ARRAYAN PATH – The Marble Gates To Apeiron

Band: Arrayan Path
Album: The Marble Gates To Apeiron
Spielzeit: 46:07 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Pitch Black Records
Veröffentlichung: 27.11.2020
Homepage: www.facebook.com/arrayanpath

ARRAYAN PATH machen outputtechnisch GRAVE DIGGER noch Konkurrenz. Locker jedes Jahr ’n Album, manchmal ein Doppelalbum, und das Ganze tatsächlich auf praktisch gleichbleibend hohem Niveau. Nun, 2020 neigt sich dem Ende entgegen, Zeit für “The Marble Gates To Apeiron”, dessen Titel schonmal verdächtig nach klischeehaftestem Power Metal klingt, während die Platte erwartungsgemäß ebendies nicht ist. Schließlich ist das eins der Alleinstellungsmerkmale von ARRAYAN PATH: Power Metal machen, aber nicht so, wie Power Metal normalerweise ist. Das beginnt bei den Melodien: ARRAYAN PATH haben einen absolut eigenen Kompositionsstil. Mal sind die Melodien in ihrer Führung sehr unkonventionell, haben nichts zu tun mit den klassischen Harmoniefolgen, die einem zur verlässlichen Gänsehauterzeugung auf Alben anderer Power-Metal-Bands um die Ohren geschmeichelt werden; mal haben sie eine sehr emotionale Stimmung mit sehr individueller Melodieführung inne, mit der ihre Vorzüge jedoch nicht enden. ARRAYAN PATH legen nämlich zudem Wert auf auskomponierte Melodien, setzen selten bis nie auf eine stumpfe Wiederholung von zwei oder vier Takten, um eine Strophe oder einen Chorus zu füllen. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: die Unvorhersehbarkeit. Auf anderen Alben der Jungs aus Zypern mag dies noch ein wenig ausgeprägter gewesen sein, doch auch auf “Marble Gates” findet sich kein Song, der keine Überraschungen bietet. Da folgen simpel-trockene Parts auf warm-orchestrale oder ziemlich asozial dissonante auf ein bis dahin sehr harmonielastiges Lied. Es hat beinahe den Anschein, als würden ARRAYAN PATH extra darauf achten, Sachen nicht so zu machen wie andere, klassischere Power-Metal-Bands, doch wirkt dies in keinster Weise als zwanghaft eingesetztes Mittel zur Abgrenzung, sondern in sich sehr schlüssig.
Soweit zu dem, was die Truppe immer und auch auf ihrem neusten Release macht. Auf jenem ist man in seiner Gesamtheit doch etwas schneller unterwegs, holt bei einem Großteil aller Songs das zweite Basedrum-Pedal raus, das die getragenen Melodien anzutreiben vermag. Ausfälle: nein. Dafür jede Menge hörenswerte, hintergründig unkonventionelle Höhepunkte wie das kraftvolle, stark komponierte “Virus”, das leicht sakral angehauchte “The Cardinal Order”, die erste Ohrwurm-Single “A Silent Masquerade”, “The Mask Of Sanity” mit wunderbarem Chorus…
Die Liste würde in Gänze praktisch alle Tracks umfassen, also sparen wir uns das.
Kritikpunkte? Bis auf kleine – das Orchester geht im Opener etwas unter, der kurze balladige Part bei “The Mask Of Sanity” zündet gesangstechnisch nicht so richtig – eigentlich nein. Man muss eben ein bisschen Offenheit mitbringen, um ARRAYAN PATHs Qualitäten zu erkennen. Nicht jede Power-Metal-Melodie muss auf einem dicken Grundton enden, nicht jeder Part Gänsehaut provozieren.

Fazit:
Denn letztendlich machen ARRAYAN PATH Power Metal mit Anspruch auf Individualität, mit Köpfchen und ohne Lehrbuchvorgaben. So etwas wird im Metal wohl niemals Mainstream, ist aber an sich der frische Wind, den das Genre auch mal gebrauchen kann, führt es doch zu verdammt guten Songs (und um das klarzustellen: auch verlässlich mit fetten Melodien, vollen Orchestersounds und ordentlich Emotion), die teils massives Ohrwurmpotenzial haben und in ihrem andersartigen und zugleich sehr charakteristischen Stil vielleicht einmalig sind.

Anspieltipps:
„Virus“, „The Mask Of Sanity“, „The Cardinal Order“ und „A Silent Masquerade“

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. The Marble Gates To Apeiron
02. Metamorphosis
03. Virus
04. The Mourning Ghost
05. To Live Another Day
06. The Mask Of Sanity
07. The Cardinal Order
08. A Silent Masquerade
09. Black Sails (The Nemean Ode)

Jannis

ETERNAL CHAMPION – Ravening Iron

No Remorse records 2020

Band: Eternal Champion
Album: Ravening Iron
Spielzeit: 37:23 min
Stilrichtung: Epic Heavy Metal
Plattenfirma: No Remorse Records
Veröffentlichung: 20.11.2020
Homepage: www.facebook.com/eternalchampion

Ich will nun schon seit 15 Minuten mit dem Schreiben der Rezension anfangen, aber irgendwas am Cover lenkt mich ab. Hm… Das Problem könnte sein, dass die Damen keine Masken tragen. Oder, dass es von Ken Kelly ist, der unter anderem für MANOWARs “Kings Of Metal”-Cover verantwortlich ist. Wie auch immer. ETERNAL CHAMPION: Amerikaner, erstes Lebenszeichen eine EP im Jahr 2013, Auftritte auf dem Keep It True und dem Up The Hammers – man weiß schon ungefähr, woran man ist, insbesondere angesichts des “Epic”, das das Heavy-Metal-Label des Quartetts schmückt.
Epic Metal kann wahlweise durch sehr matschige oder klarere vergleichsweise unepische Produktion auffallen, letzteres ist bei “Ravening Iron” der Fall. Man verlässt sich auf die Basics, packt nur ab und an mal vorsichtig eine Orgel oder gaaaanz dezente Streicher dazu (und einen dicken spärischen Pad-Teppich beim kurzen Instrumental “The Godblade”). Abseits dessen kommt “Ravening Iron” ziemlich klar und kompakt aus den Boxen und passend dazu ist Sänger Jason Tarpey kein Freund langgezogener Wortendungen. Sein Gesangsstil ist sehr klar, trifft jeden Ton exakt und wurde mit einem wohltuenden Epic-Metal-typischen Hall-Effekt auf echt bereichernd gepumpt.
Das und die korrekte Instrumentalarbeit sorgen mit dafür, dass die Platte mit knapp 38 Minuten auch abseits ihrer geringen Länge kurzweilig wirkt. Ebenso trägt dazu die Tatsache bei, dass mit dem Label “Epic” auch eine im Vergleich zu normalem Heavy Metal eine etwas ausgeprägtere Komplexität hinzukommt, die trotz aller erfüllten Klischees auch für den ein oder anderen Überraschungsmoment sorgt. Zwischen traditionell und individuell pendelt bereits der starke Opener “A Face In The Glare”. Anfangs treibend und mittelschnell, mit dazukommendem Solo (man muss sich ja erstmal ein bisschen abreagieren), dann der Break, das “Uh”, das jedes Album haben sollte und dann radikaler langsamerer Midtempoeinsatz. Das befriedigt auf jeden Fall, und die folgende unerwartete Durwendung im Prechorus kommt überraschend und gut. “Ravening Iron” wirkt ein bisschen piratig/folkig, ist es aber nicht, überzeugt durch das Zusammenspiel von Gesang und Gitarre und durch ausgeprägte Melodiearbeit. “Skullseeker” vereint getragen-schnelle, groovende und stampfende Parts, “Coward’s Keep” drückt anfangs sehr positiv, weist im Chorus starke Mehrstimmigkeit und danach stumpf hackiges Kontrastgeschrubbe auf und “Worms Of The Earth” ist melodisch simpel, dafür häufiger mal schön zappelig schnell. Hätte man das Unterhaltungsniveau der ersten beiden Songs konsequent hochgehalten und wäre nicht ab und an doch in simple Ausweichlösungen übergegangen, hätte man die Platte etwas länger gemacht und sich ein bisschen weniger noch auf die Regeln verlassen, hätte ich locker noch einen Punkt draufgepackt.

Fazit:
Aber so sind es ja immer noch acht. Doch, die neue ETERNAL CHAMPION sollte an Metaller mit dem Hang zur Trueness und einer gewissen Vorliebe für etwas ausgeklügeltere Unstumpfheit nicht verschwendet sein. Das Gesamtbild stimmt und ein leichter Qualitätsabfall nach den ersten beiden Songs ist angesichts ihrer Stärke auch kein Drama. Reinhören!

Anspieltipps:
“A Face In The Glare”, “Ravening Iron” und “Coward’s Keep”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. A Face In The Glare
02. Ravening Iron
03. Skullseeker
04. War At The Edge Of The World
05. Coward’s Keep
06. Worms Of The Earth
07. The Godblade
08. Banners Of Arhai

Jannis

WOLVERINE Interview

 

English version below!

Wenn Thomas Jansson von WOLVERINE etwas macht, dann macht er es richtig. Wenn er mit seiner Band ein neues Album rausbringt, investiert er noch unzählige Stunden, um ein audio-visuelles Gesamtwerk daraus zu machen. Wenn man ihm elf Interviewfragen schickt, kommt über dreieinhalb DinA4-Seiten höchst interessante Antworten zurück. Ein Blick hinter die Entstehung von „A Darkened Sun“, dem neuen Film/Album der schwedischen Progressive Metaller (wir berichteten).

Jannis: Hey Thomas, danke, dass Du Dir die Zeit nimmst! Erzähl uns erst einmal etwas über die Entwicklung der Idee, ein audiovisuelles Album zu erarbeiten. War das schon länger ein Traum von Dir oder eher spontan? Und wie fiel die Reaktion der anderen Bandmitglieder aus?

Thomas: Nicht wirklich ein Traum, aber Filmemachen hat mich schon länger fasziniert. Als Marcus dann vor einigen Jahren die Grundstrukturen von ein paar Songs vorlegte, fingen wir an, über ein mögliches dystopisches Konzeptalbum nachzudenken. Und irgendwann dachte ich mir, dass man das ganze als irgendwie seltsamen, halb-abstrakten, futuristischen Kurzfilm gestalten könnte, und hatte Marcus damit direkt an der Angel. Dann haben wir die anderen Bandmitglieder davon überzeugt (auch wenn ich nicht sagen kann, dass sie wirklich so überzeugt waren) und ich hab mich an die Realisierung begeben. Im Endeffekt ist „A Darkened Sun“ nun eben keine futuristische Dystopie, aber eben eine kürzere zeitgenössisch-melancholische Erzählung.

Jannis: Gut, damit warst Du mehr oder weniger verantwortlich für die komplette visuelle Ebene von „A Darkened Sun“. Klingt nach einem Haufen Arbeit für eine Person! Wie viel Geld und Zeit floss denn in den visuellen Part? Und wie kam es zu diesem, nicht nur für kleinere Bands mächtig professionell aussehenden Resultat?

Thomas: Toll zu hören, dass Du die Produktion als professionell wahrnimmst, danke! Die ganze Sache war eigentlich nur ein Experiment und ein Lernprozess über die gesamte Arbeit daran hinweg. Versuch und Irrtum, Erfolg und Scheitern – es finden sich durchaus noch technische Macken, die ich aber nicht beheben konnte, da ich halt auch irgendwann fertig werden musste. Das ist jetzt so und im Großen und Ganzen bin ich doch zufrieden mit dem Resultat, mit einigen Ideen, die besser als gedacht funktioniert haben!

Interesse an der Arbeit mit Bildern, genau gesagt mit Fotografie, hatte ich schon eine lange Zeit und vor Jahren war ich noch mit einer analogen Kamera unterwegs. Vor „A Darkened Sun“ beschränkte sich meine Erfahrung in Sachen Filmproduktion also auf ganz einfache Arbeit mit iMovie. Und man kennt das, YouTube ist ein wertvoller Lehrer! Kann gut sein, dass ich ein gewisses Auge für Bildkomposition und Design im Allgemeinen habe, was schonmal hilfreich war. Dann wiederum bin ich recht stur, setze mir ab und an etwas zu hohe Ziele und arbeite dann so lange an der entsprechenden Sache, bis die Qualität mehr oder weniger meine Erwartungen erfüllt.

Zum Thema Geld und Arbeitszeit: Es war eine Menge Arbeit, das alles als Ein-Mann-Crew zu machen. Keine Ahnung, sicherlich hunderte von Stunden, vielleicht sogar vierstellig. Das war auch die Hauptinvestition in die Produktion: bei null anfangen, ohne wirkliche Erfahrung oder Vorwissen bezüglich Kinematographie, und trotzdem irgendwann vor dem fertigen Resultat stehen.
Das ausgegebene Geld ging hauptsächlich für den Standard-Kram raus, den man braucht, um einen Film zu machen, und den sonst jeder Filmemacher eh schon besitzt. In dem Sinne ist es eigentlich eine No-Budget-Produktion. Ich hatte Ideen, Motivation und ein billiges Dreibeinstativ und ich habe mir im Frühjahr 2020 eine vergleichsweise günstige aber korrekte Kamera angeschafft, dazu ein bisschen weiteres Zubehör, und alles nicht besonders High-End. Ansonsten: Ein paar billige Requisiten, das war’s an Investitionen. Und wir haben unsere Haupt-Schauspielerin Rebecca bezahlt. Dem Rest der Leute müsste man mal ein Mittagessen ausgeben, nach der Pandemie.

Jannis: die Klassikerfrage: die Frage nach den Einflüssen; diesmal aber in Hinsicht auf filmische Einflüsse, nicht auf musikalische. Diese Art von hochstilisierter, metaphorischer und oft abstrakter Film-Noir-Optik sieht man jetzt nicht allzu oft.

Thomas: Erst einmal hat mich Schwarz-Weiß-Optik immer schon gekriegt. Ich mag einen monochromen Stil und minimalistische, blasse Kolorierung. Das hat so etwas Zeitloses und bietet sich für die Erschaffung einer schönen Atmosphäre an. Und, auch wenn Arbeit in Schwarz-Weiß auch Schwierigkeiten mit sich bringt, ist es doch sehr praktisch, um in der Post-Produktion ein ansehnliches Resultat zu erlangen.
Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass andere Werke meine Arbeit als Ganzes beeinflusst haben, unbewusst vermutlich schon. Aus irgendwelchen Gründen kommt mir David Lynch bei einigen Szenen von „A Darkened Sun“ in den Sinn. Und was ich auf jeden Fall sehr mag, ist der Stil von Francis Ford Coppolas „Rumble Fish“. Der ist auch schwarz-weiß gehalten und hat eine sehr Film-Noir-artige Optik und Stimmung. Die Zeitraffer-Wolken in „A Darkened Sun“ sind inspiriert von einigen ähnlichen Szenen in dem Film. Und erwähnenswert wäre noch die Serie „Homeland“, insbesondere das Intro. Das lief auf Dauerschleife und hat mir gerade beim Intro und bei „Phoenix Slain“ geholfen.

Und wo wir beim Thema Film Noir sind: Bei der Arbeit an den Lyrics, und später am Script, zu „The Breach“ hatte ich diese Idee einer Verfolgungsjagd in dunklen, leeren Stadt-Straßen, mit einem Privatdetektiv oder einem Gangster, herumlaufend, gegen die Zeit ankämpfend – sowas, was man eben in einer alten Film-Noir-Produktion aus den 50ern sieht. Die Verwendung dieser Szenen ist metaphorisch und das letztendliche Resultat hat nicht mehr wirklich was mit der Original-Idee zu tun. Nebenbei: Ursprünglich war der Plan, dass alle Bandmitglieder im ersten Akt auf Rebecca treffen sollten, während sie herumläuft. Dann kam bekanntermaßen Corona, und da wir in verschiedenen Teilen von Schweden wohnen und die paar Maßnahmen, die es hier gibt, ernstnehmen, musste ich einen anderen Weg finden, um alle in den Film zu integrieren.

Zu guter Letzt: Die metaphorischen und symbolischen Aspekte sind nötig, um die Story zu erzählen und ernsthafte Tiefe hinzuzufügen. Ich wollte die visuelle Komponente so poetisch und mit den Lyrics einhergehend wie möglich gestalten. Es war schon heftig, 30 Minuten passendes Material zu erschaffen, mit möglichst ausgeprägter visueller Interpretation der Lyrics und ohne jegliche Dialoge. Die Original-Idee hat lediglich einen kleinen Teil davon abgedeckt, was der Hauptgrund für die stilisierten Abschnitte ohne echte Storyline ist.

Jannis: Kannst Du uns einen kleinen Einblick in den Schreibprozess geben?

Thomas: Nun, soweit bin ich bei „A Darkened Sun“ für alles verantwortlich, außer für die Komposition und Audio-Produktion. Da die ganze Geschichte auf meinen Ideen basiert, war ich auch der Mann für die Lyrics. Stefan und Marcus haben die Gesangsmelodien komponiert und ich musste meine Texte darauf anpassen. Ich hab echt viel Zeit für das Texteschreiben der vier Songs gebraucht (Frag mich nicht, warum) und direkt nach der Fertigstellung ging ich an das Drehbuch-artige Ding für den Film. Ich hatte ein paar Ideen, wie ich einige Abschnitte der Texte visualisieren wollte, und einen groben Plan, wie man die Kapitel zu einer linearen Story zusammenfügen kann. Der Rest kam im Verlauf der Arbeit daran.

Jannis: Gehen wir ein bisschen mehr auf die Lyrics ein: Wie sieht es aus mit der Beziehung zwischen Erzähler und Autor?

Thomas: Die Texte geben mehr oder weniger meine eigenen Gedanken, Gefühle und Beobachtungen wieder, aber nicht unbedingt meinen eigenen Geisteszustand oder meine Lebensreise. Man kann sagen, ich bin in den Texten halb Beobachter, halb Erlebender, aber ich wollte die Geschichte durch Herz und Geist einer Person in Verzweiflung und Not erzählen.

Jannis: Die Texte von „A Darkened Sun“ kombinieren psychologische, philosophische und indirekter gesellschaftskritische Aspekte (Korrigier mich, wenn ich falsch liege). Dennoch scheint es ihnen nicht nur darum zu gehen, eine Aussage, eine Bedeutung zu vermitteln. Eher erzählen sie eine Geschichte von einem sehr internen, Emotions-fokussierten Standpunkt aus, beschreiben einen emotionalen Prozess, wenn man so will. Wie hat nun also der perfekte Hörer und Zuschauer, der „A Darkened Sun“ genau so hört, wie beabsichtigt, die Lyrics wahrzunehmen? Rein gefühlsbasiert, interpretierend?

Thomas: Wenn man das Ganze als lineares Narrativ interpretiert, zusammen mit visueller Umsetzung, dann kann man es definitiv als emotionalen Prozess sehen, ja! Das ist zumindest eines der Dinge, die ich mit dem Film vermitteln will, zusammen mit dem Prozess der Veränderung durch Beobachten und Handeln. Ich denke, die Texte lassen viel Spielraum für Interpretation, ebenso wie einige der Visuals. Selbst wenn einige Sachen visuell auf eine bestimmte Weise dargestellt werden, können sie dennoch symbolisch für Anderes stehen. Kurz: Du kannst bei der zentralen Aussage bleiben und womöglich verschiedene Sichtweisen konkreter durch Text und Bild vermittelter Bedeutungen anwenden. Die Bildebene ist nur eine Art, die Texte zu interpretieren, und die Interpretation kann wiederum durch die Augen, Emotionen und Erfahrungen der Zuschauer interpretiert werden.

Auch, dass die Lyrics und die Erzählebene um psychologische, philosophische und soziale Themen kreisen, ist korrekt. Sie beschäftigen sich mit Entfremdung, Identität und verschiedenen Arten von Druck, und wie all das uns als menschliche Wesen beeinflusst – unsere Taten, Entscheidungen, emotionalen Zustände und Beziehungen zu anderen und uns selbst. Vielleicht sollte ich hier aber nicht zu genau werden. Ich wäre überglücklich, wenn „A Darkened Sun“ Menschen dazu inspirieren würde, sich damit auseinanderzusetzen, wer sie sind und warum; was sie dazu veranlasst, auf spezielle Weisen zu denken und zu handeln. Was passiert, wenn du dir deiner Handlungen wirklich bewusst wirst? Halten dich diese Handlungen in einem Zustand, in dem du sein willst oder nicht? Aus eigener Erfahrung denke ich, dass eine genauere und intensive Betrachtung deines Lebens und deiner Handlungen ein entscheidender erster Schritt, um mehr Harmonie und Wahrheiten über dich selbst zu erlangen.

Jannis: Wolverine sind nicht unbedingt einer der Bands, die glauben, sich mit jedem Album neu erfinden zu müssen. Müsst Ihr Euch bei der Komposition zurückhalten, um so stark beim klassischen Wolverine-Sound zu bleiben, oder kommt das einfach von selbst?

Thomas: Wir lassen alles zu, was uns musikalisch in den Sinn kommt. In den letzten Jahren waren hauptsächlich Per und Marcus für die Komposition der Instrumentals verantwortlich, während Stefan die Lyrics und Gesangsmelodien übernahm. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal überlegen mussten, ob dies oder das wirklich nach Wolverine klingt. Aber der Songwriting-Prozess geht normalerweise mit viel Diskutieren einher. Ich denke, das ist eine Art, uns während des Prozesses selbst, wie Du sagst, zurückzuhalten, aber es ist eher eine Sache des Auslotens von Ideen hinsichtlich unserer verschiedenen Vorlieben, und bietet immer Raum für alternative Ideen. Dementsprechend würde ich sagen, wir gehen sehr absichtsreich an unsere Kompositionen, was aber ebenso absichtlich zu einer offenen Entfaltung führt.

Jannis: Weg von der Kunst, hin zum Geschäftlichen: Es ist nicht unbedingt der Standard, ein Album mit so viel hineininvestierter Arbeit gratis verfügbar zu machen, und Ihr wart Euch sicher der Tatsache bewusst, dass optionale Spenden alleine wohl nicht so viel einbringen, wie bezahlte Downloads es täten. Wie kam es zu der Entscheidung?

Thomas: Du hast absolut recht, aber wir sehen eh nicht besonders viel Geld für das, was wir tun. Wir haben uns erst überlegt, das Album gegen eine Spende von mindestens einem Euro zugänglich zu machen, konnten das aber nicht nach unseren Wünschen einrichten. Und die Türen sozusagen offenzulassen, würde hoffentlich immerhin mehr Menschen dazu bewegen, „A Darkened Sun“ zu erleben. Ich denke, wir haben auch gehofft, dass unsere Fans uns nichtsdestotrotz mit ein paar Euro unterstützen würden. Jetzt ist es auf jeden Fall für jeden kostenlos verfügbar und man kann sich eben aussuchen, ob man spenden will oder nicht. Es gibt übrigens dahingehend auch einen nächsten Veröffentlichungs-Schritt in naher Zukunft.

Jannis: Die Spannung steigt! Normal würde ich jetzt nach Tour-Plänen fragen, aber das hat sich ja eh erstmal erledigt. Gibt es vielleicht dennoch Ideen oder Überlegungen, „A Darkened Sun“ live umzusetzen, vielleicht sogar in Kombination der visuellen Ebene mit einem Live-Konzert in einem Kino oder so?

Thomas: Das wäre großartig in so einer Form! Hoffentlich wird das in der Zukunft mal möglich sein, falls Leute daran interessiert sind!

Jannis: Apropos Zukunft: Kannst Du Dir vorstellen, ein solches Projekt noch einmal in Angriff zu nehmen? Oder geht es tendenziell eher wieder in Richtung normale Alben?

Thomas: Ich habe mir fest vorgenommen, nie wieder etwas Vergleichbares zu machen, weil es mit vermutlich einen Zusammenbruch beschert, hehe! Jetzt, wo das gesagt ist: Ich kann nicht beschwören, dass ich nicht doch schwach werde, nochmal ein so arbeitsintensives Projekt anzugehen, falls ich oder jemand anders noch einmal mit einer Idee um die Ecke kommt, die es echt wert wäre. So oder so: Es wird mehr Video-Inhalte von mir geben. Ich bin motiviert für mehr!

Jannis: Mit dem Ausblick setzen wir der Sache nun langsam ein Ende. Danke Dir vielmals für das Interview! Die letzten Worte gehören natürlich Dir, Zeit für schamlose Eigenwerbung!

Thomas: Vielen Dank (auf deutsch)! Und danke Dir für das Interesse an der Band und der Produktion, es ist schön, eine Plattform über den Entstehungsprozess von und die Gedanken hinter „A Darkened Sun“ haben zu dürfen. Ich merke schon, dass das Konzept ein bisschen fordernder für Leute ist als das eines normalen Studioalbums, aber ich würde jeden dazu ermutigen, ihm ein paar mehr Durchgänge zu geben. Ich behaupte mal, wenn die Lyrics etwas vertrauter geworden sind, wird auch die Erfahrung intensiver. Und es gibt einiges an Intertextualität auf visueller Ebene zu entdecken!

Zum kompletten audiovisuellen Album geht es hier!

 

English Version

When WOLVERINE’s Thomas Jansson does something, he does it right. Planning to release a new album? Better invest hundreds of hours to make it an audio-visual experience. Respond to interview questions? Better come back with no less than 3,5 pages of interesting answers! A look behind the production of A Darkened Sun, the latest film/album of the Swedish progressive metal band.

Jannis: Hey Thomas! Thanks for taking your time for this interview and congratulations for the release of A Darkened Sun. Tell us about the origins of your idea to make it an audio-visual experience. Did you realize a long time dream by it, or was it a rather spontaneous idea? And how did the other band members react to the concept?

Thomas: Not a dream at all really, but film-making has had a pull on me for some time. And when Marcus first presented the basic structures of a couple of songs a few years ago, we started to talk about a potential dystopian concept album. At some point I felt that this could be made into some sort of weird semi-abstract futuristic short film, and Marcus took the bait immediately. We convinced the rest of the band (but at that point I’m not sure they were so convinced) and I took it upon myself to make it happen. As it turns out, A Darkened Sun didn’t become a futuristic dystopian movie, but instead a short, contemporary melancholic narrative.

Jannis: So you were more or less the mind behind the visual part of this work, which sounds like a lot of work for one person. How much time and money did you invest in the visuals? And concidering that most bands who try to make a video/movie by themselves are happy getting a result which is (in the best case) okay and not embarassing: When and how did you learn to create this kind of work, which, to be honest, looks more than professional?

Thomas: I’m flattered that you experience the production as being on the professional side, thank you! This whole thing was really just an experiment and it’s been a full learning experience for me throughout the whole process. Trial and error; hits and misses. For example, there are technical mistakes that I have learned to avoid now but couldn’t do anything about if I wanted to ever complete the production. I have to accept this, and on the whole I am pleased with how things turned out, with some ideas unfolding better than expected.

I’ve been interested in photography for a long time and years ago I used to shoot only with an analog camera. Before dedicating my time to making A Darkened Sun I had only done some simple work in iMovie. And like so many of us, I have learned a lot on the way from competent people on YouTube. I guess I am blessed with an eye for composition and design in general, which helps, but I’m also a stubborn person who sometimes sets the bar high and can’t let things go until it has a certain quality to it.

It was a lot of work doing just about everything as a one man crew. I have no idea how much time I spent, certainly hundreds of hours, maybe closing in on or exceeding four digits. The big cost in this production is the time spent going from zero, without much knowledge or experience in cinematography, to finally reaching the finish line.

The money spent mainly went toward the basic stuff I needed to make a movie – stuff that any film maker would already own. In that sense this is pretty much a zero-budget production. I only had my ideas and a strong ambition and didn’t own anything useful apart from a cheap tripod. Early 2020 I bought a comparably cheap but decent mirrorless digital camera and some accessories. None of the camera gear I used is high end, so it’s a true DIY low budget production. So apart from covering the basic must-haves and getting some cheap props for some of the scenes, no real money was spent. We did pay Rebecca for playing the role of the protagonist, and I guess I need to buy our other talents lunch when things have calmed down with the pandemic.

Jannis: Of course, there is always the obligatory question about your influences. This time I would like to ask about your cinematic influences rather than your musical ones because this kind of highly stylized, metaphorical, often a little abstract kind of film noir style we get in your video is not a thing you see very often.

Thomas: First of all, I’ve always been a sucker for black and white photography. I really enjoy a monochrome style and minimalistic, pale coloring. There is something timeless about it, and maybe it lends itself well to create a nice atmosphere? And even though there are challenges working in black and white, it’s quite forgiving in terms of color grading and getting things to look decent enough in post production.

I can’t definitely say I’ve been heavily influenced by other works on the whole, but at the same time I have probably been inspired unconsciously. For some reason I can’t help but thinking about David Lynch when I look at some of the scenes in A Darkened Sun. And one thing I can definitely say is that I really like the style of Francis Ford Coppola’s Rumble Fish. It’s filmed in black and white and has a noir-like look and mood. The time-lapse clouds I used in A Darkened Sun are inspired by some scenes in Coppola’s Movie where there is some of that going on. Another thing I should mention is that I have been quite inspired by the intro to Homeland, the Showtime series. Watching the intro over and over again helped me find ways to put together the intro and first interlude in ”Phoenix Slain”.

And speaking of film noir: When I was writing the lyrics and later worked on the script for ”The Breach” I had this idea of a hunt or a chase taking place in dark, empty city streets, with a private detective or a gangster running around fighting against time – like something you would see in an old film noir production from the 1950s. The way I use these scenes are metaphorical, and the end result doesn’t really match this original idea. And on a side note: My original plan was that all band members were supposed to act in the first part of this chapter and encounter Rebecca, the protagonist, while she’s chasing around. Unfortunately the Covid pandemic came in between. Because we live in different parts of Sweden and everyone in the band, at least, takes the few restrictions we have here seriously, this forced me to find other ways of including everyone in the film.

Finally, the metaphorical and symbolic bits are necessary to tell the story, and they are there to add serious depth. My ambition was to make the visuals as poetic as possible alongside the lyrics. Since I wanted to interpret as much of the lyrics as I could visually, and since this isn’t a movie containing dialogue, it was a painful challenge to invent almost 30 minutes worth of video. My original ideas only covered a minor part of it, which is partly the reason why it holds quite a lot of stylized sections with no real storyline.

Jannis: Can you give us a little insight in the process of writing? Wolverine’s lyrics and composing always go together very well, regarding the mood and the emotions they transport. And now the movie script adds even another layer of depth and meaning to the lyrics, so it’s really interesting, how the process of writing, story telling and composing looked like, as I believe to know that you were also the writer of the movie script, while you weren’t involved that much in the writing of the lyrics.

Thomas: I am actually the person behind everything except the music composition and production of A Darkened Sun. Since we were going to build this on my ideas I was also writing the lyrics. Stefan and Marcus composed the vocal melodies and I had to adapt the lyrics to it. It took me a lot of time to complete the four songs (don’t ask me why) and the second I was done with that I started working on a script-like thing for the movie. I had a few ideas of how I wanted to visualize some sections of the lyrics, and an idea of how to tie the chapters together to make it a linear story. Apart from this, most of it was invented along the way.

Jannis: Now let’s get a little more towards the lyrics: May I ask about the relationship between the narrator and the author? The lyrics really feel like they are representing the feelings of the writer or at least a real person, as they do in other works of yours (I won’t get tired of mentioning the Monday album again).

Thomas: The lyrics more or less reflect my own thoughts, feelings and observations, but they don’t necessarily interpret my own state of mind or journey in life. I guess you could say I am in there partly as experiencer and partly as observer, but I have tried to channel the narrative through the heart and mind of a persona in distress.

Jannis: The lyrics of A Darkened Sun are combining psychological and philosophical aspects, as well as, more indirectly, social criticism (correct me if I’m wrong). Still they don’t seem to be written just to transmit a message or a meaning. Rather, supported by the musical layer, they tell a story from a really internal, mostly emotional point of view, an emotional process if you like to. So, how would the hypothetical listener, who really gets these lyrics in the way you wish they are to be understood, react to them? By feelings, by thoughts, interpreting, just letting them come to him?

Thomas: When interpreted as a linear narrative, together with the visual representation, I think it could definitely be interpreted as an emotional process. At least that’s one of the things I try to convey with the movie, together with the process of change through observation and action. I think the lyrics are fairly open to interpretation, as are some of the visuals. Even if some things are represented in a certain way visually in A Darkened Sun, they could also be seen as symbolizing something else. What I mean is that you can stay with the central message and probably apply various angles in your interpretation of concrete meanings carried by the lyrics and visuals. What you see in the movie is only one way I found to interpret the lyrics, and this interpretation can itself be further interpreted through the viewer’s filter of thoughts, emotions and experiences.

You’re right in pointing out that the lyrics and narrative revolve around psychological, philosophical and social issues. They deal with alienation, identity and pressures of different kinds, and how this affects us as human beings – our actions, choices, emotional states and relations to others and ourselves. Maybe I shouldn’t get too detailed here and just leave things a bit open for now. I would love if A Darkened Sun inspires individuals to ask questions about who they are and why, and what makes them think and act in certain ways. What happens if you carefully observe your actions? Do these actions leave you in a state where you want to be or not? From own experience, I believe a close examination of your own life and actions is a crucial first step to finding more harmony and truths about yourself.

Jannis: Wolverine is, in a good way, one of those bands, that don’t to have to reinvent their style on every release (leaving aside your death metal roots). Is this a result of consideration, do you have to „hold yourself back“ in the process of composing, like sitting together and asking yourself if it would still be Wolverine if you added this cheesy synth solo or that kind of harmonics? Or does this just happen unintentionally?

Thomas: We allow whatever comes out musically to come out. The past years Marcus and Per have been mainly responsible for coming up with music whereas Stefan would usually come up with most lyrics and vocal melodies. I can’t recall that we have ever had to ask ourselves if this or that sounds like Wolverine. But we normally argue through the whole process of putting a new song together. I guess this is a way of ”holding ourselves back” in the process, but it’s more a matter of calibrating things based on our different preferences and open up for alternative ideas along the way. In that respect I would say we are very intentional with our compositions, but this intentionality unfolds in an open landscape.

Jannis: Let’s turn briefly to the the financial aspects: It is at least unusual to give away an album with so much work behind it for free. What brought you to this decision? You must have been aware that you wouldt not get as much money for it through donations than if you sold it by downloads, right?

Thomas: You’re absolutely right, but we rarely see much money in what we do anyway. This time around we first decided to go for a minimum donation of one Euro for the audio-visual album, but we couldn’t set things up the way we wanted. And to leave the doors open, so to speak, would hopefully at least encourage more people to experience A Darkened Sun. I suppose we also hoped our fans still would support us with a few Euros or so. But right now it is free for anyone to enjoy, and it’s up to you if you want to make a donation or not. There will also be a next step in the release of this production in a near future.

Jannis: Normally I would ask about touring plans at this point but I guess that’s not really realistic at this moment and Wolverine live concerts are rather rare. Still, are there any ideas or conciderations about doing A Darkened Sun live one better day? Maybe even combinig a live show with the visual part of the album in some way, in a movie theater or something like that?

Thomas: I think it would be great to do a live act where we run through A Darkened Sun in its entirety with a visual dimension added to it. Hopefully we will be able to do it some day in the future, if people are interested in experiencing it.

Jannis: To check the current status of your future plans: Is this kind of concept something you could imagine to use again, or do you tend to go back to normal audio only albums?

Thomas: I have said to myself to never, ever do anything similar again since it’ll probably break me, hehe! Having said that, however, I’m not sure I could resist the temptation of diving back into the fire to create something that would demand as much work if I or anyone else came up with an idea interesting enough to pursuit. In any case, there will definitely be more video production from my side. I am eager to make more.

Jannis: Thank you really much for the interview! The last words belong to you. Time for shameless self promotion!

Thomas: Vielen Dank! I am thankful for the interest you show in the band and the production, and I appreciate to have been provided with a platform to share part of the story about how A Darkened Sun was made and what thoughts that lie behind it. I realize that it’s a bit demanding for people to sit through a full experience like this compared to listening to a normal audio album, but I would encourage anyone to revisit it a few times. I dare say that once you become more familiar with the lyrics, the experience will also be deeper. And there is also some intertextuality to be discovered in the visuals.

You can find the full version of „A Darkend Sun“ here!

CRISTIANO FILIPPNI’S FLAMES OF HEAVEN – The Force Within

Band: Cristiano Filippini’s Flames of Heaven
Album: The Force Within
Spielzeit: 62:51 min
Stilrichtung: Epic Symphonic Power Metal
Plattenfirma: Limb Music
Veröffentlichung: 20. November 2020
Homepage: www.facebook.com/cristianofilippinisflamesofheaven

Der Promotext bezeichnet CRISTIANO FILIPPINI’S FLAME OF HEAVENSs “The Force Within“ als “alles alles andere als kitschig. Das Album also eines Mannes, der vor seiner neu angebrochenen Zeit im Power Metal “Epic Symphonic Opera” Music komponiert hat und dessen Metal-Debüt Songs mit Titeln wie – nun, werft einfach einen Blick auf die Trackliste, dann wisst Ihr, was ich meine – beinhaltet. Alles andere als kitschig. Gut, man muss sowas in einen Promotext eines höchst Orchester-, Synthesizer- und harmonielastigen italienischen Power-Metal-Albums schreiben, aber alleine die drei klavier- und streicherreichen Balladen “Always With You”, “Finding Yourself” und “Missing You”, die in ihren Intros Schlagerballaden verdächtig nah sind und im Verlauf so richtig mächtig, emotional und harmonietriefend werden, bestätigen das Ganze als Fake News (und die Akustikversion der letzten Ballade ist noch gar nicht eingerechnet).
Dann wiederum: Wer das Albumcover gesehen und sich dann gedacht hat “Och, das interessiert mich aber”, der weiß auch mehr oder weniger, was ihn erwartet. Emotionen, Pathos, Feierlichkeit, große Melodien, Bombast. In gut produziert, kann an dieser Stelle hinzugefügt werden, von STRATOVARIUS‘ Matias Kupiainen und ika Jussila (u.a. NIGHTWISH). Das Orchester klingt nicht zu 100% echt, aber wertig, Sänger Marco Pastorino geht nicht ganz so hoch, wie man vielleicht erwarten würde, klingt in seinen Sphären aber sehr stark und wird unterstützt durch nicht minder starke und klug konzipierte Backing Vocals.
Damit ist eigentlich fast alles gesagt. Über eine Stunde Spieldauer feierlicht das Projekt durch “The Force Within”, lässt dabei kaum eine klassische Symphonic-Power-Metal-Wendung aus, macht dabei aber auch abseits der nicht besonders großen Experimentierfreudigkeit aber auch nicht besonders viel falsch.
Heraus ragen das verhältnismäßig undurige “Against The Hellfire” mit seinen freshen Synthesizern, dem abgehackten Prechorus und dem gelungenen Chorus, und “Lightning in The Night”, das kräftig abgeht, durchgängig unterhält und im Chorus nicht ganz den erwarteten Weg geht. Ansonsten gibt’s mal langsamere Feierlichkeit (“The Angel And The Faith”), mal 2000er Power Metal (“Far Away”), besagte Balladen und einiges dazwischen.
Insgesamt ist “The Force Within” der fette Gänsehauterzeuger, den man angesichts seiner Aufmachung erwartet, technisch gut, kompositorisch zweckmäßig, ohne groß hängenbleibende Melodien, wovon aber der Bombastfaktor gut abzulenken vermag.

Fazit:
Nee, die Platte ist nichts für Leute mit Keyboardallergie. Auch nichts für Leute, die gerne ein gewisses Maß an Aggression in ihren Metal integriert haben wollen. Wem aber der Sinn nach einem Album mit allen Zutaten symphonischen Power Metals in unkritisierbar umgesetzt steht, der gebe Cristiano gerne mal eine Chance.

Anspieltipps:
“Against The Hellfire”, “Lightning In The Night” und Moonlight Phantom”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. The Force Within
02. We Fight For Eternity
03. Far Away
04. Against The Hellfire
05. Always With You
06. Dying For Love
07. Finding Yourself
08. Lightning In The Night
09. Missing You
10. Moonlight Phantom
11. The Angel And The Faith
12. Ab Angelis Defensa
13. Missing You (Acoustic Version, Bonus Track)

Jannis

VOLSTER – Arise

Band: Volster
Album: Arise
Spielzeit: 53:43 min
Stilrichtung: Melodic Rock
Plattenfirma: ROAR! – Rock Of Angels Records
Veröffentlichung: 13.11.2020
Homepage: www.facebook.com/volsterband

Als VOLSTER 2018 ihr Debutalbum veröffentlichten, waren sie bereits eine kleine Überraschung. In ihrem satten Rock doch gar nicht mal anfängerhaft klingend, mit netten kleinen Experimenten, durchgängig unterhaltsam, auch wenn der eigene Stil vielleicht noch nicht so ganz gefunden war.
Letzteres hat sich 2020 offensichtlich geändert (und ich rede hier nicht von der POWERWOLFschen Art der Stagnation auf einer guten Stilidee). Aber von vorne: VOLSTER sind ein schwedisches Duo, bestehend aus Sänger und Gitarrist Ulf Anderson und Bassist Henrik Lundberg, zeitweise unterstützt von Andreas Langen (Gitarren) und Drummer Mattias Erikson. VOLSTER sind außerdem ziemlich gute Soundmixer und Bekannte von Thomas “Plec” Johansson, der sehr gut mastern kann. Nicht zuletzt haben VOLSTER Gitarrenmusik mit der Muttermilch aufgenommen und haben. Richtig. Bock.
Bock auf Weiterentwicklung, Bock auf Etablierung eines eigenen Stils und Sounds, und das haben sie auf ihrem jüngst releasten zweiten Streich “Arise” absolut geschafft. Glücklicherweise lebt der eigene Stil/Sound allerdings durch seine Vielseitigkeit und Unvorhersehbarkeit innerhalb des gewählten, melodieorientierten Grundstils. Weggefallen sind die Stoner-Nuancen, die auf dem Vorgänger insbesondere bei “Babylon” zum Vorschein kamen. Neu hinzugekommen sind hingegen Prog- und (hinhören, liebe Garagen-Freunde), AOR-Akzente. Gut, AOR kann jeder, der die vier immer gleichen Grundakkorde kennt und die dicken Synth-Chords parat hat, die einzigen Zutaten so manchen AOR-Albums. Prog kann jeder mit ’nem Orgelsound, der in seinen Track nachträglich einen Schlag pro Takt mehr reinpackt. VOLSTER reichen die Basics allerdings nicht, wie sich bereits beim Opener “Revolution” zeigt. Ja, der Chorus ist fröhlich und tendiert ziemlich gen AOR, überzeugt allerdings mit smarter Harmoniefolge, und die Strophe ist straight rockig gehalten mit wenig Cheese und stärkerer Modern-Rock-Schlagseite.”Arise” schlägt anschließend in die Prog-Kontrastkerbe, mit E-Orgel (jahaa…) und einem Stil, den ich persönlich instinktiv mit SYMPHONY X‘ “V – Mythology Suite” vergleichen würde. Plus starker Solopart. “Hanging On” liefert elektronisch-melodischen AOR, abermals mit guten Melodien, Glöckchensynths und “Mad World”-Gedenkstrophe, bevor “Come Undone” das Haarspray über einem freshen Hard-Rock-Track verteilt. “Gravity” bestätigt erneut, dass VOLSTER keine der Bands ist, die sich bei Strophenkompositionen denkt “Ach scheiß drauf, machen wir auf einem Ton und denken uns dann frühestens im Prechorus was Interessantes aus” und “I Wish” kommt mit ganz guter Laune, 7er-Takt und schöön kraftvollem Chorus – und ohne explizit auf den Text zu achten, habe ich sympathischerweise doch die Worte “Midlife crisis” vernommen. Angesichts der zunehmenden Länge hier ein Verzicht auf die Beschreibung der restlichen Tracks, die man sich genauso gut einfach selbst anhören könnte, ohne Verschwendung seiner Zeit zu riskieren.

Fazit:
Warum auch? “Arise” ist ein Album geworden, mit dem sich seine Erschaffer hörbar einfach arschwohl fühlen. Und man kann es ihnen nicht verübeln. Entertainend, schlüssig, derweil ungezwungen vielseitig: Die Jungs machen die Musik, die sie mögen – sehr gut, nebenbei – und werden vermutlich keinen Freund melodischen Rocks enttäuschen. Empfehlung? Absolut. Und nochmal mehr für die Rock-Garage-Community!

Anspieltipps:
“Arise”, “I Wish”, “Turn The Tide” und “Come Undone”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Revolution
02. Arise
03. Hanging On
04. Come Undone
05. Turn The Tide
06. End Of The World
07. Gravity
08. I Wish
09. Follow You
10. Signs Of The Times
11. Highroad To Nowhere
12. Till The End Of Time

Jannis

TALENTSCHMIEDE: Mulberry Sky

Band:
Mulberry Sky

Gegründet:
Februar 2019

Herkunft:
Bruckmühl, Oberbayern

Mitglieder:
Dom Raygun (Gitarre), Lucky Lerchl (Bass), Simon Petrosa (Drums), Catherine van Bruce (Vocals)

Stil:
Blues-getränkter Rock

Veröffentlichungen:
Knock, Knock! (EP, April 2020); Golden Suit Problems (Single, Oktober 2020)

Einflüsse:
Das ist tatsächlich total schwer zu sagen. Da kommt vieles zusammen, da wir vier auch ganz unterschiedliche Musik hören – und das auch noch ganz breit gefächert. Das fängt irgendwo bei den Rolling Stones an, wandert über Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Michael Jackson und Queen bis hin zu John Mayer, Stone Sour, In Flames oder Linkin Park (nur ein Auszug). Wir versuchen alle, unsere eigenen Einflüsse möglichst so zu filtern, dass wir sie später vereinen können – möglichst ohne, dass es sich zusammengewürfelt anhört oder unnatürlich wirkt.

Natürlich ist da viel Rock dabei, aber nicht unbedingt nur Blues Rock sondern durchaus auch modernere Produktionen. Unsere Musik entsteht sehr intuitiv, wir nennen das gern unsere „Magic Moments“ – und da sind wir erstmal offen für alles (oder vieles).

Was wir die nächsten fünf Jahre erreichen möchten:
Den Soundtrack für einen Tarantino liefern! (Man wird ja noch träumen dürfen…)

Klar ist, dass wir sehr ehrgeizig sind und in unserer Musik voll aufgehen. Für 2020 war das Ziel, mindestens zehn Konzerte zu spielen. Für eine komplett neue und unbekannte Band gar nicht so ohne! Im März hatten wir schon sieben feste Zusagen – alles wirklich tolle Gigs, auf die wir uns sehr gefreut haben. Leider hat uns dieses Corona dann ein Schnippchen geschlagen. Das hat aber auch zur Folge, dass wir nur „noch mehr“ auf die Bühne wollen. Ziel ist also auf jeden Fall, so oft wie möglich live zu spielen und uns eine Fanbase aufzubauen.

Wir produzieren unsere Musik selbst, haben unsere EP „Knock, Knock!“ komplett in Eigenregie aufgenommen, gemixt, gemastert und auch das Artwork selbst gestaltet. Fünf Songs haben es auf die CD „geschafft“ – aber es gibt noch so viele mehr! Daher werden wir uns nun auch an die Produktion eines Albums machen. Dafür haben wir zwar schon einige Songs fertig, wollen aber nochmal Feder und Papier zücken, um noch ein paar weitere „Magic Moments“ einzufangen.

Für die nächsten fünf Jahre wollen wir weiter auf uns aufmerksam machen, noch tiefer in den Ozean des Musikbusiness eintauchen und so viele Erfahrungen – live als auch im Studio – wie möglich sammeln. Wenn Fortuna dann noch ein bisschen mitspielt, wer weiß, was sich dann ergibt…

Was als nächstes kommt:
Gerade haben wir unsere neue Single „Golden Suit Problems“ veröffentlicht und arbeiten an einer weiteren Single, die voraussichtlich im Januar erscheinen wird. Man darf gespannt sein! Ab sofort schreiben wir auch neue Songs für unser Album, für dessen Produktion wir uns dann im Jahr 2021 Zeit nehmen wollen. Was dann als nächstes kommt? Who knows.

Unsere beste Erfahrung bis jetzt:
Erstmal ist jeder Release – egal ob EP oder Single – etwas ganz Besonderes und wahnsinnig aufregend. Wir haben so tolles Feedback für unsere Musik bekommen und wissen oft gar nicht, wohin mit unseren Emotionen. Eine ganz tolle Erfahrung: Trotz Corona durften wir im Backstage Werk in München ein „Abstandskonzert“ spielen. Unser dritter Gig ever, im Backstage München. Wir sind immer noch ganz schön geflasht und hoffen, dort bald nochmal spielen zu können. Aftermovie: https://youtu.be/-irCBJvk4n4

Unser peinlichster Moment:
Eigentlich ist uns so gut wie nichts peinlich. Wir sind vier Menschen, die sich alle nicht so ganz ernst nehmen – das macht das gemeinsame Werkeln an Songs sehr angenehm und ist auch immer wieder witzig. Mal sehen, ob uns mal etwas richtig Peinliches passiert, wenn wir mehr live spielen. Da kann einfach am meisten schief gehen! Sängerin Catherine hatte bei unserem Gig im Backstage in München einen schwarzen Rock mit Schleppe an und hätte beinahe einen Bauchplatscher gemacht, als sie sich selbst mit ihren Schuhen darin verfangen hatte. Hat aber keiner gemerkt. Das wäre dann wohl etwas peinlich – bzw. schwer zu vertuschen – gewesen.

Mit wem wir gerne ein Bierchen trinken würden und warum:
Wir trinken tatsächlich total gern Bierchen. Am liebsten mit uns und unseren Liebsten, also Family & Friends. Bestimmt wären aber auch ein, zwei Bier mit den Rolling Stones mal ganz witzig.

Wenn wir uns eine Band aussuchen könnten, mit der wir auf Tour gehen dürfen:
Ganz egal! Hauptsache live spielen!

Das Beste daran, in einer Band zu spielen:
Der Spaß, die gute Laune, das Vergessen der Welt um uns herum. Da gibt’s erstmal nur uns und die Musik, wenn wir proben – und das ist wunderbar!

Das Schlimmste daran, in einer Band zu spielen:
Wenn man zu wenig Zeit für die Band hat. Immerhin haben wir alle einen „richtigen“ Job, eine Familie, Freunde. Da muss man viel organisieren, damit man sich gleichzeitig Zeit für Proben und Songwriting nehmen kann. Zum Glück stehen unsere Familien, Partner/innen und Freunde/innen da komplett und geschlossen hinter uns und halten uns den Rücken frei.

Online:

www.mulberry-sky.com
www.facebook.com/mulberryskyband
www.instagram.com/mulberryskyofficial

 

Musik:

Spotify: www.open.spotify.com/artist/1TB6zbRi5QGU9cN6qi9MID?si=W7TgT_rbRPC2WaANNyVYrg

Youtube: www.youtube.com/channel/UC0Wxw6ZIUO_-B5vlvFB6A8Q

Live-Dates: www.mulberry-sky.com/termine

GARAGEDAYS – Something Black

Band: Garagedays
Album: Something Black
Spielzeit: 45:54 min.
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: El Puerto Records
Veröffentlichung: 13.11.2020
Homepage: www.garagedays.at

Es gibt so gewisse Alben, die muss man einfach rezensieren. Beispielsweise dann, wenn man die Rock Garage ist und GARAGEDAYS ins Postfach flattern. GARAGEDAYS kommen aus Österreich, haben mit “Something Black” ihr nunmehr viertes Album in den Startlöchern und lassen laut Promotext “nichts unversucht, was bei den ‚Großen‘ der Szene nicht unbeachtet bleibt.” Das klingt hart nach Stil-Zusammengeklaue, ist es aber nicht, wie an dieser Stelle schonmal beruhigend klargestellt werden kann. Gut, so ganz frei von Einflüssen ist das Quartett nicht, METALLICA, MOTÖRHEAD und ACCEPT stecken auf jeden Fall mit drin (insbesondere letztere), aber welche Band könnte das von sich behaupten? Hauptsache, man macht etwas aus den Einflüssen, fügt ihnen eine eigene Note hinzu. Bevor wir genauer schauen, ob GARAGEDAYS das geschafft haben, zunächst zum Drumrum: Mit Andy LaRoque als Produzent kann sich der Sound von “Something Black” ohne Zweifel hören lassen, mit einer Dreiviertelstunde Spieldauer über zehn Songs ist die Albumlänge absolut angemessen und die Band leistet durchgängig gute Arbeit. Sänger Marco Kern hat eine schön kratzige Stimme, mit der er kontrolliert, je nach Stimmfärbung, entscheidenden Einfluss auf die Stimmung des Albums ausübt. Damit steht und fällt die Sache nur noch mit den Kompositionen.
GARAGEDAYS sind eine der Bands, die vordergründig melodisch sehr simpel arbeiten, kein Problem damit haben, ein komplettes Lied auf zwei Grundtönen aufzubauen, und in Sachen Ohrwurmqualität nicht besonders viel bieten. GARAGEDAYS sind aber auch eine der Band, die simple Melodien mit höchst unterhaltsamem Kontext versehen: mit arsch-, also wirklich arschguter Riffarbeit, mit einem guten Gespür für zündende Dynamik und Kreativität hinsichtlich der Frage, was man nun in welcher Struktur mit was kombiniert. Und all das passiert mit Fingerspitzengefühl, nicht mit dem Brechhammer. Der minimal feierliche Chorus des Titeltracks, der gerade aufgrund der nur gaaaanz dezenten Feierlichkeit den Track viel interessanter hält, als wenn man ausgeprägter melodisch agiert hätte; Das brutal runtergeschraubte “Out Of Control”, das an ROB ZOMBIE erinnert und dessen Doppelbass-Einsatz die Sache noch einmal einigermaßen gemein umdeutet; die leicht theatralischen Vocals bei “New Home”; der hypnotische Ein-Grundton-Mittelteil von “The Walking Dead”; der ein bisschen humorvoll-selbstreferenzielle Chorus von “And Again”, der aus der stetigen Wiederholung des Titels basiert – die Liste der kleinen Höhepunkte könnte problemlos noch fortgeführt werden, und sie finden umgeben von variationsreich groovenden Instrumentalparts und besagten geilen Riffs (keine Ahnung, ob das von “And Again”, das von “The Calling” oder das von “New Home” oder vielleicht noch ein anderes das beste ist. Es gibt einfach zu viele Kandidaten) statt. Mit “My Own Way” und “To My Soul” gibt es zudem noch zwei ziemlich gelungene Balladen, die nicht schmalzig und nicht wirklich standard sind, stattdessen mit schönem Songwriting und Emotionen abseits der klassischen “HAB GÄNSEHAUT, DU SAU”-Metalballaden überzeugen.

Fazit:
Manche Progressive-Metalband drischt einem über achtzig Minuten Belanglosigkeit in 7/8el-, 5/19tel- und 3,94/4er-Takt-Gewand um die Ohren und beleidigt selbige mit hochmelodiöser Seelnlosigkeit. GARAGEDAYS gehören zu denen, die das komplette Gegenteil machen: Straight, heavy und vordergründig primitiv eröffnet sich dem Hörer mit “Something Black” ein über weiteste Teile substanzvolles Heavy-Metal-Album, das die Bestandteile des Genres auseinandernimmt, mit hoher Qualität neu zusammensetzt und etwas Eigenständiges damit erschafft.

Anspieltipps:
“And Again”, “Out Of Control”, “My Own Way” und “The Calling”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Back In Line
02. Something Black
03. And Again
04. I’ll Be There
05. Out Of Control
06. My Own Way
07. The Calling
08. To My Soul
09. New Home
10. Walking Dead

Jannis

THRUST – The Helm Of Awe

Band: Thrust
Album: The Helm Of Awe
Spielzeit: 50:29 min
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: Pure Steel Records
Veröffentlichung: 20.10.2020
Homepage: www.facebook.com/ThrustBandOfficial

Musikalisch konservativ zu sein ist im Metal immer etwas, woran sich die Geister spalten. Denjenigen, die ihre Musik gerne in zeitgemäß produziert und eingespielt mögen, stehen die gegenüber, denen es kaum roh, unpoliert und authentisch genug sein kann, um mal in härteren Stereotypen zu denken. Letztere sind die Zielgruppe von THRUST, die seit 1984 vier Alben veröffentlicht haben und nun mit “The Helm Of Awe” zum fünften Axtschlag ausholen. In Sachen authentische Aufnahme macht den Amerikanern so schnell keiner was vor. Mir persönlich ist die Unpoliertheit in der Form ein bisschen zu viel des Guten, denn sie äußert sich auch in häufigeren hörbaren Temposchwankungen und Ungenauigkeiten, was einem eher rhythmusorientierten Track wie “Still Alive” ein Stück weit die nötige Definiertheit nimmt, und der Platte ein wenig den nötigen Groove. Die Produktion ist ansonsten im Rahmen, die Vocals pendeln zwischen ziemlich gut und leicht daneben, aber das ist im Sinne des Authentizitätsfaktors kein Problem.
Musikalisch ist “The Helm Of Awe” über weite Teile hinweg etwas zu simpel für meinen Geschmack. Kaum eine Strophe, die nicht aus viermal derselben Melodieline besteht, dafür einige, die über maximal drei unterschiedliche Gesangstöne nicht hinauskommen. Simple Refrains, ab und zu mal ein ruhiger Mittelteil, ein Tempowechsel nach dem kurzen Songintro, oder einer zum Solopart. Melodisch stechen wenige Stellen wirklich hervor und die Songstrukturen sind weitgehend vorhersehbar.
Am besten sind THRUST, wenn sie in der generell besseren zweiten Hälfte ab Track 5 auch mal länger in langsamere schwere Songs oder Songteile investieren. Dann entwickeln sie gerne mal eine erfrischende Doom-Schlagseite, die Sänger Eric subjektiv auch noch um einiges intensiver auszufüllen weiß, als den True Heavy Speed Metal, den man ansonsten bedient. Insbesondere “Killing Bridge” sticht hier herovr, mit über sieben Minuten der längste Track des Albums, stimmungsvoll und mit vergleichsweise unkonventioneller Harmoniearbeit. “The Traveler” schlägt in eine ähnliche Kerbe, ist zudem der einzige Song mit leichterem Keyboardeinsatz und einer der Tracks, deren Strophe doch eine kleine Entwicklung vollzieht. “Crucifixion” ist im Gegensatz dazu mit sickem Riff ausgestattet und kommt mit seinen unklaren Vocals im Chorus im treibenden unteren Uptempo angenehm böse. Und beim finalen Titeltrack werden sogar black-metallige Vocals ausgepackt, der Bosheitsfaktor noch einmal leicht erhöht. Mieser Track, im positiven Sinne.

Fazit:
Somit ist auch der Nachfolger on “Harvest Of Souls” eine Platte, die hauptsächlich die Hörerschaft anspricht, die sich bei meiner Kritik denkt “Was hat der Typ, sowas ist doch geil!” Diejenigen (wenn Ihr nicht sicher seid, ob Ihr darunterfallt: Wenn Ihr eine zerlebte Kutte Euer eigen nennen könnt, seid Ihr tendenziell schonmal Zielgruppe) können gerne mal ein Ohr riskieren. Wer seinen Metal aber eher auf den Punkt, melodisch ausgefeilter und ein bisschen high-end-produzierter mag, der wird vermutlich weniger mit “The Helm Of Awe” anfangen können, obgleich man sich im Allgemeinen durchaus einen halben Punkt nach oben entwickelt hat.

Anspieltipps:
“Killing Bridge”, “The Traveler” und “Crucifixion”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Black River
02. Blood In The Sky
03. Purgatory Gates
04. Still Alive
05. Killing Bridge
06. Battle Flag
07. Ghost In Me
08. The Traveler
09. Crucifixion
10. Helm Of Awe

Jannis

WOLVERINE – A Darkened Sun

Band: Wolverine
Album: A Darkened Sun
Spielzeit: 27:57 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Progressive Metal
Plattenfirma: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 31.10.2020
Homepage: www.wolverine-overdose.com

WOLVERINE haben spätestens seit ihrem überragenden “Cold Light Of Monday”-Album einen besonderen Platz in meinem Herzen. Progressive Rock, Progressive Metal, irgendwo dazwischen ist die für das Genre sehr unfrickelige, atmosphärische, meist melancholisch-intensive Musik der Schweden angesiedelt, mit außergewöhnlichem Wert auf Lyrics, Melodien und eigentlich alle Komponenten der Alben.
Diese Komponenten wurde beim neuen Album “A Darkened Sun” noch einmal um eine erweitert. Zwar ist das gute Stück gerade mal 28 Minuten lang, das Nörgeln vergeht allerdings akut, wenn man erfährt, dass es sich um ein audiovisuelles Album handelt, mit dazugehörigem in schwarz-weiß aufgenommenem/bearbeitetem Film und Story. Und Tatsache, auch diese Komponente ist mit wahnsinnig viel Liebe und Aufwand realisiert worden und ist mit der klanglichen Ebene absolut in Einklang. Die Sorge, ein solch ambitioniertes Projekt einer doch eher kleinen Band ohne große finanzielle Mittel könnte im schlimmsten Fall sogar peinlich ausfallen, erweist sich bei “A Darkened Sun” eh als unbegründet, doch mehr noch: Optik, Stilistik, Schnitt, Umsetzung der Handlung – Bassist Thomas Jansson hat hier im Alleingang hervorragende, unter die Haut gehende Arbeit geleistet und die nicht ganz neue Thematik des in der Masse der Gesellschaft untergehenden und „verarbeiteten“ Individuums mit viel Kreativität und Ernsthaftigkeit, starker Bildsprache, toller Kameraarbeit und nicht zuletzt einer ernstzunehmenden Hauptdarstellerin umgesetzt. Nicht wirklich mit Budget, versteht sich, aber effektiv ohne Ende und absolut professionell.
Musikalisch geht es mit recht elektronisch anmutendem Basssound auf leicht stolperndem Midtempo los, als Intro zu “Chapter 1 – Phoenix Slain”, das wunderschön leicht, unheavy beginnt und bereits andeutet, dass “A Darkened Sun” das Gegenteil von einem Partyalbum wird. Ja, solche Strophen können WOLVERINE, genau wie die dicht-intensiv-verzweifelten Parts, von denen einer besagter Strophe als Chorus folgt. Ein elektronischerer düsterer Part dabei, alles auf hoher Qualität und bestens abgestimmt auf die tolle visuelle Ebene. Poah. Schon zum ersten Track hat man sich offensichtlich mehr Gedanken gemacht, als andere Bands zu ihrem kompletten Album. Und vom treibenderen Part des Tracks habe ich noch gar nicht geredet. Machen wir es an dieser Stelle kurz und spoilerfrei: Es bleibt so geil. Mit Erste-Sahne-Komposition und -Umsetzung, mitreißend, mal hypnotisch, mal aufwühlend, visuell mal offensiver erzählend, häufiger höchst (und höchst gelungen) stilisiert, musikalisch höchst emotional und erwachsen. Düster ab und an, mit kleinen Schimmern von Hoffnung, tollem Songwriting, starker Bandleistung und großartigen Vocals. Keine Kritik.

Fazit:
WOLVERINE schaffen es wie nur wenige andere Bands, mit ihrer Musik Emotionen, Stimmungen zu vermitteln, bereit, dafür eine heftige Menge an Arbeit zu investieren. Und sie haben das dank Thomas Jansson, dem Mann für’s Visuelle und die tiefen Töne, auf die nächste Ebene gehoben. Ernsthaft, nehmt Euch die halbe Stunde, wenn Ihr mitreißende Musik liebt, die noch wirklich etwas zu transportieren vermag (geht sogar offiziell gratis). Das konnten WOLVERINE seit jeher, das können sie auf “A Darkened Sun”, und mit der visuellen Komponente wird der Release ein einmaliges Gesamtkunstwerk. Volle Punktzahl, ohne Frage.

 

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Chapter 1 – Phoenix Slain
02. Chapter 2 – The Breach
03. Chapter 3 – Dead As The Moon
04. Chapter 4 – Hibernator

Das komplette audio-visuelle Album steht auf www.wolverine-overdose.com kostenlos (gegen eine freiwillige und berechtigte Spende) zur Verfügung.

Jannis

GLACIER – The Passing Of Time

GLACIER

Band: Glacier
Album: The Passing Of Time
Spielzeit: 40:11 min
Stilrichtung: Heavy/Power Metal
Plattenfirma: No Remorse Records
Veröffentlichung: 30.10.2020
Homepage: www.facebook.com/GlacierMetal

Während überall auf der Welt die Gletscher verschwinden, gibt es einen, der tatsächlich gerade zurückkehrt: der, der schonmal Ende der 70er in Portland, Oregon erschien und sich, wie so viele Bands in der Zeit, nach ein paar Demos auflöste. Ja nun, zu jeder undergroundigen Heavy-Metal-Band gibt es eine noch undergroundigere Coverband, im Fall von GLACIER namens DEVIL IN DISGUISE, die mit Michael Podrybau immerhin den originalen Gründungssänger ihren Leader nennen durften. Seit 2015 ein paar Auftritte, dann das offizielle okay der verbliebenen Originalmitglieder, die Tribute-Band als offizielle GLACIER fortzuführen, jetzt das Debutalbum “The Passing Of Time”. So kann es gehen. Stellt sich nur die Frage, ob das Ding auch tau(g)t.
Produktionstechnisch und spielerisch auf jeden Fall. Der Sound von “The Passing Of Time” ist klar, organisch und trotz angemessener Härte irgendwie gemütlich warm. Michaels Stimme sollte der Metalwelt zuliebe eigentlich auf mehr Alben auftauchen, er ist ein großartiger Sänger mit starker, unklischeehafter Heavy-Metal-Stimme und Ausdrucksstärke. Die Instrumentalfraktion ist erwartungsgemäß on Point und agiert im Sinne der Musik. Man braucht nicht immer zwei dicke Gitarren, wenn der Bass eine übernehmen kann und der Sound damit etwas hard-rockig oldschooliger wird. Man kann sie aber natürlich auch auf Lautstärke 11 so richtig schön asozial trocken schrubben lassen (“Valor”). Man braucht keine Keyboards, um eine vollen, harmonischen und dichten Sound hinzukriegen und auch kein Solosynth, wenn man stattdessen mit einigen schönen Gitarreneffekten arbeitet, die den Soloparts mehr klangliche Vielseitigkeit verleihen. Und man braucht kein halsbrecherisches Gefrickel, wenn man seinen Heavy Metal mit Power-Metal-Anleihen (beispielsweise beim herrlich betitelten und ziemlich fröhlichen “Eldest And Truest”) nicht nur professionell sondern auch mit Liebe zum Detail und durchdachter Komposition erschafft. Klischees darf man dabei natürlich verwenden (“Live for the whip, die by the sword!” mit NwoBHMig ausschlagenden Vocals), sind aber selten. Stattdessen verlässt man sich auf die Wirkung der Komposition und der Bandleistung, was zu kleinen Highlights wie “Ride Out” mit seinem Sechser-Takt in der Strophe und dem trockenen Kontrastriff im Vierer-Takt-Rest führt, zum unkonventionellen Chorus in “Infidel”, dessen Geschwindigkeit am Ende nochmal runtergebrochen wird (was immer geil kommt), und zum simplen Uptempo-Ausreißer “Into The Night”.
Die Songs an sich sind lange nicht so einfach, wie man es von Songs alter aufgelöster und nun erneut aktiver Metal-Bands erwarten könnte, wenn auch die Komplexität sich kein bisschen aufdrängt und lediglich im Unterhaltungsfaktor bemerkbar macht. Und das ist eigentlich das, was ein schön geschriebenes Heavy-Metal-Album zu einem nicht geringen Teil ausmacht!

Fazit:
Ich hätte die Truppe dem Sound nach in England verortet und mit ihrem melodieorientierten kreativen Heavy Metal erinnern sie ein Stück weit an jüngst rezensierte und ebenso großartige DARK FOREST in weniger folkig und mehr true. Und ganz klar, authentischer Heavy Metal mit Fantasie, Kreativität, edler Produktion und feiner Bandleistung: Ich weiß nicht, ob es insgesamt einen Fan der großen Genre-Klassiker gibt, der an “The Passing Of Time” keinen Spaß hätte.

Anspieltipps:
“Infidel”, “Valor”, “Ride Out” und “Eldest And Truest”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Eldest And Truest
02. Live For The Whip
03. Ride Out
04. Sands Of Time
05. Valor
06. Into The Night
07. Infidel
08. The Temple And The Tomb

Jannis