SINNER – Boom Bang Goodbye

Trackliste:

01. Dreams Can Come True
02. Wait
03. Leave It All Behind
04. All Night Long
05. Are You Ready
06. Born To Run
07. Hellbreaker
08. Turn The Page
09. Road To Remember
10. Under The Moonlight
11. Power

Spielzeit: 43:00 min – Genre: Hard Rock – Label: REINING PHOENIX MUSIC – VÖ: 31.07.2026 – Page: www.facebook.com/SinnerBand

 

Es gibt Leute, die erscheinen spät zur Party. Und dann gibt es noch Leute, die für ihre Rezension zum ersten Mal SINNER hören, und dann ist es aber die Rezension zum letzten Album vor Beendigung der Band. Cool. Dann wiederum sieht Mat Sinner auf dem Cover eigentlich noch ziemlich fresh aus und hat über 45 Jahre 21 Alben veröffentlicht und mit unzähligen krassen Rock- und Metal-Persönlichkeiten gearbeitet. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und prophezeie, dass da noch was geht.
Aber okay, für den Moment geht es jetzt um das letzte Album der Band, betitelt mit „Boom Bang Goodbye“. Und Boom und Bang macht zuallererst mal der Sound, für dessen Produktion Mat und sein Gitarrist Axel sowie Mixer und Masterer Jacob Hansen verantwortlich sind. Dicker, saftiger Hard-Rock-Sound – so und nicht anders muss das sein.
Meckern darf ich aber immerhin beim Cover, bei dem KI zumindest eine Rolle gespielt hat, wenn auch eher in der Nachbearbeitung. Und apropos KI, man kann es an der Stelle echt so sagen: „Boom Bang Goodbye“ ist die Art von Rock, die viele Leute mit KI so gerne zu simulieren versuchen, dabei aber in Sachen geil sein kläglich scheitern.
Nicht so SINNER. Zuerst einmal beherrscht jeder Beteiligte hier astrein sein Handwerk, was auch nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass hier Leute wie Magnus Karlsson, Michael Bormann und Ronnie Romero am Werk sind. Diese Truppe hat fetten melodischen Hard Rock durchgespielt und harmoniert hervorragend miteinander.
Dazu kann man es nicht anders sagen: Mat Sinner ist eine Chorus-Maschine, und auch sonstiges Melodie-Writing ist sehr stark. Grob kann man dabei „Boom Bang Goodbye“ in zwei Arten von Songs einteilen. Auf der einen Seite sind die Rocker, die man beim Motorrad fahren und anschließend in der holzverkleideten Bar hört. Auf der anderen Seite sind die Songs, bei denen es in Sachen Melodien etwas emotionaler wird, mit positivem Grundspirit aber ebenso nachdenklich-melancholisch.
Kann sein, dass der Mann das auf jedem Album so macht (müsst Ihr einen Experten für fragen), auf „Boom Bang Goodbye“ funktioniert das im Kontext des finalen SINNER-Albums aber auf jeden Fall großartig und macht die Platte zu einem Werk einer Musikers, der dankbar aber auch ein wenig wehmütig in die Vergangenheit und hoffnungsvoll aber auch mit Ungewissheit auf die Zukunft schaut.
Das kommt geil und authentisch und zumindest für mich zünden diese Tracks noch einmal anders als die klassischen „Yeah, Rock’n Roll, Party!“-Songs.
Verwunderlich auch, dass man mit einem musikalisch relativ unemotionalen Track dieses Album beendet, das einen so wichtigen Punkt in der Geschichte von SINNER markiert.

Fazit:
Ja cool, dann mag ich jetzt wohl auch SINNER. Besser spät als nie, hm? Daumen werden leise für ein Comeback gedrückt. Für SINNER-Fans endet mit „Boom Bang Goodbye“ eine Reise, und ich muss Euch als Neuling wohl nicht erzählen, ob und dass die Platte in Euren Schrank gehört. Wer dieses Projekt bislang auch irgendwie übersehen hat: „Boom Bang Goodbye“ ist Hard Rock auf extrem hohem Niveau und dürfte für viele Rock-Garage-Leser ein Kleinster-gemeinsamer-Nenner-Album sein!

Anspieltipps:
„Wait“, „Leave It All Behind“, „Turn The Page“ und „All Night Long“

Jannis

STORMHAMMER – WRATH OF THE HAMMER

Trackliste:

01. Beware
02. Wrath Of The Hammer
03. Ashes Of The Throne
04. Light In The Dark
05. Wheels Of Eternity
06. Guardians Of The Night
07. Veil Of Fire
08. Scars Of The Abyss
09. Shattered Dominion
10. The Dune

 

Spielzeit: 42:24 min – Genre: Power Metal – Label: ROAR! – VÖ: 17.07.2026 – Page: www.facebook.com/stormhammerband

 

Sieben Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal im Zuge einer Rezension STORMHAMMER begegnete. Damals mit ihrem Album „Seven Seals“, das mir ein wenig gezwungen modern um des Modern-Seins Willen vorkam. Jetzt sind die Münchner, nach einem verdienten 30-Jahr-Feier-Best-of wieder da, und ich bin doch gespannt, ob ich wieder meckern darf!
Also dann: „Wrath Of The Hammer“, achtes Album des Quartetts, zehn Tracks, knappe Dreiviertelstunde Spieldauer. So weit, so alles okay. Der Sound ist stabil. Es gibt da so ein, zwei Frequenzbereiche, die man noch etwas hätte zügeln dürfen, aber das fällt einem nach fünf Minuten auch nicht mehr auf. Ansonsten ist das Ding klar und hat Bumms. Auch die durchaus präsenten Orchestersounds sind voll auf der Höhe der Advanced-Underground-Power-Metal-Gegenwart; klar, das wurde am Computer zusammengeschraubt, klingt aber hochwertig und hat auch das Extra-Quäntchen Detail-Bearbeitung bekommen. Wirkt Wunder!
Was mir neu war, ist Manuel Nox, „neu“ (also seit 2019) am Mic, dessen Stimme entscheidend heavy/power-metalliger und unpolierter als die seines Vorgängers rüberkommt. Wobei ich das Gefühl habe, dass die Vocals auf „Seven Seals“ auch durchaus nach-geautotunt wurden, was auf „Wrath Of The Hammer“ nicht hörbar der Fall ist.
Demodernisierung also? Jap, durchaus. „Wrath Of The Hammer“ ist angenehm klassischer Heavy/Power Metal, der nicht zu durchproduziert ist, poliert sein darf (in schönen mehrstimmigen Vocal-Harmonien zum Beispiel), es aber nicht sein muss. Zu vielen Momenten entscheiden sich STORMHAMMER für die ungeschliffene, rohere Spielweise (aber natürlich gut gespielt) und verzichten auf modernen Schnickschnack, den ihre Musik nicht nötig hat.
Und wie ist das jetzt so geworden? Nun, „Beware“ ist schonmal ein stabil gebautes Cinematic-Orchestral-Intro, wonach der Titeltrack in meinen Ohren melodietechnisch ein wenig zu sehr rumeiert und nicht ganz weiß, was er will. Dafür geht das Niveau mit „Ashes Of The Throne“ und „Light In The Dark“ gut nach oben, mit eingängigen Chorus-Melodien und einem sehr starken Finale von „Light In The Dark“. „Wheels Of Eternity“ startet heftig und ist an seinen schwächsten Parts immer noch Durchschnitt, und ungefähr in diesem Mix geht die Platte dann weiter.
Unter ein gewisses Level fällt die Qualität der Song nie, und das Level ist immer noch vollkommen stabiler Power Metal, der gut abgeht, gut gespielt und gesungen ist. Und verlässlich liegt das Niveau von „Wrath Of The Hammer“ auch darüber, mit technischen Parts vonseiten der Rhythmusfraktion, Ohrwurm-Refrains, nicen Orchesteraktionen oder halt einfach mal ’nem souveränen Solopart.

Fazit:
Zumindest in meinen Ohren ist „Wrath Of The Hammer“ nach „Seven Seals“ ein klarer Schritt nach vorne. Das Ding ist undergroundiger deutscher Power Metal (schon ein Qualitätsmerkmal für sich) der Sorte, die man hierzulande in seiner Szene nicht missen möchte.

Anspieltipps:
„Light In The Dark“, „Veil Of Fire“ und „The Dune“

(Ja, das Video ist enttäuschenderweise zum Teil KI, die Musik zumindest meines Wissens nach nicht.)

Jannis

MOONSPELL – Far From God

Trackliste:

01. Cross Your Heart
02. Far From God
03. Biblical
04. The Great Wolf In The Sky
05. Your Promise Of Light
06. For The Love Of Mortals
07. Our Freedom To Fall
08. Reconquista

 

 

Spielzeit: 42:23 min – Genre: Gothic Metal – Label: Napalm Records – VÖ: 03.07.2026 – Page: www.facebook.com/moonspellband

 

Wie doch die Zeit vergeht. Als ich zum letzten Mal MOONSPELL rezensiert habe, saß ich (genau wie Ihr) in einem dicken fetten Lockdown in winterlicher Kälte und Dunkelheit und schrieb davon, dass es die Band nun fast 30 Jahre gibt.
Den Nachfolger zu dieser Rezension schreibe ich bei 38°C und sieh an, MOONSPELL gibt es nun fast schon seit 35 Jahren!
Und es ist Zeit für Album #14 mit dem zeitgeistlich sehr passenden Titel „Far From God“. Einiges hat sich geändert seit ihrem letzten Album, aber glücklicherweise ist sowohl die bestens miteinander harmonisierende Besetzung der Band aus Portugal als auch ihr Produzent gleich geblieben. Letzterer ist Jaime Gomez Arellano, (PARADISE LOST, GHOST, SÓLSTAFIR), dessen kraftvoll-breiter, handgemachter Sound perfekt zu Alben von Bands passt, denen überproduzierter Gummisound einfach nicht steht. MOONSPELL zum Beispiel.
Die sind spielerisch und gesanglich ein weiteres Mal in bester Form. Shoutout auch nochmal an Fernandos Vocals, die wie auch auf dem Vorgänger größtenteils clean und natürlich gothisch-dunkel ausfallen. Denn auch „Far From God“ ist eher einer der softeren Outputs von MOONSPELL. So richtig unklare Vocals, Metal-Riffs und Basstrommelbearbeitung finden erst auf den letzten beiden Tracks der Platte statt. Davor geht „Far From God“ eher als Gothic Rock durch, als solcher der älteren Schule. Sprich: Natürlich brauchst Du Keyboards bei so einem Album, aber MOONSPELL beschränken sich auf einen oldschooligen Keyboard-Einsatz, den eben ein echter Keyboarder live so auch mehr oder weniger ohne Backing Track hinbekommen würde. Klingt langweilig, ist aber in Praxis sehr angenehm.
Viele zuzrückhaltende Parts finden sich auf den ersten Tracks des Albums, viele an-distortete Gitarren und ruhige Vocals. Ja, die meisten dieser Songs intensivieren sich in ihrem Verlauf, aber schleichend subtil, sodass Track 7 und 8 nach so langem Edging noch einmal ganz anders knallen.
Und songwritingtechnisch? Macht „Far From God“ brutal viel richtig. „Cross Your Heart“ ist prototypischer klassischer Gothic Rock zum Einstieg, das Intro zum Titeltrack ist vielleicht cheese, aber auch einfach geil (letzteres ist auch der Rest des Songs).
„Biblical“ und „The Great Wolf In The Sky“ sind die Songwriting-Meisterwerke der Platte. Die Art von Songs, bei denen sich kaum ein Part wiederholt, die einfach auskomponiert und atmosphärisch sind. Insbesondere „The Great Wolf In The Sky“ mit wirklich guten Streichern von Alicia Nuhro ist einfach auf einem anderen Level.
Und mit „For The Love Of Mortals“ gibt es noch den Track, der eh schon harmonisch beginnt und sich dann über seine Stadionrock-Drumroll in einen Gänsehaut-Poprock-Track auflöst, der sich auch für ein paar Disco-Drumbeats nicht zu schade ist. Vollkommen zurecht.
Ach ja, natürlich ist „Far From God“ nie peinlich, durchgängig ordentlich emotional und – ohne große Einschränkungen – einfach ein weiteres starkes Album mit voller Existenzberechtigung von einer starken Band.

Fazit:
Gothic für den Traditionalisten, der mit der Zeit geht. Oder so. MOONSPELL nehmen sich die Vorzüge, die ihr Genre im Laufe der Zeit erfahren hat, lassen den unnötigen Ballast, den diese Zeit ebenso mit sich gebracht hat, außen vor. Diese Band ist einfach ein perfektes Beispiel dafür, wie man nach fast 35 Jahren immer noch musikalisch relevant ist, ohne Innovation missen zu lassen – aber auch, ohne sich selbst zu verlieren.

Anspieltipps:
„The Great Wolf In The Sky“, „Far From God“ und „For The Love Of Mortals“

Jannis

VANDEN PLAS – AcCult II

Trackliste:

01. Far Off Grace
02. Holes In The Sky
03. The Ghost Experiment
04. Boat On The River
05. Healing Tree
06. Postcard To God
07. Nothing Else Matters
08. You Fly

 

 

Spielzeit: 48:23 min – Genre: Acoustic Progressive Rock – Label: Frontiers Records – VÖ: 12.06.2026 – Page: www.facebook.com/VandenPlasOfficial

 

Es gehört schon eine außerordentliche mentale Leistung dazu, sich über die Verfügbarkeit der Promo zum neuen VANDEN-PLAS-Album „AcCult II“ zu freuen, ohne auch nur in Betracht zu ziehen, dass das „AcC“ vielleicht für „acoustic“ stehen könnte. Kann man sich vom Albumcover ja auch gar nicht herleiten, ne?
Tja. Rezensier‘ ich eben ein Akustik-Album. Ist ja immerhin von VANDEN PLAS, wird schon okay sein.
Freunde, natürlich ist es das. VANDEN PLAS sind aus gutem Grund eine der relevantesten Prog-Metal-Bands Deutschlands (seit 1986, wow!) und 30 Jahre nach dem ersten „AcCult“-Album ist es nun Zeit für Teil 2 des Konzepts.
Das lautet: Man nehme ein paar Songs der Band und akustisiere sie, dazu noch ein, zwei Cover. Akustik-Version bedeutet in diesem Fall hauptsächlich: Alles ein bisschen softer und ohne E-Gitarren. Schöne Gitarreneffekte, E-Bass, Orchester-Keys und zumindest ein Synth-Solo gibt es immer noch, Klavier, Drums und Gesang selbstverständlich obendrein.
Die Coverversionen auf „AcCult II“ sind STYX‘ „Boat On The River“, inklusive Akkordeon, und „Nothing Else Matters“ (Keine Ahnung, von wem, kenne den Song nicht). Beides echt schön geworden, aber wir sollten vielleicht mal eine 20-Jahre-Sperre für „Nothing Else Matters“-Cover einführen. Der Mehrwert hält sich inzwischen echt in Grenzen und es gibt eine Millon guter Songs, die auch mal covernswert wären.
Apropos echt schön: Das ist auch der Rest des Albums. Die getragenen Melodien, die Ruhe und Schwere aber eben auch ausgeprägte Melodiösität, die VANDEN-PLAS-Songs so innewohnt, lassen ihre Musik praktisch prädestiniert für eine Akustik-Variante wirken. Da hilft auch eine gute warm-klare Produktion noch und ein kleines Faible dafür, Songs oder Songparts ein wenig anzuswingen, was in den Akustik-Versionen ganz hervorragend zum Einsatz gebracht wird.
Die Song-Reihenfolge stimmt auch. „Far Off Grace“ nimmt sich viel Zeit für die Einstimmung auf das Album und packt den Großteil der Band erst ganz am Ende aus. „Holes In The Sky“ wäre selbst in der Country-Dubstep-Version ein Hit, „The Ghost Experiment“ ebenfalls stark. „The Healing Tree“ serviert nach „Boat On A River“ dann erstmals die richtigen Orchester-Klänge, Flöten und Gastsängerin, mit sehr schönem Mittelteil, und „Postcard To God“ kommt mit besagtem Synth-Solo, wunderbarem kleinem Streicherakzent und ebenfalls swingend daher. „You Fly“ präsentiert uns zum Ende dann noch ein Saxophon-Solo von SUPERTRAMPs John Helliwell und geht im Klavier zeitweise voll auf Jazz.
Album Ende.
Kritik an „AcCult II“ beschränkt sich darauf, dass man bei den einzelnen Instrumenten noch ein wenig mehr Variation hätte einbringen dürfen. Gerade bei Akustik-Songs fällt jeder Ton ins Gewicht und es passiert doch gerne mal auf der Platte, dass Instrumente ihr Ding stumpf wiederholen, wo ein kleines kalkuliertes Abweichen vom zuvor Gespielten durchaus noch einen Mehrwert gebracht hätte.

Fazit:
„AcCult II“ ist klanglich und in seiner Umsetzung einfach schön geworden. Starke Songauswahl (bis auf NEM) und sehr atmosphärisch, emotional und entspannt. Wer wie ich beim Zusatz „Acoustic“ erstmal skeptisch wird, dem sei geraten, sich einfach mal drauf einzulassen. Und für VANDEN-PLAS-Fans im Besonderen und Fans guter Musik im Allgemeinen ist das Ding eh geeignet.

Anspieltipps:
„Far Off Grace“, „Boat On The River“ und „Healing Tree“

Jannis

EVERGREY – Architects Of A New Weave

Trackliste:

01. Welcome To The Pattern
02. The Shadow Self
03. Architects Of The New Weave
04. The World Is On Fire
05. Heaven
06. The Script
07. Leaving The Emptiness
08. Longing
09. A Burning Flame
10. Call Off Your Lions
11. Chains Of Shame
12. The Prophecy

Spielzeit: 53:25 min – Genre: Modern Melodic Progressive Metal – Label: Napalm Records – VÖ: 05.06.2026 – Page: www.facebook.com/Evergrey

 

EVERGREY sind eine dieser Bands, bei denen es Freud und Leid gleichzeitig bedeutet, eine Rezension zu einem neuen Album zu übernehmen. Auf der einen Seite hat man beim Hören mit Sicherheit eine gute Zeit, auf der anderen Seite schreibt man eben eine „Ja, ist EVERGREY, ist halt geil“-Rezension. Aber was soll’s, Freud überwiegt, also widmen wir uns mal dem 15. Album der Schweden mit dem Titel „Architects Of A New Weave“.

Here we go: Ja, ist EVERGREY, ist halt geil.

Okay, aber genauer. Sänger und Gitarrist Tom Englund ist mal wieder für den Sound der Platte (mit)verantwortlich, also klingt das Ding sehr stabil. Man hätte mir eine Winzigkeit mehr Höhen geben können, aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.
Spielerisch hat keines der Bandmitglieder plötzlich sein Talent verloren, und musikalisch gibt es absolut wunderschöne EVERGREY-Kost: Sehr schwedisch, melancholisch, gerne mal feierlich, mit gut eingesetztem Klavier und elektronischen Elementen, die nicht zu viel, nicht zu wenig ausfallen und „Architects Of A New Wave“ noch etwas zusätzlich Identität verleihen.
Dazu vergesse ich jedes Mal, wie poppig diese Band sein kann. Jap, der Promotext überschlägt sich nahezu mit Pathos in der Beschreibung der Musik der Band, und ich muss hier einfach zitieren:
„Was EVERGREY zaubern, ist melodischer, progressiver und düsterer Metal in Reinform: schwer genug, um Berge zu versetzen, hymnisch genug, um die Faust zu erheben. Er trägt die Wahrheit direkt in dein Innerstes: Nichts kann dich brechen, kein Schmerz, keine Dunkelheit, kein Sturm. Du besitzt die Kraft, Fragmente in wahre Schönheit zu verwandeln. Hast du je den inneren Drang verspürt – egal ob laut fordernd oder als leises Flüstern –, deine Geschichte nach deinen ganz eigenen Vorstellungen zu schreiben, ohne Entschuldigungen und mit voller Verantwortung? Dann ist Architects Of A New Weave dein Soundtrack, dein Schlachtruf und deine Hymne, mit der du die Kontrolle übernimmst und deine Zukunft gestaltest.“
Aber mal ganz im Ernst, das Ding ist halt auch einfach toll geschriebener düster-poppig eingängiger Modern Melodic Metal. Ich meine, gebt Euch mal den „Sommerhit“ des Albums „Leaving The Emptiness“ oder das darauf folgende „Longing“, das sich mit seinen Filmtrailer-Drums subtil für den ESC bewirbt und düsterer aber ebenfalls melodisch ziemlich modern eingängig daherkommt.
Das sind nur zwei Beispiele, aber das ist ein Ding, das sich durch das Album zieht, und das ist absolut als Kompliment zu verstehen. Man kann „ Architects Of A New Weave“ nachdenklich und mit Gefühlen genießen, kann anerkennend seine Progressivität anerkennen und Gänsehäute entwickeln dank echt guten Songwritings und guter Umsetzung. Man kann das Ding aber auch seinem Freund mit den Tank-Tops mit den weit ausgeschnittenen Ärmeln und den Tunnels in den Ohren zeigen, und dann zusammen eine gute Zeit haben.

Fazit:
Ja, ist EVERGREY, ist halt geil.

Anspieltipps_
„Heaven“, Leaving The Emptiness“, „Call Of Your Lions“ und „The Prophecy“

Jannis

LOCKHART – City Pulse

Trackliste:

01. City Pulse
02. Can’t Shake It
03. The Dose That Made You Poison
04. Together As None
05. Under Fire
06. Just Can’t Wait
07. You Wouldn’t Know Love
08. Before The Fall
09. No Chance In Heaven

 

 

Spielzeit: 32:55 min – Genre: AOR/Melodic Rock – Label: High Roller Records – VÖ: 12.06.2026 – Page: www.facebook.com/Listentolockhart

 

Normale Leute sind „nur so alt, wie man sich fühlt“. LOCKHART gehen da einen großen Schritt weiter und leben in dem Jahrzehnt, in dem sie sich fühlen. Ihr kennt das Cover-Artwork, jetzt habt Ihr fünf Sekunden Zeit zum raten.

Korrekt, wir gehen ganz hart auf 80er Kurs. Offiziell gibt es die Truppe aus Kanada aber erste seit 2022 und nach einem ersten Lebenszeichen in Form einer EP gibt es nun mit „City Pulse“ den ersten Longplayer, obgleich der mit unter 35 Minuten jetzt nicht überaus long ist.
Und was soll man sagen – da geht jemand ganz in seiner Rolle auf. Von der Optik der Band über Artwork und Songtitel kann schon vor dem ersten Ton niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, was ihn erwartet. Es gibt keyboardlastigen 80er Rock der Sorte JOURNEY, FOREIGNER und Konsorten.
Besonders heavy ist „City Pulse“ dementsprechend nicht geworden. Die Produktion ist nett, etwas verwaschen und relativ retro. Die mehrstimmigen Vocals sind on point, (wenngleich bisschen seelenlos) die Snare hat ein Lagerhaus als Resonanzkörper und die Keyboards sind schwerst authentisch und gehen in Sachen Schmalz voll auf die 12.
Die Melodien sind nicht minder verlässlich. Okay, Spannung entsteht im Songwriting nicht, die Kompositionen sind ungefähr das Gegenteil von unvorhersehbar aufregend. Stattdessen liegt ihr Reiz darin, dass sie oft genug genau das machen, was man sich heimlich von ihnen wünscht, ohne zu glauben, dass der Song tatsächlich soweit gehen würde. Was zwangsläufig natürlich auch mal zu Melodien führt, die man schlicht und ergreifend schon so kennt, ich meine, der Titeltrack fängt komplett schamlos an wie FOREIGNERs „Head Games“. Aber ist halt auch eine gute Melodie.
Was die cheesy Atmosphäre eines ganz klischeehaften 80es-Rock-Albums angeht, machen LOCKHART also alles richtig. Kompositorisch gibt es genau die Melodien, die man von einem Album wie „City Pulse“ erwartet. In den Arrangements und der Intensität der einzelnen Songparts wäre aber noch etwas mehr Kontrast- und Dynamik-Arbeit wünschenswert. Wenn Deine Melodien schon vorhersehbar sind und die Keyboard auf Dauerfeuer gestellt sind, gibt es nach einer Strophe nicht mehr so viel, was den Chorus so richtig knallen lässt, und so dümpeln einigen Songs auf „City Pulse“ doch in der immer gleichen Soundbreite ein wenig vor sich hin. Mit mehr unterschiedlichen Intensitätsstufen hätte man da noch mehr Entertainmentfaktor rausholen können.

Fazit:
Ganz ohne Zweifel ist „City Pulse“ ein absolut authentisches, nachtfahr-geeignetes Debüt, das bei der Umsetzung seines Genres keinerlei Kompromisse macht. Noch eine weitere Meinung beim Songwriting hätte nicht geschadet, Spaß macht das Ding aber auf jeden Fall!

Anspieltipps:
„City Pulse“, „The Dose That Made You Poison“ und „Under Fire“

Jannis

DEVIN TOWNSEND – The Moth

01. Semi-Prologue
02. War Beyond Words
03. The Moth
04. Ode To My Eye
05. Enter The City
06. Covered By Causes
07. Lexin
08. Runaways
09. A Proxy Fod God
10. The Mothers
11. Orion
12. Stay There
13. Home At Night
14. Intermission
15. Lexin Returns
16. The Clergy
17. Prepare For War
18. The Big Snit
19. Silver Princess
20. A Life In Review
21. Metamorphosis
22. Stained Hearts
23. Let Go
24. We Don’t Deserve Dogs

Spielzeit: 70:14 min – Genre: Progressive Metal – Label: InsideOutMusic – VÖ: 29.05.2026 – Page: www.facebook.com/dvntownsend

 

Es gibt exzentrische Leute, und dann gibt es DEVIN TOWNSEND. Der ist nochmal eine Stufe drüber. Dementsprechend kann man sich schon auf was einstellen, wenn der gute Mann nun mit seinem selbst so benannten Lebenswerk rausrückt. „The Moth“ flattert Devin nun schon seit zehn Jahren im Kopf herum. Und als dann der Leiter des Nordniederländischen Orchesters und Chors auf ihn zukam und fragte, ob man mal was zusammen machen wollte, war die Sache klar. Nun hat „The Moth“ das Licht der Welt gefunden. Opulente 70 Minuten Spieldauer, 24 Tracks und neben Devin, seinen Bandmitgliedern und dem Orchester illustre Gäste wie (natürlich) Anneke van Giersbergen und Steve Vai. Zwei Orchestratoren hat man hinzugezogen und ein dickes Technik-Team – ja, „The Moth“ ist kein gewöhnliches DEVIN-TOWNSEND-Album.
Aber irgendwie auch schon. Zuerst einmal ist es gottlos fett produziert, wie nun einmal gewohnt. Selbstverständlich hat es die ganz großen Emotionen, ist auf der Schwelle zu überladen und arbeitet mit der ebenfalls von Devin bekannten Überwältigungsmethode. Klar, es gibt auch ordentlich ruhige Töne, aber gemeinhin ist mehr eben doch mehr.
Im Endeffekt ist „The Moth“ ein sehr ernstes Werk mit viel viel darin enthaltener Arbeit von jemandem, der „Ziltoid“ erschaffen hat und unter anderem Hollywood-Filmsoundtracks, Wagner, Brahms, Dvorak, Musicals und Trailermusik der Marke TWO STEPS FROM HELL auf seiner Chillout-Playlist hat.
Die Arrangements des Orchester sind hervorragend und reizen viele Möglichkeiten eines Orchesters auf eine Weise aus, die ich im Metal noch nicht gehört habe.
Kompositorisch darf man bei „The Moth“ kein eingängiges poppiges Album erwarten. Das Ding ist schwer, bombastisch ohne Ende und hat mit Ohrwürmern nichts am Hut. Dazu hat es einige Songs in normaler Länge, aber auch eine Vielzahl an Tracks, die irgendwo zwischen 50 Sekunden und 2,5 Minuten liegen. Und auch in denen schafft unser Lieblingskanadier noch einen Stimmungswechsel.
Damit ist „The Moth“ wahrlich nicht leicht verdaulich und kann sich trotz seiner kurzen Tracks durchaus auch ziehen – gerade weil man nach 50 Minuten bombastischer Fettheit auch ein wenig abstumpfen mag.

Fazit:
„The Moth“ ist ein Wahnsinns-Projekt, in dem eine brutale Menge Arbeit steckt. Alleine schon das echte Orchester in dieser musikalischen Finesse rechtfertigt, dem Album mal etwas Zeit zu geben, denn beeindruckend ist es allemal. Ich sehe es auch einen stabilen Teil der Fans von DEVIN TOWNSEND abnormal glücklich machen, aber für mich ist „The Moth“ wohl eher eins seiner Alben, die ich zwei- oder dreimal höre, dabei krass respektiere und dann wieder zu einem der Vorgänger wechsele.

Anspieltipps:
Der Reihe nach. Was für ’ne Frage.

Jannis

 

JOSEPH THOLL – It Might Be Art

Trackliste:

01. New Dawn
02. Oh The Madness
03. I’m In A Darkness
04. Invocation Of The Evening Star
05. Walking
06. It Might Be Art
07. I Syrenens Tid
08. Rebirth
09. On Velvet Waves
10. The Burial

 

Spielzeit: 33:46 min – Genre: Melodic Rock – Label: High Roller Records – VÖ: 12.06.2026 – Page: www.facebook.com/joseph.tholl.5

 

JOSEPH THOLL mag der ein oder andere unserer trueren Leser schon aus seiner Zeit bei ENFORCER kennen, die sich mit zunehmender Fanbase dem rohen klassischen Heavy Metal verschrieben haben. Inzwischen macht Joseph aber sein eigenes Ding, und das mit „It Might Be Art“ nunmehr bereits zum zweiten Mal in Albumlänge.
Okay, knapp unter 35 Minuten ist jetzt nicht wirklich „Länge“, aber im besten Fall ein kurzweiliges Hörerlebnis, und zweifelsohne, das ist es. Ordentlich Arbeit steckt für Joseph auch in dem Ding, schließlich hat er Gesang, Gitarre, einen Großteil der Bassparts, zudem Synths und Pianos selbst eingespielt. Kann er sich schon mal für auf die Schulter klopfen, anders als für den Kompliment-fischenden Albumtitel (Ja, Joseph, das ist Kunst, und das weißt Du auch ganz gut selber!).
Hat er vor allem auch alles sehr tholl gemacht. Die Stimme ist ausdrucksstark und seine Instrumente beherrscht der Mann auch komplett.
Aber was hat JOSEPH THOLL denn da jetzt eigentlich gemacht? Nun, das Genre ist insgesamt das, was man als New Wave of Swedish Great Rock Music bezeichnen könnte. Die melodische, ihren Fokus auf Musikalität legende, eingängige Art, die man so insbesondere von GHOST kennt, in letzter Zeit aber auch von REACH gehört hat. Dem gibt Tholl noch einen individuellen Indie/Alternative-Anstrich – Ihr wisst, mit so leicht andistorteten Vocals und so, und alter Schwede, macht der Mann das gut.
Die Melodiearbeit auf „It Might Be Art“ ist hervorragend, nahezu jeder Song hat das ein oder andere Motiv, das sich schon nach dem ersten Hören ins Gehirn eingebrannt hat. Dann gibt es die vielen kleinen Details wie Pauken-Rolls, Shaker, Orgel, mehrstimmige Vocals oder schön ausgewählte Synthsounds, die das Entertainment-Level der Platte weiter erhöhen. Die Gitarrenmotive und -Riffs sind mit viel Herzblut in die Songs eingegossen worden. Und kompositorisch gibt man den Songs genug Individualität, um sie auf dem Album unverwechselbar zu machen, mit poppigen Tracks, ruhigen oder straighter-rockigen. Dass dabei einige Tracks selbst an der Drei-Minuten-Hürde scheitern, ist gar kein Drama. Die 2,5 Minuten reichen, um die geile Songidee auszuerzählen, die in ihnen steckt, und ja, „It Might Be Art“ hat dank dieser Herangehensweise wirklich gar keine Längen. Und genau genommen auch nichts Kritikwürdiges.

Fazit:
„It Might Be Art“ ist ein Album für Leute, die Musik mögen. Und für Leute, die nochmal Bock darauf haben, ein Album zu hören, dessen zweiter Hördurchlauf als Non-Stop-Aneinanderreihungen von „Aaaah, richtig, das war auch geil!“ ausfällt. Mein erstes Festival des Sommers ist keinen Monat mehr entfernt und JOSEPH THOLL hat gerade rechtzeitig noch einen großen Beitrag für die Campingplatzplaylist geleistet!

Anspieltipps:
„I’m In A Darkness“, „New Dawn“, „I Syrenens Tid“ und „The Burial“

Jannis

CROWN LANDS – Apocalypse

Trackliste:

01. Proclamation
02. Foot Soldiers Of The Syndicate
03. Through The Looking Glass
04. Blackstar
05. The Fall
06. The Revenants
07. Apocalypse

 

 

 

Spielzeit: 42:27 min – Genre: Progressive Rock – Label: InsideOutMusic – VÖ: 15.05.2026 – Page: www.facebook.com/crownlandsmusic

 

Einige der frischsten und interessantesten Bands im Rockgenre machen momentan und in den letzten Jahren dadurch von sich reden, dass sie eben nicht modern klingen, sondern den Sound der „guten alten Zeiten“ wieder aufleben lassen. Eine dieser Bands ist das Prog-Rock-Duo CROWN LANDS aus Kanada. Das gibt es erst seit 2020, klingt aber, als habe man seine Musik in irgendeinem obskuren aber guten Gebraucht-Plattenladen gefunden.
Vier Alben haben die Boys bislang aufgenommen, zwei davon instrumental. Nun droht mit „Apocalypse“ Album Nr. 5, aufgenommen im eigenen Studio. Das hat funktioniert, der Sound ist komplett stabil. Ein klein wenig höhenlastig vielleicht, aber damit im Spirit der Produktionen, an denen sich CROWN LANDS orientieren.
Das Ding ist bei sieben Tracks (von denen einer ein unter 1,5 Minuten langes Intro) 42 Minuten lang, von denen der finale Titeltrack gleich 19 für sich einnimmt. Ein paar Klischees muss man ja auch erfüllen.
Und ja, nicht nur in Sachen Produktion ist „Apocalypse“ gelungen, sondern auch hinsichtlich der Komposition und der Gesangs- und Instrumentalleistung; wobei der Gesang wohl am meisten auffällt.
Sänger und Drummer Cody Bowles hat diese Art von hoher beißend-klarer Stimme, die man von der Art klassischer Rockbands erwartet, die mit dünnem, oberkörperfreiem Sänger auftritt, der ein bisschen auf Drogen ist und bei seiner Performance aussieht, als würde ihm ein Exorzismus auch nicht schaden. Also, so sind die Performances von CROWN LANDS nicht, aber so klingt der Mann nunmal.
Das passt hervorragend zur Musik, die eben so klingt, als benötige sie so einen Sänger.
Die normallangen Songs sind schöne klassische und individuelle Rocksongs. „Blackstar“ als voller, eingängiger Rocker, „The Fall“ mit gewisser Funkyness und Popm-Chorus-Synth, „The Revenants“ als ruhige Akustikballade mit der Psychedelic-Flöte am Ende. Immer ein bisschen Hall auf den Vocals, weil irgendwie ist das alles ein wenig kosmisch-sphärisch-entrückt.
Herzstück von „Apocalypse“ ist, oh Wunder, bereits erwähnter 19-Minüter „Apocalypse“. Und Junge, hier kriegt der Classic-Prog-Fan was für seine Zeit. „Apocalypse“ nutzt jede Sekunde, mit starkem musikalischem Storytelling, verschiedensten Parts, die sich in ihrer Abfolge intuitiv richtig anfühlen, lauten und leisen, emotionalen und lärmigen Parts. Das Ding macht wirklich alles richtig und ist der perfekte Abschluss für ein schön gemachtes retro-Erlebnis.

Fazit:
Unverbraucht, nostalgisch und stilistisch on point. „Apocalypse“ von CROWN LANDS ist die Art von Musik, bei der man sich gar nicht erst fragen muss, ob KI dahintersteckt. Das ist ein Album mit viel Kreativität und Liebe und gerade in seinem finalen Track eine ganz klare Ansage.

Anspieltipps:
„Apocalypse“, „Blackstar“ und „Through The Looking Glass“

Jannis

Vision Divine – A Clockwork Reverie (EP)

 

Trackliste:

01. Sator Rotas
02. A Clockwork Reverie
03. 18 (It Feels Like Heaven)
04. Andromeda
05. Identities (2026 Version)
06. God Is Dead (2026 Version)
07. The 25th Hour (2026 Version)

 

 

 

Spielzeit: 34:50 min – Genre: Power Metal – Label: Scarlet Records – VÖ: 22.05.2026 – Page: www.facebook.com/visiondivineofficial

 

Ab und zu macht das Leben unvorhersehbare Dinge. So auch bei Oleg Smirnoff und Michele Luppi, die damals beide bei VISION DIVINE spielten, dann nicht mehr, und jetzt, so 18 bis 20 Jahre später, einfach wieder dabei sind.
Das muss natürlich gefeiert werden, und das macht man natürlich am besten mit neuer Musik. Vielleicht auch mit älterer Musik, die man aber im neuen alten Lineup nochmal etwas umgearbeitet und neu aufgenommen veröffentlicht.
Damit sind wir bei „A Clockwork Reverie“. Eine der EPs, die löblicherweise gleich mal 35 Minuten lang sind. Auf der gibt es mit „Identities“, „God Is Dead“ und „The 25th Hour“ drei Songs aus den Jahren 2005 bis 2007 in modern, und dazu gleich vier neue Songs. Also drei, das unter eine Minute lange Intro zählen wir nicht. Davor knackt der Titeltrack direkt mal die Sieben-Minuten-Marke.
Die neu aufgenommenen Songs sind natürlich moderner produziert und ansonsten leicht neu arrangiert. Da hat man beispielsweise das Cello und die Akustikgitarre von „Identities“ durch ein Klavier und Streicher ersetzt, das Synth am Start von „The 25th Hour“ weniger Ohr-schädigend gewählt und an Stellen kleine Aspekte neu hinzugefügt.
Und insgesamt? Nun, der Sound ist ein wenig schwierig. Das liegt zuerst einmal an den Vocals, die sehr oft mehrstimmig sind, und dazu einfach ein wenig überpräsent. Daurch gerät der Rest der Band in den Hintergrund und knallt nicht so, wie er sollte.
Und es passiert einfach viel in praktisch allen Songs auf „A Clockwork Reverie“. Das kann gut sein, aber in diesem Fall lässt es die Songs leider oft planlos wirken. Jedes Instrument macht viele Sachen, aber nicht gut aufeinander abgestimmt, die Interaktion auf musikalischer Ebene lässt zu wünschen übrig. Und das füllt die Songs mit einem hohen „Lärmanteil“ von Dingen, die im Hintergrund abgehen, ohne dass man sie als konstruktive Teile der Songs wahrnehmen würde, und nimmt ihnen ihre Klarheit und Identität.
Das mag bei zukünftigen Releases anders sein. Schließlich sind Oleg und Michele erst seit 2025 wieder dabei, Drummer Matt Peruzzi seit 2024, und beim nächsten Album mag man wieder mehr zueinander gefunden haben. Bei „A Clockwork Reverie“ überdeckt es aber leider häufig das Talent, das man diesem Lineup zweifelsohne attestieren kann.

Fazit:
Und damit ist „A Clockwork Reverie“ ein Schritt in eine neue Zeit für VISION DIVINE, der selbstverständlich auch immer wieder seine Momente hat. Aber mehr Einheit, mehr Fokus und mehr Reduzierung aufs Wesentliche hätte der Platte gut getan.

Anspieltipps:
„18 (It Feels Like Heaven“ und „Identities“

Jannis