POVERTY’S NO CRIME – A Secret To Hide

Band: Poverty’s No Crime
Album: A Secret To Hide
Spielzeit: 58:56 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Progressive Metal
Plattenfirma: Metalville
Veröffentlichung: 30.04.2021
Homepage: www.facebook.com/povertysnocrime

Diese Rezension ist meinem werten Kollegen Mario gewidmet, der kurzzeitig als Interessent für die neue POVERTY’S NO CRIME zur Debatte stand, dies dann jedoch mir überließ. Wer die Chance hat, sich diese Platte zueigen zu machen: Macht nicht den selben Fehler wie Mario und greift zu! Warum?
Da gibt es viele gute Gründe. Wer die Deutschen noch nicht kennt: Quintett, inzwischen 30 Jahre aktiv, mit Hang zu längeren Pausen zwischen den Alben und mit gerade mal fünf Jahren seit dem letzten Album mit “A Secret To Hide” momentan sehr schnell im Veröffentlichen.
Musikalisch ist man im Herzen Progressive Rock der Marke TRANSATLANTIC (die kompositorisch unter anderem einen gewissen Einfluss auf POVERTY’S NO CRIME gehabt haben dürften), präsentiert diesen Progressive Rock jedoch im härteren Gewand, mit einem metallischeren Sound und einigen prog-metallischeren Wendungen. Das wird dann verpackt in einen wirklich sehr guten, druckvollen, klaren Sound, ergänzt um sehr vielseitige Synth-Arbeit und Sounddesign-Elemente, die den Klang hintergründig anreichern und gegebenenfalls beim ersten Hördurchgang gar nicht unbedingt bemerkt werden, unbewusst aber eine ziemliche Wirkung entfalten. Und was wäre all das ohne einen (ebenfalls hervorragend produzierten) Volker, dessen Vocals das Niveau des Sounds komplett halten.
Musikalisch ist “A Secret To Hide” wie gesagt absoluter Progressive Rock, ergänzt um die ein oder andere bratendere Metalgitarre und teils aggressiveres Drumming. Doch an sich ist das Album hochmelodisch, vielseitig in seiner Soundauswahl und eines der Alben, bei denen kein Song unter sechs Minuten kommt. Das kann schlecht sein, wenn man versucht, Standard-Vier-Minuten-Songs auf sechs Minuten zu pumpen, aber PNC machen eben keine Standard-Vier-Minuten-Songs, sondern Songs, die irgendwo losgehen, dann ein paar Umwege nehmen und irgendwo ankommen, was so auch auf das komplette Album übertragbar ist. Feierlicherweise besteht dieser Weg, den sowohl die einzelnen Songs als auch das Album an sich beschreiten, aus einer wunderbaren Station nach der anderen, und auch wenn man sich zwischendurch fragen mag, wie man nun eigentlich hier angekommen ist, ist der zurückgelegte Weg doch genau genommen stehts nachvollziehbar und gut sichtbar. Was ich eigentlich damit sagen will: “A Secret To Hide” ist ein Prog-Rock-Album, genau wie es sein sollte. Mit unendlich vielen Details, unendlich vielen Ideen, und in sich absolut stringent als Gesamtkunstwerk, bei dem die einzelnen Parts und Songs sowie die Verwendungen einzelner Sounds in ihrer Abfolge rückblickend absolut logisch und richtig erscheinen, während sie sich gleichzeitig nicht vorhersagen lassen. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf einzelne Songs eingehen, da jeder von ihnen im größeren Kontext eh nochmal mehr Sinn macht und ich denke, dass eine Beschreibung des allgemeinen Grundgefühls hier angemessener ist.

Fazit:
Denn mit seiner Verspieltheit, seiner ausgeprägten Melodiösität, seinen klugen Kompositionen und Arrangements, seiner Ausgefeiltheit und Struktur und nicht zuletzt seinen kleinen über das Album hinweg wiederkehrenden Motiven ist “A Secret To Hide” eine Art kleines metallisches “The Whirlwind”, um auf den TRANSATLANTIC-Vergleich zurückzukommen. Und das ist das größte Kompliment, das ich der Platte bei meinem persönlichen Musikgeschmack machen kann. Ernsthaft, die Band hat auf Facebook keine 1.500 Abonnenten. Das ist eigentlich das einzige, was bei den Herren falsch läuft.

Anspieltipps:
Am Anfang beginnen und treiben lassen. So einfach ist das.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Supernatural
02. Hollow Phrases
03. Flesh And Bone
04. Grey To Green
05. Within The Veil
06. The Great Escape
07. Schizophrenic
08. In The Shade

Jannis

SLAVES TO FASHION – The History Of Heavy Metal

Band: Slaves To Fashion
Album: The History Of Heavy Metal
Spielzeit: 59:33 min
Stilrichtung: Omni Metal
Plattenfirma: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 13.02.2021
Homepage: www.facebook.com/slavestofashion

Ganz selten habe ich Alben zum Rezensieren auf dem Tisch, bei denen ich auf seltsame und sehr positive Weise richtig emotional werde, weil sich beim Hören unweigerlich das Gefühl einstellt, hier hat eine kleinere, unbekannte Band nicht nur absolut unnormale Mengen an Arbeit und Herzblut investiert, sondern auch etwas verdammt Großes geschaffen. Ein Gefühl, das wohl am besten als das hundertprozentige der Band den Stolz und die positive Resonanz Gönnen beschrieben werden kann, den/die die entsprechende Band aufgrund ihres Werkes hoffentlich verspürt und erfährt. Die Eigenveröffentlichung “The History Of Heavy Metal” von SLAVES OF FASHION ist so ein Album.
Das Konzept der Platte der Norweger: Jeder Song ein anderes Untergenre, zum Teil mit mehreren Unter-Untergenres, eine metallene Wundertüte sozusagen. Das ist erstmal ambitioniert, insbesondere wenn man bedenkt, dass auch die Produktion der einzelnen Songs auf das jeweilige Genre abgestimmt wurde (was auch den einzigen kleinen Kritikpunkt mit sich bringt, dass einige wenige Song(part)s produktionstechnisch etwas schwächer als andere ausfallen und etwas anstrengender zu hören sind, beispielsweise der sehr höhenlastige True-Norwegian-Black-Metal-Part in “Expressions Of Extremity” – das beläuft sich aber auf nicht mehr als ca. sechs Minuten des Albums).
Natürlich läuft man bei einem solchen Projekt Gefahr, sich dann an Genres abzuarbeiten, das jedoch auf Kosten der Substanz der einzelnen Songs. Konzept vor Inhalt, sozusagen. Doch das passiert auf “The History Of Heavy Metal schlicht nicht. Um alle relevanten Punkte im Rahmen einer Rezension anzusprechen, hier in kurz und knapp:
– Johannes Støle ist ein großartiger und wandelbarer Sänger und wurde um diverse Gastsänger und eine Sängerin ergänzt, um ein authentisches Resultat zu gewährleisten. Die Vocals sind durchgängig auf sehr hohem Niveau, ebenso die Leistung der Instrumentalfraktion.
– Es gibt zu jedem Track ein eigenes Albumcover (!) – So viel Investition ins Booklet wird heutzutage immer seltener.
– Die Genreauswahl beschränkt sich nicht, wie man bei einer Heavy-Metal-Band erwarten könnte, auf die klassischeren Untergenres. Jesus, es gibt einen (großartigen) Nu/Emo-Metal Song (“The New Wine”), einen über 13 Minuten langen Progressive-Track (“The Evergrowing Tree”, eine wahnsinniges Tour de Force durch Prog-Metal-Subgenres), Alternative Metal (“Garden Of Chains”, auch großartig) und ganz viele andere Genres.
– Die Songs für sich sind tatsächlich einfach gute Songs, die den Spirit, den sie vermitteln wollen, absolut vermitteln und auch außerhalb des Albumkontextes wirklich Spaß machen.
– Die Kontraste zwischen den einzelnen Songs (und auch innerhalb der einzelnen Songs) sind hochgradig unterhaltsam. Der Metal ist die Grenze, aber innerhalb dieser Grenze gibt es keinerlei Einschränkungen.
– Das Songwriting ist absolut authentisch aber nichtsdestotrotz kreativ und intelligent. Sollte auch erwähnt werden.

Fazit:
Im Ernst, ich bin lange nicht mehr so gut unterhalten worden, von einem Album, das einerseits eine Liebeserklärung an das Genre ist, andererseits aber auch ein höchst ernstzunehmendes und auf skurrile Weise komplexes Gesamtkunstwerk, mit einem hörbaren Augenzwinkern und unendlicher Liebe zum Detail. Man kann “The History Of Heavy Metal“ nicht ausdrücklich genug empfehlen und die Platte wird mit absoluter Sicherheit weit oben auf der Liste meiner Lieblingsalben des Jahres landen. Trotz kleiner Kritik an Teilen des Sounds volle Punktzahl, mehr als verdient.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. MCMLXX
02. The Priest Of Maidenhead
03. Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll
04. Thrash Of The Titans
05. Expressions Of Extremity
06. Garden Of Chains
07. The Evergrowing Tree
08. The Power Of Metal
09. The Nu Wine
10. Too Close (To See Clearly)

Jannis

ODD DIMENSION – The Blue Dawn

Band: Odd Dimension
Album: The Blue Dawn
Spielzeit: 62:38 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: Scarlet Records
Veröffentlichung: 26.03.2021
Homepage: www.facebook.com/OddDimension/

Das letzte/zweite Werk der italienischen Progger ODD DIMENSION musste ich damals, vor 8 Jahren, leider ein klein wenig zerpflücken. Besonders negativ aufgestossen war mir vor allem der nervige Gesang. Auf Album Nummero 3 (und geschlagene 8 Jahre später) singt nun mit Jan Manenti (The Unity) ein Neuer und das Resultat profitiert dadurch ganz eindeutig. Die Truppe, die im Pomo Text vollmundig als Kult Band gefeiert wird, präsentiert wie gehabt den typischen Prog Metal italienischer Prägung, selbstverständlich mit starkem Dream Theater Einschlag. Dass muss an und für sich ja nicht Schlechtes sein und die Band hatte ja eine Menge Zeit brauchbares Material zu sammeln. Herausgekommen ist nun ein Konzeptalbum mit Science Fiction Thematik, diversen, elegant eingefädelten, Gastbeiträgen und einem homogenen Gesamtbild.

Los geht die Reise mit einem sphärischen Intro, das den SciFi Ton des Albums setzt, der auch in dem wirklich gelungenen Opener „Landing On Axtradel“ weitergesponnen wird. Auffallend, neben dem um Klassen besseren Gesang von Manenti, ist der geschmackvolle Einsatz der Keyboards, die hier weniger den oft gehörten Klischee-Zuckerguss über die Musik klatscht, sondern fein verwoben mit den nicht zu brutalen Gitarren ein feines Soundnetz knüpft. Das klingt ausgefuchst, detailverliebt und mit Spaß in den Backen vorgetragen. So geht es auch in der weiteren fetten Stunde Spielzeit weiter. Nennenswerte Ausfälle sind nicht zu verzeichnen, der Kinnladenrunterklapp-Ohrwurm ist aber auch nicht dabei. Und so macht sich neben großartigen Tracks wie dem erwähnten Opener und dem von Gast Derek Sherinian’s typischen Keyboard-Sounds veredelten Titeltrack bei fortlaufender Spielzeit etwas Langatmigkeit breit. „The Blue Dawn“ ist an und für sich ein gutes Prog Metal Album geworden, dem der dezente Rotstift hier und da zwar gutgetan hätte. Dennoch gefällt mir das Resultat um Längen besser als der Vorgänger.

Das Songwriting auf „The Blue Dawn“ ist keine Champions League, da müssen wir realistisch bleiben. Und wer keine Songs für die Ewigkeiten schreibt, der wird auch keinen Klassiker abliefern. Wenn man also das hochtrabende Promo Gerede außen vor lässt (da wird wirklich jeder noch so lächerliche Vergleich, von Rush’s Meisterwerk „2112“ bis zu völlig anders gelagerten, bzw. in einer anderen Liga spielenden Koryphäen wie Opeth gezogen) und ODD DIMENSION’s neuestes Werk nüchtern betrachtet, dann bleibt unterm Strich ein (sehr) gut klingendes, transparent produziertes Prog Metal Album, das genügend starke Momente bietet um den geneigten Fan auch beim mehrmaligen Hören in den Bann zu ziehen. Zum Antesten empfohlen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Mission n°773
02. Landing On Axtradel
03. The Invasion
04. Escape To Blue Planet
05. Solar Wind
06. Life Creators
07. The Blue Dawn
08. Sands Of Yazukia
09. Flags Of Victory
10. The Supreme Being

Mario

KAISER AND THE MACHINES OF CREATION – Flowers And Lies

Band: Kaiser And The Machines Of Creation
Album: Flowers And Lies
Spielzeit: 46:49 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Metal
Plattenfirma: 1454550 Records DK
Veröffentlichung: 23.12.2020
Homepage: www.facebook.com/KMC3.AU

Das Spannendste am Rezensieren sind keineswegs die neuen Alben großer Bands, die man gerne mag. Eigentlich ist das Spannendste, eine Mail von irgendeiner obskuren Band reinzukriegen, von der man noch nie was gehört hat, und dann einfach heftig überrascht zu werden. So geschehen jüngst mit KAISER AND THE MACHINES OF CREATION, Austrailer und gegründet von Paul Kaiser. Das aktuelle Album (und das erste seit dem instrumentalen 2011er “Universal Mind”) hört auf den Namen “Flowers And Lies”, ist eine Dreiviertelstunde lang und beinhaltet neun sehr kurzweilige Songs.
Produktionstechnisch wäre noch ein bisschen mehr drin gewesen, der Sound ist ein wenig verwaschen, nichtsdestotrotz aber genießbar und auf Dauer nicht störend. Positiv betrachtet klingt “Flowers And Lies” absolut handgemacht und angemessen dreckig, ohne dass es in Sachen Nachvollziehbarkeit darunter leiden würde.
In ihrer Art kann man KATMOC nicht so richtig in Worte fassen. Viel 3er- und 6er-Takt-Verwendung ist drin, einiges an unmetallischen Instrumenten (Klavier, Saxophon, Synths, Conga-Trommeln), hin und wieder wird mit Vocal-Effects gearbeitet und in Sachen Stimmung ist man irgendwo zwischen Classic Rock, Post Rock, Heavy Metal und ein bisschen gruseligem Zirkus unterwegs, was erstaunlich gut funktioniert. Die fetten Parts (alleine schon im Opener) kommen wirklich fett und intensiv, die ruhigen nehmen sich guten Gewissens ihre Zeit. Der Gesang kommt in ruhigeren Parts ein wenig gepresst, doch gerade in dichteren ziemlich gut, und kompositorisch ist man sehr eigen zugange und hat einen in sich schlüssigen und feinen Kompositionsstil entwickelt, der so einiges ein bisschen anders macht, als man es von gängigen Kompositionen im Rock und Metal gewohnt ist.
Darin ist “Flowers And Lies” anständig progressiv, nicht durch komplexe Taktstrukturen sondern einfach hinsichtlich seiner gesamten ungewöhnlichen wie mitreißenden Art.
Okay, es ist auch nicht perfekt. Die Platte ist eine von denen kleinerer Bands, bei denen ein paar kleine Störfaktoren nun einmal auftreten. Mal ist das ein seltsam eingesetzter Effekt auf dem Gesang, mal Gitarren, die sich erst ankündigen und dann direkt wieder weg sind, wenn man sie gerade freundlich begrüßt, mal ein verkackter Gongsound. Aber damit muss man gerade bei einer solchen Band eben rechnen. Umso mehr ungewöhnliche Ideen klappen dafür umso besser. Alleine “In The Mist”, das zeitweise bizarre Happy-Gothic-Synthrock-Vibes versprüht und im Mittelteil kurzerhand einen Reggaeton-Rhythmus auspackt, macht einfach saumäßig Spaß, ebenso wie das finale “Not tonight, Josephine”, ein Classic-Rocker mit tollem Chorus. “Blown Away” geht ein wenig in Richtung GUNS N’ROSES, der Gesamtstil am ehesten noch gen KING’S X, aber auch nur teilweise. Ich will nicht weiter spoilern, ich rate einfach sehr dazu, sich selbst ein Bild von der Sache zu machen. Das ist keine Band, die nur knapp über 1000 Facebook-Fans verdient hat. Absolut nicht.

Fazit:
Und so hat “Flowers And Lies” seine Macken, erfordert hinsichtlich der Produktion ein bisschen Verständnis, offenbart sich aber ab dem ersten Track als außergewöhnliches Werk, das eine Menge an smarten Facetten beinhaltet, nie lustlos dahingespielt oder -geschrieben wirkt und über seine Dreiviertelstunde mächtig zu entertainen vermag. Starkes Ding mit kleinen Einschränkungen, aber mit besserem Sound wäre es locker eine 9/10!

Anspieltipps:
“Flowers And Lies”, “In The Mist”, “We’ll Climb The Mountain”, “Blown Away” und “Not Tonight, Josephine”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Flowers And Lies
02. Institute
03. We’ll Climb The Mountain
04. In The Mist
05. It’s All A Lie
06. Blown Away
07. Who Decides
08. It’s OK To Wake Up
09. Not Tonight, Josephine

Jannis

EVERGREY – Escape Of The Phoenix

Band: Evergrey
Album: Escape Of The Phoenix
Spielzeit: 58:47 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 26.02.2021
Homepage: www.evergrey.net

Steinigt mich, aber ich habe die Rezension der neuen EVERGREY ehrlich gesagt nur übernommen, um mich metallisch weiterzubilden, da diese einigermaßene Institution bislang immer an mir vorbeiging. Daher kommt hier ein Review, das “Escape Of The Phoenix” nicht im Kontext der anderen Veröffentlichungen der Schweden betrachten kann, sondern die Platte ganz naiv als das nimmt, was sie ist.
Und Jeeeesus, da scheint mir in der Vergangenheit etwas entgangen zu sein. Vom Sound, insbesondere dem mächtigen, vollen und irgendwie gleichermaßen weichen wie harten Rhythmusgitarrensound, von der Präzision des Bedienens der Instrumente und vom emotional-ausdrucksstarken Gesang will ich gar nicht anfangen, das ist Arbeit auf höchstem Niveau. “Escape Of The Phoenix” ist eine Zusammenführung unterschiedlicher Stilmittel zu einem großen, homogenen und verdammt dichten Gesamterlebnis. “Intensiv” trifft es wohl am besten angesichts der Tatsache, das das Wort in meinen Notizen zu praktisch jedem Song auftaucht,
Was sind nun diese Stilmittel? Nun, eine Abwechslung aus ruhigen Passagen, die sich angemessen Zeit nehmen, harten schonungslosen Passagen mit böser Riffarbeit und ordentlich Drive und kraftvollen Passagen mit mitreißenden Melodien und fetter Wall of Sound dahinter. Weitere Stilmittel wären dezenter Synth-Einsatz, der jedoch nie störend fremdkörperhaft anmutet, sondern dank der Soundauswahl und der geschmackvollen Integration in den Gesamtkontext immer funktioniert. Ein weiches Klavier kommt recht häufig zum Einsatz, verleiht der Platte durch seine Melodien manchmal ganz leichte Gothic-Vibes, aber stimmungstechnisch passt das eben auch.
Ohrwurmkandidaten finden sich selten auf “Escape Of The Phoenix”. Zwar ist das zwölfte Album von EVERGREY durchgängig hochmelodisch, doch sind die Melodien eher von der Sorte, die einen durch diese düster leuchtende Klangwelt tragen und die einzelnen Momente zum Zeitpunkt des Hörens kostbar machen. Der Hörprozess ist zweifelsohne meditativer als bei einem vergleichbar melodischen Power-Metal-Album. Nichtsdestotrotz gibt es keine einzige Melodie, die auf “Escape Of The Phoenix” nicht angemessen wäre, auch ihre zeitweise Poppigkeit (im Anfangsstadium) vermag daran nicht zu rütteln; So könnte aus “You From You” vor dem ersten kompletten Bandeinsatz auch locker ein (melancholischer) EDM-Hit werden und “Eternal Nocturnal” kommt direkt mal mit Schellenkranz und Bumm-Zapp-Drums im Chorus und noch etwas poppigerer Melodie.
Das ist allerdings in dem Maß nicht die Norm. EVERGREY schaffen es, modernere Alternative-Rock-Wendungen einfach durch die musikalische Einordnung so gut umzudeuten, dass sie damit massiv an Wert gewinnen. Das, in Verbindung mit dem durch die Abwechslung von wunderschön ruhigen und dazu passenden mächtigeren metallischen Parts, erschaffene Kontrastreichtum, dazu die besagte Intensität, das Vermögen, den Zuhörer emotional zu fesseln, macht EVERGREY zu einer Band, deren Alben ich mir ab jetzt ohne Frage zu Rezensieren reservieren werde.

Fazit:
Wieder so ein Album ohne Anspieltipps. Aber warum auch? “Escape Of The Phoenix” ist eine der Scheiben, die mit einem guten Getränk und in gemütlicher Atmosphäre einfach als Ganzes wirken gelassen werden sollten. Großes emotionales Kino für die Ohren in 8K!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Forever Outsider
02. Where August Mourn
03. Stories
04. Dandelion Cipher
05. The Beholder
06. In Absence Of Sun
07. Eternal Nocturnal
08. Escape Of The Phoenix
09. You From You
10. Leaden Saint
11. Run

Jannis

IMMORTAL GUARDIAN – Psychosomatic

A bronze sculpture with a hanged brain

Band: Immortal Guardian
Album: Psychosomatic
Spielzeit: 52:06 min
Stilrichtung: Progressive/Power Metal
Plattenfirma: M-Theory Audio/Rock’N’Growl Promotion
Veröffentlichung: 21.02.2021
Homepage: www.facebook.com/igmetal

Gabriel Guardian – wer so heißt, ist ab dem ersten Atemzug dazu prädestiniert, Power-Metal-Musiker zu werden. Seinem Schicksal nachgebend hat Gabriel genau das getan und mit seiner Band IMMORTAL GUARDIAN nun sein zweites Album “Psychosomatic” bereit zum Abflug. Die Aufnahmen waren coronabedingt von extremem Sicherheitsabstand geprägt: Gabriel nahm in Las Vegas auf, Sänger Carlos in Brasilien, Drummer Justin in Montreal und Bassist Joshua in Texas. Herausgekommen sind gut 50 Minuten Progressive Power Metal mit hohem Shred- und damit einhergehend leichtem Neoclassic-Faktor, einer guten Menge an Keyboards und einem Mix aus Gefrickel und ausgeprägten Melodien.
Apropos Mix: Der kann sich durchaus hören lassen, ist entsprechend der Gefrickel-Parts ein wenig technisch-polierter, aber in annehmbarem Rahmen. Lediglich durch ein paar kleinere Unausgewogenheiten in Lautstärkeverhältnissen könnten ein oder zwei Songs Eingewöhnung nötig sein. Sind die vorüber, so erweist sich IMMORTAL GUARDIAN als äußerst fähige Truppe mit starken Leistungen jedes Beteiligten.
Musikalisch ist man ebenfalls soweit stabil drauf, muss sich aufgrund des Labels “Progressive” aber auch noch einmal nach anderen Maßstäben beurteilen lassen. Und unter diesen Maßstäben hat “Psychosomatic” die Problemchen, die viele Prog-Power-Metal-Bands haben: Arrangiert ist das ganze top, nicht zu überheblich clever, aber rhythmisch und spielerisch korrekt vielseitig. Die Melodieführungen entsprechen allerdings oft eben den klassischen Progressive-Power-Lines und naja, wenn jeder das so macht, dann ist das im wörtlichen Sinne halt nicht mehr ganz so progressiv aka fortschrittlich. Aber an dieser Stelle auch ein bisschen Entwarnung. Wo die Melodien nicht vergleichsweise guter Durchschnitt sind, sind sie besser als das. Erstmals sind sie das explizit bei “Read Between The Lines”, das mal leichtgängig, mal fast corig ausfällt, mit humorvoll-smoothem Part im Mittelteil und schöner Gesangsmelodie, die wie viele andere von den mehrstimmigen Vocals noch einmal profitiert.
“Clocks” wechselt sinnhaft zwischen zwei verschiedenen Geschwindigkeiten und setzt sich sehr schön im Gedächtnis fest, mit ordentlicher Portion Dramatik. Und “Candlelight” und “Find A Reason” arbeiten ein Stück weit zusammen mit Wiederaufnahme von Motiven, größeren (aber insgesamt nach wie vor kleinen) balladesken Parts, unterschiedlichen Emotionen und dichter Atmosphäre.
Der Rest der Songs ist ein wenig uneigenständiger, bereitet an der ein oder anderen Stelle auch mal das Gefühl, da hätte man noch etwas mehr herausholen können, überzeugt an solchen Momenten aber immerhin in technischer Hinsicht.

Fazit:
“Psychosomatic” kann als Zweitwerk auf jeden Fall überzeugen. Allerdings sollten IMMORTAL GUARDIAN in den nächsten Jahren noch ein wenig an einem eigeneren Sound arbeiten, insbesondere hinsichtlich der Komposition der Melodien. Dass sie dafür zweifelsohne das Potenzial haben, beweisen gerade die oben genannten Tracks, hinter denen gefühlt mehr Kompositionsleidenschaft steckt, als hinter denen, die guten melodischen Durchschnitt durch Handwerk kaschieren. Und technisch haben IMMORTAL GUARDIAN es unbestreitbar jetzt schon mächtig drauf.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Psychosomatic
02. Read Between The Lines
03. Lockdown
04. Phobia
05. Clocks
06. Self-Isolation
07. Goodbye To Farewells
08. Candlelight
09. Find A Reason
10. New Day Rising

Jannis

SIMULACRUM – Genesis

Band: Simulacrum
Album: Genesis
Spielzeit: 61:23 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: Frontiers Music s.r.l.
Veröffentlichung: 12.02.2021
Homepage: www.simulacrum.fi

Offenbar verhelfen Lockdowns Metalbands zu mehr Zeit, um über ihr Songwriting nachzudenken, zumindest würde das die Menge an Progressive Metal erklären, die ich in letzter Zeit auf den Tisch gelegt bekomme. Eine von ihnen ist SIMULACRUM aus Finnland, die bereits 1999 gegründet wurde (womit sich die These dann auch wieder erledigt hätte) und gerade einmal 13 Jahre später ihr Debut veröffentlichte. Nun gibt’s Album Nr. 3, “Genesis”, das über eine Stunde lang ist, zur Hälfte, wie sich das gehört, aus einem Konzeptpart besteht und ein klassisch spirituelles Albumcover inklusive Planeten, Schneidersitz, Dreieck und Yin&Yang-Symbol vorweisen kann. So weit, so gut.
Die Produktion ist stabil, das Konzept mit zwei Sängern funktioniert bestens, gerade weil sie nicht im altbekannten “Einer lieb, einer growlt”-Schema agieren und die Truppe kennt sich zweifelsohne mit der Funktionsweise von Musik aus.
“Genesis” ist an sich melodisch, unklare Vocals sind selten. “Genesis” ist aber auch eins der Alben, die über weite Teile “Progressive” gerade in Sachen Arrangements in gigantischen Lettern auf der Fahne stehen haben. Gut, Ausnahmen gibt es da schon, beispielsweise das unmetallische klavierbasierte “Genesis Part 3: The Human Equation” oder das relativ straighte “Scorched Earth”, das etwas Dur-lastiger ausfällt als erwartet, mit geiler Gitarrenarbeit im Solopart und unkonventionell-nachvollziehbarem Chorus. Auch “Like You, Like Me” mit seinem ruhigen Retro-Beginn und dem HAKENschen Bombastfülleharmoniegefeierlichkeite schlägt in diese Kerbe – das war es dann aber auch schon. Nicht, dass das unbedingt schlimm wäre. Genug tolle Bands zimmern sich ein heftig komplexes Ding ohne jegliche Eingängigkeit zusammen und es ist durchweg grandios anzuhören.
Doch hier ist der Kritikpunkt (der zugegebenermaßen mehr Raum in der Rezension einnimmt, als vielleicht verdient). Bei SIMULACRUM hat man leider das Gefühl, man habe beides gewollt und habe somit entweder seine schönen Melodien zerprogt oder sein komplexes Gefrickel verharmonisiert. Da tauchen dann Melodien auf, die durchaus eingängig und ausgefallener sein könnten, wenn man sie nicht auf Teufel komm raus durch den Progressive-Wolf gedreht hätte, wofür ich mir keinen anderen Grund vorstellen kann, als dass man sich seinem Genre zu verpflichtet gefühlt hätte. Nicht falsch verstehen, das ist handwerklich und kompositorisch bestimmt sehr gut und intelligent gemacht, wirkt aber für uns primitive Nicht-Musikstudenten häufig ein wenig willkürlich. Sein Zenit erreicht diese Problematik bei “Genesis Part 1: The Celestial Architect”, dessen Gesang zeitweise nicht mehr wirklich erkennbar etwas mit der zweifelsohne komplex agierenden Instrumentalfraktion zu tun hat. “Ihr spielt das eine Lied, ich sing das andere. Dann legen wir das übereinander und verkaufen es als Progressive Metal!” Wüsste man es nicht besser, könnte man diesen Kompositionsprozess ungefähr so geschehen vermuten. Noch einmal: Bestimmt gibt es unter Freunden progressiven Metals so einige, die mit “Genesis” genau deshalb etwas anfangen können, aber man hätte melodische und chaotisch-härtere Elemente wohl effektiver verbinden können, auf Kontrastwirkung hinarbeiten statt über weite Teile beide Elemente zusammenzurühren.

Fazit:
Einige Songs auf “Genesis” zünden absolut, andere kränkeln an den sehr hohen Ambitionen hinsichtlich der technischen Progressivität der Platte. Technisch eine gerechtfertigte 9/10, kompositorisch eine 8/10, in Sachen Subtilität und, so seltsam das bei einer solchen Rezension wirken mag, Mut zur stilistischen Variation, zur zeitweisen als Kunstgriff eingesetzten Deproggisierung oder Demelodisierung, leider nur eine 5/10. Vom Reinhören sollte das aber gerade Freunde von technischerem Progressive Metal nicht abhalten.

Anspieltipps:
“Arrhythmic Distortions”, “Like You, Like Me”, “Scorched Earth” und “Genisis Part 1: The Celestial Architect”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Traumatized
02. Nothing Remains
03. Arrhythmic Distortions
04. Like You, Like Me
05. Scorched Earth
06. Genesis Part 1: The Celestial Architect
07. Genesis Part 2: Evolution Of Man
08. Genesis Part 3: The Human Equation
09. Genesis Part 4: End Of Entropy

Jannis

PAIN OF SALVATION – The Perfect Element, Pt. I (Anniversary Mix 2020)

Band: Pain of Salvation
Album: The Perfect Element, Pt. I (Anniversary Mix 2020)
Spielzeit: 76:22 min / 30:58 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: Century Media
Veröffentlichung: 20.11.2020
Homepage: www.painofsalvation.com

Im langen Schaffen der schwedischen Prog-Metal Institution PAIN OF SALVATION nimmt das 3. Album „The Perfect Element, Pt. I“ einen besonderen Stellenwert ein. Und wie das ähnlich wichtige Album „Remedy Lane“ wurde dem Band Klassiker nun zum 20ten Jubiläum eine Frischzellenkur in Form eines Remixes spendiert. Auf das Album an sich brauchen wir hier nicht lange eingehen – die Mischung aus eindringlichen und gleichermaßen epischen wie hart rockenden Prog Kolossen ist auch 20 Jahre nach Ihrer Veröffentlichung ein Meilenstein in der Diskographie der Band und dürfte dem eingeweihten Fan durch und durch bekannt sein.

Daher interessiert den Kaufinteressenten wohl eher die Frage, ob die vorliegenden Neu/Jubiläumsausgabe genug Mehrwert bietet um sich das Ganze (nochmals) in die Vitrine zu stellen. Nach mehrmaligem Durchhören muss ich dazu wohl sagen – jein. Zwar wurde das Album an sich um einen zusätzlichen Track ergänzt (ein „Epilogue“ der das Gehörte atmosphärisch abschmeckt ) und oben drauf gibt es noch eine Handvoll gute Live bzw. Bonus Tracks zu hören. Der eigentliche Kaufanreiz dürfte aber der Remix sein. Und hier finde ich persönlich, dass dieser das Album nur unwesentlich aufwertet – denn einen schon im original mehr als ordentlichen Mix kann man auch nur begrenzt verbessern (hier in Nuancen, die gewisse vorher ungehörte Details herausschälen, das Gesamtbild etwas kompakter, aber nicht unbedingt besser machen). Eine audiophile Offenbarung ist das Album durch den Remix nicht geworden. Nun ja, ich kann verstehen, dass die Band nochmals Hand anlegen wollte – das liegt wohl in der Natur der Sache. Aber nötig war das nicht unbedingt.

Das als 2CD Digipak, digitales Album sowie Gatefold 2LP Vinyl erhältliche Paket ist natürlich auch in der vorliegenden Variante ein absolutes Sahnestück, und wer das Album noch nicht besitzt macht natürlich absolut nichts falsch wenn er zu der Neuauflage, anstatt zu der original Version greift. Wer das Teil berets im Schrank hat, sollte sich aber ein paar Hörproben anhören um abzuschätzen, ob der neue Klang und die Bonustracks das Geld wert sind. Gutes Re-Release, aber nicht spektakulär.

WERTUNG: (keine Wertung)

Trackliste:

01. Used
02. In the Flesh
03. Ashes
04. Morning on Earth
05. Idioglossia
06. Her Voices
07. Dedication
08. King of Loss
09. Reconciliation
10. Song for the Innocent
11. Falling
12. The Perfect Elemen
13. Epilogue (Bonus Track)

Bonus CD:

01. Used (Live 2018)
02. Ashes (Live 2017)
03. Falling (Live 2018)
04. The Perfect Element (Live 2018)
05. Her Voices (and only that)
06. Absolute Kromata
07. Ashes [your language here]

Mario

FOREIGN – The Symphony Of The Wandering Jew Part II

Band: Foreign
Album: The Symphony Of The Wandering Jew Part II
Spielzeit: 72:52 min
Stilrichtung: Progressive-Rock/Metal-Oper
Plattenfirma: Pride & Joy Music
Veröffentlichung: 04.12.2020
Homepage: www.facebook.com/foreignrockoperafrance

Es ist menschlich schon nachvollziehbar: Da schleppst du dich mit deinem Kreuz den Berg zu deiner eigenen Hinrichtung hoch, fragst irgendwen am Straßenrand nach was zu trinken und kriegst leider nichts. Verhältnismäßigkeit hin oder her: Auch als Jesus verliert man in so einer Situation manchmal die Nerven und belegt den verdammten Wasser-Verweigerer dann eben mit einem Unsterblichkeitsfluch. Zweitausend Jahre später erzählt der arme Kerl seine Geschichte dann Ivan Jaquin und der denkt sich “Kann man eigentlich ganz gut in einer Rockoper verarbeiten”. Das wurde 2014 dann realisiert und 2020 geht die Geschichte weiter, überbracht von einer illustren Truppe: Leo Margarit (PAIN OF SALVATION) an den Drums, Mike LePond (SYMPHONY X) am Bass, Zak Stevens (SAVATAGE, TSO), Andy Kuntz (VANDEN PLAS), Tom Englund (EVERGREY) und Amanda Lehmann (STEVE HACKETT BAND) am Mic. Dazu ein Chor und weitere Musiker mit teils eher ungewöhnlichen Instrumenten, Keyboards, eine Produktion von Markus Teske (VANDEN PLAS, MOB RULES) und wir sind uns einig, dass wir über die interpretatorische und klangliche Qualität keine weiteren Worte mehr verlieren müssen. Daher schnell zur Musik:
“The Symphony Of The Wandering Jew Part II” ist über weite Teile eine gelungene Mischung aus Progressive Rock, Progressive Metal und Symphonic Metal. Die symphonischen Elemente sind dabei verhältnismäßig unbombastisch, was der Geschichte des Konzeptalbums aber durchaus zugute kommt, da die Musik somit (abseits der Metalkomponente) näher an der Realität des Albums liegt und es nicht zu einer Hollywooderzählung der besagten Story verkommen lässt. Die Orchesterinstrumente klingen gut, leiden nur selten unter fehlendem Hall. Und sie sind durchaus präsent, zusammen mit den anderen Metal-fremden Instrumenten. Tatsächlich schafft man es ab Track 3, dem “Bard’s Song”igen “Mariner Of All Seas”, dem Hörer über 13 Minuten ohne eine E-Gitarre, Drumset und Bass zuzumuten oder zu gewähren, das ist Ansichtssache. Musikalisch ist dies durchaus dem Storytelling zuzuschreiben, das eben nicht nur auf textlicher Ebene geschieht. Die Platte vollzieht einen Wandel, von nah-östlichen Klängen hin zu westlich-progressiverem Stil, was einen Einzug von Synthesizern und eine durchaus offensive Änderung des Stils ab “Mysteries To Come” bedeutet. In seiner Erzählweise und somit auch in seiner besten Hörweise erinnert “TSOTWJPII” an die neusten ELOY-Veröffentlichungen, auch wenn es musikalisch natürlich in eine andere Richtung geht: Das Album versucht nicht, Ohrwürmer zu produzieren, obgleich es absolut melodieorientiert ist. Als selbsternannte Rock/Metal-Oper muss es das aber auch nicht unbedingt, beschränkt sich doch auch bei normalen Opern der Ohrwurmanteil generell auf einen kleineren Teil des Gesamtwerks (außer natürlich “Carmen”). Stattdessen fließt das Ding über mehr als 70 Minuten seelen- und ohrenschmeichelnd über den entspannten Hörer hinweg, mit vertretbaren Kitschmomenten aber auch einer erstaunlichen Kurzweiligkeit, die durch vielseitige und auch in Bezug auf das Gesamte zuende gedachte Kompositionen und starke Leistung der Instrumental- und Gesangsfraktion zustande kommt. An dieser Stelle muss ich allen, die Schilderung der Erlebnisse des Wanderjuden interessant finden, übrigens den Film “The Man From Earth” empfehlen, der thematisch in eine nicht unähnliche Richtung geht und sehr großartig ist.

Fazit:
Anspieltipps lassen wir mal weg. Wer “TSOTWJPII” eine Chance geben sollte (und das sollte jeder, der Orchester, Einsatz von Instrumenten unterschiedlicher Kulturkreise, natürlichen Sound und schön geschriebene Konzeptalben mag – präsentiert von einer ziemlichen Supergroup), beginnt am Anfang und schaut, ob es zündet. Und vermutlich tut es das, denn der Release ist ziemlich genau das Richtige, um sich in dieser kalten Scheißzeit ein bisschen Wärme ins Herz spielen zu lassen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Yerushalim
02. Rise 1187
03. Mariner Of All Seas
04. Holy Lands
05. Eternity Part III
06. Running Time
07. The Fountain
08. Mysteries To Come
09. Secrets Of Art
10. Symphonic Caress
11. Eternity Part IV
12. Revolutions
13. Witness Of Changes

Jannis

DREAM THEATER – Distant Memories – Live In London

Band: Dream Theater
Album: Distant Memories – Live In London
Spielzeit: 149:50 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: Inside/Out Music
Veröffentlichung: 27.11.2020
Homepage: http://dreamtheater.net

Ziemlich genau 20 Jahre nach Veröffentlichung ihres Magnum Opus „Metropolis Pt. 2: Scenes from a Memory“ haben DREAM THEATER einen der Auftritte ihrer „The Distance Over Time Tour: Celebrating 20 Years of Scenes From a Memory“ (im Zuge derer die Jungs Abends für Abend das Album in voller Länge aufgeführt haben) im Londoner Eventim Apollo Theater mitgeschnitten.  Als Fan mag man sich nun natürlich wundern warum das denn Not tut, immerhin gab es mit der 2000er 3fach Scheibe „Live Scenes from New York“ bereits eine ziemlich ähnlich gelagerte Veröffentlichung zu bestaunen. Nun, nach mehrfacher Einfuhr der vorliegenden Platte kann ich zu Protokoll geben, dass es in der Tat ein paar handfeste Argumente für eine neuerliche Auflage des Experiments gibt.

Wie schon bei besagter Live Scheibe aus dem Jahr 2000 werden die Songs der „Scenes from a Memory“ Platte von diversen Highlights der Schaffensphase der Band flankiert: Neben 4 Songs der letzten, starken Scheibe „Distance over Time“, sind noch das blitzsauber vorgetragene „A Nightmare to Remember“ sowie der „Systematic Chaos“ Kracher „In the Presence of Enemies – Part 1“ zu bestaunen. Sowohl beim Bühnenbild als auch vom Klang ist eine gewisse unterkühlte Atmosphäre auszumachen, was natürlich auch daran liegt, dass DREAM THEATER ihren Stiefel, nicht zuletzt dank des Drumstils von Mike Mangini, so steril clean runterzocken, dass man sich schon ab und an verwundert die Augen reiben muss ob das alles so sein kann. Was weiterhin auffällt (neben der Tatsche, dass James Labrie, der seinen Job tadellos erledigt, mittlerweile ausschaut wie der kleine Bruder von Dani Filth): die Jungs greifen in Ihrem Bestreben dem Publikum ein so perfekt wie mögliches Erlebnis zu spendieren wohl auch gehörig in die Trick-Kiste um die Backingvocals zu unterstützen. Das ist jedenfalls nie und nimmer der gute Herr Petrucci, der die tadellos sitzenden Chöre beisteuert. Aber, ganz ehrlich, das ist mir dann doch tausendmal lieber als die üblichen, hemdsärmeligen Stimmbeiträge von Petrucci und Portnoy aus der Vergangenheit (man höre sich als Vergleich die gruseligen Backings auf der Live-Scheibe „Live Scenes from New York“ an). Das war noch nie die Stärke der Band und sei ihnen erziehen. Kernstück der vorliegenden Live-Dokumentation ist natürlich die Aufführung des „Scenes from a Memory“-Konzeptalbums, und hier liefern DREAM THEATER erwartungsgemäß fehlerlos ab. Es ist auch nach all den vielen Jahren, die die Truppe nun schon im Geschäft ist, unfassbar wie traumwandlerisch selbst die abstrusesten Kapriolen mit einem Lächeln vorgetragen werden. Und da es auf diesem Studio-Meilenstein wirklich keine langweilige Minute, keine überflüssige Note zu finden gibt und jeder einzenen Song ein Juwel im an Highlights nicht gerade armen Kanon der Prog-Metal Pioniere ist, kann bei einer Live-Auffühung dieser Jahrhundertscheibe natürlich nichts schiefgehen. Inhaltlich und vom musikalischen Vortrag ist das hier zu bestaunende Konzert also (erwartungsgemäß) allererste Sahne.

Ob man also eine zweite Live-Version des „Scenes from a Memory“ Spektakels benötigt, muss natürlich jeder für sich selber entscheiden. Der Die-hard DREAM THEATER Fan hat das Teil wahrscheinlich eh schon vorbestellt und alle diejenigen, die die 2000er Version noch nicht ihr Eigen nennen, sollen zumindest mal ein Ohr riskieren. Mir persönlich gefällt das Videomaterial ausgesprochen gut (schön ruhiger Schnitt, spärliches, aber stimmungsvolles Bühnenbild), der fantastische Soundmix lässt unterm Kopfhörer echtes, räumliches Konzertsaal-Feeling aufkommen (und unterscheidet sich diametral von dem rumpeligen Kevin Shirley Mix vergangener Tage) und die musikalische Darbietung, auch wenn sie weniger charmant ist, insgesamt noch einen Tacken besser als die 20 Jahre alte Fassung. So gibt es unterm Strich also genügend grundlegende Unterschiede zu „Live Scenes from New York“ um (das in jeder erdenklichen Fassung erhältliche) „Distant Memories – Live In London“ dringend zum persönlichen Antesten zu empfehlen. Starkes Rundum-Glücklich Paket für jeden DREAM THEATER Fan also und das Passende für den Weihnachtsbaum.

WERTUNG: (keine Wertung)

Trackliste:

CD1:

01. Untethered Angel
02. A Nightmare to Remember
03. Fall Into the Light
04. Barstool Warrior
05. In the Presence of Enemies – Part
06. Pale Blue Dot

CD2:

01. Scenes Live Intro
02. Scene One: Regression
03. Scene Two: I. Overture 1928
04. Scene Two: II. Strange Déjà Vu
05. Scene Three: I. Through My Words
06. Scene Three: II. Fatal Tragedy
07. Scene Four: Beyond This Life
08. Scene Five: Through Her Eyes

CD3:

01. Scene Six: Home
02. Scene Seven: I. The Dance of Eternity
03. Scene Seven: II. One Last Time
04. Scene Eight: The Spirit Carries On
05. Scene Nine: Finally Free
06. At Wit’s End
07. Paralyzed (Bonus Track)

DVD1/BluRay1:

01. Atlas (Intro)
02. Untethered Angel
03. A Nightmare to Remember
04. Fall Into the Light
05. Barstool Warrior
06. In the Presence of Enemies – Part 1
07. Pale Blue Dot

DVD2/BluRay2:

01. Scenes Live Intro
02. Scene One: Regression
03. Scene Two: I. Overture 1928
04. Scene Two: II. Strange Déjà Vu
05. Scene Three: I. Through My Words
06. Scene Three: II. Fatal Tragedy
07. Scene Four: Beyond This Life
08. Scene Five: Through Her Eyes
09. Scene Six: Home
10. Scene Seven: I. The Dance of Eternity
11. Scene Seven: II. One Last Time
12. Scene Eight: The Spirit Carries
13. Scene Nine: Finally Free
14. At Wit’s End
15. Paralyzed (Bonus Track)
16. Behind The Scenes

Mario