THE WARNING: GETRIEBEN VON TIEFER LIEBE ZUR MUSIK
Die drei mexikanischen Schwestern sind auf dem Weg zum Rockstar-Ruhm
Gastartikel von Musiker und Psychologe Ben Sollberger aus Bern
Einmal mehr siegt die Liebe – Wie alles begann
Vor einigen Wochen stiess ich beim Stöbern auf YouTube auf ein kurzes Video, in dem eine junge Bassistin mit langen schwarzen Haaren gleich zu Beginn eines Konzerts eine düstere und unglaublich kraftvolle Basslinie spielte. Sie beherrschte die Bühne wie ein echter Rockstar und hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit. Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, dass diese Bassistin — Alejandra «Ale» Villarreal — und ihre beiden älteren Schwestern Daniela «Dany» (Gitarre) und Paulina «Pau» (Schlagzeug) tatsächlich Rockstars sind. In diesem Moment begann meine Liebesaffäre mit der mexikanischen Band The Warning.
Aber vielleicht ist die spannendere Frage: Wie begann ihre Liebesaffäre mit der Musik?
Luis Villarreal und seine Frau Mónica aus Monterrey, Mexiko, haben selbst nie ein Instrument gelernt. Dennoch gaben sie ihre tiefe Liebe zur Musik an ihre drei Töchter weiter, indem sie sie mit einer unglaublich breiten Palette von Genres konfrontierten: Classic Rock und Arena Rock, Modern Alternative Rock, Pop, piano-lastige Legenden, Klassik und alles dazwischen.
Von Cover-Versionen zu eigenen Songs und zurück
Von dieser Leidenschaft schon in sehr jungen Jahren „infiziert“, begannen alle drei Schwestern Klavier zu lernen. Ein paar Jahre später, als Dany mit 11 Jahren bereits Gitarre und Pau mit 9 Jahren bereits Schlagzeug spielte, entschied sich Ale (mit 7 Jahren) für den Bass. Nicht lange danach merkten die drei, dass sie bereits alles hatten, um ein Rock-Trio zu gründen. Sie begannen, Cover-Versionen in ihrem Proberaum zu üben und auf YouTube hochzuladen – zum Beispiel „We’re Not Gonna Take It“ von Twisted Sister oder „Resistance“ von Muse.
Ihre elektrisierende Version von Metallicas „Enter Sandman“, aufgenommen im zarten Alter von 9, 12 und 14 Jahren, ging schnell viral. Das Video hat bis heute über 27 Millionen Aufrufe. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis ihres aussergewöhnlichen Talents und der tiefen Liebe zur Musik, die ihre Eltern ihnen mitgegeben haben.
Nicht viel später begannen The Warning, eigene Songs zu schreiben. 2017 bekamen sie die Gelegenheit, einige davon in der renommierten TED-Talks-Reihe vorzustellen. Neben atemberaubenden Performances von drei Songs ihres ersten richtigen Albums XXI Century Blood sprachen sie über ihre Erfahrungen im Musikbusiness. Ihr Rat – der als hervorragender allgemeiner Lebensrat gelten kann – lässt sich wie folgt zusammenfassen: Tu, was du liebst, glaube an dich selbst, arbeite hart und glaube nicht jeden Mist, den andere – insbesondere Erwachsene – dir erzählen.
Als Psychologe, der sich seit zwei Jahrzehnten mit Glück und mentaler Gesundheit beschäftigt, könnte ich nicht mehr zustimmen!
Wie man im Video sieht, hatten sie schon damals alles: Sie waren Meisterinnen ihrer Instrumente, konnten alle fantastisch singen, hatten eine beeindruckende Bühnenpräsenz und schrieben wirklich starke Songs, die nicht nur im (Hard) Rock, sondern auch in Musical- und klassischen Elementen wurzeln.
Das Mass an Liebe, Leidenschaft und Können, das Schlagzeugerin Pau beim ersten Song „Unmendable“ einbringt, berührt mich jedes Mal so sehr, dass mir Tränen in die Augen schiessen und sich ein Kloss im Hals bildet.
Dass The Warning bereits in so jungen Jahren die volle Aufmerksamkeit des Publikums erobern konnten, hatte viel mit ihrer harten Arbeit und ihrer Fokussiertheit zu tun. Diese sehr rohe, aber atemberaubend virtuose Proberaum-Version von „Dull Knives (Cut Better)“ zeigt perfekt ihre sprichwörtliche unbändige Entschlossenheit – sie verhielten sich bereits wie Rockstars, lange bevor die Welt ahnte, was da kommt. Das ist die Macht der Manifestation!
2021, sechs Jahre nach ihrem ersten „Enter Sandman“-Cover, lud Metallica The Warning persönlich ein, eine neue Version des Songs für das offizielle Tribute-Album The Metallica Blacklist aufzunehmen – zum 30-jährigen Jubiläum des Black Albums. Zusammen mit der kanadischen Sängerin Alessia Cara schufen sie eine deutlich andere, düstere und nachdenklichere Interpretation. Sie behielten die originalen Gesangsmelodien bei, veränderten aber auf sehr geschickte Weise die darunter liegenden Akkorde.
In den letzten Jahren sind The Warning zu einer hochbegehrten Vorband für grosse Acts wie Guns N’ Roses, Foo Fighters, Halestorm und andere geworden. 2023 lud Muse sie als Support für mehrere Europatermine ein. Matt Bellamy, Sänger und Gitarrist von Muse, war so beeindruckt, dass er Dany eine seiner Signature-Gitarren schenkte. Sie durfte sogar die Farbe aussuchen, wie sie in einem Interview lächelnd zu Protokoll gab.
(Nicht zu) Tiefer Einblick in das harmonische Rezept für Grossartigkeit
Vor fast 20 Jahren schrieb ich meine Doktorarbeit über das Verhältnis von Musik und Emotion. Eine zentrale Erkenntnis war, warum uns bestimmte Musikstücke so tief berühren.
Die Musik von The Warning ist ein perfektes Beispiel dafür. Obwohl sie grösstenteils auf Moll-Skalen basiert, klingt sie selten traurig. Wenn man Moll-Tonarten mit hoher Energie und mittlerem bis hohem Tempo kombiniert, entsteht Musik, die durch wunderschöne Melodien und Gesangsharmonien das Herz tief berühren kann, während der Drive einem gleichzeitig das Blut in Wallung bringt. Denkt an „The Trooper“ oder „The Evil That Men Do“ von Iron Maiden, „Love Gun“ oder „Detroit Rock City“ von Kiss, „Metalingus“ oder „Ties That Bind“ von Alter Bridge oder „Beat It“ von Michael Jackson – gleiches Prinzip!
Gute Beispiele für diese „Arschtritt-Moll“-Formel in der Musik von The Warning sind:
Die drei Schwestern werfen auch gerne einzelne Töne und Intervalle ein, die nicht zur reinen Moll-Tonleiter gehören und zusätzliche Spannung erzeugen – etwa das dunkle, bedrohliche phrygische Halbton-Intervall.
Gute Beispiele sind die Intros und Haupt-Riffs von:
Hört ihr die Düsternis? Falls nicht, denkt an das Gitarren-Riff im Intro und in den Strophen von Megadeths „Symphony of Destruction“ – genau das!
Wohin von hier? Eine letzte Warnung.
Derzeit sind The Warning als Support des englischen Musikers Yungblud in den USA unterwegs. Am 25. Juni geben sie ihr erstes Konzert in Europa in Norwegen und am 1. Juli ihr einziges Konzert auf deutschsprachigem Boden in Münster. Falls ihr die Chance habt, sie irgendwo in Europa zu sehen: Tut es! Alle Tourdaten findet ihr auf der offiziellen Seite:
Tour – The Warning Official Store
Fans der Band benutzen den Slogan „You have been warned“ („Ihr wurdet gewarnt“), sobald ihre Musik jemanden in der Seele berührt. Wie ich am Anfang schrieb, ist mir das vor einigen Wochen passiert.
Werdet auch ihr noch gewarnt?