SEVENTH WONDER – Tiara

Band: Seventh Wonder
Album: Tiara
Spielzeit: 70:01 min
Stilrichtung: Progressive Power Metal
Plattenfirma: Frontiers Records
Veröffentlichung: 12.10.2018
Homepage: www.seventhwonder.se

Es macht ja immer Spaß, sich abseits der rein aus dem Hören des Albums herrührenden Einschätzung zu einem Album auch noch ein paar Rezensionen von Kollegen anzuschauen, um den über das jeweilige Werk herrschenden Grundtenor mit der eigenen Meinung zu vergleichen. Es macht noch mehr Spaß, wenn die eigene Meinung von der öffentlichen stark abweicht. So bei “Tiara”, dem fünften Streich der Progressive-Power-Schweden um KAMELOTs Tommy Karevik. Das Konzeptalbum besticht mit ca 70 Minuten Spieldauer, einer Ober-, wenn auch nicht Weltklasseproduktion und insgesamt 13 Songs.
Was positiv hervorgehoben werden muss: Die Jungs verstehen ihr Handwerk. “Tiara” ist ein astrein konzipierter Mix aus progressiven Taktspielereien und skandinavischem Power Metal, der in sich schlüssig wirkt und nach allen Regeln der Kunst zusammengebastelt wurde.
Die einzelnen Songs sind nur leider zumeist absolut generisch und austauschbar. Kennt man die typischen SEVENTH-WONDER-Melodielinien, so fällt die Scheibe schlicht überraschungslos aus. Der Großteil der Melodien scheint darauf ausgelegt, dem Zuhörer dicke Gänsehaut auf den ganzen Körper zu zwingen, dafür bedarf es allerdings abseits gewisser Erfahrungen im Komponieren keiner weiteren Genialität bzw. Fähigkeiten. So groß und episch dramatisch die Melodien auch geschrieben worden sind, so belanglos sind sie – kaum eine unter ihnen, an die man sich im Nachhinein erinnern würde; stattdessen beendet man “Tiara” vermutlich mit einem kruden Ohrwurmgemisch jedes Lieds des Albums.
Hervorhebenswerte Lieder gibt es natürlich dennoch. “Tiara’s Song”, erster Song der “Farewell”-Trilogie, ist ein Anwärter auf den besten Song des Albums, mit sich vom bisherigen Part der Platte abhebenden Melodien und einem Refrain, der als Power-Metal-Version von JUDAS PRIESTs “Lost Love” durchgeht. Weitere Motive dieses Songs finden sich im zweiten und dritten Teil wieder, nur merkt man das kaum, weil sie den meisten anderen Trademark-Motiven des Albums deutlich ähneln.
Erfreulich auch “By The Light Of The Funeral Pyres” und “Damnation Below”, die fix und gekonnt daherkommen. Ist auch nötig zu diesem Zeitpunkt, schließlich überwog bei den drei vorangehenden Tracks der Schmalzfaktor enorm, um nicht zu sagen, viel zu krass.
Und sonst? Viel grandios gespieltes und gesungenes Mittelmaß, viel ähnlich klingender Lehrbuch-Prog, gestreckt auf 70 Minuten, die, auf 40 Minuten heruntergekürzt, doch etwas mehr Unterhaltsamkeit hätten bieten können. Nach Hits vergangener Alben (Man bedenke nur das großartige “The Promise”) ist Tiara einfach künstlich gestreckter Standard-Progressive-Metal, dem es am wichtigsten Bestandteil guten Progressive Metals fehlt: nicht Taktwechsel, musikalischer Tiefgang, der nicht beim Musikstudium der Bandmitglieder endet.
Kurz: Wer progressiven Power Metal mit allem Tamtam mag, bekommt mit “Tiara” ein auf Gefälligkeit gelutschtes 70-Minuten-Opus, das handwerklich der Hammer ist, der den Kreativitätsnagel nicht auf den Kopf trifft. Schade bei einer Band, der man so deutlich anhört, was sie drauf hat.

Anspieltipps:
“Tiara’s Song (Farewell Pt. 1)”, “By The Light Of The Funeral Pyres” und “Damnation Below”

Fazit:
10 Punkte für die handwerkliche Umsetzung und das Prog-Metal-Know-How, drei für das, was daraus geworden ist. Die “Hauptsache progressive”-Fraktion, sollte es sie denn geben, darf gerne mal reinhören und der Rest sich an einzelnen Songs erfreuen. Wer eine klarere Kaufempfehlung wünscht, der greife einfach auf eine der zahlreichen positiven Rezensionen da draußen zurück.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Arrival
02. The Everones
03. Dream Machines
04. Against The Grain
05. Victorious
06. Tiara’s Song (Farewell Pt. 1)
07. Goodnight (Farewell Pt. 2)
08. Beyond Today (Farewell Pt. 3)
09. The Truth
10. By The Light Of Funeral Pyres
11. Damnation Below
12. Procession
13. Exhale

Jannis

GOD’S ARMY – Demoncracy

Band: God’s Army
Album: Demoncracy
Spielzeit: 49:13 min
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: ROAR! Rock of Angels Promotion
Veröffentlichung: 12.10.2018
Homepage: www.godsarmymusic.net

Es ist schon eine verständliche Aktion, sich als Käufer von GOD’S ARMYs “Demoncracy” zu überlegen, ob man hier möglicherweise ein wenig verarscht wurde. Schließlich sind von den zehn Tracks der Platte zwei Stück anderthalbminütiges Gerede, einer ein reiner kurzer Atmosphäre-Track und der letzte ein Cover. Macht effektiv sechs richtige Tracks.
Der erste Hördurchgang offenbart jedoch: Das Gesamtpaket geht absolut klar. Das Cover von “My Way” funktioniert in der Version hervorragend, der Atmo-Track (“The All Seeing Eye”) schafft auch tatsächlich Atmosphäre und die beiden Gerede-Tracks fügen sich doch sehr gut in das Gesamtkonzept von “Demoncracy” ein, erhöhen seinen politischen Realtalk-Faktor und lassen zusammen mit den anderen Rede-Schnipseln, die sich normal am Anfang oder Ende der Tracks finden, in ihrer Machart ein wenig an QUEENSRYCHEs “Operation Mindcrime” denken.
Weiterer Fakt zur Versöhnung: Insgesamt drei Tracks des von Ade Emsley (an den Reglern u.a. für MAIDEN, I AM I und TANK) hervorragend organisch und klar produzierten Werks knacken die sechs Minuten, “The Replicant” sogar die 13. Die zweite CD der Jungs, die zuvor unter anderem bei HELLOWEEN, SCANNER und FIREWIND unterwegs waren, ist eine wunderschön uninnovative Mischung aus NwoBHM und einer hörbaren Dosis Hard Rock, die es mit einem sehr guten Händchen für Arrangements und Melodien vollbringt, fast völlig ohne moderne Elemente und, gerade bei den langen Tracks erkennbar, mit einigen MAIDEN-Einflüssen einfach hochqualitativen Metal zu spielen. Der funktioniert bei kürzeren Tracks (beim akutes High-Speed-Mitnicken erfordernden “Free Your Mind” ebenso wie beim etwas ruhiger-rockigen “Enemy Maker”) genau wie bei den langen – allen voran das überlange “The Replicant”, dessen Strophe und Refrain ebenso überzeugen wie sein über sechs Minuten langer Solopart, der dank vieler liebevoller überraschender Ideen höchst kurzweilig ausfällt.
Von Vorteil ist bei “Demoncracy” zudem, dass man sich über die instrumentalen Parts des Albums anscheinend viel mehr Gedanken gemacht hat, als man es von vielen Bands kennt, deren Solopart kurz der Vollständigkeit halber auf die Harmonien des Refrains geworfen wurde. Gerade in den instrumentalen Mittelteilen der Songs offenbart sich GOD’S ARMY als eine sehr harmonische Truppe, die zugunsten der Songqualität untereinander bestens kooperieren kann. Auch die Stimme von John A.B.C. Smith sitzt hervorragend und verhilft mit ihrer leichten Rauheit den rockigeren der Songs zu einem Hauch mehr Lemmy-Vibes.
In seiner Gesamtheit ist “Demoncracy” ein stark produziertes, “original” wirkendes Heavy-Metal-Album der alten Schule, mit fein komponierten Melodien und, innerhalb des gewählten Genres, einer guten Menge an Vielseitigkeit, zusammengeschustert zu einem sauberen Konzeptalbum. Daumen hoch!

Anspieltipps:
“Enemy Maker”, “The Replicant”, “My Way” und “Final Destination”

Fazit:
Räumt den Plattenteller für “Demoncracy” wenn Ihr Freude an professionell und liebevoll gemachtem klassischen Heavy Metal mit viel Unterhaltungspotenzial habt. GOD’S ARMY haben das, was Ihr braucht!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. You Are You
02. Free Your Mind
03. Enemy Maker
04. Final Destination
05. Games Without Frontiers
06. The All Seeing Eye
07. Before The Fall
08. The Replicant
09. Heroes & Demons
10. My Way

Jannis

ORION’S REIGN – Scores Of War

Band: Orion’s Reign
Album: Scores Of War
Spielzeit: 58:34 min.
Stilrichtung: Symphonic Power Metal
Plattenfirma: Pride & Joy Music
Veröffentlichung: 19.10.2018
Homepage: www.orionsreign.com

ORION’S REIGN haben schon ziemlich viel richtig gemacht, immerhin wurde ihr zweites Album, “Scores Of War”, von Jens Bogren und Linus Corneliusson zusammengeschraubt, hat als Gäste unter anderem Tim Ripper Owens und Bob Katsionis von FIREWIND vorzuweisen und nicht zuletzt ein dickes Sinfonieorchester am Start. Dazu ein blau-oranges großartiges Artwork von Stan Decker, der bereits Platten von PRIMAL FEAR, ROSS THE BOSS und vielen anderen bemalte. Da kann eigentlich nicht viel schief gehen, denkt man – und behält damit recht.
Das Endergebnis der Zusammenarbeit dieses illustren Bundles mit den fünf Griechen von ORION’S REIGN ist bombastischster symphonischer Power Metal, der eine hörbare Nähe zu Werken von RHAPSODY (OF FIRE) aufweist, fett produziert und ganz nebenbei eine beachtliche Bandleistung. Sänger Dan klingt nach einer Mischung aus Fabio Leone und Joakim Brodén und verrichtet kaum schlechtere Arbeit als die beiden, zumal er gerade in höheren Sphären exzellente Mic-Arbeit leistet. Der Rest der Band sitzt on Point und setzt kraftvolle Balladen ebenso souverän um wie fixe Doppelbasstracks, stets mit der nötigen Härte und vor geschwindem Geholze nicht zurückschreckend. Dazu kommt das Orchester. Ist die Sorge, das Orchester auf einem Power-Metal-Album könne gegebenenfalls primär als imageaufbessernder Ersatz für lieblos in den Hintergrund gematschte Orchestral-Synths dienen, oftmals berechtigt, so stellt sie sich in diesem Fall als absolut unbegründet heraus. Die Orchestralarrangements von Keyboarder Kirk reizen die Möglichkeiten eines Orchesters wunderbar aus – von weichen Streichern über diverse Perkussionsinstrumente bis hin zu scharf-bedrohlichen Hörnern.
Dementsprechend ist “Scores Of War” fast immer sehr episch, fährt große Melodien auf und erinnert nicht zufällig an einen metallisierten Filmsoundtrack.
Je nach Song wird es düsterer-böser (“The Undefeated Gaul”, “Warrior’s Pride”) oder dramatisch-bombastischer (“The Gravewalker”), mal klassisch speedmetallisch.
All das auf hohem Niveau, innerhalb des Stils doch ziemlich divers, durchgängig massiv orchestriert und nach einiger Zeit den Wunsch nach etwas Pause, etwas weniger Überladenheit, hervorrufend – und hier liegt das Problem von “Scores Of War”. ORION’S REIGN gönnen ihren Fans ein paar ruhigere Momente, allerdings in Form von folkig anmutendem fröhlichem Gedudel (“An Adventure Song”) oder hartem Pathos, der die Kitschgrenze leider weit hinter sich lässt (Withering Heart”, “Ride To War”). Die drei bis vier Songs, die also aus dem “Harter Power Metal, bombastisches Orchester”-Raster fallen, sind größtenteils schwer zu verkraften, gerade “Ride To War” belastet mit MANOWARballadenfeeling der Heart-of-Steelsten Art. Pluspunkt: Nach einem solchen Song hat man direkt wieder Bock auf den nächsten Symphonic-Metal-Kracher auf “Scores Of War”. Kann man also mit leben.

Anspieltipps:
“The Gravewalker”, “Warrior’s Pride”, “Last Stand” und “Together We March”

Fazit:
Wurde in dieser Rezension schon das Wort “bombastisch” erwähnt? Egal, einmal muss halt noch. Geil produzierter, detailverliebter bombastischer Symphonic Power Metal der Marke RHAPSODY, top gesungen, fett ohne Ende, mit ein paar Schmalz/Folk-Parts, durch die man halt durch muss. Ab auf den MP3-Player damit und dann auf in den Battle.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Elder Blood
02. Together We March
03. The Gravewalker
04. The Undefeated Gaul
05. An Adventure Song
06. Freedom Is Not Negotiable
07. Nostos
08. Warrior’s Pride
09. Withering Heart
10. Last Stand
11. Ride To War

Jannis

BONESETTER – One Way Top Speed

Band: Bonesetter
Album: One Way Top Speed
Spielzeit: 45:17
Stilrichtung: Hard Rock
Plattenfirma: Plattenfirmen sind kein Rock’n’Roll
Veröffentlichung: 30.01.2018
Homepage: www.bonesetterband.com

Bei manchen Bands weiß man ab dem Zeitpunkt, an dem man ihr Album in Händen hält, wohin die Reise geht. Das klischeehafte und unbestreitbar sehr gelungene Coverartwork von BONESETTERs “One Way Top Speed” macht aus den Damen und Herren aus Deutschland eine solche, und ein Blick auf die Trackliste tut sein Übriges, um klarzustellen: Es wird jetzt nicht progressiv und tiefgründig, aber vermutlich ziemlich spaßig. Und wer wäre der Schein, zu trügen? Über zwölf Tracks und 45 Minuten Spieldauer präsentiert die Truppe um Franz Schröter und Hendrik Labisch, die man unter anderem bereits vor RAGE, MOONSPELL und BLACK LABEL SOCIETY bestaunen konnte, knackigen Hard Rock der Marke AC/DC und AIRBOURNE.
Hinsichtlich des Sounds haben BONESETTER auf ihrem Debutalbum schonmal alles richtig gemacht. Während sich unzählige andere Bands ihr Debut durch eine preiswerte Produktion versaut haben, hat das 2010 gegründete Quartett an der korrekten Stelle investiert. Sauber abgemischt, klar und definiert radelt “One Way Top Speed” aus den Boxen und weiß dem interessierten Hörer Hendriks zum Stil der Band bestens passende Stimme würdig zu überbringen, ebenso wie die souveräne Leistung der restlichen Band.
Und musikalisch? Nu, mit der Einschätzung, die Scheibe klinge nach einer klassischen Mischung aus AC/DC und AIRBOURNE, alles gesagt. Sonderlich viel Innovation ist da nicht drin, aber das Ziel, seinen persönlichen Rockidolen zu huldigen, kann als problemlos erfüllt abgehakt werden. Mal schwerer schleppend, wie bei “Illegal Life”, mal im Feelgood-Riff-Sommer-Modus bei “Make Love” und mal vergleichsweise geschwind (also oberes Midtempo oder Unteres Uptempo) bei “Sweat And Blood”. Zwischendurch findet sich noch ein wenig Listeningbait – “Short Fast And Merciless” ist eines der am wenigsten shorten Lieder, nicht allzu fast aber immerhin vergleichsweise merciless – und mit “Rock Hard” hat man sich ein wenig im Titel vergriffen. Zwei Punkte Abzug dafür, Freunde, so geht das nicht.
Spaß.
Allgemeiner gesagt: Die Songstrukturen ähneln sich deutlich, es gibt viel Midtempo, die Riffs sind dominant und partytauglich, der Gesamtsound ist den Vorbildern entsprechend abgespeckt. Mit derartigen Komponenten läuft man als Band natürlich Gefahr, dass letztendlich doch nicht jeder Song ein epiphanisches Erlebnis wird (dafür ein Punkt Abzug), zudem fehlt BONESETTER noch das nötige Stück Charakter, eigene Nouancen im Gesamtsound, der an sich natürlich berechtigterweise ausfällt, wie er ausfällt (dafür der zweite Punkt Abzug). Nichtsdestotrotz ist “One Way Top Speed” ein starkes Debutalbum, das äußerst viel richtig macht und Fans des guten alten klassischen Hard Rocks mit einem ausgewählten Kasten Bier und ein paar Freunden garantiert einen fröhlichen Abend bescheren wird.

Anspieltipps:
Was soll man sagen, Ihr kennt die Rezeptur. Alle Tracks bewegen sich auf einem sehr ähnlichen Niveau, einfach mal blind reinhören ist angesagt.

Fazit:
Gut gespielte und fein produzierte Songs mit smarten Lebensweisheiten und Ratschlägen zum Thema Bier trinken, Trucks fahren und Leute bumsen, angetrieben durch besten Wechselstrom. Kann man als Freund des Genres wirklich gar nichts mit falsch machen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Drinking Beer
02. Golden Gun
03. Illegal Life
04. Keep On Trucking
05. Make Love
06. One Way Top Speed
07. Outlaw
08. Road Of Fire
09. Rock Hard
10. Short Fast And Merciless
11. Sweat And Blood
12. Wildfire

Jannis

BRAINSTORM – Midnight Ghost

Band: Brainstorm
Album: Midnight Ghost
Spielzeit: 51:38 min.
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 28.09.2018
Homepage: www.brainstorm-web.net

Der Vollmond steht am Himmel, halb von Wolken verdeckt. Aus der Ferne die Laute eines Uhus, das Ticken deiner alten Standuhr hält dich vom Schlafen ab. Dann, exakt zur zwölften Stunde, geht der Spuk ohne Vorwarnung los, ohrenbetäubender Lärm jagt dich unter deine Decke. Erst schreist du vor Angst, dann beruhigst du dich. Dann fängst du langsam an, mitzunicken und ab dem Zeitpunkt hat der „Midnight Ghost“ dich bei den Eiern und lässt dich bis zum Ende der Scheibe nicht mehr los. Aber fliehen möchtest du genau genommen eh nicht mehr.
Schließlich ist “Midnight Ghost”, das mittlerweile zwölfte Album von BRAINSTORM, die wohl beste Scheibe der Gerstettener seit mindestens zehn, vielleicht noch mehr Jahren. Mit einem wunderschönen Cover versehen und ausgestattet mit zehn kurzweiligen Songs (Bis auf einen sind alle im Vier-bis-fünf-Minuten-Bereich gehalten) – und einem BRAINSTORM-Wecker im Boxset – erweist sich “Midnight Ghost” als absolutes Brett, angefangen schon bei der Produktion. Für die zeichnet sich ORDEN OGANs Seeb verantwortlich, und der hat zweifelsohne das Letzte aus den Songs herausproduziert. Druckvoll und definiert bis zum Gehtnichtmehr ist das Resultat seiner Arbeit, Kritik nicht möglich.
Doch nicht nur der Sound stimmt auf “Midnight Ghost”. Kam bei den letzten Releases der Herren um Meistersänger Andy B. Franck doch immer wieder das Gefühl auf, man orientiere sich hauptsächlich an typischen BRAINSTORM-Trademarks, sei dabei allerdings nicht besonders innovativ unterwegs, so ist ab dem ersten Track auf “Midnight Ghost” klar, wo die Reise hingeht. Die ersten vier Songs sind komplette Hits, angemessen aggressiv, dabei aber durchzogen von Ohrwurmmelodien und angereichert mit epischen Refrains (“Devil’s Eye”), zappelig-technischen Instrumentalergüssen (“Revealing The Darkness”) und hin und wieder mal ein paar ruhigeren Klängen (“Ravenous Minds”).
Das anschließende “Jeanne Boulet (1764)” ist trotz seiner knapp acht Minuten Spieldauer kurzweiligst, mit dezenten aber sehr wirksamen Orchestralkeyboards und einem gesummten Gesangspart, den man sich hätte sparen können. Und die Qualität lässt nicht nach. Mit “Divine Inner Ghost” gibt’s den nächsten heftig eingängigen Chorus und “When Pain Becomes Real” ist nicht weniger intensiv und trotz des im Vergleich zu den anderen Tracks des Albums etwas konventionelleren Refrains ein starkes Stück. Ebenso der äußerst bemerkenswerte Chorus von “Haunting Voices”, das ein klein wenig an ICED EARTHs “Horror Show” erinnert.
Die schwächsten Songs auf “Midnight Ghost” sind das stampfende und recht simple “Four Blessings” und die Ballade “The Path”. Und selbst die machen noch Laune. Ansonsten keine Lückenfüller – Mit ihrem neusten Release haben BRAINSTORM die Messlatte für ihre zukünftigen Releases brutal hoch gelegt.

Anspieltipps:
Eigentlich alles außer “When Pain Becomes Real”, “Four Blessings” und “The Path”

Fazit:
BRAINSTORM haben in ihrer Karriere noch nie ein wirklich schwaches Album abgeliefert. Das wird sich mit “Midnight Ghost” nicht ändern. Im Gegenteil, die Melodien und Arrangements der Jungs klingen so stimmig wie selten zuvor. Man sollte sich die anstehenden Release-Shows mit MOB RULES nicht entgehen lassen, schließlich finden sich dort insgesamt 19 von 20 Punkten auf der Bühne. Und man sollte “Midnight Ghost” kaufen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Devil’s Eye
02. Revealing The Darkness
03. Ravenous Minds
04. The Pyre
05. Jeanne Boulet (1764)
06. Divine Inner Ghost
07. When Pain Becomes Real
08. Four Blessings
09. Haunting Voices
10. The Path

Jannis

DYNAZTY – Firesign

Band: Dynazty
Album: Firesign
Spielzeit: 49:36 min.
Stilrichtung: Modern Melodic Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 28.09.2018
Homepage: www.dynazty.com

Die Schweden von DYNAZTY sind wieder da. Im Gepäck: ihr sechstes Werk “Firesign”, Nachfolger des 2016er Releases “Titanic Mass” und das Album, das zwangsläufig erscheinen muss, wenn vorher bei Ikea alle Synthesizer 40% reduziert waren. Innerhalb von elf Jahren Bandgeschichte haben sich die fünf Stockholmer bereits einen respektablen Namen und die damit einhergehende Fangemeinde erspielt und somit die Gelegenheit gehabt, ihren Sound von Größen wie Jonas Kjellgren (Ex-Gitarrist von SCAR SYMMETRY, Mastering bei AMORPHIS, IMMORTAL und anderen) und Peter Tägtgren (kennt man) polieren zu lassen. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß einwandfrei produziert – einwandfrei produzierter moderner Melodic Metal, sehr melodieorientiert, oft cheesy und angereichert mit zahlreichen Synth-Spielereien. An der Bandleistung gibt es ebenfalls nichts zu meckern. Die Instrumente sitzen, Sänger Nils Molin überzeugt mit einer klaren Power-Metal-kompatiblen Stimme, die den elf Tracks auf „Firesign“ dienlich ist, auch in hohen Sphären funktioniert und durchaus Charakter hat.
Mit den Songs ist das hingegen so eine Sache. Der typische DYNAZTY-Song funktioniert folgendermaßen: Auf ein Synth-Arpeggio-Intro folgt der fett klingende Einstieg der Band, ab dem feststeht, dass die Synthesizer aus dem Songintro nun das komplette Lied unterlegen werden. Plus ein paar mehr Synthesizer. Anschließend die erste Strophe, die bis zum Anfang ihrer zweiten Hälfte im tyischen STRATOVARIUS-Klischeestyle gitarrenfrei gehalten ist. Im anschließenden Prechorus werden dann die Melodien etwas aufgefröhlicht, bevor ein dicker Refrain mit großer Melodie, die sich manchmal ins Ohr zu graben vermag, aufgefahren wird. Dann wieder Strophe, Prechorus, Chorus, ein semispektakulärer Mittelteil und zu guter Letzt noch zwei- oder dreimal der Chorus, das letzte Mal in einer anderen Tonlage.
Bei einigen Songs ist der Discofaktor etwas höher („My Darkest Hour“ oder „Let Me Dream Forever“), bei einigen wird’s etwas böser („Starfall“) oder dramatisch-melancholischer („Closing Doors“) und ab und an bringt man kleine neoklassisch („The Grey“) oder folkig-piratig anmutende („Ascension“) Motive mit ins Spiel. Ach ja, oder man zieht sich die Keyboards von RAMMSTEIN, wie im Falle von „Firesign“ (original: „Du hast“) geschehen. Das Ganze wirkt oft doch sehr poppig, einigermaßen glattgelutscht und ist vergleichbar mit DRAGONFORCE, wenn man ihnen THC ins Speed mischen würde.
Versteht das nicht falsch: „Firesign“ wird jedem Freund von modernem Melodic Metal mit einer guten Portion delikat gewählter Synthesizer Spaß machen, jedenfalls die einzelnen Lieder für sich. Über die Dauer eines kompletten Albums stellen sich bei DYNAZTYs Konzept jedoch gewisse Ermüdungserscheinungen ein, denn bei derart ähnlichen Songstrukturen kommt schon beim fünfen Track das Gefühl auf, man habe ihn auf „Firesign“ schon einmal gehört. Und so fett die Melodien auch sein mögen, die die Jungs gerade in ihren Refrains auffahren: Die ganz großen Knaller, die sich über Stunden ins Hirn zu brennen vermögen, sind nicht dabei. Die Scheibe ist letztendlich doch eher ein spaßig-poppiges Partymetalalbum ohne viel Tiefgang.

Anspieltipps:
„My Darkest Hour“, „The Light Inside The Tunnel“, „Let Me Dream Forever“ und „The Grey“

Fazit:
„Firesign“ ist ein wenig das Guinness unter den Power-Metal-Alben; schön dick und mild, aber nichts, womit man ein herbes Pils auf Dauer ersetzen könnte. Ist aber nicht schlimm, denn als fett produziertes melodisches Metalalbum wird es vielen von Euch doch ein paar schöne Stunden bescheren können. Hört mal rein!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Breathe With Me
02. The Grey
03. In The Arms Of A Devil
04. My Darkest Hour
05. Ascension
06. Firesign
07. Closing Doors
08. Follow Me
09. Let Me Dream Forever
10. Starfall
11. The Light Inside The Tunnel

Jannis

DREAM CHILD – Until Death Do We Meet Again

Band: Dream Child
Album: Until Death Do We Meet Again
Spielzeit: 70:56 min.
Stilrichtung: Hard Rock/Heavy Metal
Plattenfirma: Frontiers Music s.r.l.
Veröffentlichung: 14.09.2018
Homepage: www.facebook.com/DreamChildRock

Manch einer, der in DREAM CHILDs Debutalbum “Until Death Do We Meet Again” reinhört, dürfte sich an einen der großen Künstler der Rockgeschichte erinnert fühlen. Korrekt, es ist MIKE OLDFIELD. Schon das Intro des ersten Songs ist klar und deutlich eine Abwandlung seines legendären “Tubular Bells”-Motivs und… Ach lassen wir das. Der Bandname ist eine Referenz auf DIOs “Dream Evil”-Album, außer dem Sänger und dem Keyboarder waren alle Bandmitglieder bereits an DIOs Seite tätig und die Stimme von Sänger Diego Valdez (SKILLTRON u.a.) klingt Ronnies nicht nur explizit ähnlich, er weiß sie auch so einzusetzen wie sein großes Vorbild.
Neben der stimmlichen Leistung von Valdez entführt auch die organische Produktion, die natürlich zeitgemäß ein bisschen hochgepusht wurde, den Hörer von UDDWMA in die Zeit von 1975 bis 1995. Garniert wird die ganze Angelegenheit von fein eingesetzten Keys. Von der 70er-Hammondorgel über warm-weiche 80er-Pads bis zu asozialen 90er-Saw-Synths ist die komplette Bandbreite an rock-relevanten Tasteninstrumenten im richtigen Maß vertreten und leistet gute Dienste.
Die Songs klingen durchweg wie – Ihr habt da vielleicht schon so eine Ahnung – Dio. Dabei wird nicht an Dissonanzen gespart, viele der Songs sind erstaunlich wenig eingängig. Wer nach Material im Stil der DIOschen Gassenhauer der Marke “Holy Diver” oder “Rock’n’Roll Children” sucht, wird vor allem bei “In A World So Cold” und “One Step Beyond The Grave” fündig. Wer hingegen Freude an seinen komplexeren und weniger fröhlichen Werken verspürt, der ist unter anderem mit dem verschachtelten Titeltrack oder dem größtenteils instrumental gehaltenen “Washed Upon The Shore” gut beraten. Freunden starker Mittelteile sei generell so gut wie jeder Song ans Herz gelegt, das gleiche gilt für Fans des uninspirierten Ausfadens am Ende eines Tracks.
Negative Kritik? Nun, zuerst einmal ist UDDWMA mit seinen 70 Minuten Laufzeit tatsächlich etwas zu lang, gerade auch innerhalb der einzelnen Songs. Die meisten von ihnen hätte man über vier bis fünf Minuten wesentlich kurzweiliger halten können, wie sich unter anderem bei “You Can’t Take Me Down”, einem der +7-Minüter zeigt. Des weiteren ist das Album, auch aber nicht nur aufgrund des Gesangsstils, am ehesten als Stilkopie zu werten. Es hat den Anschein, als habe man versucht, ein DIO-Album ohne Dio zu produzieren, aber eben auch nicht wirklich mehr. Klar, ein wenig URIAH HEEP ist drin, ein bisschen OZZY und ein bisschen EMERSON LAKE & PALMER auch, aber das Gefühl bleibt, dass hier letztendlich eine (in ihrer Sache sehr gute) DIO-soundalike-Band am Start ist. Das wäre angesichts der großartigen vertretenen Musiker gar nicht nötig gewesen, einen soliden DIO/RAINBOW-Grundspirit hätte man mit mehr eigener Innovation kombinieren können. So hingegen ist UDDWMA ein gutes Album mit etwas zu langen Songs, etwas zu wenig Eingängigkeit, etwas zu viele Fadeouts und leider auch zu wenig Eigenständigkeit – auf hohem Niveau. Wer so etwas mag, der denke sich gerne ein bis zwei Sterne mehr zur Bewertung hinzu. Der Rest kriegt immerhin einen anständigen 70es/80es-Hard-Rock/Heavy-Metal-Flashback verpasst.

Anspieltipps:
“Light Of The Dark”, “Until Death Do We Meet Again”, “In A World So Cold”, “One Step Beyond The Grave” und “Washed Upon The Shore”

Fazit:
Gut gemachter DIO-Sound ohne Dio mit einigen Abstrichen. Fans des guten Mannes (und wer ist das nicht?) sollten aber auf jeden Fall mal reinhören. Denn mehr Liebe als in einem tourenden Hologramm steckt in DREAM CHILDs erster Platte doch auf jeden Fall.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Under The Wire
02. You Can’t Take Me Down
03. Games Of Shadows
04. It Is What It Is
05. Playin‘ With Fire
06. Light Of The Dark
07. Midnight Song
08. Until Death Do We Meet Again
09. Washed Upon The Shore
10. In A World So Cold
11. Weird World
12. One Step Beyond The Grave

Jannis

MAXXWELL – Metalized

Band: Maxxwell
Album: Metalized
Spielzeit: 61:23 min.
Stilrichtung: Heavy Rock
Plattenfirma: Rock’N’Growl Promotion
Veröffentlichung: 21.09.2018
Homepage: www.maxxwell.ch

Lange Heimfahrt mit der Bahn, inklusive mehrerer Umstiege. Wie das so ist: Erstmal Umstieg in den falschen Zug, zurück Richtung Ausgangsort. Zwei Stunden plus, geil. Alles nicht so schlimm, schließlich war der Plan, während der Fahrt die neue Scheibe von MAXXWELL zu rezensieren, und dafür ist nun auf alle Fälle genug Zeit. Nicht nur die Fahrt fällt härter aus als erwartet, auch “Metalized” tut dies, schließlich hat man sich seit dem letzten Release doch deutlich… nun, metallisiert. Und dies demonstrieren die fünf Schweizer äußerst befriedigend anhand von (inklusive Bonustracks) 15 Songs und über einer Stunde Spieldauer.
Die Produktion ist gelungen und funktioniert mit dem Stil der Band bestens, ebenso wie Sänger Gilberto Meléndez, der als erstklassige Rockröhre sowohl mit rauem als auch mit klarerem Gesang vollends überzeugt. Die Stimme passt hervorragend zum Stil der Schweizer: Moderner, ziemlich amerikanisch anmutender Hard Rock mit deutlichen Metaleinflüssen. Relativ einfach gehalten, muss man hinzufügen, schließlich besteht der allergrößte Teil des Albums aus bodenständigen fünf, mit Backing Vocals ab und an sechs, hörbaren Spuren, was MAXXWELL jedoch komplett ausreicht, um eindrucksvoll fett zu klingen.
Dazu kommt ein Gespür für Ohrwurmmelodien. Schon die ersten beiden Tracks erweisen sich in dieser Hinsicht als ordentliche Granaten, die feine Riffs, lässige Hard-Rock-Beats und eingängige Melodien gerade im Chorus souverän miteinander vereinen. “P.U.T.V.” (Pump Up The Volume) zieht erbarmungsloser nach vorne und hebt den Härtegrad etwas an, während “She’s Mine” und “Scars” leicht melancholischer kommen (Gerade “She’s Mine” hätte ich gerne mal ergänzt um Glöckchensynths und eine Oktave tiefere Vocals von den 69 EYES gehört), allerdings nach wie vor problemlos auch live feierbar sind.
“Metalized” fällt wie “The Temple” vergleichsweise unspektakulär aus, das gleicht “Burn” mit seinen coolen Gitarren im Refrain und seinem leicht asozialen Charme jedoch problemlos aus. Bei “Raise Your Fist”, einem schon angesichts seines Titels augenscheinlich als Livesong konzipierten Ding, geht das Tempo nochmal hoch, die “Oooooooh”-Mitgrölchöre werden ausgepackt und es wird, für die Investitionsfreudigeren unter Euch, der Bonusbereich eingeleitet, der mit drei weiteren Songs aufwartet und dessen Niveau den Hauptteil des Albums zumindest ansatzweise erreicht.
Schwäche wie Stärke von “Metalized” ist tatsächlich seine Länge. Über ca. vierzig Minuten machen der Stil von MAXXWELL und die Songs, die sie in diesem stark komponiert anbringen, wirklich Spaß. Über die letzten 20 Minuten zieht sich die Sache dann doch ein bisschen. Dann wiederum wird eh jeder Hörer seine Lieblingssongs nach ein, zwei Hördurchgängen herausgearbeitet haben und das Album auf vierzig echt geile Heavy-Rock-Minuten herunterbrechen können. Und auch, wenn einige der Melodien ein bisschen zu sehr Ami-gelutscht radiotauglich wirken mögen: Wer den Stil mag, wird über weite Teile von “Metalized” sehr gut bedient, von einer Truppe, die ihren Sound bis ins letzte Detail versteht und zu verwenden weiß.

Anspieltipps: “Hurricane”, “Back Again”, “Scars”, “Burn” und “Give It All”

Fazit:
Modern klingender Heavy Rock mit Amirock-Einflüssen, einem Qualitäts-Sänger und einer feinen Mischung aus souveränen Rhythmen, geilen Riffs und eingängigen Melodien. Gut gespielt, gut produziert. Noch Wünsche?

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Hurricane
02. Back Again
03. P.U.T.V.
04. She’s Mine
05. Scars
06. Metalized
07. Monsterball
08. Burn
09. Done With You
10. Give It All
11. The Temple
12. Raise Your Fist
13. Independent (Bonus Track
14. Queen Of The Night
15. Schizophrenia

Jannis

MANIMAL – Purgatorio

Band: Manimal
Album: Purgatorio
Spielzeit: 42:00 min.
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 07.09.2018
Homepage: www.manimal.se

Ganz ehrlich: Alben, die über eine Stunde Spieldauer haben und sich pro Song auch mal sieben bis acht Minuten Zeit lassen, sind an sich ’ne feine Sache. Aber ein Album, das über 42 Minuten kurz und knackig neun Songs im Drei-bis-fünf-Minuten-Bereich raushaut, ist doch zwischendurch auch mal erfrischend und umgeht sogar noch die Gefahr, sich über die letzten zwanzig Minuten nur noch zu wiederholen.
MANIMAL haben mit “Purgatorio” ein ebensolches kurzweiliges Heavy-Metal-Album vom Stapel gelassen, das nach dem Erfolg gerade ihres zweiten und bis vor kurzem aktuellen Albums “Trapped In The Shadows” ziemlich hohen Erwartungen ausgesetzt war. Die Produktion des neusten Releases der Göteborger ist rund und kraftvoll, meckern kann man hier nicht. So sieht’s auch hinsichtlich der Leistung der Instrumentalfraktion aus, die gekonnt und professionell Samuel Nymans starke Gesangsleistung hinterlegt.
Stilistisch lässt sich die Scheibe ungefähr mit einer Kollaboration von JUDAS PRIEST und KAMELOT vergleichen. Sie legt ein paar mehr ruhige Momente an den Tag, als man es von PRIEST-Hitalben wie “Painkiller” kennt, orientiert sich in etwa zu gleichen Teilen an Alben dieser Zeit wie auch an solchen etwas “softer”-rockigen aus früheren Tagen der Briten und fügt dem ganzen dann eine angemessene Portion KAMELOT-Emotionen hinzu, inklusive dezent eingesetzter Synths.
Nach dem straighten “Black Plague”, das einen angemessenen Opener darstellt, folgt mit dem Titeltrack ein melodischer und tendenziell melancholischer Track, der sich akut ins Ohr zu fressen weiß und von vorne bis hinten einfach überragend geschrieben ist. Mit “Manimalized” wird es anschließend wieder klassischer, hier dominiert eindeutig wieder der NwoBHM-Anteil.
“Spreading The Dread” ist eine böse stampfende Angelegenheit und der kürzeste Song des Albums, weswegen man sich unnötigen Ballast in Form eines Prechorus souverän gespart hat. Kurzweilig, auch eher melodieorientiert, gut feierbar. Im Anschluss geht es mit “Traitor” zurück in etwas britischere Gefilde, mit zwei-oktavigen Vocals und einem klassischen Ein-Wort-Chorus, und “Behind Enemy Lines” marschiert wieder im Midtempo aus den Boxen und hat einen schweren, machtvollen Refrain im Gepäck. Richtig stark wird es dann noch einmal mit “Denial”, ebenfalls Midtempo, recht keyboardlastig. Nyman halfordet löblich und der Chorus leistet wieder mal ganze Ohrwurmarbeit.
Zum Schluss dann mit “Edge Of Darkness” und “The Fear Within” einmal mit einem etwas lästigen Keyboard-Teppich hinterlegte Power-Metal-Kost, die an irgendein spezielles Lied von KAMELOT erinnert, dabei aber gut Spaß macht, und einmal einen recht episch ausfallenden mit BATTLE-BEAST-”Out Of Control”-Gedenkriff versehenen Endtrack.
Wohl der größte Vorteil an “Purgatorio”: Auch die weniger starken Songs auf dem Album klingen in sich absolut harmonisch. Band und Sänger funktionieren bestens miteinander und der Stil der Schweden wirkt an keiner Stelle gezwungen innovativ zusammengeschustert. Dazu eine gute Portion Hitpotenzial; Wenn so das Fegefeuer klingt, darf man gespannt auf die Hölle sein.

Anspieltipps:
“Purgatorio”, “Denial”, “Traitor” und “Manimalized”

Fazit:
Die Einflüsse von MANIMAL sind unüberhörbar, doch ist “Purgatorio” alles andere als stumpfe Kopiererei. Den Jungs steht, so lässt sich vermuten, eine dicke musikalische Zukunft bevor und jeder, der Interesse an partytauglichem Heavy Metal der alten Schule mit neueren Power-Metal-Einflüssen hat, könnte an “Purgatorio” eine Menge Freude haben.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Black Plague
02. Purgatorio
03. Manimalized
04. Spreading The Dread
05. Traitor
06. Behind Enemy Lines
07. Denial
08. Edge Of Darkness
09. The Fear Within

Jannis

THE UNITY – Rise

Band: The Unity
Album: Rise
Spielzeit: 57:31 min.
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Steamhammer/SPV
Veröffentlichung: 14.09.2018
Homepage: www.unity-rocks.com

Man muss immer kritisch abwägen, ob man ein Album einer Band kaufen sollte, das gerade einmal anderthalb Jahre nach ihrem letzten Release veröffentlicht wurde. Doch ein paar vorsichtige und misstrauische Hördurchläufe von THE UNITYs neuer Platte “Rise” (Daumen hoch für den kreativen Albumtitel) bestätigen: Man kann in einer so kurzen Zeit nicht nur gute Alben produzieren, sondern tatsächlich herausragende.
Kurz das obligatorische Drumherum: Der Sound sitzt bestens und bietet keinen Grund zur Kritik. Das Albumcover sieht großartig aus. Die Musiker haben ihr Talent bereits auf dem Debutalbum unter Beweis stellen können: Gianbattista Manenti hat eine vielseitige und zum Stil der Band hervorragend passende Stimme, die er dementsprechend einzusetzen weiß, und die Instrumentalfraktion um die Gründungs- und GAMMA-RAY-Mitglieder Michael und Henjo agiert ebenfalls auf amtlich hohem Niveau.
Viel Power Metal und eine ordentliche Prise Hard Rock dominieren “Rise”. Nach dem kurzen Intro folgt, wie sich das gehört, mit “Last Betrayal” eine starke Uptemponummer, deren Eingängigkeit von der des folgenden “You Got Me Wrong” noch einmal übertroffen wird. Mit “The Storm” dann direkt der nächste Hit, poppiger Hard Rock mit ganz dezenten Stadiongesängen im Refrain (oder irre ich mich?), bevor bei “Welcome Home” die totalen Feelgood-Vibes ausgepackt werden. Gut, der Text ist ziemlich platt, aber das Riff und die Melodien entschuldigen das. “All That Is Real” sympathisiert mit “Mad World”-Harmonien und fährt zudem eine sehr schöne E-Orgel und den nächsten Hammer-Chorus auf. Mit “No Hero” gibt es anschließend besten eingängigen fixeren Power Metal, ebenso mit “Children Of The Light”. Die Ballade “The Willow Tree” ist feierlich episch und erinnert in Teilen leicht an “Hotel California”, ist dabei allerdings keine Quotenballade sondern ein sehr schön geschriebenes Teil. Und obgleich der letzte Track “L.I.F.E.” auch nicht von schlechten Eltern ist, hätte man als finalen Song doch vielleicht “Better Day” genommen, ein weiteres Highlight auf “Rise” mit sehr positiver Grundstimmung und einem tollen Refrain. Irgendwie hätte ich gerne mal ein DEVIN-TOWNSEND-Cover davon.
“Rise” ist minimal zu spät dran, um als Sommeralbum gelten zu dürfen. Es wäre wohl empfehlenswert, es einfach schonmal als Sommeralbum für den Sommer 2019 vorzumerken, denn seien wir ehrlich: Jeder Song des Albums hat einen sehr eigenen Charakter, sehr individuelle Melodien und Stimmungen – und ausnahmslos jeder der Songs agiert auf verdammt hohem Niveau, generell sehr eingängig und, wie man das von einer Band erwartet, die zum Teil aus GAMMA-RAY-Mitgliedern besteht, zumeist eher fröhlich, optimistisch, gute Laune verbreitend. Kurz: „Rise“ ist eines der Alben, die man bei 34 Grad und schönstem Sonnenschein im Cabrio hören sollte.
Was soll man an der Scheibe kritisieren, meine Freunde? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Anspieltipps:
“You Got Me Wrong”, The Storm”, “All That Is Real”, “Better Day” und “Welcome Home”

Fazit:
Ich wage zu behaupten, dass der allergrößte Teil des Rock-Garage-Zielpublikums auch zur Zielgruppe von THE UNITYs neustem Streich gehört. Sauber produziert, liebevoll komponiert, Ohrwurmpotenzial ohne Ende und fast jeder Song ein potenzieller Hit, gespielt von einer Truppe, die sich trotz ihrer kurzen Bandhistory komplett mit Recht als Unity bezeichnen kann – Viel besser war und wird es dieses Jahr wohl nicht!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Revenge
02. Last Betrayal
03. You Got Me Wrong
04. The Storm
05. Road To Nowhere
06. Welcome Home
07. All That Is Real
08. No Hero
09. The Willow Tree
10. Above Everything
11. Children Of The Light
12. Better Day
13. L.I.F.E.

Jannis