VICINITY – VIII

Trackliste:

01. Promised Paradise
02. Distance
03. Purpose
04. Confusion Reactor
05. The Singularity
06. Shape Of Life
07. DKE
08. Face The Rain

 

 

Spielzeit: 63:01 min – Genre: Progressive Metal – Label: Uprising Records – VÖ: 08.03.2024 – Page: www.facebook.com/vicinityband

 

Man muss sich ja wirklich fragen, wie die Köpfe von Progressive-Metal-Musikern funktionieren, die alle paar Takte die Taktart wechseln, Zehn-Minuten-Songs rausbringen, die aus zehn unterschiedlichen Parts bestehen, und das dann noch live spielen können. VICINITY sind eine dieser Bands. Die Norweger gibt es seit 2006, jetzt steht mit „VIII“ ihr – Ihr erratet es nicht – drittes Album in den Startlöchern, und ab Minute eins ist klar: Da beherrscht jemand sein Handwerk.
„VIII“ ist gut produzierter Progressive Metal der (nicht zu) aktuellen Schule aus dem Lehrbuch. Schöne klare Vocals von Erling Malm, unnachvollziehbare Taktarbeit, edle und oftmals toll klassische Synthesizersounds, denen man angemessen Raum gibt. Dazu kommt eine Instrumentalfraktion, die aus Vollprofis besteht, Songs zwischen fünf und 13 Minuten und eine Gesamtlänge von knapp über 60 Minuten. Kompositorisch gibt es eine gute Mischung aus den „härteren“ Parts, die man von Alben von Bands wie THRESHOLD so erwartet, und ruhigeren Momenten, getragene Melodien mit Prototyp-Prog-Harmoniewendungen und eine angenehme Menge an positiv-durigeren Parts.
Kurz: „VIII“ macht handwerklich absolut gar nichts falsch und veranlasst zu beeindruckter Anerkennung.
Ein negativer Beigeschmack lässt sich dennoch nicht vermeiden. Die Platte ist eine von denen, deren höchstes der Gefühle technisch anspruchsvolles Abgehen ist, und darauf will dann auch jeder Song hinaus. Bestes Beispiel: „Shape Of Life“. Sehr schöne Ballade mit ordentlich Klavier, ruhig, emotional, und dann gibt man dem Drummer dreihundertachtundzwanzig Espressi und lässt ihn seinen Part aufnehmen. Und damit ist der balladige Charakter, der den Track von den anderen abgehoben hätte, dann eben auch dahin (was in der zweiten Hälfte eh der Fall ist, wenn die Balladigkeit dann verworfen wird). VICINITY lassen sich kaum Zeit, wirkliche Atmosphäre zu erschaffen, dabei darf gerade bei einem Progalbum mit überdurchschnittlich langen Songs ein Part abseits von Schema F auch gerne mal zwei, drei Minuten dauern.
Damit fehlt den Songs auf dem Album ein wenig ihre eigene Identität, da sie sich durchweg in die gleiche Richtung bewegen und ihre besonderen Parts durch eine „keine Sorge, gleich geht’s wieder ab“-Mentalität neutralisieren.
Schlecht ist „VIII“ damit keineswegs, dafür steckt zu viel gut eingesetztes Talent hinter der ganzen Sache, dafür fühlt es sich viel zu rund an. Aber während andere Progressive-Metal-Alben eine spannende Reise voller Überraschungen sind, ist „VIII“ eher die Autobahn, die in drei coolen Mustern angemalt wurde, die sich alle 1000 Meter abwechseln: Es macht Spaß, darauf zu fahren, aber man weiß halt auch genau, wie die Reise weitergehen wird.

Fazit:
Handwerklich top und nach allen Regeln der Kunst hat „VIII“ nicht ganz den Mut, seinen Songs eigenständigen Charakter zu geben. Für Fans von technisch ausgefeiltem melodischen Progressive Metal gibt es nichtsdestotrotz einiges zu hören, und eine Chance darf man der Platte gefahrlos geben!

Anspieltipps:
„Confusion Reactor“, „Promised Paradise“ und „Purpose“

Jannis

CALIGULA’S HORSE – Charcoal Grace

Trackliste:

01. The World Breathes With Me
02. Golem
03. Charcoal Grace I: Prey
04. Charcoal Grace II: A World Without
05. Charcoal Grace III: Vigil
06. Charcoal Grace IV: Give Me Hell
07. Sails
08. The Stormchaser
09. Mute

 

 

Spielzeit: 62:02 min – Genre: Progressive Metal – Label: InsideOutMusic – VÖ: 26.01.24 – Page: www.facebook.com/caligulashorseband

 

CALIGULA’S HORSE sind eine der Bands, die ich irgendwann mal sehr gerne gehört habe, dann aber irgendwie aus den Augen verlor Grund genug, die Chance für den Wiedereinstieg zu nutzen und die Rezension ihres neusten Albums „Charcoal Grace“ zu übernehmen. Und jetzt? Jetzt hör ich sie wieder sehr gerne.
Man kennt die Band für ihren nicht allzu harten und sehr melodieorientierten Progressive Metal, der nicht selten auf softe, geradezu zarte Parts zurückgreift und dabei äußerst schön ist. Ein paar elektronische und orchestrale Elemente dazu, noch etwas Klavier, Songs mit guter Länge (Sieben Minuten sind auch hier wieder der Durchschnitt) und eine hervorragende Leistung aller Beteiligten. Nicht zuletzt liegt der Fokus der Musik von CALIGULA’S HORSE eher auf der Erzeugung von Atmosphäre als auf der Demonstration von musikalisch-technischem Knowhow, sodass man auch ohne einen Abschluss in Musikwissenschaft Freude an ihren Platten haben kann.
Und all das ist der Fall auf „Charcoal Grace“. „The World Breathes With Me“ startet mit beachtlichen und kurzweiligen zehn Minuten Spieldauer, nimmt sich die ersten anderthalb davon Zeit für einen atmosphärischen Einstieg und gibt angemessen Gelegenheit, sich emotional ins Album einzufinden. „Golem“ darf anschließend noch etwas mehr zur Sache gehen und „I Prey“ ist mit seinem ruhigen elektronischen Intro, der HAKENigen Feierlichkeit, der ganz ruhigen Strophe und dem Klavier und den miesen Bassdrones ein klarer Favorit.
„III Vigil“ bleibt subtil, aber intensiv, bevor mit „IV Give Me Hell“ fast durchgängig ein gutes Drucklevel bietet. Nicht wirklich aus der Reihe fällt „The Stormchaser“, der mit seiner merkwürdigen Groove-Art aber dennoch ein kleines ungewöhnliches Highlight darstellt.
Viel Ruhe, einiges an Druck, viel Melodie, Emotion und Dichte, mit sehr schönen Kompositionen. Das erwartet man von CALIGULA’S HORSE und das bekommt man auf „Charcoal Grace“ in sauberer Produktion.
Einziger Kritikpunkt sind wohl die kleinen Bassdrops, die an sich echt cool sind, auf der Platte aber echt etwas inflationär auftreten und damit ihren Reiz verlieren und zeitweise ein wenig nerven. Was jetzt zugegebenermaßen auch kein großes Drama ist.

Fazit:
Wer CALIGULAS HORSE bereits kennt, kann „Charcoal Grace“ blind kaufen. Wer auf melodieorientierten Progressive Metal in hoher Qualität steht, der sich mit ruhigen Parts nicht zurückhält und einen einfach eine Stunde vor den Lautsprechern paralysiert, ebenso. Und wer das noch nicht tut, der könnte das Ding ja mal als Einstiegsdroge in Betracht ziehen!

Anspieltipps:
„I Prey“, „The World Breathes With Me“, „The Stormchaser“ und „III Vigil“

Jannis

NOTURNALL – COSMIC REDEMPTION

Trackliste:

01. Try Harder
02. Reset The Game
03. Lie To You
04. Shallow Grave
05. Shadows (Walking Through)
06. Cosmic Redemption
07. Scream! For!! Me!!!
08. O Tempo Não Para
09. Take Control
10. The Great Filter
11. Never Again (Bonus Track)
12. (Shallow Grave (Radio Edit, Bonus Track)

Spielzeit: 72:07 min – Genre: Alternative Progressive Metal – Label: Saol Records – VÖ: 24.11.2023 – Page: www.facebook.com/noturnallband

 

 

NOTURNALL scheinen gerade einen gewissen Run zu haben. Die Brasilianer sind mit PAUL DI’ANNO auf Europa-Tour, haben mit „Cosmic Redemption“ ein neues Album veröffentlicht und darauf Support von Leuten wie Mike Portnoy und Michael Romeo bekommen.
Seit 2014 gibt es die Truppe, die musikalisch irgendwo zwischen Progressive, Heavy und Power Metal angesiedelt ist, erst, dafür ist das alles mehr als ordentlich, gerade bei einem weniger Metal-bekannten Herkunftsland.
Wie sich das für Progressive Metal gehört, ist „Cosmic Redemption“ auch ohne den Bonus-Single-Edit-Track über eine Stunde lang und geht vor allem eines: gut ab. Der Sound der Band ist durchaus hart, Klargesang (in rau) ist die Norm, aber unklare Vocals kommen auch immer mal wieder vor, die Synthesizer sind selbstbewusst unkitschig und die gelegentlichen Chor- und Orchesterelemente ebenso. Und dazu hat die Platte eine Menge deftiges Geknüppel und mies-harte Parts zu bieten, ohne dabei ihren melodischen Grundspirit in den Hintergrund geraten zu lassen. Viel Uptempo ist auch zu finden – tatsächlich zu viel, wenn man den Blick auf die Soloparts lenkt. Als würde man sich fürchten, von wem auch immer nicht ernstgenommen zu werden, wenn man nicht selbst im Mittelteil eines eigentlich emotionaleren Midtempo-Tracks der Marke „Shallow Grave“ noch demonstrieren würde, dass man ganz schnell shredden und drummen kann. Ja, das passiert in viel zu vielen der Songs, und Geschwindigkeit um ihrer selbst willen ist halt nicht alles.
Aber immerhin: Sie können das, und zwar sehr gut. „Cosmic Redemption“ ist Virtuosität aller Beteiligten, die Band an sich macht einen hervorragenden Job. Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn bei den Melodien einige nicht herausragen und nicht allzu einprägsam ausfallen.
Schwieriger sind aber Aspekte der Produktion. Die bösen unteren Mitten beim Opener in der Rhythmusgitarre, die zischenden Frequenzen in den Vocals zu „Shadows“ oder das Rauschen hinter dem sonst echt coolen „Scream! For!! Me!!!“ sind einige Beispiele für Probleme, die nicht sein müssten, und die man mit etwas mehr Mixing/Mastering in den Griff bekommen hätte.

Fazit:
Häufig aggro, gerne schnell, sauber gespielt und gesungen. Dazu ein paar Störfaktoren. Wenn man über die hinwegsehen kann und ein Freund hoher Geschwindigkeiten ist, dann könnte man „Cosmic Redemption“ auf jeden Fall mal eine Chance geben. Und als Zielgruppen-Vertreter für harte melodische Virtuosität auch.

Anspieltipps:
„Shallow Grave“, „Scream! For!! Me!!!“, „The Great Filter“ und „Never Again“

Jannis

IMMORTAL GUARDIAN – Unite And Conquer

Trackliste:

01. Ozona
02. Echoes
03. Roots Run Deep
04. Perfect Person
05. Divided We Fall
06. Lost In The Darkness
07. Southern Rain
08. Unite And Conquer
09. Un Dia A La Vez
10. Rise Of The Phoenix

 

Spielzeit: 48:26 min – Genre: Modern Progressive Metal – Label: Massacre Records – VÖ: 01.12.2023 – Page: www.facebook.cin/igmetal (mit einem l)

 

Erzählungen mit „Ich weiß noch, wie“ zu beginnen ist unoriginell daher an dieser Stelle einfach mal so: Ich weiß nicht mehr, wie ich die letzte IMMORTAL GUARDIAN rezensiert habe. Ich hab mich vor ein paar Tagen vom Chef dazu verleiten lassen, das dritte Album der Band zu reviewen und beim Abspeichern des Dokuments erst bemerkt, dass ich ihre Musik schonmal auf den Ohren hatte. Muss ein handwerklich starkes Album mit etwas fehlender individueller Handschrift gewesen sein. Okay. Gibt’s halt auch einige von.
„Unite And Conquer“ ist keines davon. „Unite And Conquer“ ist das dritte Album der Amis, und fehlende individuelle Handschrift kann man ihm nun wirklich nicht unterstellen. Die Platte ist insgesamt Progressive Metal, der Elemente aus Power, Heavy und Modern Metal nimmt, ordentlich Geshredde integriert, alles in einen großen Sack füllt, zehnmal draufhaut und dann noch kräftig schüttelt. Die englische Wendung „all over the place“ (schlecht übersetzt „eskalativ durcheinander chaotisch“) beschreibt das Ding wohl am besten – im positiven Sinne wohlgemerkt. „Unite And Conquer“ ist nicht progressiv, weil IMMORTAL GUARDIAN wissen, wie man einen 13/47-Takt spielt und das ständig raushängen lassen müssen, sondern weil sie in der Struktur ihrer Songs und in der Komposition der einzelnen Parts auf Konventionen müde lächelnd herunterblicken, wenn gerade was Unkonventionelles eigentlich viel geiler wäre. Nicht auf eine Weise, die im Stil von beispielsweise IGORRR einfach Avantgarde-bescheuert wäre, sondern auf eine Weise, in der man jede Minute der Platte als seriösen Metal ernstnehmen, vielen von ihnen aber schon einen kreativen Umgang mit den einzelnen Elementen von Metal unterstellen kann. Wenn es Power-Metal-Zeit ist, beispielsweise bei „Rise Of The Phoenix“ oder „Unite And Conquer“, dann ist der Song das auch aus vollem Herzen, mit starken Melodien, viel Druck – aber eben auch der ein oder anderen überraschenden wie spaßigen Entscheidung. Entweder, da hat sich seit dem letzten Album echt was getan, oder ich hab den Vorgänger einfach falsch gehört.
Wichtig natürlich auch, dass all das von guten Musikern umgesetzt wird. Was es auch wird, sogar noch mit Ralf Scheepers (PRIMAL FEAR) und VICKY PSARAKIS (The Agonist) in Featureparts. Klangtechnisch ist „Unite And Conquer“ auch stabil, das Cover sieht nice aus. Ich hab so das Gefühl, ich werde zum Release von IMMORTAL-GUARDIAN-Album #4 nicht vergessen haben, dass ich die Band schonmal besprochen habe,

Fazit:
Was soll man sagen: Normal ist das alles nicht, aber wer will schon normal? Gerade im Progressive Metal will ich von einer Albumkomposition in irgendeiner Hinsicht unterhalten und zum Staunen gebracht werden. Und das hat „Unite And Conquer souverän geschafft, mit weit mehr als nur einem guten „Geil, das machen sie doch jetzt nicht echt“-Lacher. Erschreckend frei an kritisierenswerten Macken. Böse, Gänsehaut, Spaß. Keyboardsolo!

Anspieltipps:
„Ozona“, „Roots Run Deep“, „Lost In The Darkness“, „Unite And Conquer“ und „Rise Of The Phoenix“

Jannis

ELDRITCH – Innervoid

Trackliste:

01. Innervoid (Intro)
02. Handful Of Sand (Right Or Wrong)
03. Born On Cold Ash
04. Elegy Of Lust
05. To The End
06. Wings Of Emptiness
07. From The Scars
08. Lost Days Of Winter
09. Black Bedlam
10. Forgotten Disciple

 

Spielzeit: 50:14 min – Genre: Progressive Metal – Label: Scarlet Records – VÖ: 17.11.2023 – Page: www.facebook.com/Eldritchband

 

Es gibt ein altes Sprichwort, das da besagt: Wenn ein schlechtes Album über Scarlet Records das Licht der Welt erblickt, dann ist es nicht schlecht, dann hast Du es nur nicht verstanden. (Nicht bezahlte Meinung des Redakteurs). Und so kann man sich Outputs des Labels mit dem Gefühl von Sicherheit widmen, dass man auf jeden Fall beim Anhören keine schlechte Zeit haben wird.
Jetzt hamse die Neue von ELDRITCH rausgebracht und Überraschung – ist nicht schlecht. ELDRITCH kommen aus Italien und haben es mit Musik, mit der andere Bands auf hunderttausende Likes auf Seiten wie Facebook kommen, in 32 Jahren Bandgeschichte auf 6500 gebracht. Das ist schade und unangemessen. „Innervoid“ ist das 13. Album der Truppe, mit Alex Jarusso als neuem Frontmann, der sowohl mit klaren als auch mit rauen Vocals absolut überzeugen kann.
Ist auch besser so, schließlich machen ELDRITCH ziemlich technischen melodischen Progressive Metal, und der Rest der Band hat erwartungsgemäß daher eh gut was auf dem Kasten. So fügt sich der Gesang bestens in den Gesamtsound ein, alle sind glücklich.
Korrekt klingen tut das Ganze auch, manchmal auf der Schwelle zu überladen, aber das hat bei den intensiven, oft dramatisch-emotionalen Melodien auch seine Berechtigung. Elektronik ist in stabilem Maße vorhanden. Synthesizer sind schon ein fester Bestandteil des Sounds von „Innervoid“, dazu ab und an mal ein paar kleine elektronische Drums oder dergleichen. Aber keine Sorge, der Metal geht darin nicht unter, dafür ist die Band in ihrem Klang auch einfach zu heavy.
Stimmungstechnisch machen ELDRITCH hauptsächlich technisch-heavy-maschinell oder fett-groß-intensiv-emotional. Zwischendurch ein paar ruhige Parts, viel Spaß mit unterschiedlichen Taktarten, poweriges Feeling in so manchen Refrains und on-point-durchkalkulierte Instrumentalarbeit. Das ist alles soweit absolut souverän, wobei man doch ein, zwei Songs mehr in der Art von „Forgotten Disciple“ hätte anbieten dürfen. Der Song arbeitet mit dem Stilmittel der Stumpfheit, wie kein anderer auf „Innervoid“, was aber in Zusammenklang mit den darin enthaltenen Prog-Elementen wirklich Spaß macht. Und wie so häufig bei Tech-Prog-Metal-Bands hat man auch bei ELDRITCH immer mal wieder die ein oder andere Melodie, bei der man sich im Proberaum gedacht zu haben schien „Komm, wir haben hier so ein geiles Arrangement und einen 7er-Takt mit Keyboards – da sollte es reichen, wenn wir so eine Melodie nehmen“. Das ist natürlich immer ein bisschen schade, ist aber ein schwacher Kritikpunkt angesichts eines technisch, handwerklich und musikalisch absolut sauberen Albums!

Fazit:
Härte, Emotion, musiktheoretisches Wissen, Sinn für fette Arrangements und modernes Songwriting, alles auf hohem Niveau – das ist „Innervoid“, und es klingt, als seien die Bandmitglieder 32 Jahre alt, aber niemals die Band. Entschuldigung, das klingt vielleicht taktlos, ist es aber eigentlich nicht. Progressiv, oder?

Anspieltipps:
„Born On Cold Ash“, „Forgotten Disciple“, „Lost Days Of Winter“ und „Wings Of Emptiness“

Jannis

ANGRA – Cycles Of Pain

Trackliste:

01. Cyclus Doloris
02. Ride Into The Storm
03. Dead Man On Display
04. Tide Of Changes – Part I
05. Tide Of Changes – Part II
06. Vida Seca
07. Gods Of The World
08. Cycles Of Pain
09. Faithless Sanctuary
10. Here In The Now
11. Generation Warriors
12. Tears Of Blood

Spielzeit: 58:34 min – Genre: Progressive Metal – Label: Atomic Fire Records – VÖ: 03.11.2023 – Page: www.facebook.com/angraofficialpage

 

Ist auch schon wieder fünf Jahre her, dass man ein neues Studioalbum von ANGRA in Händen halten durfte. Nun, das Warten ist vorbei, „Cycles Of Pain“ ist da, das zehnte Album in der 30-jährigen Karriere der Brasilianer. Wobei man Sänger Fabio Lione (RHAPSODY und so) nicht unbedingt als solchen bezeichnen kann.
Knappe Stunde Spieldauer, guter Sound, nur ein Song unter fünf Minuten, wie sich das für Progressive Metal gehört.
Apropos Progressive: Ist die Platte auf jeden Fall, aber in einem gesunden Rahmen. Man traut sich viel 4/4tel-Takt und bleibt allgemein zugänglich für normalsterbliche Hörer, hält es aber auch nicht zu einfach. Die Produktionsqualität ist hoch (schon das sakrale Intro ist klanglich wie kompositorisch sehr authentisch), soweit stimmt schonmal alles.
Tatsächlich hat man sich jedoch entschieden, zwei der weniger interessanten Tracks an den Anfang zu setzen. „Ride Into The Storm“ beginnt, macht sein Ding und endet, ohne große Höhepunkte und ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. „Dead Man On Display“ bietet nicht wesentlich mehr, aber: Danach geht’s steil aufwärts und so gestaltet sich der erste Hördurchgang als Vielzahl von positiven Überraschungen nach einem schwächeren Beginn. Sei es der zündende Drei-Ton-Chorus von „Gods Of The World“, der positive Grundvibe bei Songs wie „Faithless Sanctuary“ und „Here In The Now“, der schöne Einsatz von Percussion bei „Vida Seca“ und so weiter: „Cycles Of Pain“ hat eine Vielzahl von tollen Momenten zu bieten, und nach Track 3 auch soweit keine Lückenfüller mehr. Lediglich bei „Tears Of Blood“ könnte man sich darüber beschweren, dass die wunderbare Gruselfilm-Musical-Atmosphäre vom Anfang für eine schmalzige Duettnummer aufgegeben wird, aber man kann auch nicht alles haben, nicht wahr?
Handwerklich ist die ganze Sache eh optimal, Fabio liefert eine gewohnt starke Leistung und auch der Rest der Truppe kann sich in Sachen Erfahrung und Skill absolut sehen lassen. Was insgesamt letztendlich bedeutet:

Fazit:
„Cycles Of Pain“ mag einen durchwachsenen Einstieg haben (aber macht Euch selbst ein Bild, gibt ja bestimmt Gründe, warum man „Ride Into The Storm“ zur Hauptsingle auserkoren hat), gibt dann aber alles und ist für Freunde des orchestral angereicherten melodischen Prog Metals mit guten Melodien und angemessenem Härtefaktor ein absolut vertrauenswürdiges Ding!

Anspieltipps:
Die „Tide Of Changes“-Songs, „Cycles Of Pain“ und Gods Of The World

Jannis

SKY EMPIRE – The Shifting Tectonic Plates Of Power – Part 1

Trackliste:

01. Prolegomenon: The Encomium Of Creation
02. On The Shores Of Hallowed Heaven
03. The Emissary
04. Into My Father’s Eyes
05. Wayfarer
06. The Last Days Of Planet Fantasy
07. House Of Cards

 

 

Spielzeit: 65:30 min – Genre: Progressive Metal – Label: ViciSolum Productions – VÖ: 27.10.2023 – Page: www.facebook.com/SkyEmpireMusic

 

Jeff Scott Soto ist wohl jemand, den viele Metal/Rock-Bands gerne als Sänger hätten. Dass er nun bei SKY EMPIRE hinter dem Mic steht, hat jedoch traurige Gründe – genauer gesagt den tragischen Tod von Sänger Yordan Ivanov kurz nach der Veröffentlichung des Debutalbums der Briten.
Der hat das Quartett/Quintett jedoch nicht aufgeben lassen, und nun ist man wieder zurück mit „The Shifting Tectonic Plates of Power – Part One“. Sieben Songs, über 60 Minuten Spieldauer, wie sich das für eine Prog-Rock/Metal-Band gehört. Musikalisch bewegt man sich auf denen irgendwo zwischen DREAM THEATER, HAKEN und klassischen Rock-Größen und hat die Platte gleich mal in den Abbey Road Studios mastern lassen.
Unerwarteterweise ist der Sound des Albums dennoch einer der Hautkritikpunkte, die sich vorbringen lassen. Der Klang fällt eher kraftlos aus, das Drumset ist gewöhnungsbedürftig. Die mächtigen orchestral unterlegten Parts sollten soundtechnisch mächtiger sein, als es die Produktion zulässt, und das Orchester klingt gerade in den Streichern doch eher computerig. Auch aus dem Vocals von Jeff hätte man einiges mehr herausholen können, das Ding wirkt klanglich einfach nicht wirklich rund.
Musikalisch ist „TSTPOP – P1“ in den nicht-instrumentalen Songs (das sind fünf von sieben) am besten. Gerade im 16-Minüter „House Of Cards“ mit seinem langsamen Aufbau und der Zeit, die er sich für einzelne Parts nimmt, kommt das Potenzial von SKY EMPIRE voll zur Geltung, ebenso im Zehnminüter „Wayfarer“. Damit beinhaltet das Album wesentlich mehr Seele und Gefühl für Atmosphäre und Hörkomfort als nach „Prolegomenon“ angenommen. Der Opener ist auch locker 15 Minuten lang, rein instrumental, und auf spielerischer und musiktheoretischer Ebene beeindruckend, aber in sich vielmehr Skill-Demonstration als funktionaler Einstieg in das Album und das, was es zu bieten hat.
Aber gut, nach dem Opener wird es besser, gerade die ruhigen Teile der Songs sind immer wieder mal wirklich schön und der Spagat zwischen Technik und Feeling soweit gut getroffen.
Wenn die klassischen Prog-Gesangsmelodien kommen, haben sie diesen positiv-nachdenklichen Spirit, den man gerne von ihnen haben möchte, so einige fettere Parts zünden ebenfalls und ganz ohne Zweifel wissen SKY EMPIRE genau, was sie da tun. Die großen Melodien, die Prog Rock/Metal dieser Art aber ebenso ausmachen, wie die technische Finesse, bleiben eher aus, wobei sie sich in „Wayfarer“ und „House Of Cards“ durchaus finden lassen.

Fazit:
Ein Opener, der das Album misrepräsentiert, ein eher unausgereifter Sound und eine etwas fehlgelagerte Technik/Melodie-Priorisierung trüben das Bild eines ansonsten schönen Prog-Albums mit guten Musikern und gutem Genre-Gespür. Für den Fan „smarter“ Musik lohnt sich ein Reinhören nichtsdestotrotz.

Jannis

COURSE OF FATE – Somnium

Trackliste:

01. Prelude
02. Morpheus‘ Dream
03. Wintersong
04. Blindside
05. Rememberance
06. Vile At Heart
07. Valkyries
08. Echoes
09. …Of Ruins

 

 

Spielzeit: 42:14 min – Genre: Progressive Metal – Label: ROAR! Rock Of Angels Records – VÖ: 25.08.2023 – Page: www.facebook.com/courseoffate

 

Die Wege des Schicksals sind manchmal seltsam. Da schreibt man in der Uni in Musikwissenschaft eine kleine Arbeit zu einem Lied der obskuren norwegischen Ex-Underground-Black-Metal-Band FIMBULWINTER, kontaktiert dafür einige der Mitglieder über Facebook, behält sie anschließend in der Freundesliste und bekommt dadurch irgendwann mit, dass eines der damaligen Mitglieder, Drummer Per Morten Bergseth, mit einer neuen Band unterwegs ist: COURSE OF FATE, deren letztes Album „Mindweaver“ hier bereits äußerst gut ankam. Und wie könnte es nicht? Ohne die Erwartungen zu hoch schrauben zu wollen, sind COURSE OF FATE irgendwie das, was herauskäme, wenn QUEENSRYCHE aus Norwegen gekommen wären. Das Sextett macht, auch auf ihrem neusten Release „Somnium“, ernsten melodischen Progressive Metal, dessen Progressivität niemals stört oder ablenkt („Haha, hier ist schon wieder eine Taktart, die Euch verwirrt und die Ihr niemals verstehen werdet!“), der hochmelodisch sein darf, ohne kitschig zu sein. Die Art, die ganz ruhige Parts ebenso zulässt, wie dichte aggressive, und die ihre Progressivität weniger aus übertriebener technischer Virtuosität zieht als aus der Fähigkeit, schon auf rein musikalischer Ebene eine Geschichte zu erzählen.
Und Leute, das ist ihnen gelungen. Musikalisches Können ist ebenso unzweifelhaft vorhanden wie produktionstechnisches, die Vocals klingen äußerst cool, die Keys und Klaviersounds sind nicht zu inflationär eingesetzt, aber dafür umso sinnhafter, und das Wechselbad der Gefühle zwischen unterschiedlichen Härtegraden wird jederzeit zusammengehalten von der typischen skandinavischen melancholischen Grundstimmung. Die wird noch einmal verdichtet von kleinen Sounddesign-Elementen, kurzen gesprochenen Parts oder auch einfach mal einem ganz ruhigen instrumentalen Intermezzo.
Der Cheese-Faktor ist bei alldem gleich null, obwohl viele der Melodien doch harmonisch sehr ausgefeilt sind, auch mal die ein oder andere Dur-Wendung mitbringen und nicht selten mal in ein bombastisches Gewand gepackt werden.
Einsamkeit und Unsicherheit sind dominante Themen auf „Somnium“, resultierend ohne Frage auch aus vergangenen Jahren, in denen diese Emotionen für viele wohl präsenter waren denn je. Das ist textlich gut verpackt, aber musikalisch eben auch schon so sehr, dass auch dem Nicht-Englisch-Sprecher die thematische Ausrichtung sehr schnell klar sein ürfte. Und die Melodien, die all das transportieren, sind dazu oftmals wirklich gut – nicht die Standard-Wendungen, aber auch nicht so weit davon entfernt, dass sie befremden würden.

Fazit:
Der eingangs aufgestellte Vergleich mit QUEENSRYCHE lässt sich zurückführen auf die Mischung von Progressivität und Leichtverdaulichkeit, auf die Ernsthaftigkeit von Texten und Kompositionen, das schlaue Songwriting, dass immer wieder die klassischen Schemata überwindet und das hervorgerufene Gefühl, hier hat eine Band auf jeglicher Ebene ihres Albums echt etwas zu sagen. All das sind wertvolle Eigenschaften für ein Album und COURSE OF FATE binden sie zu einer Platte, die nicht nur musikalisch geil ist, sondern auch emotional zu wirken vermag. Was bin ich dankbar, damals über FIMBULWINTER geschrieben zu haben!

Anspieltipps:
„Wintersong“, „Blindside“ und „Vile At Heart“

Jannis

HAKEN – Fauna

Trackliste:

01. Taurus
02. Nightingale
03. The Alphabet Of Me
04. Sempiternal Beings
05. Beneath The White Rainbow
06. Island In The Clouds
07. Lovebite
08. Elephants Never Forget
09. Eyes Of Ebony

 


Spielzeit:
62:11 min – Genre: Progressive Rock/Metal – Label: InsideOut Music – VÖ: 03.03.2023 – Page: www.facebook.com/HakenOfficial

 

Ihr öffnet das Internet ohne Erwartungen und seht mit freudiger Überraschung: Oh, wie schön, eine neue Rock-Garage-Rezension. Das klingt zu gut, um wahr zu sein, wo ist also der HAKEN? Nun, er ist genau in diesem Internet-wieder-schließen-würdigen Wortwitz. Ab jetzt wird’s besser, versprochen.
HAKEN wir zunächst einmal die Rahmeninfos zu HAKENs siebtem Album „Fauna“ ab: neun Songs, jeder mit Bezug zu einem bestimmten Tier (Rätselfreunde finden alle auf dem Prototyp-Prog-Albumcover), eine Stunde Spieldauer, eine Produktion, die nicht klinisch klingt, aber in ihrer Umsetzung absolut auf der Höhe der Zeit ist und, was seit einiger Zeit immer häufiger der Fall ist, durch kleine Kniffe im Handwerk die Hörerfahrung hintergründig intensiviert. Damit einher geht ein hervorragendes ergänzendes Sounddesign, aber all das ist erwartbar, schließlich sind HAKEN-Alben generell absolut makellos auf handwerklicher Ebene, inklusive des Musiktheorie-Wissens und spielerischen/gesanglichen Könnens der sechs Briten.
Musikalisch gibt es durchaus Abwechslungsreichtum hinsichtlich der einzelnen Songs. Besonders stechen „The Alphabet Of Me“ mit seinen Club-Synth-Sounds und den MARC-FOSTNERschen „Die Chöre sing‘ für Dich“-Chören heraus (was nicht negativ ist, schließlich mag man HAKEN ja auch wegen ihrer kleinen exzentrischen Entscheidungen und unkonventionellen Song-Bestanteile wie den Acapella-Parts im „Cockroach King“), sowie „Elephants Never Forget“, ein Track, den sich in der Form wohl nur HAKEN und Elefanten merken können.
Ansonsten ist „Fauna“ ziemlich genau das, was man von HAKEN erwartet. Taktarbeit, die keine Sau versteht – gibt es überhaupt eine Stelle auf „Fauna“, bei der alle Bandmitglieder gleichzeitig normalen 4/4tel-Takt spielen? – und dabei majestätische große Parts, „kleine“ zurückhaltende, auf die ein oder andere Weise eskalierende Mittelteile, 190er-IQ-Kompositionen, kleine humorvolle Stellen (Grüße gehen unter anderem raus an das „Ohehoh“ in „Lovebite“ und den albernen einzelnen Clap in „Island In The Clouds“) schöne Melodien und Harmonien, düstere Parts, unterschiedliche ergänzende Instrumente und Synths, und all das oft in recht schnellem Wechsel.
Kritik: Für HAKEN-Fans der ersten Stunde (oder zumindest früher Stunden) gibt es auf „Fauna“ tatsächlich nicht allzu viel Überraschendes. Die ganz großen Wow-Momente, die ein „Celestial Elixir“ mit sich brachte, bleiben aus, tatsächlich auch weitestgehend solche Songs, die einfach mal in einer Stimmung über tatsächlich längere Zeit zu verbleiben vermögen. Und auch die Ohrwurmdichte hat gefühlt abgenommen, hier habt sich für mich bislang lediglich der Chorus von „Nightingale“ hervor, was ein wenig schade ist, da HAKEN eigentlich sowohl Technik, als auch intelligente eingängige Melodien perfekt beherrschen, letztere auf „Fauna“ aber zugunsten ersterer ein wenig zu vernachlässigen scheinen. Aber gut, nach dem 20sten Hören ist das vielleicht ganz anders.

Fazit:
Wer immer bislang unter einem Stein lebte und HAKEN als Prog-Fan noch nicht kennt, wird an „Fauna“ wie an den anderen Releases der Band seine helle Freude haben. Das gilt ebenso für HAKEN-Fans, die gerne über das Können dieser Band staunen, sich mit Begeisterung eine Stunde lang in die ganz eigene Klangwelt dieser Band fallen lassen und sich von ihren Alben emotional durch die Songs treiben lassen. Das stärkste Album der Truppe ist es nicht, aber sie arbeitet halt auch auf einem Niveau, bei dem selbst Ihr schwächstes immer noch hervorragend ist.

Anspieltipps:
„Nightingale“, „The Alphabet Of Me“, „Beneath The White Rainbow“ und „Elephants Never Forget“

Jannis

EMOLECULE – The Architect

Trackliste:

01. eMolecule
02. The Architect
03. Prison Planet
04. Mastermind
05. Dosed
06. The Turn
07. Awaken
08. Beyond Belief
09. The Universal
10. My You
11. Moment Of Truth

Spielzeit: 69:54 min – Genre: Progressive Metal – Label: Century Media/InsideOutMusic – VÖ: 10.02.2023 – Page: www.facebook.com/emolecule_official

 

Optimismus für die Zukunft ist ja aus vielen unterschiedlichen Gründen momentan nicht unbedingt ein Trend. Lassen wir ihn an dieser Stelle einfach trotzdem mal zu: Ich glaube, 2023 wird ein hervorragendes Jahr für gute Musik, einfach weil die Alben, die ich im in diesem Jahr bislang rezensiert habe, im Schnitt verdammt gut waren – und weil EMOLECULEs „The Architect“ genau so weitermacht. Century Media, das Artwork, das kurze Anspielen eines Songs vor der Übernahme der Platte; all das war einerseits ein Grund zur Vorfreude, aber auch zur kleinen Sorge, dass hier Technik über Seele gestellt wird. Naja, sagen wir so, die Vocals bestätigen die Sorge minimal, sind sehr sauber aber weniger emotional. Aber hey, Herz steckt nichtsdestotrotz in „The Architect“.
Zuerst einmal zum Offensichtlichen. Was eine Produktion. Geil. Fett, glasklar, top, nix zu meckern. Das ist insbesondere wichtig, weil Programming/Sounddesign eine sehr wichtige Rolle beim Debutalbum des kanadischen Duos spielt. Elektronische Mittel werden großflächig eingesetzt und in all ihren Facetten ausgereizt, von diversen Synth-Sounds über Glitch-Effekte, E-Drums und Bass-Synths (natürlich nicht immer, aber eben da, wo es passt), Vocal-Effekts, Rises, die man normal eher aus Clubmusic kennt, etc. Alleine schon dadurch ist „The Architect“ ungeheuer detailreich und immer wieder überraschend. Kompositionstechnisch arbeitet man ebenfalls psychologisch smart, baut Songs nicht unbedingt konventionell auf, sondern macht sie zu einer unvorhersehbaren Erfahrung – soweit also irgendwie DEVIN-TOWNSENDisch mit weniger Peace & Love. Generell sind EMOLECULE in der ersten Hälfte des Albums weniger „radiotauglich“ unterwegs als in der zweiten, wo auch die ein oder andere poppige Melodie oder Halbballade stattfinden darf. Stark sind beide Hälften ganz ohne Frage. Und obgleich „The Architect“ sehr, sehr modern ausfällt (auf eine gute Weise), wird der Freund progressiven Rocks/Metals auch immer mal wieder eine kleine Rückbesinnung auf die Prog-Stile der letzten Jahrzehnte finden, bevor dann wieder irgendwas anderes Krasses passiert.
Kritik? Reduziert sich für mich persönlich auf den etwas nervigen Refrain des letzten Songs und darauf, dass einige Melodien ohne das ganze krank ausgearbeitete Drumrum doch unspektakulär ausfielen. Aber das ist, als würde ich einen leckeren Burger dafür kritisieren, dass er weniger lecker wäre, wenn ich ausschließlich die Brothälften essen würde.
Und natürlich: Hardliner mögen sich von den stilistischen Freiheiten, der großen Menge an Elektronik und den gleichzeitigen poppigen Ausflügen des Albums gestört fühlen („Das ist doch kein echter Metal“). Tja. Dann hört man’s halt nicht.

Fazit:
Sollte man aber, wenn man komplexe harte Musik mag, die ihren Selbstwert nicht aus „Du musst das mögen, weil Du nicht verstehst, was wir machen“ zieht, aus brutalem Programming einen dicken Unterhaltungsmehrwert rausholt, eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt und bereit ist, Konventionen komplett hinter sich zu lassen. Und all das auf ganz hohem Niveau.

Anspieltipps:
„The Turn“, „Beyond Belief“, „The Universal“ und „eMolecule“

Jannis