U.D.O. – Game Over

Band: U.D.O.
Album: Game Over
Spielzeit: 68:50 min
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 22.10.2021
Homepage: www.facebook.com/udoonline

Vielleicht gibt es eine Gleichung in der Art von “Innovation x Tradition x X” (auch wenn es diese wohl nicht ist), bei der, sagen wir, der Wert 100 rauskommen muss, damit ein Album verlässlich gut ist. X würde dabei für die generelle Geilheit der Band und ihres Sounds stehen, und je höher X ist, desto geringer kann der Wert für Innovation ausfallen, sollte aber nie unter einen gewissen Minimalwert sinken. Bei U.D.O. ist X verdammt hoch, was bedeutet, dass der Panzerfahrer unseres Vertrauens nur wenig darüber nachdenken muss, wie er seinen Stil revolutionieren kann, wenn er an einem neuen Album sitzt. Macht er auch nicht, wie er auf “Game Over” unter Beweis stellt, seinem 18. Soloalbum.
Eine der Änderungen liegt in der Produktion, die zweifelsohne knallt, bei der man aber die Vocals minimal hoch und die Gitarren minimal runter hätte drehen können. Aber nicht so schlimm, die Riffs wollen ja schließlich (zurecht) auch gehört werden.
Und was soll man sagen? “Game Over” ist einmal mehr genau das, was man als U.D.O./ACCEPT-Fan gerne möchte: wunderbare Riffarbeit, der druckvolle Mix aus Hard Rock und 80es Heavy Metal teutonischer Art, Midtempo in allen Unterkategorien und auch eine Dosis schnellerer Kram, fette Backing Vocals, Udos Lead Vocals in all ihren bekannten Facetten, hymnische Parts, Gangshouts, biestige Songtitel-Refrains, Strophen mit reduzierter Gitarrenpräsenz, eine schöne Ballade und, und, und.
Nun muss man anmerken, dass “Game Over” stolze 68 Minuten lang ist, und somit auf Dauer Gefahr läuft, dass der Innovationswert unter ein kritisches Minimum fällt. Das passiert auch sporadisch, vor allem gegen Ende der Platte, wenn bei Songs wie “Thunder Road” und “Speed Seeker” die Luft ein wenig raus zu sein scheint. Und bei “Midnight Stranger” mag sich der ein oder andere fragen, ob er denn auch movet. Auch sonst kennt man die ein oder andere Stelle auch irgendwie aus vergangenen Releases mit Udo, aber insgesamt ist das keineswegs gravierend. Denn über weite Teile vermag Udo auch dieses Mal seine Trademarks nicht nur souverän zusammenzufügen, sondern dies auch interessant und einfach arschcool zu tun, hinsichtlich von Riffs und Melodien immer noch Neues zu liefern, das perfekt in seinen Stil passt und den einzelnen Songs auch individuellen Charakter zu verleihen. Mehr will man von U.D.O. nicht, als dass sein Sound klassisch umgesetzt und kompositorisch 70% traditionell und 30% innovativ ist, ohne erzwungene Modernisierungen auf Kosten des U.D.O./ACCEPT-Feelings. Und das macht “Game Over” über zumindest 50 Minuten (also über eine normale Albumlänge hinweg) einfach bestens. Ohne Schnörkel, ohne sich zu verkünsteln, ohne Langeweile und in seiner unrevolutionären Art doch immer noch frisch und absolut entertainend.

Fazit:
(Notiz an mich: dieses Fazit für die nächsten Alben von U.D.O. als Vorlage benutzen; wird vermutlich immer akurat bleiben) Alles drin, was man sich als Udo-Fan wünscht, ansprechend aufbereitet mit dem richtigen Maß an unverbrauchten Songwriting-Ideen. Vielleicht hätte man auf drei der weniger herausragenden Songs verzichten können – 50 Minuten wären auch noch eine gute Spieldauer. Doch abgesehen davon: So und nicht anders muss ein U.D.O-Album aussehen und das Metal Heart pumpt nach all den Jahren noch so geschmeidig wie eh und je!

Anspieltipps:
“Empty Eyes”, “Unbroken”, “Time Control” und “I See Red”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Fear Detector
02. Holy Invaders
03. Prophecy
04. Empty Eyes
05. I See Red
06. Metal Never Dies
07. Kids And Guns
08. Like A Beast
09. Don’t Wanna Say Goodbye
10. Unbroken
11. Marching Tank
12. Thunder Road
13. Midnight Stranger
14. Speed Seeker
15. Time Control
16. Metal Damnation

Jannis

WARKINGS – Revolution

Band: Warkings
Album: Revolution
Spielzeit: 42:48 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Napalm Records
Veröffentlichung: 20.08.2021
Homepage: www.facebook.com/warkingsmetal

“Vier mächtige Könige – ein römischer Tribun, ein wilder Wikinger, ein edler Kreuzritter und ein kriegerischer Spartiat – versammelten sich in den goldenen Hallen von Valhalla, entkamen aus den Reichen der Finsternis und kämpften gegen die Monarchen der Dunkelheit. Zurück auf der Erde schmiedeten die Könige neue Schlachthymnen und sind bereit, ihre Krieger zur Revolution zu versammeln!” – Das bedeutet auf Nicht-Promotext-deutsch soviel wie “WARKINGS haben ein neues Album releast”. Seit 2018 und zwei (mit “Revolution” drei) Alben gibt es die Power-Metaller um SERENITYs Georg Neuhauser und ihr Aufstieg ist beachtlich. Von null auf 13 der deutschen Albumcharts in drei Alben ist eine steile Karriere und lässt erahnen, was für Musik her gespielt wird: Power Metal der fettest produzierten Sorte, der eingängig-hymnisch ausfällt, ohne an Härte missen zu lassen. So etwas zwischen POWERWOLF und HAMMERFALL, und das beschreibt “Revolution” ziemlich gut. Klangtechnisch ist das Ding ein Brecher und prügelt auch den taubsten Nachbarn spätestens dann aus dem Bett, wenn die dicken Shouts und kleinen unklaren Gesangsparts einsetzen. Die kommen einfach verdammt gut und es war eine hervorragende Idee, bei “Spartacus” dafür noch Chris Harms von LORD OF THE LOST zu organisieren, mit dessen Hilfe man einen heftigen Power-Metal-Hit mit echt schön geschriebenem Chorus auf die Beine gestellt hat.
Gespielt und gesungen ist die Platte durchweg makellos, handwerklich einwandfrei. Songwritingtechnisch bewegt man sich in souveränen Sphären, ein bisschen Luft nach oben bleibt aber. Dass man sich entschieden hat, in “Fight” “Bella Ciao” zu verwursten (ja, es ist ein Protestlied, aber es hat halt auch die Konnotation ein bisschen verloren), ist Geschmackssache, dass der Chorus von “Deus Lo Vult” so geil ist, wie er ist, ändert nichts daran, dass es ihn praktisch genau so schon gibt (aus welchem anderen Song auch immer ich ihn kenne, helft mir gerne in den Kommentaren). Scheint einer der Fälle zu sein, wo eine geile Melodie komponiert wird, bevor man Monate später merkt, dass man da etwas verarbeitet hat, was von einem anderen Song noch im Unterbewusstsein herumspukte. Passiert auch den Besten.
Ansonsten sind die Tracks durchweg gute Power-Metal-Songs, die mal mehr, aber auch gerne mal etwas weniger kreativ ausfallen, aber wenn wir jetzt die Hornbrille von der Nasenspitze mal wieder nach oben schieben und den Earl Grey durch ein Pils ersetzen, muss man doch klar sagen: Was stört ein bisschen mehr Durchschnitt bei der Melodiearbeit, wenn der fette Sound, die kraftvollen Arrangements und insgesamt einfach die pure Force, die jedem Ton des Albums innewohnt, so gut davon ablenken? Muss es immer ein Arthaus-Film sein, wenn man auch “Godzilla vs. Kong” schauen kann, der etwas weniger Substanz aber in seiner Aufmachung überwältigende Geilheit bietet? Nö. “Revolution” ist professioneller und klassischer Brecheisen-Power-Metal, eher Michael Bay als Adorno, und erwartungsgemäß absolut effektiv, wenn man durchgängig eigenständige Melodien denn nicht zur Grundvoraussetzung für Hörvergnügen macht.

Fazit:
Hirn aus, Rüstung an, Lautstärke hoch, Abfahrt! So soll Power Metal klingen, und so macht er mächtig Spaß, auch wenn nicht jeder Track ’nen kleinen Beethoven raushängen lässt. Ich meine, wir sind Warriors, keine Musikwissenschaftler, oder?

Anspieltipps:
„Spartacus“, „Deus Lo Vult“ und „Ave Roma“

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. We Are The Fire
02. Sparta – Part II
03. Fight
04. Spartacus
05. Kill For The King
06. Deus Lo Vult
07. Ave Roma
08. Ragnar
09. By The Blade
10. Where Dreams Die

Jannis

ALCATRAZZ – V

Band: Alcatrazz
Album: V
Spielzeit: 62:26 min
Stilrichtung: Hard Rock/Heavy Metal
Plattenfirma: Silver Lining Music
Veröffentlichung: 15.10.2021
Homepage: www.facebook.com/alcatrazzband

Alcatraz ist generell dafür bekannt, dass man nur schwer rauskommt. Bei ALCATRAZZ sieht das etwas anders aus; so lässt sich zumindest erklären, dass die 1983 gegründete Band bis zum heutigen Tag fast 20 Mitglieder hatte, darunter nicht zuletzt Yngwie Malmsteen und Steve Vai. Nichtsdestotrotz hat man 2021 mit Jimmy Waldo und Gary Shea zwei Gründungsmitglieder mit dabei, dazu seit neustem niemand anderen als Doogie White (RITCHIE BLACKMORE’S RAINBOW, PRAYING MANTIS, TANK u.a.) für die Vocals.
Nach über 30 Jahren Releasepause brachte man 2020 mit “Born Innocent” erstmals wieder ein Album raus und legt nun mit “V” nach, das – wer hätte es ahnen können – das fünfte Album von ALCATRAZZ ist. Und wie ist das so geworden?
Nun, vom Sound her so okay. Die Platte ist relativ mittenlastig geworden, Definiertheit hätte stärker ausfallen können. Einen dichten Sound kann “V” bei Bedarf auf jeden Fall vorlegen, aber da wäre schon etwas mehr drin gewesen, ohne dass man den Gesamtklang zu modern gestaltet hätte. Möglicherweise liegt’s daran, dass der Release des Vorgängers keine 1,5 Jahre zurückliegt und alles etwas schneller gehen musste. Das würde auch erklären, warum einige Kleinigkeiten bei “V” unsauber wirken.
Doogie White ist ein Meister seines Fachs, doch auf ein bis zwei Songs präsentiert er sich unter Niveau, als hätte man den Take jetzt halt nehmen müssen, um im Zeitplan zu bleiben. Um ein paar Beispiele zu nennen: Der plötzlich massiv leiser werdende Synthesizer im Mittelteil von “Guardian Angel”, das dann ein paar Sekunden iiiirgendwie noch da ist, aber viel zu leise, als dass es noch einen sinnvollen Effekt hätte, verwirrt. Ebenso die ineffizient produzierten “Oooh”- und “Aaaah”-Vocals in “Maybe Tomorrow” in Kombination mit der Orgel, die diese ihr zugeteilte Aufgabe aufgrund ihrer Klanglichkeit einfach nicht erfüllen kann.
Insgesamt also nicht gut? Doch, tatschlich schon. Denn an sich ist “V” eine echt schön geschriebene Mischung aus Hard Rock, Heavy und Power Metal, deren Kompositionen gerne mal ein wenig Dur-lastiger ausfallen als erwartet und oftmals echt individuell sind. Ein kleiner Prog-Faktor steckt in den subtil intelligenten Melodien immer wieder mal drin und entschädigt für oben genannte Unstimmigkeiten, einfach weil man trotz dieser Augenbrauenhochziehmomente über weite Teile des Albums durch kompositorisches Ideenreichtum und starke Umsetzung besser unterhalten wird als von vielen anderen Alben dieser Genreausrichtung. So erweist sich “V” als Album, bei dem manche Ideen nicht funktionieren, viele aber auch so gut, dass es nach meinem Gemecker immer noch eine 8er-Bewertung rechtfertigt. Sei es der doomige Spirit des schleppenden „Return To Nevermore”, Der kontrastierend dichte und harmonische Chorus beim tendenziell unfröhlicheren “Target”, das druckvolle und leicht hymnische “Blackheart” oder, oder, oder.

Fazit:
Somit ist “V” eine der Platten, die mit einem Monat mehr Arbeit daran richtig krass hätten werden können, ohne diesen Monat aber eben mit kleineren Mankos zu kämpfen haben (das einzige größere wären die Schwächen in der Produktion). Es bleibt ein an sich in Sachen Songwriting und Interpretation echt entertainendes Album, bei dem man an mancher Stelle guten Willens mal ein Auge zudrücken muss.

Anspieltipps:
“Blackheart”, “Return To Nevermore”, “Target” und “Nightwatch”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Guardian Angel
02. Nightwatch
03. Sword Of Deliverance
04. Turn Of The Wheel
05. Blackheart
06. Grace Of God
07. Return To Nevermore
08. Target
09. Maybe Tomorrow
10. House Of Lies
11. Alice’s Eyes
12. Dark Day For My Soul

Jannis

TALES AND LEGENDS – Struggle Of The Gods

Band: Tales And Legends
Album: Struggle Of The Gods
Spielzeit: 55:53 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Punishment18 Records
Veröffentlichung: 24.09.2021
Homepage: www.facebook.com/talesandlegends.metal

Willkommen zum interaktiven Review-Quiz von “Struggle Of The Gods”, dem Debutalbum von TALES AND LEGENDS. TALES AND LEGENDS ist ein Projekt des Italieners Andrea Atzori, dem Mastermind hinter ANCIENT KNIGHTS, das seiner Aussage nach epischer und mit mehr Power-Faktor als ANCIENT KNIGHTS sein sollte. Zusammenarbeit unter anderem mit Drummer Michele Sanna, der nicht zuletzt bei TURILLI/LIONE RHAPSODY mitgewirkt hat. Bitte werfen Sie nun einen Blick auf die Setlist, schließen Sie dann Ihre Augen und konzentrieren Sie sich einen Moment.

Sie sind nun bereit. Beantworten Sie die folgenden Aussagen gedanklich mit ja oder nein (Antworten am Ende des Reviews).

“Struggle Of The Gods” beinhaltet

1. klassische Power-Metal-Vocals mit schönem Vibrato
2. vielviel Keyboard
3. günstige Orchestersounds, die schwer nach 90ern/2000ern klingen
4. eine majestätische Orgel
5. Nichtchristopher Lee als dunkelstimmiger Erzähler
6. cheesy Synth-Soli
7. Doro Pesch
8. Tonartwechsel
9. einen Großteil der “Moldau” als 10-Minuten-Song
10. mehr günstige Orchestersounds
11. majestätische Parts
12. Spuren von Erdnüssen
13. ein Klavier
14. fröhliche Parts
15. Den “Was ist das denn für ein Synthesizer-Sound?”-Synthesizer-Sound
16. Flöten
17. Ägypten-Doku-Soundtrack-Melodien
18. Hörner (oder sind es Streicher?)
19. mindestens einmal Pachelbel-Kanon-Harmonien
20. Glory
21. neoklassische Parts
22. Doublebass
23. ein Glockenspiel
24. ein weiteres Glockenspiel
25. ausufernde Soloparts
26. den ruhigen Part von “Warriors Of The World” in leicht abgewandelt
27. quasi den Chorus von “Emerald Sword”
28. überhaupt einen dicken Haufen RHAPSODY-Feeling
29. Fanfaren
30. Einen Fire-auf-Desire-Reim
31. Dinosaurier
32. ungefähr jede Harmoniefolge, die man im Power Metal schonmal gehört hat
33. Wardrums
34. einen SABATON-Gedenk-Refrain in Dur
35. einen virtuosen Instrumental-Track
36. Wahlkampfrhetorik
37. einen fetten Mitschunkler/Feuerzeugschwenker
38. lateinische Chöre
39. günstige Chor-Sounds

Fazit:
Ihr merkt: Praktisch alles, was in ein Symphonic-Keyboard-Italo-Power-Metal-Album auch nur ansatzweise reingehört, ist drin. All das in nicht wegweisend aber spaßig gemacht, okay aber nicht herausragend produziert und sauber gespielt. Man kann “Struggle Of The Gods” vier Punkte für mangelnde Eigenständigkeit geben oder neun für nostalgischen Power-Party-Spaß, der kaum innovativ ist, dafür aber die Vollbedienung für Genrefans, die ein Stündchen im Nostalgiemodus verweilen wollen. Wir sagen mal 7/10, aber macht Euch bei Interesse an dem Genre am besten selbst noch ein Bild.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Creation Divine
02. Epic Ride Of Horus
03. The Fighters
04. Tales And Legends
05. Holy Temple
06. Land Of Thunder
07. The Seven Gates
08. Return To Fly
09. Flames Of The Fire
10. United Against The Enemy
11. Struggle Of The Gods

Antworten: 1. ja | 2. ja | 3. ja | 4. ja | 5. ja | 6. ja | 7. nein | 8. ja | 9. ja | 10. ja | 11. ja | 12. nein | 13. ja | 14. ja | 15. ja | 16. ja | 17. ja | 18. ja | 19 ja | 29. ja. | 21. ja | 22. ja | 23. ja. | 24. nein | 25. ja | 26. ja | 27. ja | 28. ja | 29. ja | 30. nein | 31. nein | 32. ja | 33. ja | 34. ja | 35. ja | 36. glaube nicht | 37. ja | 38. ja | 39. ja

Jannis

RAGE – Resurrection Day

Band: Rage
Album: Resurrection Day
Spielzeit: 50:11 min
Stilrichtung: Heavy/Power Metal
Plattenfirma: Steamhammer/SPV
Veröffentlichung: 17.09.2021
Homepage: www.facebook.com/RageOfficialBand

RAGE – in Sachen englischer R-Aussprache das absolute Gegenteil von GRAVE DIGGER, Institution im deutschen Heavy und Power Metal und mit der Peavy-Konstante durchgängig auf starkem Niveau unterwegs. Wandlungsfähig, mal sehr orchestral-schön, mal thrashig unbarmherzig und aus unnachvollziehbaren Gründen keine der Bands, die normal an ersten Stellen erwähnt werden, wenn es um die deutsche Metal-Speerspitze geht, obwohl es absolut verdient wäre.
Wie gewohnt sind keine zwei Jahre vergangen seit dem letzten Album “Wings Of Rage”, aber verändert hat sich einiges, nämlich das halbe Lineup. Mit Stefan Weber und Jean Bormann hat man nun wieder zwei Gitarristen, die, so viel sei bereits gesagt, dem RAGE-Sound echt gut tun. Das dürfen sie auf “Resurrection Day“ unter Beweis stellen, dessen Coverartwork Metal as Fuck ist und damit Peavys Optik im Video zu “Virginity” repräsentiert.
Aber genug der Äußerlichkeiten. Sound, Spiel, Gesang: top, nix zu bemängeln. Widmen wir uns also gleich der Musik an sich. Los geht es mit dem Intro “Memento Vitae”, oder, wie elaborierte Musiker mit Orchesterbeiwerk sagen: “Overture”. Können RAGE guten Gewissens tun, schließlich beherrschen die Jungs auch orchestrale Arrangements außerordentlich gut und wissen den Klang symphonischer Instrumente in Metal zu integrieren, wie kaum eine andere Band, dabei den individuellen Merkmalen der einzelnen Orchesterinstrumente aber auch wirklich ihre Geltung zukommen zu lassen. Wo war ich? Richtig. Intro vorbei, “Resurrection Day” beginnt und… greift erstmal das Intro wieder auf. Geil! Ein kleines musikalisches Gesamtkonzept. Könnten sich andere Bands mal eine Scheibe von abschneiden. Dann bricht die Band los, es wird sehr sehr Metal, nicht stumpf, gut heavy, smart ausgearbeitet und im Chorus wieder dezent mit Orchester gearbeitet, ohne den Gesamtsound damit zu enteiern.
Und Freunde, seien wir ehrlich, das Ganze funktioniert so gut wie lange nicht mehr. Die Refrains gehen verstärkt Richtung Power-Metal-Melodien in 100% unkitschig, Orchestersounds sind wirklich genau dann eingesetzt, wenn sie sinnvoll sind und was dabei ebenfalls in voller Breite dabei ist, ist metallische aggressive Härte. Ich kann nur für mich sprechen, aber die harten, gemeinen Parts kommen genau dann, wenn ich sie brauche, die schönen powerigen ebenfalls, die ruhigen gleichermaßen – und alle zünden. Der einzige Störfaktor ist, dass sich “Virginity” nur dann auf “Fear” reimt (und “Fear” ist wichtig, bestätigen neun von zehn RAGE-Fans), wenn man es als “Virginitier” ausspricht. Und dann klingt’s halt ein bisschen dumm. Doch abgesehen davon hat “Resurrection Day” einfach keinen Moment der Schwäche, das Songwriting-Niveau ist frisch wie lange nicht mehr, der Groove verdient stellenweise eine Nackenbelastungs-Vorwarnung und stellenweise überrascht die Platte einfach dadurch, dass man trotz der 70.000 starken Alben der Band nicht mit so einem Niveau gerechnet hätte.

Fazit:
Da ist wohl jemand ein zweites Mal der Cradle entsprungen. Und bei dem Niveau von “Resurrection Day” ist der Weg ins Grave noch ein verdammt weiter. 10/10 gebe ich nicht häufig, aber mit dem Ding haben RAGE die Höchstwertung ohne jeden Zweifel verdient.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Memento Vitae (Overture)
02. Resurrection Day
03. Virginity
04. A New Land
05. Arrogance And Ignorance
06. Man In Chains
07. The Age Of Reason
08. Monetary Gods
09. Mind Control
10. Traveling Through Time
11. Black Room
12. Extinction Overkill

Jannis

SECOND REIGN – Gravity

Band: Second Reign
Album: Gravity
Spielzeit: 59:55 min
Stilrichtung: Hard Rock
Plattenfirma: Massacre Records
Veröffentlichung: 24.09.2021
Homepage: www.facebook.com/secondreign

Dicke Polysynths, mehr anderen Synths, eine sehr klare Gesangsstimme, ordentlich Backing Vocals, viel BummZapp-Rhythmus und doch so die ein oder andere Dur-Wendung – das klingt nach AOR und ist die Kurzfassung, was den interessierten Hörer auf “Gravity” erwartet, dem Debutalbum der Schweizer von “Second Reign”, das coronabedingt sozial distanzierend aufgenommen wurde, mit getrennten Aufnahmetagen für die einzelnen Musiker. Das Resultat klingt nicht wie ein Debutalbum und es klingt auch nicht so, als sei es auf diese Art aufgenommen, und das sind schonmal zwei sehr gute Voraussetzungen.
Soundtechnisch ist das Ding absolut sauber, spiel- und gesangstechnisch auch. Der Synthesizer-Faktor ist unüberhörbar, ein erheblicher Teil der Songs beginnt bereits damit, aber dankenswerterweise setzt man nicht immer auf die selben zwei Sounds (was das angeht, bin ich wohl ein Stück weit vom letzten WHITE-WIDDOW-Album traumatisiert), sondern greift auf eine stabile Anzahl unterschiedlicher Klänge zurück, was für klanglich nötige Abwechslung sorgt.
Ohnehin ist “Gravity” nicht wirklich klassischer AOR, sondern zumeist eine gute Mischung aus AOR und Hard Rock. Sprich: die Stimmung ist weniger Love & Cheese, der Dur-Anteil geringer als bei einem 100%-AOR-Album, “düstere” Parts vergleichsweise häufig. Trotz Synthlastigkeit finden sich nur wenige der Standard-Pad-Teppiche, SECOND REIGN sind da schon geschmackvoller und etwas subtiler unterwegs, was positiv ist und von der Masse abhebt.
Klar, Dur-Wendungen sind vorhanden und hätten an einigen Stellen nicht sein müssen, ein bisschen Mut zu tatsächlicher Düsterkeit hätte nicht geschadet. Doch auch so, wie es ist, ist “Gravity” in seiner vergleichsweise geringen Klischeehaftigkeit sehr erfrischend, gönnt sich bei “Uncover” auch mal ein bisschen Doublebass und ein gewisses Maß an unerwarteter Progressivität, bei “Fire” saubere Heavy-Hard-Rockigkeit, ein klassisches wie zündendes Hard-Rock-Riff bei “The Truth” und allgemein ein schönes Maß an kleinen Details. Wer es eine Spur unbedarfter mag, widmet sich dem eingängig-fröhlichen “Let Me Breathe”, der Hard-Rock-Ballade “Borderline” oder dem finalen “Home”, das mit Saxophon daherkommt und mit seinem warmen Sound nicht zuletzt an ruhigere FOREIGNER-Songs erinnert.
“You’ll Never Catch Me (When I’m Gone)” setzt ebenfalls verstärkt auf AOR-Moves, greift dabei auf passende Kompositionsstrukturen zurück, die sehr AORig sind, aber nicht die, die man an der Stelle von einem unkreativeren Vertreter des Genres erwarten würde, und bei “Falling” holt man in der Strophe auch mal die E-Drums und das Klavier raus, um ab dem Prechorus ungleich druckvoller zu werden.
Klar, ab und an rutscht man schon ein wenig in Standard-Schemata ab, aber insgesamt schafft die Platte, was viele andere dieses Genres bei mir nicht schaffen: über eine Stunde hinweg absolut zu unterhalten, ohne nach zwei Dritteln bereits alles gesagt zu haben.

Fazit:
Dicker Hard Rock mit vielen Synths und hörbarem aber ausgewogen eingesetztem AOR-Anteil, lange nicht so cheesy, wie er sein könnte und erfreulich ideenreich, auch härtere Parts nicht scheuend, all das höchst professionell eingespielt/gesungen und stark produziert: SECOND REIGN haben hier ein eindrucksvolles Debut vom Stapel gelassen und können sich, wenn diese Qualität beibehalten wird, auf einen festen Platz im melodischen Rock-Circus freuen.

Anspieltipps:
“The Truth”, “Fire”, “Falling” und “Uncover”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Uninvited
02. The Truth
03. Let Me Breathe
04. Fire
05. Falling
06. Borderline
07. Wrong
08. Another Night
09. You’ll Never Catch Me (When I’m Gone)
10. Dark Matter
11. Uncover
12. The Big Lie
13. Home

Jannis

QUEEN OF DISTORTION – Checkmate!

Band: Queen Of Distortion
Album: Checkmate!
Spielzeit: 59:12 min
Stilrichtung: Heavy/Power Metal
Plattenfirma: Green Bronto Records
Veröffentlichung: 02.07.2021
Homepage: www.facebook.com/QueenofDistortion2018

Wenn sich deutsche Erwachsene (also aus Sicht eines 28jährigen Erwachsenen), ggf. mit Vorerfahrung aus anderen kleineren Bands oder zumindest mit musikalischem Können, irgendwann hinsetzen und sich überlegen “Lass mal ’ne Metalband gründen”, kommt es in einigen Fällen zu einem ziemlich überzeugenden und sympathischen Ergebnis. Keine Ahnung, woran das spezifisch liegt, aber es macht ein wenig den Eindruck, man habe sich nicht auf ein klar definiertes Genre festgelegt, wie viele etabliertere Bands, die ihren Stil “gefunden” haben, oder jüngere, die glauben, ihn zuerst festlegen und dann direkt etablieren und damit revolutionär sein zu müssen. Bands wie QUEEN OF DISTORTION oder BASEMENT PROPHECY machen im Obergenre des Metal eben das, was ihnen in ihren vergangenen Jahrzehnten als Metalfans ans Herz gewachsen ist, und dann kommt eben mal ein Song Heavy Metal, einer in Richtung Power Metal und dann noch etwas Symphonisches und ein Hard-Rock-Track. Alle davon sind vielleicht nicht perfekt im Rahmen des Genres, aber mit viel angestauter Liebe gemacht, was kleinere Mankos locker ausgleicht. QUEEN OF DISTORTION aus Braunschweig machen ziemlich genau das, haben zum Teil schon in kleineren Bands mitgewirkt, sich dann 2018 zusammengeschlossen und nun ihr erstes richtiges Debutalbum veröffentlicht.
Der Sound ist organisch und voll produziert, wirkt handgemacht aber absolut nicht nach Home Studio. Gerade der Basssound verdient in seiner angenehmen Präsenz, die dem mehr als nur als Fundament dienenden Spiel von Carsten Bätge absolut gerecht wird, Lob.
Und musikalisch ist “Checkmate!” klassischer Heavy Metal (hört mal in “Throne Of Destruction” rein, klassischer wird’s nicht), der jedoch weniger Stil-Tribute ist, als man anhand der PRIESTigkeit dieses Openers erwarten würde. Track zwei bis vier beweisen ein wohldosiertes und unerwartetes Maß an musikalischem Humor (Das Riff von “Bloody Rain” ist großartig, das von “New Order” ebenso und das kleine wiederkehrende Bass-FillIn von “Electrified” nicht minder), “Torn From Life” ist eine Ballade mit Bandbeteiligung, die viel 08/15er und kitschiger hätte ausfallen können, wenn sie in ihrer Art nicht so schön auskomponiert wäre, und bei “Into The Void” wird dann der Reiz von mehrstimmigen Vocals entdeckt und diese Mehrstimmigkeit sehr gut umgesetzt, passend zur im Vergleich zum Großteil der Songs noch ausgeprägteren Melodiösität.
Hab ich schon was zu Chris gesagt? Nein? Nun, Chris ist die Sängerin von QUEEN OF DISTORTION und beherrscht ihr Handwerk (Mundwerk?) hervorragend. Ob straighte Metal-Vocals, hohe Screams oder der massiv gelungene Symphonic-Part bei “Into The Void” – die Vocals sitzen, auch wenn sie bei “Electrified” gewöhnungsbedürftig, aber in ihrem Sinne auch recht geil ausfallen (erinnert etwas an HELL, deren Vocals ja ähnlich beurteilbar sind).
Klar, nicht jeder Song zündet komplett, einiges an gut gemachtem Standard-Heavy-Metal-Material für das Festivalcamp ist schon dabei, ebenso ein paar wenige eher seltsame Stellen. Aber “Checkmate!” überrascht seine Hörer doch immer wieder, liefert praktisch durchgehend qualitativen Underground-Metal, überzeugt in Darbietung und Produktion…

Fazit:
… und offenbart jederzeit, wie viel Hingabe zum Genre und Arbeit darin steckt. Genau sowas will ich hören, wenn ich das nächste Mal für 15 Euro Eintritt in einen kleineren Club gehe, um Spaß mit gutem Metal von sympathischen Leuten und guten Freunden zu haben!

Anspieltipps:
Track 1-4 und “Into The Void”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Throne Of Destruction
02. Bloody Rain
03. New Order
04. Electrified
05. Threatening Stalemate
06. Four Horsemen
07. Save Yourself
08. Torn From Life
09. Rest In Pieces
10. Into The Void
11. Checkmate!
12. People Without Tears
13. Nightmares

Jannis

BRAINSTORM – Wall Of Skulls

Band: Brainstorm
Album: Wall Of Skulls
Spielzeit: 49:50 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 17.09.2021
Homepage: www.facebook.com/officialbrainstorm

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an “Pimp My Ride”, wo Xzibit Amerikanern ihr Auto abnimmt, auseinanderbaut und dann mit 95% neuen Teilen ein anderes Auto zusammenbaut, mit einem kleinen Swimming Pool, einer Waschmaschine und einem Audiosystem, mit dem man das Saarland beschallen könnte – um es den Besitzern dann als “Ihr “ verbessertes Auto zurückzugeben. So spaßig das auch anzusehen ist, wäre es doch toll, es wären mehr Originalteile bei gleichem Level an Aufwertung vorhanden. Schön, dass BRAINSTORM so arbeiten. Es gibt das Basic-BRAINSTORM-Gerüst, das jeder kennt, der mal in ein paar Alben der deutschen Power-Metaller reingehört hat, mit ihren charakteristischen Wendungen, einzelnen Faktoren in der Instrumentalarbeit, ihren Trademark-Melodien und natürlich Andys majestätischen Vocals. Dieses Gerüst kann poliert, geschmückt und angemalt werden, bleibt jedoch stets klar erkennbar.
Die Politur erfolgte, als man mit Seeb von ORDEN OGAN einen Produzenten fand, der das absolute Maximum an klanglicher Geilheit in BRAINSTORMs Alben zu mixen vermag und der diese Arbeit auch bei “Wall Of Skulls” wieder vortrefflich geleistet hat. Ansonsten zeigt sich die Pimpung der BRAINSTORM-Grundstrukturen nicht an einer plötzlichen Verwendung von Dudelsäcken oder 2021-EDM-Synths (wie gesagt, wir arbeiten mit Originalteilen), sondern schlicht an der kreativen Zusammensetzung der einzelnen Bestandteile, Erweiterung des Melodiewendungs-Kanons – eben an kleinen Sachen mit großem Effekt, der aus “Wall Of Skulls”‘ Vorgänger “Midnight Ghost” das nicht unwahrscheinlicherweise bis dato beste BRAINSTORM-Album überhaupt gemacht hat. Und bei einem solchen Knaller ist eben auch eine minimale Ernüchterung beim Nachfolger wahrscheinlich, wenn er dieses Hitmassaker-Niveau nicht ganz halten kann.
Diese Ernüchterung tritt bei “Wall Of Skulls” ein, aber glücklicherweise tatsächlich nur ziemlich minimal. “Where Ravens Fly” ist als Opener straight und geradeaus, aber eben doch ein wenig mehr basic als nach dem Einstieg von “Midnight Ghost” erwartet, und hat damit wie so mancher andere Track auf der Platte etwas weniger vom gewissen Etwas, das so viele Tracks des Vorgängers herausragen ließ. Das ist keineswegs bei jedem Track auf “Wall Of Skulls” so. “Solitude” ist ein perfektes Beispiel für einen Extended-BRAINSTORM-Song, “Glory Disappears” ist etwas emotional feierlicher, die erste Strophe von “End Of My Innocence” ist edel unkonventionell ruhig, “Holding On” bricht mit seinen modereneren Synths ein Stück weit mit dem klassischen BRAINSTORM-Sound (ist in kleinen Dosen sehr geil, aber bitte nicht ein ganzes Album in dem Stil machen) und “The Deceiver” ist unerwartet trocken, klangtechnisch hervorstechend abgespeckt. Der Kollege, der das Album beim Rezensieren mitgehört hat, hat am Ende einen akuten Ohrwurm des “Cold Embrace”-Refrains und “Turn Of The Lights” kommt mit seinem runtergebrochenen “Titel ist Text”-Chorus schön asozial. Dazu muss die Arbeit der Rhythmusfraktion lobend erwähnt werden, die bei wirklich vielen Songs einen guten Mehrwert bietet – stets nachvollziehbar aber mit hohem Anspruch an sich selbst und bestens in die Songs integriert.

Fazit:
Ein schwächeres BRAINSTORM-Album ist immer noch ein starkes Album und “Wall Of Skulls” ist kein schwächeres BRAINSTORM-Album. Im Gegenteil, die Platte klingt Seeb-bedingt wieder übertrieben, kommt ohne einen einzigen “Was soll das?”-Moment aus, und selbst der schwächste Song ist immer noch ein starker Power-Metal-Song. Von “Midnight Ghost” wissen wir, dass die Jungs in Sachen melodischer Kreativität noch einen Ticken mehr draufhaben, als es sich beim aktuellen Album zeigt. Absolut hörenswert bleibt das Ding trotzdem, denn, wie nicht vergessen werden darf, wird hier an BRAINSTORMs vielleicht bestem Album gemessen und nicht am allgemeinen Power-Metal-Qualitäts-Schnitt.

Anspieltipps:
“Solitude”, “Holding On”, “Turn Off The Light” und “Cold Embrace”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Chamber Thirteen
02. Where Ravens Fly
03. Solitude
04. Escape The Silence (feat. Peavy)
05. Turn Off The Light (feat. Seeb)
06. Glory Disappears
07. My Dystopia
08. End Of My Innocence
09. Stigmatized
10. Holding On
11. I, The Deceiver
12. Cold Embrace

Jannis

BLAZON STONE – Damnation

Band: Blazon Stone
Album: Damnation
Spielzeit: 43:05 min
Stilrichtung: Pirate Metal
Plattenfirma: Stormspell Records
Veröffentlichung: 15.09.2021
Homepage: www.facebook.com/BlazonStoneOfficial

Cederick Forsberg ist eine der Personen, die den Metal-Underground am laufen halten. Ehrlich, der Mann hat MINDESTENS fünf laufende Projekte, ROCKA ROLLAS, MORTYR, RUNELORD, BREITENHOLD und BLAZON STONE, ist nebenbei Bassist bei PALANTIR, Drummer bei CRYSTAL VIPER, macht bei seinen Hauptprojekten einen Großteil aller neben der Musik anfallenden Arbeit im Alleingang, mixt und mastert hin und wieder noch jemandem Sachen (aktuell SKYBLAZERs EP, auf der er auch ein Gastsolo zum besten gibt), zieht um, geht auf Tour, wirkt bei Covern mit (u.a. BACK TO BACK), baut seine eigenen Gitarren, macht YouTube-Tutorials, covert MEGADETH auf einem Kazoo und diverse andere Sachen semi-professionell, re-recordet alte Songs auf einem 4-Track-Kasettenrekorder und, und, und. Was geht ab?
Kurz gesagt, Cederick ist 25/7 metallisch aktiv und kommt jetzt zur Abwechslung mal wieder mit einem BLAZON-STONE-Album um die Ecke. Wie gut kann dieses Vorhaben laufen, wenn man neben der RUNNING-WILDigen Piratigkeit noch 96 andere Sachen macht?
Die Antwort ist ein etwas zurückhaltendes “okay”. “Damnation” hat die Bestandteile, die man von BLAZON STONE erwartet. Eine Auswahl an eingängigen und guten Refrains, mal härteres, mal fröhlicheres Piratisieren, das aber auch zu seinen fröhlichsten Momenten nicht in Party-Pirate-Metal abdriftet, mit Matias Palm einen starken Sänger, viel Up- und weniger Midtempo.
Doch ist zuerst einmal der Sound tatsächlich schwächer als der der Vorgängeralben von BLAZON STONE. Druck und Tiefen sind hörbar weniger, die Gitarren recht laut, die Basedrum sehr höhenlastig. Und die Songs sind in vielen Fällen eben das, was man mindestens machen muss, um ein Album zu liefern, das als Pirate-Metal-Album auf einem besseren Niveau ist. Klar, die Melodien bedienen das Genre auf jeden Fall souverän, sind jedoch oft um einiges weniger individuell als die der zurückliegenden Veröffentlichungen. Alles wirkt ein bisschen basic, verzichtet auf großartiges Detailreichtum, arbeitet strikt nach Schema.
Um BLAZON-STONE-Fans an dieser Stelle nicht fehlzuleiten: Songs wie “Raiders Of Jolly Roger” holen die Qualitäten des Projekts zweifelsohne aus der Schatzkiste, auch “Black Sails On The Horizon” geht wunderbar ins Ohr und so mancher Chorus zeigt, dass Cederick auf jeden Fall weiß, was die Selling Points seines Projekts sind.

Fazit:
Nur wirkt “Damnation” insgesamt doch leider oft, als sei das Ding mit wesentlich weniger Zeit angefertigt worden, die bei all den anderen Tätigkeiten Cedericks schlicht nicht blieb. Es bleibt zu hoffen, dass beim nächsten Album wieder die Möglichkeit gegeben ist, den Aufwand zu investieren, der beispielsweise in “Down In The Dark” geflossen ist. “Damnation” ist ein nettes Pirate-Metal-Album, das das, was es macht, richtig macht, allerdings auch noch ein Stück mehr hätte machen können.

Anspieltipps:
“Raiders Of Jolly Roger”, “Black Sails On The Horizon” und “Wandering Souls”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Damnation (Intro)
02. Endless Fire Of Hate
03. Raiders Of Jolly Roger
04. Chainless Spirit
05. Black Sails On The Horizon
06. Wandering Souls
07. Hell On Earth
08. Bohemian Renegade
09. 1671
10. Highland Outlaw

Jannis

THE HAWKINS – Aftermath

Band: The Hawkins
Album: Aftermath
Spielzeit: 21:51 min
Stilrichtung: Rock
Plattenfirma: The Sign Records
Veröffentlichung: 15.10.2021
Homepage: www.facebook.com/thehawkinsswe

Schon ironisch, wie viele Jahre es gedauert hat, bis ich in der Rock Garage mal mein erstes Garage-Rock-Album reviewe, aber jetzt ist der Zeitpunkt offiziell gekommen. THE HAWKINS‘ neustes Werk liegt im Plattenspieler, heißt “Aftermath” und ist knapp über 20 Minuten lang. Das ist okay, weil es offiziell als Minialbum vermarktet wird, mit Konzeptalbum-Charakter, geht es doch laut Promotext um das destruktive Nachspiel vergangener Beziehungen. Worte wie “Grief”, “Anger”, “Martyrdom”, “Depression” und “Self-hatred” fallen in der weiteren Beschreibung und wir alle wissen, wie so ein Album normalerweise klingt; aber eben nicht bei THE HAWKINS.
Die bringen es fertig, all diese Themen in ein hochgradig unterhaltsames, musikalisch humorvolles und oftmals doch recht fröhlich klingendes Album zu verpacken, wobei ernstere Töne durchaus präsenter sind, als es Fans der Schweden von vergangenen Releases kennen dürften.
So gibt “Turncoat Killer” nach seinem etwas bizarren Streicheranfang (nennen wir es mal orchestrales Intro) gut Gas und bewahrt sich eine gewisse Leichtgängigkeit trotz seiner eher unfröhlichen Stimmung. “Fifth Try” schraubt den Feelgood-Faktor dann ordentlich hoch und “”Swääng” bewegt sich größtenteils auf einem Ton und kontrastiert seine dichten Parts mit soundtechnisch reduzierten. Bei “Jim And Kate” wird es anschließend verspielt rödelig, bevor “Cut Me Off Right” zwei Minuten lang stimmungsvoll zurückhaltend agiert, um darauf folgend umso fetter zu werden, mit einer Orgel und mächtig Power. Zum Schluss noch das instrumentale “Aftermath”, das in seiner Struktur doch ziemlich seltsam ist, aber ebenso lohnend, und das Ding ist schon zuende.
So kurz die Laufzeit von “Aftermath” auch ist, so viele Details finden sich doch auf der Platte. Gerade die Tracks 2, 4, 5 und 6 leisten sich einen starken Entertainment-Faktor, wobei vor allem Track 2 und 4 durch ihren hintergründigen musikalischen Witz auffallen. Sei es eine kleine sympathisch blödsinnige “Lalala”-Stelle, ein gut gesetzer Tempowechsel oder ein spaßiger Gitarren-Fill-In: THE HAWKINS wissen, dass man aus einem klassisch strukturierten Song wesentlich mehr machen kann, wenn man ihn mit solchen Features anreichert, und setzen dieses Wissen qualifiziert um. Dazu ein Sound, der dem Genre absolut angemessen ist, und Johannes Carlssons ausdrucksstarke Vocals – “Aftermath” ist ein textlich seriöses kleines Ding geworden, das musikalisch verdammt kurzweilig ausfällt und trotz besagter Seriösität eine Menge Spaß im Gepäck hat.

Fazit:
Muss man noch großartig mehr zu dem Album sagen? Eigentlich nicht. Man kann das Garage-Rock-Genre in sehr simpler Gestaltung umsetzen, oder man investiert Kreativität und Liebe, um nochmal deutlich an der Hörgenuss-Schraube zu drehen. Und genau das haben THE HAWKINS gemacht. Grund genug, um sich mal ein eigenes Bild von der Sache zu machen!

Anspieltipps:
“Fifth Try”, “Jim And Kate” und “Cut Me Off Right”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Turncoat Killer
02. Fifth Try
03. Svääng
04. Jim And Kate
05. Cut Me Off Right
06. Aftermath

Jannis