederum verwendet, um wunderschöne ruhige, nachdenkliche, positive, ausdrucksstarke Melodien in Szene zu setzen.
Kurz und knapp: funktioniert bestens. Man kann komplett eintauchen in Aufbau und Klangwelten von „Yay!“, sich von dem Album tragen und treiben lassen, gleich einer guten Geschichte spannungsreichere und gechilltere Parts erleben. Zum Ende hin wird man vom Höhepunkt-artigen „Hotel Daedalus“ dann komplett überwältigt, dem mit Abstand härtesten, progressivsten und düstersten Track, um mit „The Rapture“ ein wunderbares Happy End erleben zu dürfen.
Trotz der poppigen Grundatmosphäre wird das Album zu keinem Zeitpunkt kitschig oder belanglos, dafür ist es zu psychedelisch und 70er. „Yay!“ ist ein Album für spät abends am Feuer, für die letzte Stunde auf dem Festival-Campingplatz vor dem Schlafengehen, würde aber bereits, wenn man es auf einem Sofa in der Mitte einer Autobahn hören würde, seine Wirkung entfalten. Vorausgesetzt, man hat kein gewisses Maß an Grundhärte, das man von seiner Musik erfüllt wissen möchte.

Fazit:
Schön. Ernsthaft, „Yay!“ ist schlicht und ergreifend schön geworden. Wäre es 30 Jahre früher rausgekommen, gäbe es jetzt ein GHOST-Cover davon. Psychedelisch, unaufdringlich 70er-progressiv, unmodern, hervorragend klingend, toll geschrieben. Bin wunschlos glücklich. Yay!

Anspieltipps:
Man sollte das Album eigentlich am Stück durchhören, daher am besten am Anfang starten und schauen, ob man überhaupt wieder ausmachen möchte!

Jannis

 

 

 

HAKEN – Fauna

Trackliste:

01. Taurus
02. Nightingale
03. The Alphabet Of Me
04. Sempiternal Beings
05. Beneath The White Rainbow
06. Island In The Clouds
07. Lovebite
08. Elephants Never Forget
09. Eyes Of Ebony

 


Spielzeit:
62:11 min – Genre: Progressive Rock/Metal – Label: InsideOut Music – VÖ: 03.03.2023 – Page: www.facebook.com/HakenOfficial

 

Ihr öffnet das Internet ohne Erwartungen und seht mit freudiger Überraschung: Oh, wie schön, eine neue Rock-Garage-Rezension. Das klingt zu gut, um wahr zu sein, wo ist also der HAKEN? Nun, er ist genau in diesem Internet-wieder-schließen-würdigen Wortwitz. Ab jetzt wird’s besser, versprochen.
HAKEN wir zunächst einmal die Rahmeninfos zu HAKENs siebtem Album „Fauna“ ab: neun Songs, jeder mit Bezug zu einem bestimmten Tier (Rätselfreunde finden alle auf dem Prototyp-Prog-Albumcover), eine Stunde Spieldauer, eine Produktion, die nicht klinisch klingt, aber in ihrer Umsetzung absolut auf der Höhe der Zeit ist und, was seit einiger Zeit immer häufiger der Fall ist, durch kleine Kniffe im Handwerk die Hörerfahrung hintergründig intensiviert. Damit einher geht ein hervorragendes ergänzendes Sounddesign, aber all das ist erwartbar, schließlich sind HAKEN-Alben generell absolut makellos auf handwerklicher Ebene, inklusive des Musiktheorie-Wissens und spielerischen/gesanglichen Könnens der sechs Briten.
Musikalisch gibt es durchaus Abwechslungsreichtum hinsichtlich der einzelnen Songs. Besonders stechen „The Alphabet Of Me“ mit seinen Club-Synth-Sounds und den MARC-FOSTNERschen „Die Chöre sing‘ für Dich“-Chören heraus (was nicht negativ ist, schließlich mag man HAKEN ja auch wegen ihrer kleinen exzentrischen Entscheidungen und unkonventionellen Song-Bestanteile wie den Acapella-Parts im „Cockroach King“), sowie „Elephants Never Forget“, ein Track, den sich in der Form wohl nur HAKEN und Elefanten merken können.
Ansonsten ist „Fauna“ ziemlich genau das, was man von HAKEN erwartet. Taktarbeit, die keine Sau versteht – gibt es überhaupt eine Stelle auf „Fauna“, bei der alle Bandmitglieder gleichzeitig normalen 4/4tel-Takt spielen? – und dabei majestätische große Parts, „kleine“ zurückhaltende, auf die ein oder andere Weise eskalierende Mittelteile, 190er-IQ-Kompositionen, kleine humorvolle Stellen (Grüße gehen unter anderem raus an das „Ohehoh“ in „Lovebite“ und den albernen einzelnen Clap in „Island In The Clouds“) schöne Melodien und Harmonien, düstere Parts, unterschiedliche ergänzende Instrumente und Synths, und all das oft in recht schnellem Wechsel.
Kritik: Für HAKEN-Fans der ersten Stunde (oder zumindest früher Stunden) gibt es auf „Fauna“ tatsächlich nicht allzu viel Überraschendes. Die ganz großen Wow-Momente, die ein „Celestial Elixir“ mit sich brachte, bleiben aus, tatsächlich auch weitestgehend solche Songs, die einfach mal in einer Stimmung über tatsächlich längere Zeit zu verbleiben vermögen. Und auch die Ohrwurmdichte hat gefühlt abgenommen, hier habt sich für mich bislang lediglich der Chorus von „Nightingale“ hervor, was ein wenig schade ist, da HAKEN eigentlich sowohl Technik, als auch intelligente eingängige Melodien perfekt beherrschen, letztere auf „Fauna“ aber zugunsten ersterer ein wenig zu vernachlässigen scheinen. Aber gut, nach dem 20sten Hören ist das vielleicht ganz anders.

Fazit:
Wer immer bislang unter einem Stein lebte und HAKEN als Prog-Fan noch nicht kennt, wird an „Fauna“ wie an den anderen Releases der Band seine helle Freude haben. Das gilt ebenso für HAKEN-Fans, die gerne über das Können dieser Band staunen, sich mit Begeisterung eine Stunde lang in die ganz eigene Klangwelt dieser Band fallen lassen und sich von ihren Alben emotional durch die Songs treiben lassen. Das stärkste Album der Truppe ist es nicht, aber sie arbeitet halt auch auf einem Niveau, bei dem selbst Ihr schwächstes immer noch hervorragend ist.

Anspieltipps:
„Nightingale“, „The Alphabet Of Me“, „Beneath The White Rainbow“ und „Elephants Never Forget“

Jannis

STARQUAKE – At The Circus

Trackliste:

01. Welcome – Usher In (Noverture)
02. Introduction
03. Life’s A Circus
04. Clowns Don’t Cry
05. Nu Knots
06. Strings Attached
07. Life Without You
08. No Strings Attached
09. Platform (Flink Poit)
10. Train To Nowhere
11. War Is…
12. Never Really Over
13. Afterlife
14. All My Friends Are Dead
15. Prayer
16. Slow Down
17. Farewell – Usher Out (Underture)

Spielzeit: 57:19 min – Genre: Neo 70s Rock – Label: Eigenproduktion – VÖ: 27.01.2023 – Page: www.facebook.com/starquakerock

 

Der Anfang einer Rezension ist natürlich immer besonders wichtig und ich freu mich immer, wenn er so richtig sitzt. Dementsprechend hoch meine Motivation, die Kritik zu STARQUAKEs „At The Circus“ mit irgendwas nach dem Motto „Perfekter Albumtitel für diese Zeit“ zu beginnen. Dann habe ich das Albumcover erstmals gesehen und, nun ja, jemand ist mir zuvorgekommen. Nach längerem Lachen über die absolute „Scheiß drauf“-Entscheidung, aus seinem Plattencover (und dazu noch bei so einem Album) ein boomeriges Meme zu machen, möchte ich STARQUAKE für die Entscheidung schonmal uneingeschränkten Respekt aussprechen.
Denn hinter diesem Cover verbirgt sich nicht etwa irgendein offensiv politische Missstände anprangerndes simpel-angepisstes Rockalbum, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern ein astreines Progrock-Konzeptalbum der alten Schule mit modernen Bestandteilen, das viel in den Siebzigern und Neunzigern stöbert und sich an den besten Progeigenschaften dieser Jahrzehnte bedient. Plus BEATLES, die erklärtermaßen eine der absoluten Lieblingsbands von Mikey sind, der einen dichten grauen Bart und wallende graue Haare hat und damit genau dem Bild entspricht, das man von Leuten hat, die so ein Album machen – dazu sogar noch quasi als Soloprojekt.
Jap, man hört „At The Circus“ Mikeys liebe zu Prog, Classic, Hard Rock und Heavy Metal an. Und gerade der ältere Prog, mit „klassischen“ Instrumenten wie Flöten, Streichern oder Klavier angereichert, um Hammondorgel, Mundharmonika, Rasseln, Handtrommeln und oldschoolige Keyboards ergänzt, mit über das Album wiederkehrenden Motiven, die am Ende allesamt nochmal in der wunderbaren „Underture“ zusammengeführt werden, hat es ihm offenbar angetan. Klar ersichtlich auch an der genretypischen Arbeit mit speziellen Dur-Wendungen, unkonventionelleren Taktarten, Effekten und ausdrucksstarken Gesangsstilen, die Mikey allesamt draufhat, und an den kurzen Intermezzi (Ein Track ist gerade einmal elf Sekunden lang).
Subjektiv ist das Hörvergnügen dort am Geringsten, wo STARQUAKE härter und straighter sein will. Das sind dann gute Songs, aber im Vergleich zum Kreativität nur so raussprühenden Rest eher lückenfüllerig. Aber wenn man das genau so sieht, skippt man die Tracks eben nach dem ersten Hören zukünftig, erfreut sich an der wunderschönen Ballade „Clowns Don’t Cry“, feiert bei „Introduction“, packt bei „Life Without You“ die Feuerzeuge aus, rätselt beim geil atmosphärischen „Platform (Flink Poit)“, von welcher Band das wohl inspiriert sein könnte, versinkt bei der „Underture“ in Nostalgie über die letzte knappe Stunde… Ihr wisst was ich meine. Ach ja, und die Produktion ist auch ziemlich geil, lässt lediglich bei mehreren Gesangsstimmen manchmal ein wenig den Überblick verlieren. Einiges an Experimenten leistet sie sich (mit Stereoeffekten etc.), nicht gaaaanz jedes will so recht funktionieren, ein Großteil aber schon.

Fazit:
Wenn STARQUAKE voll in 70s bis 90s Classic Prog Rock aufgehen, sind sie wirklich verdammt stark, abseits dessen (was aber recht selten ist) tendenziell etwas schwächer. Doch das Licht von „At The Circus“ ist so viel stärker und mehr als der Schatten, dass 8,5 bis 9 Punkte dennoch gerechtfertigt sind. All die Liebe, die in dem Ding steckt, all die Arbeit und die musikalische jahrzehntelange Inspiration, die hineingeflossen ist, haben für ein Resultat gesorgt, das der Zielgruppe das ein oder andere Tränchen ins Auge treiben wird. Nun, 8,5 oder 9? Letzter Blick auf’s Plattencover, auf diese herrliche Dualität von „Warum hat ihm das niemand ausgeredet?“ und „Gott sei Dank hat ihm das niemand ausgeredet!“ – okay, neun Punkte!

Anspieltipps:
Das ist ein Konzeptalbum mit songübergreifender Motivarbeit, Leute. Album starten und so genießen, wie der Herr es für gut befand!

Jannis

NEPTUNIZE – Faltering Glamour (EP)

Trackliste:

01. All Is Vanity
02. Digital Jester
03. Gone Daft
04. Roamer In The Night
05. Fly Now Black Bird

 

 

 

 

Spielzeit: 22:42 min – Genre: Progressive Psychedelic Rock – Label: Eigenveröffentlichung – VÖ: 17.11.2022 – Page: www.instagram.com/neptunize

 

Draußen ist es kalt, draußen ist es dunkel, die Weihnachtsferien neigen sich dem Ende entgegen und angesichts all dessen ist jetzt wohl die Zeit, um noch ein zwei Tage im winterschlafartigen Ruhemodus zu verbringen. Diesen Modus kann man perfektionieren: mit einem Glühwein bei gedimmter Beleuchtung auf dem Sofa oder, je nach Blick, spät abends am Fenster – und mit der neuen EP von NEPTUNIZE in der Anlage.
Das Soloprojekt von Mert Güner aus Istanbul wurde 2015 gegründet und hat nun die EP „Faltering Glamour“ in Eigenregie rausgebracht. Soundtechnisch kann sich das Ding absolut sehen lassen. Musikalisch ist man zwischen Neo-Prog Rock und Psychedelic Pop unterwegs, was nach einer spannenden Mischung klingt und ebenjenes ist.
Gemäß der zehn Gebote der Album/EP-Veröffentlichungen ist der Opener generell von härterer Gangart. So auch aus „Faltering Glamour“, was aber nicht viel heißen will – „All Is Vanity“ ist lediglich der am wenigsten ruhige Track, der sich ein bisschen musikalisches Gezappel und ein wenig mehr Action gönnt, als der Rest des Albums. Das macht er gut und deutet schonmal an, wohin die Reise geht: viele Synthesizer, viel Sounddesign, teils Vocaleffekte, meist analoges Schlagzeug, Gitarren nicht zwangsläufig, sondern eben nur dort, wo für den Sound von NEPTUNIZE benötigt.
Ab Track 2 wird es noch etwas ruhiger. Über Midtempo kommt hier praktisch nix mehr, oftmals sind die Arrangements sehr „klein“ und zurückhaltend und meist reicht Mert ein simpler, schön umgesetzter Vierertakt, um seine Musik zu transportieren. Dann wiederum gibt es die großen, vollen Klangmomente, die ruhige, schöne Gesangsmelodien tragen, und Situationen, in denen sich das Klangbild eines Songs schleichend durch den hintergründigen Wechsel von Synths wandelt und weiterentwickelt. Deren Sounds sind wunderbar oldschool und geschmackvoll ausgewählt – kein cheesy Sound-Moment auf „Faltering Glamour“, der irgendwie nicht im Sinne des Albums wäre. Und all das – das sehr starke Sounddesign, die ruhig-hypnotischen Melodien, die längeren instrumentalen Parts, die Synthsound-Auswahl, die gute Vocal-Produktion – macht „Faltering Glamour“ letztendlich ab der ersten Minute, aber besonders ab Track 2, zu einem extrem atmosphärischen kleinen, nicht verkopften Gesamtkunstwerk, das eine melancholisch-positive Stimmung sondergleichen hervorzurufen vermag und unbedingt in gemütlicher Umgebung ohne Ablenkung genossen werden sollte.

Fazit:
„Faltering Glamour“ ist wie eine dicke Decke an kalten Tagen. Die ersten paar Minuten fühlt sie sich noch ein bisschen fremd an, etwas kühl. Doch dann ist sie auf einmal einfach nur maximal komfortabel und man würde eigentlich gerne ewig drinbleiben. Keins Anspieltipps, weil In-Gänze-hör-Platte, aber wenn man nicht genau weiß, ob man die Zeit in die Platte investieren will, starte man am besten bei „Digital Jester“.

Jannis

R3VO – Fireflies (EP)

Trackliste:

01. Artificial Pleasure
02. Fireflies
03. Dorian Gray
04. Darling
05. Aluminium

 

 

 

 

Spielzeit: 23:30 min – Genre: Progressive Rock – Label: Eigenveröffentlichung – VÖ: 16.11.2022 – Page: www.facebook.com/R3VO.official

(8,25 von 10, aufgerundet wegen Debüt)

Man kennt ja die zahlreichen Einschätzungen von Einzelpersonen über Berlin und seine Einwohner. Sollte man Teil der Fraktion „Kannste komplett vergessen“ sein, ist es nun aber an der Zeit für eine kleine Einschränkung: „alle außer R3VO“. Die haben in den letzten zwei Jahren fünf Songs geschrieben, dann aufgenommen, und jetzt auf ihrer Debüt-EP rausgebracht. Wenn man nicht das Kind von Bruce Dickinson ist, bleiben einem dabei eigentlich nur zwei Optionen. Entweder man erwischt eine grausame Produktion oder eine Preis-Leistung-Produktion, die vielleicht ein bisschen basic aber sehr zweckmäßig ausfällt. Letztere haben R3VO bekommen, mit tatsächlich echt gutem Preis-Leistungsverhältnis, klarem Sound (für das Genre unabdinglich) und gerade in den Vocals mit einigem an investierter Arbeit. Stichwort Genre: Progressive Rock, mal moderner technischer im Stil von beispielsweise HAKEN („Artificial Pleasure“), mal oldschooliger (das ruhig-intensive „Darling“). Oft angejazzt, frickelig, mit einigem an Nicht-4/4tel-Takt und gerne mal – insbesondere im zweiminütigen „Dorian Gray“ – auf einem Level, wo man auch mit ein bisschen Ahnung gar nicht erst anfangen sollte, das Ganze irgendwie auf musiktheoretischer Basis verstehen zu wollen. Mächtig Groove ist dabei, aber auch ausufernde ruhige Parts, so bei „Aluminium“.
Stichwort Skill: Jap, da haben sich echt ein paar Leute gefunden, die ihr Handwerk verstehen und dabei nicht nur irgendwas Kompliziertes in komischen Taktarten spielen, sondern dabei auch dem Laien die Möglichkeit geben, die Sache gut zu finden. Sängerin Leo Lotux setzt der Instrumentalperformance dann noch eine monumentale Sahnehaube auf. Alleine wegen ihr lohnt sich schon, durch die EP zumindest mal durchzuskippen.
Die EP heißt übrigens „Fireflies“, hab ich, glaub ich, vergessen zu erwähnen. (Anm. d. Red.: Hatte ich echt).
Zurück zum Thema: Die Bandbreite und Ausdrucksstärke der Vocals ist spektakulär und absolut on point eingesetzt. Kann eine solche Platte echt nochmal aufwerten.
Ein bisschen Elektronik gibt’s auch, den ein oder anderen digitalen Basssound und mit dem letzten Drittel vom Titeltrack einen fast komplett elektronischen Part, der sehr gelungen ist und zusammen mit dem generellen Wiedererkennungswert des Songs und seinen vielen verspielten Elementen diesem Song freundlich auf das Favoritentreppchen hilft.
Kritik: Manchmal ist der Technik-Faktor echt hoch, während der Immersions-Faktor ein bisschen zu sehr zurückbleibt. Oder anders: Manchmal respektiere ich sehr, fühle aber wenig. Dabei haben R3VO mit „Darling“ bewiesen, dass sie auch ganz anders können. Aber das ist ein bisschen, als würde man bei einem Lamborghini bemängeln, dass er von außen nicht plüschig genug ist (aber ist er halt auch nicht, deswegen bleibt die Kritik bestehen).

Fazit:
Geile erste Meldung von musikalisch hart versierten Leuten. Wenn „Fireflies“ ein Ausblick in die Zukunft von R3VO ist, habe ich Bock auf ihre zukünftigen Releases. Und Ihr könnt das auch haben, wenn Ihr nicht auf 1 und 3 klatscht!

Anspieltipps:
„Fireflies“ und „Darling“

Jannis