ANCIENT CURSE – The New Prophecy

Band: Ancient Curse
Album: The New Prophecy
Spielzeit: 57:52 min
Stilrichtung: Progressive Power Metal
Plattenfirma: Pure Steel Records
Veröffentlichung: 29.05.2020
Homepage: www.ancientcurse.de

Es ist ja in gewissen Kreisen in Deutschland immer so ein Thema, dass man, wenn man ein “echter Deutscher” sein will, sich auch mit der Kultur des Landes auseinandergesetzt haben und identifizieren muss. Fragt man in diesen Kreisen, was sie von ANCIENT CURSE halten, werden die meisten wohl nichts damit anzufangen wissen und man kann ihre echte Deutschheit direkt vergessen, denn was wäre diese Truppe und ihr neustes Album “The New Prophecy”, wenn nicht ein verdammt geiles Stück in Deutschland geschaffener Kultur? Sagenhafte 22 Jahre liegt das letzte Album der Bremer zurück, jetzt ist ein neues Lebenszeichen am Start und man muss ANCIENT CURSE fast böse sein, dass sie ihr Potenzial, der Welt tolle Musik zu schenken/verkaufen, so lange nicht wahrgenommen haben. Aber gut, “The New Prophecy entschuldigt das allemal.

Drumrum: Starker Sound, stark agierende Band, cooles Cover, ein brutal vielseitiger Sänger, der sowohl nach gefühlvolleren KAMELOT als auch nach recht roh klingen kann und auf Basis all dessen eine bärenstarke Mischung aus Heavy, Progressive, Power und Thrash Metal sowie ANCIENT-CURSE-Individualität.
“We Follow The Signs” knallt einem erstmal heftige Orchestraleskalation vor den Latz, plus lateinische Chöre, plus Basedrummisshandlung, plus geile Backing Vocals, plus heftiger Chorus. Poah, so kann es weitergehen. Jut, Orchester und Chöre werden im weiteren Verlauf doch runtergefahren, aber der Rest bleibt und sorgt dafür, dass sich “The New Prophecy” von einem Highlight zum nächsten hangelt. “Fire And Ice” ist in Teilen ruhig, in Teilen fast thrashig und in Teilen aber sowas von der nächste geile Chorus, “Men Of The Storm” ein Über-neun-Minüter mit feiner Spannungskurve. “Hypnotize” traut sich dann, offen zu thrashen und munter Tempo zu wechseln, und “One Moment“ wärmt den Refrain des ersten Tracks als kleines Gitarrenmotiv auf (sowas liebe ich ja), und wird danach ein Wechselbad verschiedener Gefühle, die man alle bei einem Metalalbum gerne verspürt. “Forever Young” wird vom trockenen Geknatter zum hymnischen Sommerhit (also irgendwie), “Mind Chaos” ist die Halbballade, die man guten Gewissens auf “The New Prophecy” packen kann, zunehmend fett und feierlich. Und “Prophecy” hat das Glück, eine der perfekten Endtrack-Melodien für den Chorus gefunden zu haben und trotz gar nicht mal so richtigem Bombast Gänsehaut zu aktivieren.
“The New Prophecy” ist bei alldem kein Musikstudenten-Prog-Metal, es ist einfach ein tiefgründiges Album, das so komplex ist, wie es eben sein sollte.

Fazit:
Und bei alldem immer mit klarer Heavy- und Power- sowie leichter Thrash-Attitüde zugange. Zusammengefasst: Wem Power-Metal-Melodien über ein ganzes Album doch zu viel sind, der wird mit “The New Prophecy” genau die richtige Dosis an wirklich tollen Power-Metal-Refrains bekommen, serviert zusammen mit einer guten Portion Härte, viel Kreativität und Professionalität. Was soll man sagen? Das ist ein Album, wie es sein sollte. Willkommen zurück, Jungs, bleibt gerne noch ein paar Jahre!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. We Follow The Signs
02. Fire And Ice
03. The Shadow
04. Men Of The Storm
05. Hypnotize
06. One Moment Of Fortune
07. Forever Young
08. Mind Chaos
09. Prophecy

Jannis

ALOGIA – Semendria

Band: ALOGIA (mit zwei großen As)
Album: Semendria
Spielzeit: 33:32 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Elevate Records
Veröffentlichung: 15.04.2020
Homepage: www.facebook.com/alogia.official

Vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Rezensent war, war meine Mutter besorgt, dass diese ganze düstere Musik, in die ich mich in der Zeit reinhörte, mit ihren düsteren Texten doch echt negativ auf mich wirken müsse. ALOGIA sind ein weiterer Beweis dafür, dass ihre Sorgen unbegründet waren und ich bitte jeden, den das Album runterzieht, mich darüber zu informieren. Doch um wen geht es hier? Nun, um ein serbisches Sextett, das seit 2002 mehr oder weniger regelmäßig releast und eine der weiteren Hausnummern zu sein scheint, die bislang an mir vorbeigegangen sind. Dafür sind jedenfalls die Gastsänger Mark Boals (Ex-YNGWIE), Tim “Ripper” Owens (ICED EARTH und so) und FABIO LIONE (RHAPSODY OF FIRE) klare Anzeichen, Auftritte mit Orchester ebenso.
Weiteres Kaufargument: Die schön warme, organische Produktion. Kleiner Dämpfer: Keine 35 Minuten Spieldauer. Päh.
Aber gut, dafür wird über die Länge des Albums auch einiges an Qualität geliefert, von einer auf den Punkt spielenden Band mit durchgängig mehr als überzeugenden Vocals, seien sie von den Gästen oder von Haussänger Nikola Mijic (EDEN’S CURSE). Und schon der Einstieg ist amtlich. Während andere Bands als Intro ein bombastisches 08/15-Trailerorchester-Intro raushauen würden, das mit dem Rest des Albums nichts zu tun hat, geht es auf “Semendria” direkt los, mit den flötig-drucklos-niedlichsten Fanfarenklängen, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Nein im Ernst, das ist ein Kompliment, denn der Rest der Band zieht fröhlich-unbedarft nach, nicht besonders heavy aber mit herrlichem Gesamtsound. Diese positive Grundstimmung zieht sich insbesondere durch die erste Albumhälfte, untermalt von einigen echt eingespielten Folkinstrumenten und sympathisch-billigen Keyboards, die aber in ihrer Unzeitgemäßheit bestens funktionieren. Traut sich leider kaum noch eine Band, aber das Next-Level-Streben brauchen ALOGIA auch einfach nicht. Kleinere progressive Elemente gibt es auch, die sich mal in kleinen Taktausreißern, mal in interessanten Klavierparts, mal in östlich anmutender Harmonik äußern (An dieser Stelle sei der instrumentale Endtrack “From East To West” erwähnt, der die titelgebende Wandlung mit viel Liebe in knapp drei Minuten vollzieht). Und das Songwriting-Niveau ist durchaus hochwertig, auf jeden Fall einiges über dem Durchschnitt. Okay, die obligatorische Ode an Metal und Metalgemeinde (“Raise Your Fist (For Metal Only)”) darf noch etwas simpler ausfallen und hammerhart komplex sind die Tracks allesamt nicht, aber die Kompositionen wirken echt kreativ, ohne dabei das gewählte Grundgenre verlassen zu müssen, gleichzeitig vertraut und interessant.

Fazit:
Doch, “Semendria” ist Wohlfühlmetal im besten Sinne: Authentisch, mit Hand und Herz gemacht, erfrischend komponiert, und das Keyboard wird noch wie ein Instrument behandelt. Wer gerne nochmal ein bisschen früheres DREAMALE- oder POWER-QUEST-Feeling mit subtilen Folk-Nuancen hätte, kann sein Geld bedenkenlos in diese Platte investieren. Und wer 90er/2000er Power Metal etwas abgewinnen kann, ebenso!

Anspieltipps:
“Semendria”, “Eternal Fight” und “From East To West”

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Semendria
02. Eternal Fight
03. Raise Your Fist (For Metal Unity)
04. Like A Fire
05. Can’t Bring You Down
06. The Calling
07. Visantia
08. Beyond Belief
09. From East To West

Jannis

NOVERIA – Aequilibrium

Band: Noveria
Album: Aequilibrium
Spielzeit: 62:45 min
Stilrichtung: Progressive Metal
Plattenfirma: Scarlet Records
Veröffentlichung: 25.10.2019
Homepage: www.noveriametal.com

Es gibt da in letzter Zeit vermehrt Bands, die ein Genre bedienen, das man als New Wave of Melodic Prog Metal bezeichnen könnte. Markenzeichen sind eine unendlich fette Produktion, die sehr harmonisch ordentlich abgehende Drums mit leichten Core-Parallelen, wahlweise schnelles Gitarrengefrickel oder massive Gitarrenwände und mal mehr im Hintergrund herumpaddende, mal flinke und mal dicke Bombast-Synths zu einem kolossal klingenden Gesamtsound vereint und da dann noch düster-dramatische Vocallines draufpackt. Sehr technisch ist das Resultat, als sei es von einer großen, erbarmungslosen Maschine erzeugt worden. Eine dieser Bands ist NOVERIA, die aus Mitgliedern von DGM, ETHERNITY und EPYSODE besteht und mit “Aequilibrium” ihr inzwischen drittes Album startbereit hat.
Damit wären die Themen Sound und Produktion schon einmal abgehakt, ergänzend sei an dieser Stelle noch die Stimme von Francesco Corigliano erwähnt, die das Niveau des äußerst professionell klingenden Albums problemlos zu halten vermag.
Musikalisch ist “Aequilibrium” vergleichsweise straight, beinhaltet für ein Progressive-Metal-Album wenig Arbeit mit verschiedenen Taktarten und bezieht seine Progressivität eher aus der instrumentalen Ausschmückung und Umsetzung der großteils im 4/4tel-Takt gehaltenen Tracks sowie der spielerischen Finesse, die sich insbesondere in den frickeligen Soloparts offenbart.
Ansonsten ist “Aequilibrium” leider (und auch das ist ein häufig auftretender Faktor bei besagten NWoMPM-Alben) melodietechnisch nicht wirklich herausragend, was schade ist bei einer Band, die sich einem Genre verschrieben hat, das auf intelligenter Komposition basiert. Es mag halt auch gut sein, dass der Opener “Waves” die Ansprüche an das Album zu hoch schraubt, da dessen Refrain ein ziemliches Ausnahmeding ist, an dem man sich gar nicht satt hören kann. Danach geht es in Sachen Melodieführung doch einige Stufen abwärts, auf das Level, auf dem die Melodien zwar intensiv und ergreifend rüberkommen, dies jedoch hauptsächlich den Kompositionen nach Lehrbuch und dem fetten Drumrum zuzuschreiben ist, das von eben jenen Schwächen durchaus häufig erfolgreich ablenkt.
Dabei darf natürlich nicht in Vergessenheit geraten, dass auch bei melodisch schwächeren Parts die Instrumentalarrangements auf “Aequilibrium” hervorragend sind und jeden begeistern sollten, der sich von melodischem Metal mal gerne so richtig wegblasten lässt. Für solche Bedürfnisse ist die Platte bestens geeignet und ein mit über einer Stunde Spieldauer doch bestechendes Paket. Jetzt noch ein wenig mehr Liebe in die Melodieführungen stecken (Wir haben bei “Waves” den Beweis, dass das drin ist) und NOVERIA stehen alle Türen offen.

Anspieltipps:
“Waves”, “Collide” und “The Nightmare”

Fazit:
“Aequilibrium” ist so ein bisschen wie ein alkoholfreier Cocktail: sieht gut aus, schmeichelt dem Hör/Geschmackssinn, aber das, was es richtig geil macht, fehlt doch. Alleine aufgrund der Produktion, der technischen Brillanz und dem Gesamtsound darf in “Aequilibrium” aber gerne mal ein Ohr riskiert werden, denn, wie gesagt, diese Faktoren lassen Mängel an anderer Stelle doch durchaus häufig als nebensächlich erscheinen.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Waves
02. The Awakening
03. New Born
04. Blind
05. The Nightmare
06. Broken
07. Collide
08. Stronger Than Before
09. Losing You
10. A Long Journey
11. Darkest Days

Jannis