R3VO – Fireflies (EP)

Trackliste:

01. Artificial Pleasure
02. Fireflies
03. Dorian Gray
04. Darling
05. Aluminium

 

 

 

 

Spielzeit: 23:30 min – Genre: Progressive Rock – Label: Eigenveröffentlichung – VÖ: 16.11.2022 – Page: www.facebook.com/R3VO.official

(8,25 von 10, aufgerundet wegen Debüt)

Man kennt ja die zahlreichen Einschätzungen von Einzelpersonen über Berlin und seine Einwohner. Sollte man Teil der Fraktion „Kannste komplett vergessen“ sein, ist es nun aber an der Zeit für eine kleine Einschränkung: „alle außer R3VO“. Die haben in den letzten zwei Jahren fünf Songs geschrieben, dann aufgenommen, und jetzt auf ihrer Debüt-EP rausgebracht. Wenn man nicht das Kind von Bruce Dickinson ist, bleiben einem dabei eigentlich nur zwei Optionen. Entweder man erwischt eine grausame Produktion oder eine Preis-Leistung-Produktion, die vielleicht ein bisschen basic aber sehr zweckmäßig ausfällt. Letztere haben R3VO bekommen, mit tatsächlich echt gutem Preis-Leistungsverhältnis, klarem Sound (für das Genre unabdinglich) und gerade in den Vocals mit einigem an investierter Arbeit. Stichwort Genre: Progressive Rock, mal moderner technischer im Stil von beispielsweise HAKEN („Artificial Pleasure“), mal oldschooliger (das ruhig-intensive „Darling“). Oft angejazzt, frickelig, mit einigem an Nicht-4/4tel-Takt und gerne mal – insbesondere im zweiminütigen „Dorian Gray“ – auf einem Level, wo man auch mit ein bisschen Ahnung gar nicht erst anfangen sollte, das Ganze irgendwie auf musiktheoretischer Basis verstehen zu wollen. Mächtig Groove ist dabei, aber auch ausufernde ruhige Parts, so bei „Aluminium“.
Stichwort Skill: Jap, da haben sich echt ein paar Leute gefunden, die ihr Handwerk verstehen und dabei nicht nur irgendwas Kompliziertes in komischen Taktarten spielen, sondern dabei auch dem Laien die Möglichkeit geben, die Sache gut zu finden. Sängerin Leo Lotux setzt der Instrumentalperformance dann noch eine monumentale Sahnehaube auf. Alleine wegen ihr lohnt sich schon, durch die EP zumindest mal durchzuskippen.
Die EP heißt übrigens „Fireflies“, hab ich, glaub ich, vergessen zu erwähnen. (Anm. d. Red.: Hatte ich echt).
Zurück zum Thema: Die Bandbreite und Ausdrucksstärke der Vocals ist spektakulär und absolut on point eingesetzt. Kann eine solche Platte echt nochmal aufwerten.
Ein bisschen Elektronik gibt’s auch, den ein oder anderen digitalen Basssound und mit dem letzten Drittel vom Titeltrack einen fast komplett elektronischen Part, der sehr gelungen ist und zusammen mit dem generellen Wiedererkennungswert des Songs und seinen vielen verspielten Elementen diesem Song freundlich auf das Favoritentreppchen hilft.
Kritik: Manchmal ist der Technik-Faktor echt hoch, während der Immersions-Faktor ein bisschen zu sehr zurückbleibt. Oder anders: Manchmal respektiere ich sehr, fühle aber wenig. Dabei haben R3VO mit „Darling“ bewiesen, dass sie auch ganz anders können. Aber das ist ein bisschen, als würde man bei einem Lamborghini bemängeln, dass er von außen nicht plüschig genug ist (aber ist er halt auch nicht, deswegen bleibt die Kritik bestehen).

Fazit:
Geile erste Meldung von musikalisch hart versierten Leuten. Wenn „Fireflies“ ein Ausblick in die Zukunft von R3VO ist, habe ich Bock auf ihre zukünftigen Releases. Und Ihr könnt das auch haben, wenn Ihr nicht auf 1 und 3 klatscht!

Anspieltipps:
„Fireflies“ und „Darling“

Jannis

TALENTSCHMIEDE: Dead Memory

Band:
Dead Memory

Gegründet:
2013 in Essen. Genauer gesagt an einem „feucht-fröhlichen“ Abend im „Südrock“ in Essen 🙂

Herkunft:
Essen, NRW

Mitglieder:
David Mende (Vocals, Bass)
Jonas Elsner (Backing Vocals, Drums)
Gerrit Kuhl (Lead-Guitar)
Lukas Heimann (Rhythm-Guitar)

Stil:
Heavy Rock

Veröffentlichungen:
EP
White Rabbit (2014)
Awake (2022)

Alben
Cinderella (2015)
Welcome To My Fairytale (2017)

Einflüsse:
Alter Bridge, Breaking Benjamin

Was wir die nächsten fünf Jahre erreichen möchten:
Mehr größere Festivals spielen!

Was als nächstes kommt:
Die Veröffentlichung unserer neuen EP „Awake“ inkl. der Vorab-Singles „Dance in Flames“ und „Light it up“.
Nächstes Jahr gehen wir mit komplett neuer und aufwendiger Produktion auf Tour.

Unsere beste Erfahrung bis jetzt:
Rock am Ring 2019 – da ist ein Traum für uns wahr geworden. Eines der schönsten Live-Konzerte, die wir bisher spielen durften.

Unser peinlichster Moment:
2017 haben wir auf einem Festival gespielt, welches auf einem Berufsschul-Grundstück stattgefunden hat. Wir als Headliner spielten um 22:00. Leider war im Stromkreis eine Zeitschaltuhr eingebaut – während des Sets ging überall der Strom aus und konnte nicht mehr angestellt werden, da der Hausmeister nicht mehr da war.
Wir konnten zwar noch die eine oder andere Minute überbrücken, aber nach fünf Minuten hat auch der letzte Zuschauer keine Lust mehr auf „We will rock you“ zu klatschen 😀

Mit wem wir gerne ein Bierchen trinken würden und warum:
Dave Grohl – der Mann kann so viele (spannende) Geschichten aus seinem jahrzehntelangen Rockerleben erzählen, da reicht wahrscheinlich ein Bierchen nicht aus. 😉

Wenn wir uns eine Band aussuchen könnten, mit der wir auf Tour gehen dürfen:
„Die Kassierer“ 😀 Wenn es etwas gesitteter zugehen soll, dann lieber „Steel Panther“. 😉

Das Beste daran, in einer Band zu spielen:
Die Energie auf Konzerten, die sich zwischen uns und den Zuschauern bildet – wir haben jedes Mal wieder Gänsehaut, wenn unsere Songs vom Publikum mitgesungen werden.

Das Schlimmste daran, in einer Band zu spielen:
Der organisatorische Kram drumherum.

Online:
Website: www.dead-memory.de

Musik:
Spotify: www.open.spotify.com/artist/1gFNGtfmmUO0XQ92gFKzTJ
YouTube: www.youtube.com/user/ChannelDeadMemory
Soundcloud: www.soundcloud.com/dead-memory

Live-Dates: Coming soon

OSYRON – Momentous

Trackliste:

01. Anunnaki
02. Dominion Day
03. The Deafening
04. Landslide
05. Sorrow And Extinction
06. Beyond The Sun
07. Awake
08. Momentous
09. Prairie Sailor
10. Beacons

 

Spielzeit: 55:20 min – Genre: Modern Progressive Metal – Label: Osyron/SAOL – VÖ: 04.11.2022 – Page: www.facebook.com/osyron

 

Modern Metal kann mit seinen Parallelen zu Metalcore schon bizarre Formen annehmen. Auf der einen Seite kann der Musik das letzte bisschen Seele aus dem Leib gesaugt werden, auf der anderen kann der nächste Drop so hart sein, dass es einem beim Mitnicken den Kopf 30 Zentimeter tief in den Boden rammt. So zumindest meine persönliche Wahrnehmung, weshalb es besonders ungewohnt anmutet, Elemente dieses Genres in Kombination mit Power und Progressive Metal zu bekommen. Hier sind sie nun mit OSYRON und ihrem neusten Release, „Momentous“. Will man dieses Album möglichst kompakt beschreiben, dann würde man es als ICED-EARTH-beeinflusst, etwas orchesteriger und dann ordentlich mit Modern-Metal- und Progressive-Elementen garniert bezeichnen. Dabei gibt es einen ordentlichen Anteil unklarer Vocals (bei „Landslide“ fast nur, außer im Chorus“), Progressivität hauptsächlich darin bestehend, dass die Instrumentalfraktion sehr technisch unterwegs ist. Klar, ab und an darf es auch mal klassischer sein, beispielsweise in der ersten Hälfte des überlangen Titeltracks, oder alternativ mit traditionellen Blastbeats, die nicht unbedingt repräsentativ für Progressive Metal sind, aber immerhin klassisch.
Neben den unmelodischen Parts gibt es aber auch (gefühlt mehr als 50%) melodieorientierte, mit feierlichen Refrains („Sorrow And Extinction“) oder ruhigen Anfangsparts – sowie einem ganz ruhigen Track mit „Prairie Sailor“.
Kritik lässt sich zum einen an der Produktion äußern: Der Snaresound fällt wirklich auf, weil er wirkt, als hätte man immer und immer wieder das genau gleiche Snare-Sample verwendet; wirkt wenig handgemacht, obwohl ich nicht unterstellen will, dass hier Angelo Sasso am Schlagzeug saß. Mixtechnisch verschwimmt auch das Orchester und einiges an Keyboards oftmals sehr im Hintergrund und man kann hin und wieder ahnen, dass da noch was Cooles abgeht, aber eben nicht ganz sicher sein.
Persönlich finde ich „Momentous“ am besten, wenn es die modernen Elemente zurückfährt. Der ICED-EARTHig beeinflusste Stil ist stark umgesetzt (so beispielsweise bei „The Deafening“, das so ganz nebenbei auch mit Ex-ICED-EARTHer Stu Block als Gast aufwarten kann) und schafft die Stimmung, die ich mir von einem Album wünsche, dessen Opener „Annunaki“ heißt. Währenddessen sind die meisten (insbesondere die ganz) modernen Parts eher das, was ich durchaus beeindruckend und gut auf’s Maul finde, was diese Platte aber eigentlich gar nicht in der Menge nötig hätte.

Fazit:
„Momentous“ ist ein cooles Album, dessen Stilmix Geschmackssache bleibt und das mit einigen kleinen Produktionsmakeln einhergeht. Aber aus der gegenteiligen Sicht von meiner betrachtet: Modern-Metal-Fans, die sich neben guter Technik auch über ein höheres Maß an fett-melodischeren und weniger modernen Bestandteilen in ihrer Musik freuen würden, könnten mit der neuen OSYRON eine wirklich gute Zeit haben

Anspieltipps:
„Sorrow And Extinction“, „Landslide“ und „Beyond The Sun“

Jannis

RIOT IN THE ATTIC – Those Who Don’t Belong

Trackliste:

01. Sin
02. Drag Me Down
03. Soma (Pt. 1)
04. Wandering
05. Interlude
06. And There Was Dust
07. Soma (Pt. 2)
08. All For One
09. Sand
10. Wildlife

 

Spielzeit: 47:00 min – Genre: Hard/Stoner Rock – Label: Monkey Road Records – VÖ: 11.11.2022 – Page: www.faceboook.com/riotintheattic

 

11.11. – Beginn der Karnevalssaison, alle Rheinländer sind seit vormittags besoffen, tragen Swat- oder Ganzkörper-Tierkostüme, brechen in die U-Bahn und hören „Schatzi, schenk mir ein Foto“. Alle Rheinländer? Nicht ganz. Ein kleiner, elaborierter Teil, die Musik-Conniosseure, die intellektuelle Oberklasse, die Genießer der wahren Kunst, haben sich eine Tasse Tee neben ihren Ohrensessel gestellt und erfreuen sich an „Those Who Don’t Belong“, dem neusten Werk ihrer Rhein-Landsleute von RIOT IN THE ATTIC. Die zweite Platte des Trios führt seinen Weg durch die Facetten von Hard, Stoner und ein bisschen Alternative Rock konsequent weiter und macht dabei vieles richtig.
Über jeden Zweifel erhaben ist auf „Those Who Don’t Belong“ die Gitarrenarbeit. Die Riffs sind allesamt Zucker für die Ohren, welches Untergenre sie auch gerade bedienen möchten, die melodischeren Motive ebenso, genau so gehört sich das.
Die Produktion ist stabil, ein Quäntchen Druck hätte man noch reinpacken können und die Vocals etwas voller gestalten können. Letzteres mag eine Stilentscheidung gewesen sein, aber ist dann eben eine, über die nachher jemand in der Rock Garage meckert. Und warum man sich im letzten Song entschieden hat, das Schlagzeug komplett auf den linken Lautsprecher zu legen, will sich beim besten Willen nicht erschließen. Sonst passt die Sache aber, um den staubig-trockenen Rock von RIOT IN THE ATTIC zu transportieren. Der fällt nicht besonders eingängig aus – am „poppigsten“ sind wohl noch die beiden sehr gelungenen Parts von „Soma“ – funktioniert aber bestens in seiner Midtempo-Lastigkeit, die immer wieder mal durch schnellere oder sehr ruhige Parts gebrochen wird. Gerade dann hat die Platte noch einmal mehr Atmosphäre und Charakter, beispielsweise beim Über-Achtminüter „And There Was Dust“, dessen Strophen sehr zurückhaltend und angenehm unangenehm sind, mit kontrastierendem schwer-riffigem langsamem Midtempo-Chorus. Auch das lange Instrumental „Sand“ kann die Aufmerksamkeit des Hörers durchgängig halten, während „All For One“ noch am ehesten wirklicher Lückenfüller ist.
Der Grundstil von RIOT IN THE ATTIC bleibt interessant, schlägt mal in die eine, mal in die andere Richtung aus, mit Melodien, die an Eingängigkeit kratzen, um sie durch kleine Rückzieher dann wieder zu umgehen.

Fazit:
Und damit ist „Those Who Don’t Belong“ trotz ein paar kleiner Schwächen ein echt schönes Ding geworden, das mit Ambitionen und kreativen Visionen konzipiert und umgesetzt wurde. Wer also tendenziell was mit schön trockenen Gitarren in seinem Rock anfangen kann, kriegt hier ein spannendes Stück Underground, das ihm einiges bieten kann, was sich an der Oberfläche nicht finden lassen würde.

Anspieltipps:
„Soma“ Part 1 und 2, „And There Was Dust“ und „Sand“

Jannis

NEWS: OVERSENSE veröffentlichen neues Musikvideo

OVERSENSE (Nun habt ihr davon gehört!) gibt es schon seit über acht Jahren und ihr neues Musikvideo „Fire“ seid dem 04. November. Bringen wir nun mit der Angabe, dass es sich bei der Truppe um eine Rebel-Metal-Band um Youtube-Gitarristin JJ’S ONE GIRL BAND handelt, direkt zwei Faktoren ins Spiel, die man nicht so alltäglich hört. Ist aber vollkommen in Ordnung, denn „Fire“ erweist sich als schön produzierter moderner Metal mit ein bisschen Heavy, ein bisschen Power, ein bisschen Alternative und ein bisschen Core, tendenziell melodiös mit leicht poppigem, eingängigem Chorus und durchweg starker Leistung aller Beteiligten. Dazu gibt’s ein Musikvideo, dem das Attribut „Cheese“ aus jedem Frame springt – aber geil gemacht, lustig und professionell ist es auch, womit „Cheese“ hier bedenkenlos positiv gewertet werden kann. Inhaltlich geht es um unser aller Lieblingshobby – andere Leute im Internet zu beleidigen – und mit weniger als fünf Minuten Spieldauer passt das Ding auch angenehm in die Raucherpause, in der Ihr das hier gerade lest!

Instagram: www.instagram.com/oversensemusic
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YouTube: www.youtube.com/oversensemusic

SILVER PHANTOM – Crimson Cabaret

Trackliste:

01. Crimson Cabaret
02. Foreshadowed
03. Black Lady
04. Shapeshifter
05. Circle Of The Serpent
06. Undying Gods
07. Thrill Thrashing Light
08. Parasite Spirit
09. We Sing Along

 

 


Spielzeit:
45:30 min – Genre: Classic Heavy Rock – Label: UPRISING! Records – VÖ: 28.10.2022 – Page: www.facebook.com/SilverPhantomMusic

 

Man sollte als Band generell vorsichtig sein, wenn man in seiner „Für Fans von“-Rubrik nur absolute Legenden anzugeben gedenkt. Denn an denen wird man dann gemessen und sieht sich dann ggf. als kleine Band mit 1500 Facebook-Followern plötzlich extremen Erwartungen ausgesetzt. Dann wiederum, im Fall von SILVER PHANTOM – was will man machen? Dann schauen wir halt mal auf den Vergleich. Die Dänen haben mit „Crimson Cabaret“ nun ihr erstes Album veröffentlicht und geben an besagter Stelle unter anderem GHOST und ALICE COOPER an. Und ja, es ist verständlich. Neun Songs mit hörbarem Theatralikfaktor erwarten die Hörer, verpackt im Retro-Hard/Classic-Rock-Gewand, mit ein bisschen Okkultheit, ein paar Doom-Anleihen, ordentlich produziert, gespielt und gesungen, angereichert durch zeitweise breite Backing Vocals und ein bisschen Orgel. Nun darf man aber „Für Fans von“ nicht mit „Klingt wie“ verwechseln. Was SILVER PHANTOM mit GHOST verbindet, sind Fragmente ihres Stils. Insbesondere die Riffarbeit fällt hier auf, die die Gesangsmelodien immer wieder kreativ in einen neuen Kontext rückt, im Sinne der Musik gegen den Rest arbeitet und oftmals selbst abstraktere Melodien schafft, die mit denen der Vocals auf unvorhersehbare Weise zusammenpassen. Das Songwriting der Gesangsmelodien selbst ist oft weniger eingängig als das von GHOST, arbeitet aber ebenfalls mit den Möglichkeiten, die es bietet, mal über den Tellerrand seiner Tonart hinauszuschauen. Und Drums und Bass haben ebenso ihren Spaß – kaum ein Part, der auf „Crimson Cabaret“ von ihrer Seite einfach zweckmäßig begleitet werden würde, ohne irgendeinen kleinen Twist zu bieten.
All das geschieht in der rockigen Spielfreude eines 70er Jahre ALICE COOPERs, mit dem man sich ein Faible für gewisse kleine Wendungen und Melodieentwicklungen teilt. Letztendlich ist die Platte damit eben tatsächlich für Fans dieser Beiden, aber eben nur dann, wenn sie auch das mögen, was SILVER PHANTOM an sich so machen. Und das ist ziemlich unterhaltsamer, okkult angehauchter klassischer und leicht doomiger Heavy Rock, der manchmal mit seinen kreativen Entscheidungen je nach Geschmack über’s Ziel hinausschießt. So gaukelt beispielsweise „Undying Gods“ seinen Hörern Eingängigkeit vor, während es an sich eher schwer verdaulich ist (kann man geil finden, oder nicht so, ich mag’s) Und an einigen Stellen, insbesondere in Refrains, entscheidet sich „Crimson Cabaret“ dafür, Erwartungen zu brechen und einem geilen Chorus eine überraschende Wendung zu verleihen, wobei zumindest in meinen Augen geil hier häufig höher zu werten wäre als überraschend.

Fazit:
Ja, vielleicht ist meine Hauptkritik an SILVER PHANTOM, dass ich mir ein bisschen mehr Eingängigkeit wünsche (darf man das als Rock/Metal-Rezensent?). Mehr Songs wie die großartigen „Circle Of The Serpent“ und „Parasite Spirit“ (wobei letzterer ein wenig unter dem oben beschriebenen Chorus-Überraschungs-Gedanken leidet). Man sollte als Rockfan „Crimson Cabaret“ mal gehört, zumindest angetestet haben. Wenn man der Typ dafür ist, dann bekommt man was echt Besonderes und hat vielleicht das Glück, live dabei zu sein, wenn eine interessante Band demnächst mit Album Nr. 2 so richtig in einem geilen Stil ankommt!. Spaß macht es zweifelsohne jetzt schon!

Anspieltipps:
„Circle Of The Serpent“, „Parasite Spirit“, „Undying Gods“ und „Shapeshifter“

Jannis

LEGIONS OF THE NIGHT – Hell

Trackliste:

01. Who Will Believe In Me
02. Exit
03. Hell
04. Run Faster
05. The Memory Remains
06. Fury
07. Save Us
08. And The World Has Lost This Fight
09. Demons
10. Times Of Despair
11. Our Bleeding
12. When The Crowds Are Gone

 

Spielzeit: 58:40 min – Genre: Power Metal – Label: Pride & Joy Music – VÖ: 04.11.2022 – Page: www.facebook.com/Legions-of-the-Night-102006271677428

 

Gerade mal ein Jahr und drei Monate zwischen erstem und zweitem Albumrelease – LEGIONS OF THE NIGHT legen hier nahezu GRAVE-DIGGER-Geschwindigkeit an den Tag. Der zweite Longplayer der Deutschen nennt sich „Hell“, was ein bisschen böser als das letztendliche Album klingt, und muss durchaus hohe Erwartungen erfüllen, die man mit dem Vorgänger „Sorrow Is The Cure“ gesetzt hat. Ein Teil der Erwartungen erfüllt sich dabei quasi von selbst, wenn man auf den gleichen Tonmeister und die gleiche Besetzung setzt: „Hell“ klingt geil, ist geil gespielt und hervorragend gesungen. An Henning Basses Gesang habe ich dieses Mal tatsächlich einfach gar keine Kritik mehr, der leicht raue Klargesang, die Vocals bei ruhigeren Parts aber auch die Schrei- und Keif-Momente sitzen on point und werden sehr im Sinne der jeweiligen Stimmung des Songabschnitts eingesetzt. Der Promotext eröffnet dabei ganz neue Dimensionen, wenn er Hennings Gesang als „sexceptional“ bezeichnet, was entweder ein Tippfehler war – oder so ziemlich das peinlichste Wortspiel, das man sich an der Stelle hätte erdenken können. Tja, nun ist das Kind in den Brunnen gefallen und ich möchte an dieser Stelle nochmal erwähnen, dass Hennings Stimme echt knallerhand, nahezu perfickt ist, oft wirklich popptimal, bumsagbar gut, und meine absolute Verkehrung hat.
Wo waren wir? Richtig, „Hell“! Kurz und knapp: Wer den Vorgänger mochte, wird auch dieses Album mögen. Der Power Metal von LEGIONS OF THE NIGHT ist nicht dragons, swords und glory, hochmelodiös aber eben dabei nicht offensiv fröhlich. Die Refrains sind ernst, gerne mit eher getragenen Melodien, von denen im Kontext des Albums keine als unpassend heraussticht, viele von ihnen aber auch nicht nach Schema F geschrieben wurden. In Strophe oder Prechorus wird man verstärkt heavy-metallischen Klängen begegnen, oder mal ruhigeren Tönen. Dabei setzen LEGIONS OF THE NIGHT verstärkt auf Klavier – das ist überdurchschnittlich präsent, passt aber gut zum Stil der Truppe und ist natürlich auch nicht ganz verwunderlich bei einer Band, die ihre Alben gerne mit SAVATAGE-Covern beendet.
Einzig die Tendenz, den ersten Refrain nach der Hälfte abzubrechen, könnte man sich sparen. Das ist unbefriedigend und daran vermögen auch Hennings höchst befriedigende Vocals nichts ändern.

Fazit:
Klavier, die Eigenheit der Refrain-Kompositionen, Stimmungswechsel zwischen Heavy und Power plus Hennings „sexeptional“ Vocals – und dazu auch Kreativität hinsichtlich der Strophen- und Mittelteilumsetzung sowie zeitweise Verabschiedung von Standard-Songstrukturen: All das verleiht LEGIONS OF THE NIGHT schon zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere einen eigenen Charakter. Und ihrem neusten Release hoffentlich einige neue Hörer. Verdient wär’s, und der Band wie den Hörern absolute zu wünschen!

Anspieltipps:
„Exit“, „Hell“, „Save Us“ und „Fury“

Jannis

DEVIN TOWNSEND – Lightwork

Trackliste:

01. Moonpeople
02. Lightworker
03. Equinox
04. Call Of The Void
05. Heartbreaker
06. Dimensions
07. Celestial Signals
08. Heavy Burden
09. Vacation
10. Children Of God

 

Spielzeit: 55:59 min – Genre: Progressive Rock/Metal – Label: Inside Out Music – VÖ: 28.10.2022 – Page: www.facebook.com/dvntownsend

 

An die eine Person im Rock-Garage-Leser-Keis, die DEVIN TOWNSEND noch nicht kennt: Du hast jetzt fünf Minuten, um diese Rezension zu lesen, und dann gehst du los und verwendest LIGHTWORK als Einstiegsdroge. Denn nichts anderes ist die neuste Platte des – sagen wir es wie es ist – Genies aus Kanada. Man kennt den Frank Zappa des Progressive Metal einerseits für seinen absoluten Bombast, die mächtigsten Klangwände, die mit den damit einhergehenden Melodien für kompletten Gänsehaut-Overload sorgen, ebenso wie für seine Experimentierfreudigkeit, seine absolut seltsamen Ideen, die allesamt funktionieren, seine unkonventionellen Arrangements, Instrumentierungsentscheidungen, Songstrukturen. Ein gutes DEVIN-Album ist eine bunte magische Wundertüte voller Emotionen, voller Dinge, von denen man zuvor nicht wusste, dass man sie braucht, voller teils überwältigender Positivität, die sich einen feuchten Dreck um Genrekonventionen schert und hochgradig poppige Eingängigkeit düsterem Gedönse gegenüberstellt.
Ach ja, „Lightwork“. Ist genau so ein Album. Die Produktion ist perfekt, die Qualitätsansprüche, die man an DEVIN hat, werden mindestens erfüllt, die Soundauswahl (Band, unterschiedliche Gesangsstile und gelegentliche Gastvocals, elektronische Elemente, Orchester, E-Drums) ist äußerst breit gefächert. Größtenteils ist „Lightwork“ eines der Alben des Ausnahmekünstlers, die kompatibler ausfallen. Einiges an ruhigen Parts, viel Harmonie, eingängige, oft poppige, große Melodien, dicker Bombast, wenig unklarer Gesang und kaum Geknüppel. Positivität überwiegt, lediglich zwei bis drei der Songs fallen düsterer aus. Auch die Experimentsongs (die geil sind, dabei aber weit weniger „konventionell“ als der Rest seiner Songs) sind eher selten. Und man kann es nicht anders sagen, „Lightwork“ ist in jeder Hinsicht perfekt. Die Melodien zünden praktisch zu 100%, der Sound ist gewohnt over the top, und vielleicht etwas mehr als noch auf vorangegangenen Alben spielt DEVIN viel mit den Möglichkeiten der Produktion, um Effekte beim Hörer zu erzielen. Manipulation im besten Sinne. Das Resultat ist eine einstündige, intensive meditative Reise, die den grandiosen Vorgänger „Empath“ subjektiv noch ein wenig übertrifft.

Fazit:
„Lightwork“ ist ein Album, das man einem rock/metallisch komplett ahnungslosen Menschen auf der Straße in die Hand drücken könnte, und es hätte das Potenzial, den Musikgeschmack dieses Menschen nachhaltig zu verändern. DEVIN TOWNSEND schöpft wie wenige andere Musiker unserer Zeit das Potenzial von Musik im Gesamten aus, überwindet Genregrenzen und Konventionen und schafft damit Musik, die letztendlich Balsam für die Seele ist. Und das haben wir doch momentan alle hin und wieder mal nötig.

Anspieltipps:
„Moonpeople“, „Lightworker“, „Dimensions“ und „Heavy Burden“

Jannis

THEM – Fear City

Trackliste:

01. Excito
02. Flight Of The Concorde
03. Welcome To Fear City
04. Retro 54
05. An Ear For The Action
06. Graffiti Park
07. 191st Street
08. Home Stretch
09. The Crossing Of Hellgate Bridge
10. Death On The Downtown Metro
11. Stay Tuned
12. A Most Violent Year
13. The Deconsecrated House Of Sin
14. In The 11th Hour

Spielzeit: 47:12 min – Genre: Heavy Metal – Label: Steamhammer/SPV – VÖ: 28.10.2022 – Page: www.facebook.com/thembandofficial

 

Wie schön es doch ist, zu sehen, wie die Kleinen erwachsen werden, ihren eigenen Charakter entwickeln und immer mehr herausfinden, wo sie hinwollen, was sie sein möchten. Perfekt beobachtbar ist das über die letzten paar Alben von THEM. Orientierte sich das internationale Projekt anfangs noch sehr am Sound und Stil von KING DIAMOND, ist es doch inzwischen in einem sehr eigenen Sound angelangt, der mit dem KING nur noch seltenen Falsettgesang, kleine Ähnlichkeiten im Melodieführungsgeschmack und Theatralik in den Vocals gemein hat. Dazu kommen natürlich thematische und optische Ähnlichkeiten sowie generell Konzeptalbum-Formate, die sich gleich über mehrere Releases entwickeln.
Aber sonst zeigen THEM auf „Fear City“ klanglich eine hohe Individualität. Thrashiger Heavy Metal mit hoher Grundhärte steht auf dem Programm, der die Doppel-Fußmaschine absolut ausreizt, gerne für thrashiges Humpa (Ihr wisst, was ich meine) zu haben ist und häufig erbarmungslos Vollgas gibt. Das jedoch mit hohem Melodieanteil, der zu auskomponiert ausfällt, als dass man „Fear City“ als Melodic-Thrash-Metal-Album bezeichnen könnte. Und Spaß am Experimentieren hat man ebenfalls. „Fear City“ erzählt die Geschichte der Vorgänger weiter, aber dieses Mal im New York der frühen 80er, was Einsatz von einigen Synthesizern rechtfertigt, und mit „Retro 54“ sogar einen sehr spaßigen Keyboard-angereicherten Hard-Rockigen Track, der leichten GHOST-Spirit transportiert. Mit „The Crossing Of Hellgate Bridge“ gibt es desweiteren einen amtlich vielseitigen Neun-Minüter, mit „Death On The Downtown Metro“ den mit abstand fiesesten Track des Albums, der auch um ein paar Blastbeats nicht verlegen ist, mit „In The 11th Hour“ ein düster-feierliches End-Fast-Instrumental, das die Platte emotional gut beendet, aber auch ein wenige Cliffhanger-Feeling erzeugt – und sonst eben ganz viele Songs, die die gefestigten Trademarks der Band auf hohem Niveau und ordentlich dreschend vereinen. Plus ein paar kurze Intermezzi.

Fazit:
Und mit alldem machen THEM, was sie am besten können und auch in der Vergangenheit durchgängig gemacht haben: nicht enttäuschen. Ordentlich ballern, geil spielen und singen, dabei eine gewisse Grundatmosphäre erzeugen, keine Kompromisse eingehen, souverän unterhalten. Gerne mehr davon!

Anspieltipps:
„Retro 54“, „The Crossing Of Hellgate Bridge“, „Death On The Downtown Metro“ und „ The Deconsecrated House Of Sin“

Jannis

DRAGONLAND – The Power Of The Nightstar

Trackliste:

01. The Awakening
02. A Light In The Dark
03. Flight From Destruction
04. Through Galaxies Endless
05. The Scattering Of Darkness
06. A Threat From Beyond The Shadows
07. Aphelion
08. Celestial Squadron
09. Resurrecting An Ancient Technology
10. The Power Of The Nightstar
11. Final Hour
12. Journey’s End
13. Oblivion

Spielzeit: 66:38 min – Genre: Power Metal – Label: AFM Records – VÖ: 14.10.2022 – Page: www.facebook.com/dragonlandband

 

Man kann sich trotz spektakulärer Pandemiemaßnahmen wie „Lass mal ab 9 keinen mehr vor die Tür gehen lassen“ oder „Man sollte 3G parallel zu kostenpflichtigen Tests einführen“ gewissermaßen dankbar schätzen in unserer aktuellen Situation, denn offenbar leitete die Regierung von DRAGONLAND den flächendeckenden und jahrelangen Lockdown schon im Jahr 2011 ein. So lange ist es nämlich her, dass die schwedischen Power-Metaller ihr letztes Album veröffentlicht haben – nachdem man davor gerade einmal zehn Jahre existierte und in denen direkt mal fünf Alben exportierte.
Nu – da sinnse wieder. Mit „The Power Of The Nightstar“, das laut Promotext im Vergleich „mehr elektronische Elemente“ beinhaltet als die Vorgänger. Anlass zur Sorge, dass aus dem individuellen neoklassisch inspirierten, orchestral angereicherten und komplexen Power Metal der Truppe digitales GLORYgeHäMMER gemacht hat (nichts gegen GLORYHAMMER, aber muss ja nicht jeder so klingen), bleibt unbegründet. Orchester gibt es nach wie vor reichlich – aber sinnhaft eingesetzt – und es klingt absolut auf der Höhe der Zeit. Die elektronischen Elemente sind tatsächlich ziemlich präsent, aber Album Nr. 6 ist eben auch ein Konzeptalbum über Sachen im Weltraum, und da sind elektronische Elemente schon von Vorteil, wenn man sich über Sounds und Einsatz Gedanken macht (machte man!).
Nebenbei: Die ganze Platte klingt geil, in Sachen Produktion wie Bandleistung, und die Trademarks von DRAGONLAND sind da; fixes (Space)Cembalo-Geshredde, Ahnung von klassischer Musik, ohne „Für Elise“ raushängen lassen zu müssen, und als Grundstil Power Metal, der das macht, was man auch von diversen anderen Genrevertretern kennt, aber eben oftmals in kompositorisch intelligenter – ohne dabei abgehoben zu wirken, sondern einfach, weil es Mehrwert bietet.
Konzeptalbum ist dabei fast eine Untertreibung. „The Power Of The Nightstar“ bietet nicht selten songwritingtechnisch Musical/Space-Opera-Flair. Klar, da sind klassische straighte Uptempo-Nummern, und davon nicht wenige, aber man will (und erreicht) eben doch etwas mehr als einfach nur „ein Album mit 12 Songs“, lässt Songs stimmungsvoll durch Orchester ineinander übergehen, bringt immer wieder unerwartete kreative Parts und setzt derweil nichtsdestotrotz die Atmosphäre der Texte musikalisch um, ohne aus dem Genre zu fallen. In seinem Verlauf wird „TPOTNS“ immer mehr zu einem Gesamtkunstwerk, bei dem einzelne Stellen zwar auch mal klassisch „normaler“ ausfallen, das aber auch beim konzentrierten Hören wirklich zu unterhalten vermag.

Fazit:
„Oh nein, der Refrain ist jetzt aber näher am Durchschnitt als der Rest“ ist so ziemlich die dramatischste Kritik, die ich zeitweise äußern konnte. „The Power Of The Nightstar“ ist eine fette, smarte, professionelle, detailverliebte Rückkehr einer Band, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Anspieltipps:
„The Power Of The Nightstar“, „Final Hour“, „Celestial Squadron“ und „Through The Galaxies Endless“

Jannis