VOLSTER – Perfect Storm

Band: Volster
Album: Perfect Storm
Spielzeit: 52:20 min.
Stilrichtung: Melodic Hard Rock
Plattenfirma: ROAR Rock Of Angles
Veröffentlichung: 20.04.2018
Homepage: www.volsterband.com

Der Sommer steht vor der Tür, die Harley/Das Moped/Das Fahrrad in der Garage scharrt ungeduldig mit den runden Hufen, der Highway ruft. Der Soundtrack fehlt.
Stop. Der Soundtrack fehlt nicht mehr, denn VOLSTER haben ihr erstes Album “Perfect Storm” veröffentlicht, und das ist rock’n’rolliger Hard Rock in Reinform, dessen Wurzeln bestes Wasser aus dem stonigen Grund der Siebziger und Achtziger saugen.
Produziert wurde das Album von niemand Geringerem als Max Norman, der schon bei OZZYs “Bark At The Moon” seine Finger am Regler hatte. Dementsprechend klingt “Perfect Storm”, wie zu erwarten, recht tiefenlastig, gerade in den Gitarren, kompensiert dies jedoch durch den recht höhenlastigen Gesang. Der Sound ist somit für heutige Verhältnisse leicht gewöhnungsbedürftig, für das Konzept und in Anbetracht der Einflüsse von VOLSTER jedoch bestens geeignet – und leistet dem Album zweifelsohne einen guten Dienst.
Was die Schweden um den Ex-Gitarristen und Ex-Bassisten der Ex-MASQUERADE so machen, klingt erst einmal nach eingängigem Hard Rock mit Fokus auf eingängigen Melodien und hörbarer Rock’n’Roll-Ästhetik. “King Of The Hill” und “Heaven Or Hell”, die beiden ersten Tracks des Albums, ziehen gradlinig voran, sind nicht besonders komplex und halten ein paar feine Melodien parat, die, wie man es von derart erfahrenen Leuten im Biz erwarten darf, absolut angemessen umgesetzt wurden.
Dass VOLSTER auch anders können, zeigt sich im weiteren Verlauf der Platte, die in ihrem stilistischen Rahmen doch erfreulich vielseitig ist. “Easier Said Than Done”’s Drums arbeiten schön tom-orientiert und vervollständigen die Dur-durchzogene Gitarrenarbeit und die feine Melodieline zu einem stimmungsvollen Lagerfeuer’n’Leather-Song, Breathless kommt mit einem Killerrefrain, dessen Sahnehäubchen die Backing Vocals ausmachen, und der letzte Track, “Ends With Me” (schöne Idee), überzeugt mit amtlicher Härte, die dem melodischen Refrain seine Wirkung nicht nimmt.
Stark insbesondere auch “Drifting Away” und “Babylon”. Während erstgenannter Song mit loungiger E-Orgel, Rasseln und unkonventionellen Harmonien Freude bereitet, verteilt “Babylon” runde Sonnenbrillen und ein wenig Marihuana an seine Hörer. Der Track ist stark im Stoner Rock angesiedelt, ist sich Gott sei Dank auch nicht für ein Sitar-Solo zu schade und karrt extra für die letzten zehn Sekunden während des Ausfadens noch ein paar Bongos ran. So lobe ich mir das.
Sonst noch erwähnenswerte Songs? Ja, im Endeffekt hat jeder Song auf “Perfect Storm” seine Eigenart und Berechtigung, auch wenn einige subjektiv mehr als andere unterhalten. Aber ob “Games Of War”, das im Endeffekt eine Art “No More Tears” ist, oder “I Don’t Care” mit seinem krassen Kontrast zwischen dem wuchtigen Sound der Band und dem bewusst dünnen Riff – Spaß machen die Tracks alle. Insbesondere jedoch folgende…

Anspieltipps:
“Drifting Away”, “Easier Said Than Done”, “Babylon” und “Breathless”

Fazit:
Ich schäme mich schon etwas, in letzter Zeit immer nur so positive Rezensionen rauszuhauen. Aber was will man machen? VOLSTERs Debut ist ein geiles melodisches Hard-Rock-Album im Stil der Größen der Siebzieger/Achtziger geworden. Mein volster Respekt dafür.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. King Of The Hill
02. Heaven Or Hell
03. Perfect Storm
04. Breathless
05. Still In Love
06. Babylon
07. Hero
08. Games Of War
09. Easier Said Than Done
10. I Don’t Care
11. Drifting Away
12. Ends With Me

Jannis

EMERALD SUN – Under The Curse Of Silence

Band: Emerald Sun
Album: Under The Curse Of Silence
Spielzeit: 58:17 min.
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Fastball Music
Veröffentlichung: 13.04.2018
Homepage: http://www.emeraldsun.gr

Machen wir uns nichts vor: Die ganze auf Hochglanz polierte Power-Metal-Partymukke, die heutzutage von SABATON, POWERWOLF und Konsorten veröffentlicht wird und mit Wänden von Keyboards und stampfenden Disco-Beats daherkommt, macht ja schon echt Spaß. Ab und zu darf es jedoch ruhig auch mal eine Prise altmodischer, bodenständiger sein – und für diese Momente gibt es unter anderem EMERALD SUN. Deren neustes Album „Under The Curse Of Silence“ ist im Prinzip Hamburger Power Metal der Neunziger aus Griechenland mit leichten italienischen Einflüssen (auch wenn andere Rezensionen den Stil der Band eher mit Skandinavien in Verbindung bringen).
Die Produktion des truerweise am Freitag dem 13ten releasten fünften Streiches der Herren aus Thessaloniki übernahm RAGE-Gitarrist Marcos Rodriguez, und der mag für die Musik von EMERALD SUN den perfekten Sound gefunden haben, klingt es doch beinahe danach, als habe man die neuste Scheibe vor 25 Jahren herausgebracht und nun noch einmal sehr gut remastert.
Des weiteren klingt das Ding stark nach GAMMA RAY. Nicht unbedingt, weil man Melodielinien abgekupfert hätte – eher, weil einerseits Sänger Stelios Tsakirides (der einen hervorragenden Job macht) stark an Goldkehlchen KAI HANSEN erinnert und andererseits die Art der Melodieführungen, die Gestaltung der Backing Vocals und die rockig-unbeschwerte Grundstimmung mit einer hörbaren Portion guter Laune oft sehr RAYige Züge haben. Ist das schlecht? Nein, im Gegenteil, denn EMERALD SUN sind alles andere als eine schlechte Kopie. Sie machen schlicht und ergreifend gut gelaunten, sympathischen Power Metal im Sinne der Hanseaten.
Gelungener Einstieg ist „Kill Or Be Killed“ mit seinem Prototyp-Power-Metal-Refrain, nicht minder gelungene Weiterführung das anschließende „All As One“ (Hört hier jemand „One With The World“ raus?), dessen Backing Vocals wie die Faust aufs Auge passen.
„Blast“ ist bangbar im besten Sinne, hat den einzig wahren PEAVY WAGNER am Start (den man auch an der ein oder anderen Stelle auch noch im Hintergrund findet) und MUSS natürlich im Chorus ein paar Explosionssounds während des Wortes „Blast“ auffahren. Alles andere wäre auch beschämend. Apropos: Das einzig Beschämende und Schwache an „Weakness And Shame“ ist das uninspirierte Ausfaden am Ende. Der Rest ist Party vom Feinsten. Mit „Journey Of Life“ gibt’s die obligatorische Ballade, die episch ausfällt und zum Schwenken von Feuerzeugen einlädt (und die nochmal als Bonussong vertreten ist. Auf spanisch natürlich, wie sich das für Griechen gehört.).
Stark geht es auch weiter. „Rebel Soul“ knattert auf Uptempo daher, „Land Of Light“ MANOWARt hörbar und „Slaves To Addiction“ ist ein weiterer Top-Song auf „Under The Curse Of Silence“, dessen Chorus dem Ganzen die Krone aufsetzt.
Keine Disco, keine Synth-Overdose, das ist Power Metal in Reinform, wie man ihn in letzter Zeit vielleicht ein wenig zu selten hört.

Anspieltipps:
„Slaves To Addiction“, „All As One“, „Kill Or Be Killed“ und „Fame“

Fazit:
Mitte April ist wirklich ein guter Zeitpunkt für den Release von „Under The Curse Of Silence“, denn das Ding ist nicht nur erfrischender hochwertiger Power Metal, es ist auch ein Top-Sommer-Metal-Album. Anlage einpacken, raus auf den Campingplatz oder in den Park, Grill warm, Bier kalt, EMERALD SUN laut, Laune gut. So einfach ist das.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Kill Or Be Killed
02. All As One
03. Carry On
04. Blast
05. Weakness And Shame
06. Journey Of Life
07. Rebel Soul
08. Land Of Light
09. Slaves To Addiction
10. Fame
11. World On Fire
12. La Fuerza Del Ser (Bonus Song)

Jannis

ROSS THE BOSS – By Blood Sworn

Band: Ross The Boss
Album: By Blood Sworn
Spielzeit: 46:34 min.
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: AFM Records
Veröffentlichung: 20.04.2018
Homepage: www.ross-the-boss.com

Ross the Boss, aka Ross Friedman, muss hier wohl keinem mehr vorgestellt werden. Stichwort Ex-MANOWAR-Gitarrist und -gründungsmitglied, nebenbei an diversen weiteren Projekten beschäftigt (gewesen), aktuell unter anderem an DEATHDEALER. Und dann gibt es da noch ROSS THE BOSS, das Soloprojekt des guten Mannes, dessen dritten Release der gebürtige New Yorker momentan feiern darf, unter anderem mit Mike LePond, der erst ein knappes Vierteljahr zuvor mit seinem eigenen Soloprojekt releaste (Wir berichteten).
Wer die ersten beiden Alben von ROSS THE BOSS kennt, der weiß letztendlich bereits, was ihn mit “By Blood Sworn” erwartet. True Heavy Metal, weit weniger pathostriefend als MANOWAR, mit denen man Ross wohl ewig in Verbindung bringen wird, aber nichtsdestotrotz ausgestattet mit Rittern, Schwertern und güldenen Vögeln, wie das Coverartwork bereits subtil andeutet. Während MANOWAR (ja, ich höre jetzt sofort auf mit dem Vergleich) einigermaßen viel Angriffsfläche für spöttische Kritik hinsichtlich ihrer Selbstwahrnehmung und -darstellung sowie ihrer musikalischen Qualität gerade in den letzten Jahren bieten, ist derartige Kritik bei ROSS hingegen einfach nicht möglich. Denn “By Blood Sworn” ist schlicht ein sehr starkes Heavy-Metal-Album von einer sympathischen und fähigen Truppe, das selbst in balladigen Momenten (“Faith Of The Fallen”) nicht kitschig ist, ansonsten eine gute Dosis Rock’n’Roll verabreicht bekommen hat und über seine Dreiviertelstunde Spieldauer amtlich kurzweilig ist.
Schon der Titeltrack macht Laune, ist recht einfach gehalten und lädt live zum Mitsingen ein. “Among The Bones” fällt sehr rock’n’rollig aus, mit starkem Chorus, den, man höre und staune, auch ein 2008er ALICE COOPER so hätte schreiben können. “This Is Vengeance” beweist das nicht zu leugnende Talent von Sänger Marc Lopez, mit böser Strophe und melodiösem Refrain auf ordentlich Tempo. Vergleichsweise zurückhaltend fällt die Strophe im anschließenden “We Are The Night” aus – dafür darf im Chorus gekeift werden. Ach ja, erwähnenswerter Mittelteil!
Dass das kürzere Schwert im Nahkampf manchmal das effektivere ist, zeigt das knackig-rockige “Devil’s Day” mit seinen gerade mal drei Minuten Länge. Dass man mit einem asozial dicken gemeinen Eisenhammer genauso gut gewinnen kann, zeigt anschließend “Lilith” mit über sieben Minuten, einer starken Doom-Schlagseite und ordentlich Dramatik (außer im Mittelteil, wo man erwartungsgemäß fix im Rossmodus unterwegs ist).
Zum Rest der Songs? Nö, sonst wird die Rezension zu lang. Das Niveau wird jedenfalls problemlos gehalten. An dieser Stelle sollte eh bereits deutlich geworden sein, dass “By Blood Sworn” ein starkes Album ist, das echten Heavy Metal und Vielseitigkeit gekonnt vereint und nur unmerklich schwächer als das grandiose “New Metal Leader” ausfällt.

Anspieltipps:
“Devil’s Day”, “Among The Bones”, “Lilith” und “Play Among The Godz”

Fazit:
Wer sein Gemächt mal wieder ein wenig vergrößern, dabei aber nicht auf durchgängig interessante und geil geschriebene Songs verzichten möchte, der ist mit “By Blood Sworn” gut beraten. Ehrlich, 99% der Leser in unserer Garage sind eh Teil der Zielgruppe dieses Albums. Reinhören!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. By Blood Sworn
02. Among The Bones
03. This Is Vengeance
04. We Are The Night
05. Faith Of The Fallen
06. Devil’s Day
07. Lilith
08. Play Among The Godz
09. Mother Of Horrors
10. Fistful Of Hate

Jannis

CREMATORY – Oblivion

Band: Crematory
Album: Oblivion
Spielzeit: 53:47 min.
Stilrichtung: Gothic Metal
Plattenfirma: Steamhammer/SPV
Veröffentlichung: 13.04.2018
Homepage: www.crematory.de

Ich muss jetzt mal eine Lanze für CREMATORY brechen. Nach ihrem letzten kontroversen Facebook-Post zum Thema Konzertkarten- und Albenverkäufe, der in Klatschmetalmagazinen süffisant aufgegriffen wurde, folgten vonseiten der Leser doch größtenteils eher hämische Kommentare, die die musikalische Qualität der letzten CREMATORY-Veröffentlichungen kritisierten. Alle mal still sein jetzt, der Papa erzählt Euch was über den neusten Release.
Klar ist das Ding für viele Metaller doch eher problematisch (zu kitschig, zu synthig, zu gothisch, zu disco…), doch nimmt man “Oblivion” als das, was es ist – ein partytaugliches Gothic-Metal-Album mit einem recht ausgewogenen Verhältnis aus Härte und düsterer Cheesigkeit – dann ist die Scheibe schlicht und ergreifend geil. Die Vocals von Felix Stass, sowohl im cleanen als auch im gegrowlten Modus: satt und stimmig. Die Produktion: hammer. Die Leistung der restlichen Band: top. Das Ganze natürlich getränkt in einer Mischung aus orchestralen und Club-Music-/EBM/Gothic-inspirierten Synthesizern, die mit Sicherheit keiner billigen Software entstammen und passend eingesetzt sind. Laufzeit: über 50 Minuten. Hitpotenzial (so man die Art von Musik denn mag): durchgehend.
Genauer: Nach dem hart an die Audiospur eines Hollywoodfilmtrailers erinnernden Intro gibt es mit „Salvation“ direkt den ersten Knaller. Die Strophe gegrowlt, im Refrain eine schöne clean gesungene Melodie, leicht melancholische Klavierkeys im Hintergrund – das passt alles. “Revenge Is Mine” startet ruhig mit einem Soloklavier und entwickelt sich dann zu einem mal treibenden, mal ruhigen Teil, das (Ich finde den Vergleich selbst merkwürdig) AMORPHISche Züge hat.
Elektronisch geht’s weiter mit “Wrong Side”, dessen Vocals in der Strophe praktisch gesprochen ausfallen, während der Refrain schlicht verdammt geil, obgleich recht einfach, ausfällt. Böser wird’s mit dem Uptempotrack “For All Of Us”, einer der metallischsten und härtesten Songs auf “Oblivioin” mit stabilem Power-Metal-Chorus inklusive Schellenkranz. Warum auch nicht. Dann nochmal ein wenig Elektro-Metal-Party mit “Immortal”, mit kitschig-geilem Guilty-Pleasure-Refrain und zu kitschigem aber auch sehr kurzem Mittelteil, bevor der Titeltrack, ebenfalls eher melancholisch anmutend, mit seinem Kontrast zwischen der prototyp-gotischen Strophe, dem auf fantastischen Synths aufbauenden Prechorus und dem schön komponierten Refrain besticht. Pause gefällig? Ich muss enttäuschen: Mit “Cemetery Stillness” folgt klassischer härterer Gothic Metal der älteren Schule in modernem Gewand, dessen Chorus unter anderem Assoziationen zu TIAMAT weckt.
Und während der letzte Track hart aber nicht überragend ausfällt, gibt es mit “Blessed” noch eine Bombe, die den, der lange Haare sein eigen nennen darf, zum Bangen einlädt und ebenfalls eine Killer-Refrain-Melodie vorweisen kann.
Klar, ein paar Parts sind zu hart drüber, ein paar Klischee-Keyboards hätte man sich sparen können, doch an der Qualität dieses Albums ändert das nichts. Man hätte das vielleicht anders formulieren können als CREMATORY, aber ernsthaft: Einen Album- oder Konzertticketkauf sollte man angesichts des Niveaus von “Oblivion” ernsthaft in Betracht ziehen.

Anspieltipps:
Macht einfach irgendeinen Track an. Kann nicht viel schief gehen.

Fazit:
Asche auf mein Haupt: Ich muss gestehen, dass ich CREMATORY vor “Oblivion” überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Ich kann nicht beurteilen, ob das Album Fans der früheren CREMATORY zufriedenstellen kann. Ich kann jedoch begründet behaupten, dass jeder, der keine Angst vor ein paar Spinnenweben in seinem Metal und Interesse an toll gemachtem, kraftvollen und modernen Gothic Metal mit ordentlichem Synth-Einsatz hat, mächtig Spaß an dem Werk haben könnte!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Expectation
02. Salvation
03. Ghost Of The Past
04. Until The Dawn
05. Revenge Is Mine
06. Wrong Side
07. Stay With Me
08. For All Of Us
09. Immortal
10. Oblivion
11. Cemetery Stillness
12. Blessed
13. Demon Inside

Jannis

TOMORROW’S OUTLOOK – A Voice Unheard

Band: Tomorrow’s Outlook
Album: A Voice Unheard
Spielzeit: 71:50 min.
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: Battlegod Productions
Veröffentlichung: 06.04.2018
Homepage: www.facebook.com/tomorrowsoutlook

Die Norweger sind wieder da! Dieses Mal ohne Corpsepaint, stattdessen mit starkem melodischen Heavy Metal und über 70 Minuten Material. Das ist durchaus eine Ansage. TOMORROW’S OUTLOOK gibt es nun seit etwas über zehn Jahren und mit “A Voice Unheard” steht ihr zweites Album in den Startlöchern. Die Vocals teilen sich Tony Johannessen von THUNDERBOLT und Ralf Scheepers (GAMMA RAY, PRIMAL FEAR), dementsprechend muss über die großartige Gesangsleistung kein weiteres Wort verloren werden. Auch die Arbeit der Instrumentalfraktion liefert keinen Grund zum Meckern, werfen wir also direkt einen Blick auf die Musik.
“A Voice Unheard” klingt klassisch, viele Parts erinnern stilistisch an MAIDEN, wirken jedoch nicht abgekupfert sondern eher “inspiriert” von ihnen. Kein Grund zur Kritik also. Die Instrumentierung ist relativ basic, Keyboards sucht man größtenteils vergeblich, wenn man sie denn sucht. Die Produktion geht absolut klar. Die einzelnen Songs übrigens auch.
Schon der erste Track “Within The World Of Dreams” macht ab der ersten Sekunde Bock auf mehr. Eingeleitet von ruhigen cleanen Gitarren entwickelt sich das Ding zu einem treibenden Uptemposong, der in den Strophen interessanterweise sehr doomig klingt, während der Refrain im fröhlichen MAIDEN-Gewand daherkommt.
Ein starker Chorus auch bei “Descent” und im Titeltrack des Albums – Refrains mit Wiedererkennungswert können die Herren. Bei “Fly Away” gibt es dann bangbaren Midtempo-Power-Metal, ebenfalls auf hohem Niveau und “One Final Prayer” feiert mit abermals sehr schöner Melodieführung im Uptempomodus umher.
Was darf nicht fehlen? Korrekt, eine Ballade. “The Enemy” macht als Ballade alles richtig, startet mit cleanen Gitarren hinter Ralf, dem man eine sehr schöne Melodielinie gegönnt hat, die er problemlos perfekt umsetzt. Und dann entwickelt sich das gute Stück über knapp sechs Minuten hin zu einem sehr fetten Stück Metal. Nicht übel!
Kritikpunkte? Nö, keine relevanten. Naja, die üblichen halt. Zwei oder drei der Songs auf “One Final Prayer” zünden nicht ganz so gut wie die anderen, einige Part fallen unspektakulärer aus als andere, aber niemand ist perfekt. Für den klassischen Heavy Metal sind TOMORROW’S OUTLOOK jedenfalls eine Bereicherung. Das ganze Album klingt natürlich, authentisch und vor allem verdammt erfrischend, mit smarten Arrangements, tollen Melodieideen und einer Band, die ihr Handwerk souverän beherrscht. Das dann noch abgerundet mit zwei großartigen Sängern – Hut ab, meine Freunde!

Anspieltipps:
“Within The World Of Dreams”, “A Voice Unheard”, “One Final Prayer” und “The Enemy”

Fazit:
Ist eigentlich alles gesagt, oder? Sehr gutes Album, reinhören, dann kaufen. Viel Spaß!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Within The World Of Dreams
02. Descent
03. Through Shuttered Eyes
04. A Voice Unheard
05. Outlaw
06. Times Of War
07. The Enemy
08. One Final Prayer
09. Fly Away
10. Nothing Shall Remain
11. Darkside Of Aquarius (Bruce Dickinson Cover)
12. Slave To The Evil (Aria Cover)

Jannis

SHADOWKEEP – Shadowkeep

Band: Shadowkeep
Album: Shadowkeep
Spielzeit: 55:00 min.
Stilrichtung: Progressive Power Metal
Plattenfirma: Pure Steel Records
Veröffentlichung: 30.03.2018
Homepage: www.shadowkeepmetal.co.uk

Es gibt gute Albumcover, akzeptable Albumcover und unschöne Albumcover. Knapp darunter kommt das Cover des neuen SHADOWKEEP-Albums. Aber das nur so am Rande. Zum Wesentlichen: Nach zehn Jahren Stille folgt mit “Shadowkeep” nun das vierte Album der Briten, die seit einigen Monaten mit niemand anderem als James Rivera (VICIOUS RUMORS, HELSTAR) am Mic unterwegs sind.
Über elf Tracks und mit knapp einer Stunde Spieldauer fällt die Scheibe üppig aus, die laut des Promotextes Prog Power Metal beinhaltet. Das kann man so unterschreiben, obgleich es gegebenenfalls ein wenig irreführend formuliert sein könnte. “Shadowkeep” ist stark amerikanisch angehauchter Power Metal, der praktisch keyboardfrei ausfällt und seinen Prog-Faktor primär aus seiner Arbeit mit diversen Taktarten bezieht. Natürlich dürfen auch einige NWOBHM-Einflüsse nicht fehlen, schließlich bestehen SHADOWKEEP bis auf Rivera aus Briten, diese sind jedoch vergleichsweise selten. Auf Kitsch und epische Gänsehautparts wurde auf “Shadowkeep” nahezu komplett verzichtet. Zwar gibt es zwei Balladen, das SAXON-balladige “Little Lion” und das athmosphärische “Never Forgotten”, die beide jedoch glücklicherweise sehr gelungen sind und nur wenig Pathos an den Tag legen.
Der Rest ist flott, straight, korrekt produziert und von Riveras Stimme auch in höchsten Höhen noch vorbildlich gekrönt.
Alle Songs agieren dabei mindestens auf einem stabilen Niveau. Spätestens die Soloparts überzeugen, die durch die Bank Applaus verdienen. Auch sonst können SHADOWKEEP was. Alleine “Isolation” mit seinem bösen Mittelteil, den leicht corigen Drums während der Strophe und der treibenden Gitarrenarbeit im Refrain ist ein klarer Treffer. Nicht minder Gas gibt “The Sword Of Damocles”, ein reines Instrumental, bevor mit “Immortal Drifter” der Härtegrad locker gehalten wird und zudem eine gute Portion priestige Britishness serviert wird. Abermals mit wahnsinnigem Mittelteil, versteht sich.
Natürlich ist man jedoch auch im Midtempo zuhause, was “Horse Of War” einwandfrei belegt, mit coolem Strophenkonzept und recht eingängigem Refrain – leider, und hier ist Kritik nötig, einer der wenigen eingängigen Parts auf “Shadowkeep”. Denn während die Songs in ihrer ganzen Länge stark komponiert sind, war man bei der Komposition der einzelnen “Untermelodien” doch streckenweise zu wenig kreativ und bleiben nicht wirklich in Erinnerung. So mögen SHADOWKEEP hinsichtlich ihrer Taktarbeit progressiv sein; hinsichtlich ihrer Melodien sind sie es kaum, viel eher klassischer Heavy Metal mit viel US und etwas weniger UK drin. Daran könnte man noch etwas arbeiten. Egal, trotzdem ein gutes Album!

Anspieltipps:
“Isolation”, “Never Forgotten”, “Horse Of War” und “Immortal Drifter”

Fazit:
“Shadowkeep” ist alles andere als Karohemden-Hornbrillen-Prog. “Shadowkeep” ist straighter Heavy Metal mit Power-Metal-Nouancen und einigen progressiven Elementen. Nicht der ganz große Wurf, aber nicht überkeyboardet, einwandfrei gespielt und hervorragend gesungen. Da kann man über das Cover schon mal hinwegsehen!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Atlantis
02. Guardians Of The Sea
03. Flight Across The Sand
04. Horse Of War
05. Little Lion
06. Angels And Omens
07. Isolation
08. Never Forgotten
09. The Sword Of Damocles
10. Immortal Drifter
11. Minotaur

Jannis

DEFECTO – Nemesis

Band: Defecto
Album: Nemesis
Spielzeit: 55:58 min.
Stilrichtung: Heavy/Progressive Metal
Plattenfirma: Black Lodge
Veröffentlichung: 16.03.2018
Homepage: www.defecto.dk

(Nachtrag vom 20.03.2018: von 9,5 auf 10 hochgestuft. Die Scheibe ist einfach zu perfekt.)

Sind Ihre Lautsprecher auch verklebt und verkrustet von all dem seicht poppigen Power-Metal-Geschmalze, das Sie immer hören? Benutzen Sie DEFECTO NEMESIS, um den Schmock in Windeseile aus den Boxen zu blasten! Man kann diese Band wohl guten Gewissens als Ausnahmeerscheinung bezeichnen, denn nicht nur bestach sie mit einem sehr guten Debutalbum, das ihr unter anderem Slots als Vorbands von Rammstein und Metallica bescherte, sondern haut mit ihrem zweiten Album “Nemesis” ein Werk raus, das man guten Gewissens als wahnsinnig bezeichnen kann.
Erstklassig produziert und mit fast einer Stunde Spieldauer ist NEMESIS zuerst einmal eins: verdammt hart für ein derart melodieorientiertes Album. Das liegt primär an der unbarmherzigen und fantastischen Riffarbeit der Jungs aus Dänemark, die partiell Death-metallische Züge aufweist, sekundär an der stimmlichen Leistung von Nicklas Sonne, der cleanen Gesang ebenso beherrscht wie böses Gegrowle, und an den apokalyptischen Orchestralarrangements, die mit denen von, sagen wir einfach mal, RHAPSODY gar nichts zu tun haben.
Doch damit nicht genug. Denn NEMESIS bezieht seinen Efecto ( -.- ) aus der Wechselwirkung von musikalischer Härte und großartigen Kompositionen.
Schon “Nemesis” (was ein fetter Anfang) knallt dem interessierten Hörer eine Refrainmelodie vor den Latz, die sich gewaschen hat und vom anschließenden “Endlessly Falling” (auch so ein Übersong) vielleicht noch knapp überboten wird. “Savage” rollt anschließend heavy rock’n’rollig auf der Harley heran, inklusive köstlichem TWISTED-SISTER-inspiriertem Video. Dem folgt direkt der nächste Höhepunkt, “The Nameless Apparition”, mit einer durchgehend unkonventionellen Melodieführung, die so verdammt gut funktioniert, dass die Frage aufkommt, warum die Idee vorher noch niemand hatte.
“The Sacrificed” und “Ascend To Heaven” sind die beiden Balladen auf NEMESIS (wobei man diese Bezeichnung bei letzterem Song dank seines Mittelteils nur eingeschränkt verwenden sollte), die recht düster und mit einer guten Portion Pathos, aber ohne großartig Kitsch und sehr gelungen daherkommen. Und während “Ablaze” vergleichsweise elektronisch ausfällt, mit exzellentem Synth-Einsatz und einem feinen Mittelteil, ist “Gravity” eine Mischung aus METALLICA und dem Lied, das HAKEN sich noch auf ihrem letzten Album gewünscht hätten.
Zusammenfassend: Es ist einfach wohltuend, sich neben dem ganzen fröhlichen Power-Metal-Spaß auch mal etwas DEFECTO zu geben. Diese Härte, diese Melodien, diese Arrangements, dazu diese Orchestralsynths und nicht zuletzt dieser großartige Sänger miteinander kombiniert machen aus NEMESIS jetzt schon eins der besten Alben des aktuellen Jahres. Es ist in höchstem Maße respektabel für eine 2011 gegründete Band, auf ihrem zweiten Album derartige Qualität mit echtem Wiedererkennungswert zu liefern, mit gerade einmal zwei bis drei Liedern, die minimal schwächer ausfallen. Auf dem Siegertreppchen des dänischen Metal sollten VOLBEAT zweifelsohne momentan fürchten, demnächst von Platz zwei auf Platz drei abzusteigen.

Anspieltipps:
“Nemesis”, “Endlessly Falling”, “Savage”, “The Nameless Apparition”, “Gravity” und “Ablaze”

Fazit:
Ich glaube, es ist inzwischen rübergekommen, dass ich nur deshalb nicht zu jedem der Leser, die nach diesem Review nicht in NEMESIS reinhören, nach Hause komme und sie dazu zwinge, weil mir die Adressen fehlen. Außerdem ist mein Navi defecto. Ehrlich, hört mal rein.

WERTUNG:

Von:

 

 

 

 

 

Nach:

 

 

Trackliste:

01. The Final Night Of Silence
02. Nemesis
03. Endlessly Falling
04. Savage
05. The Nameless Apparition
06. The Sacrificed
07. Ode To The Damned
08. Gravity
09. Ablaze
10. Before The Veil
11. We’re All The Enemy
12. Ascend To Heaven

Jannis

HEADLESS CROWN – Century Of Decay

Band: Headless Crown
Album: Century Of Decay
Spielzeit: 54:14 min.
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: Massacre Records
Veröffentlichung: 30.03.2018
Homepage: www.headlesscrown.com

Mag hier jemand Heavy Metal? HEADLESS CROWN machen nämlich ziemlich genau das. Präziser: Nach ihrem Ende 2015 erschienenen Debutalbum “Time for Revolution” legt die erst seit 2014 in ihrem LineUp bestehende Band nur knapp über zwei Jahre später ihr Zweitwerk “Century Of Decay” nach. Der Zyklus stimmt also schonmal. Der Umfang ebenso, schließlich liegt die Spieldauer der elf Tracks (Kein Intro, kein Outro, keine Ballade, kein Bullshit) umfassenden Scheibe bei knapp 55 Minuten, versteckt hinter einem düsteren Coverartwork, das ein Konzeptalbum vermuten lässt. “Und, ist dem so?” werden Sie fragen. Ja. So ist dem. Schön klassisch, eine dystopische Story über einen Arbeiter in einem Überwachungsstaat in naher Zukunft, der in seinen Träumen seinem Scheißleben zu entfliehen sucht.
Die Produktion ist der Musik dienlich, recht einfach gehalten und professionell, wenn auch nicht absolut high end. Das soll sie aber auch nicht sein, schließlich ist “Century Of Decay” kein keyboardiger Power Metal, sondern hinsichtlich der Arrangements auf’s Wesentliche reduzierter, kompositorisch einige progressive Züge tragender Heavy Metal ohne all die neumodischen Spiränzchen – “Mein Junge, ’ne Metalband, die hat fünf Mitglieder. Und dann braucht deren Platte auch nur fünf Tonspuren. Alles andere ist neumodischer Schnickschnack”, wie unsere Großmütter uns erklärten, als wir noch kleine Metaller waren. Recht hatten sie, und somit geht das Konzept von HEADLESS CROWN auch auf. Dabei klingt die CD nicht zufällig oftmals nach den großen Klassikern der Genres, leugnet niemals Einflüsse. Störend ist das nicht, eher freut man sich über kleine Parts, die an MAIDEN, PRIEST oder MERCYFUL FATE erinnern, sind sie doch trotz ihrer Erkennbarkeit auf “Century Of Decay” nicht im Überfluss gestreut. Und gerade die progressiveren Tracks wie “Plan 9” oder “Outermind Travel” weisen genug Eigenständigkeit auf, um HEADLESS CROWN nicht zur inoffiziellen Coverband zu degradieren.
Kritik am Album? Nun, obgleich Sänger Steff Perrone generell einen guten Job macht und ein absolut geeignetes Organ für Heavy Metal hat, täten ihm ab und an etwas mehr Wut in der Stimme und ein paar mehr Backing Vocals gerade in den Refrains ganz gut. Generell kommt beim mehrfachen Hören des Albums der Verdacht auf, HEADLESS CROWN sollten ein wenig mehr aus sich herausgehen, ein bisschen mehr Experimentierfreude zeigen. Die Songs agieren allesamt auf einem handwerklich sehr guten Niveau (Einige Soli sind echt Oberklasse!) und nicht wenige coole Melodieideen, interessante Taktspielereien – kurz, ein sehr souveräner Umgang mit den Bausteinen, aus denen sie gestaltet sind – zeigen, dass die Schweizer großes Potenzial haben.
Ein wenig mehr Zeit für das Songwriting hätte jedoch nicht geschadet, denn um wirklich besonders zu sein, fehlt es an Melodien, die ins Ohr gehen, und an Parts, die ein wirkliches Wow-Gefühl erzeugen. HEADLESS CROWN wären, wären sie Tischler, sehr gute Tischler, die sehr gute Tische anfertigen, ohne ihnen die letzte Lackierung zu verpassen. Vielleicht bis zum nächsten Album 2,5 Jahre Zeit investieren (wenn das Label dann nicht meckert), dann wird die nächste Rezension locker ein bis zwei Punkte besser!

Anspieltipps: “Outermind Travel”, “The Eye Of The Crow”, “Manipulators Of Dreams” und “Degree Absolute”

Fazit:
Klar, nicht jeder Heavy-Metal-Release muss das Rad neu erfinden, aber “Century Of Decay” fehlt es ein wenig zu sehr an songwriterischem Mut. Wer aber Spaß an einem handwerklich absolut stabilen Metalalbum im Sinne der großen Klassiker hat, das sich trotz dem jungen Alter der Band praktisch keine Anfängerfehler leistet, der darf mit HEADLESS CROWN durchaus mal sein Glück versuchen!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Century Of Decay
02. Radiant In Grey
03. The Blackness
04. Grinder Of Souls
05. Listen
06. Plan 9
07. Outermind Travel
08. The End
09. The Eyes Of The Crow
10. The Manipulators Of Dreams
11. Degree Absolute

Jannis

MIKE LEPOND’S SILENT ASSASSINS – Pawn And Prophecy

Band: Mike LePond’s Silent Assassins
Album: Pawn And Prophecy
Spielzeit: 59:58 min
Stilrichtung: Heavy Metal
Plattenfirma: Frontiers Records
Veröffentlichung: 26.01.2018
Homepage: www.facebook.com/mikelepondssilentassassins

So Kinder, heute gibt’s mal was zu MIKE LEPOND’S SILENT ASSASSINS zu lesen. Die sind aber trotz ihres Namens lustigerweise gar nicht mal so silent. Übelst ironisch und so. Wo waren wir? Korrekt, Mike LePond. Der Bassist der mächtigen SYMPHONY X hat mit “Pawn And Prophecy” inzwischen bereits das zweite Album seines Nebenprojekts veröffentlicht und macht darauf Sachen, die man von seiner Hauptband nicht unbedingt gewohnt ist: (größtenteils) recht gradlinigen Heavy Metal mit einigen Klischees und einigen Experimenten. Das Ganze soweit sehr sauber produziert, verteilt auf acht Tracks und mit einer satten Stunde Laufzeit. Gott sei Dank zentrieren sich die ersten sieben Tracks auf die ersten 38 Minuten, während Track acht in Überlänge daherkommt. Die Sorge, man habe klassische Vier-Minuten-Heavy-Metal-Songs unnötig auf Siebeneinhalb-Minuten-Klötze hochgepumpt, bewahrheitet sich somit nicht.
Die Songs auf “Pawn and Prophecy” brauchen ein wenig Zeit, um zu begeistern. Wirkt das Ding beim ersten Hördurchlauf noch wie das Album, das man nach der letzten Band zum Feierabendbier auf dem Festivalcampingplatz im Hintergrund laufen lässt, zeigt sich ab dem zweiten Mal der Facettenreichtum der Scheibe. Schon der Opener, “Masters Of The Hall”, ist abgesehen von einigen textlichen Fehlschlägen absolut unterhaltsam, bespaßt mit thrashigen Parts, einem Refrain aus dem Lehrbuch und einem ausufernden Solopart und steht dem bangbaren “Black Legend” mit seinen schön sägenden Gitarren und dem Prototyp-live-Chorus in nichts nach. “Antichrist” erinnert in seiner Machart leicht an HELL, wozu auch Sänger Alan Tecchio (WATCHTOWER und so) erheblich beiträgt. Fixer zugange geht es bei “Avengers Of Eden”, dem wohl powermetallischsten Song des Albums, der nebenbei auch noch deutliche Rock’n’Roll-Attitüde an den Tag legt, bevor es mit “Hordes Of Fire” noch einmal sehr klassisch wird – inklusive Falsettgesang, wie sich das gehört.
So viel zum “traditionellen” Teil des Albums. Doch natürlich kann ein SYMPHONY-Mitglied seine Liebe zu progressivem Kram nicht ganz verbergen. Auch Mike gelingt das nicht, jedoch zeigt sich diese Liebe stilistisch doch recht anders, als man vielleicht erwartet hätte. Zum einen in “I Am The Bull”, das ein wenig doomig klingt, zwischendurch ordentlich funky wird und nicht nur im Mittelteil durch seine Experimentierfreudigkeit auffällt. Im krassen Kontrast dazu erweist sich “The Mulberry Tree” als astreiner Folk-Metal-Song mit leichtem Mittelalter-Spirit und einer traumhaften Melodieführung, der sich vom schwermetallischen Teil des Albums deutlich unterscheidet. Den krönenden Abschluss bildet der 22minütige Titeltrack, der vielseitiger kaum sein könnte. Folkpassagen: Check. Klavier-Orchester-Part: Check. Gastsängerin: Check. Böses Geballer und echter Heavy Metal, Rockabillyparty plus E-Orgel, Mönchschöre, und das alles verpackt in mächtig Theatralik: sechsmal check. Dazu noch die Macbeth-Thematik, die sich bereits auf dem Cover andeutete und eine trotz allen Stilwechseln nachvollziehbare Songstruktur und fertig ist das kleine Endopus. Nein, “Pawn And Prophecy” ist bei weitem nicht nur ein Album für den Campingplatz-Soundtrack!

Anspieltipps:
“Black Legend”, “Pawn And Prophecy”, “I Am The Bull” und “Antichrist”.

Fazit:
“Pawn And Prophecy” ist doch mehr Gesamtkunstwerk, als man es anfangs vermuten würde. Wer Interesse an den Klassikern huldigendem Heavy Metal hat, dabei aber keine Angst vor Stilbrüchen verspürt, der könnte mit dem neusten Streich von MLPSA viel Freude haben!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Masters Of The Hall
02. Black Legend
03. Antichrist
04. I Am The Bull
05. Avengers Of Eden
06. Hordes Of Fire
07. The Mulberry Tree
08. Pawn And Prophecy

Jannis

LIONE / CONTI – Lione / Conti

Band: Lione / Conti
Album: Lione / Conti
Spielzeit: 47:36 min.
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Frontiers Records
Veröffentlichung: 26.01.2018
Homepage: www.facebook.com/LioneConti

Nochmal in Kurzform: Am Anfang waren RHAPSODY, die sich später in RHAPSODY OF FIRE umbenannten, sich 2011 in RHAPSODY OF FIRE (mit Fabio Lione am Mic) und LUCA TURILLI’S RHAPSODY (mit Alessandro Conti als Sänger) aufsplitteten und sich 2017 in Teilen für eine 20-Jahre-RHAPSODY-Reunion, abermals unter dem Namen RHAPSODY, temporär wieder zusammenschlossen. Weil das alles noch nicht unübersichtlich genug ist – und weil italienische Power-Metal-Bands eine gechillte Truppe sind – hat sich mit LIONE / CONTI ein weiteres Projekt aus dem Hause RHAPSODY formiert, das aus den aktuellen Sängern beider Bands besteht. Normal. Aber genug der Stammeskunde.
Das nach den Nachnamen des Vokalistenduos benannte Album wurde produziert von Simione Mularoni und das, wie man von einem Projekt dieser Größe wohl erwarten kann, souverän ohne Ende. Auch für die Komposition zeichnet sich der DGM-Gitarrist verantwortlich – was dazu führt, dass sich “Lione / Conti” trotz seines RHAPSODY-Vocal-Overkills von anderen Veröffentlichungen der Italiener abhebt.
Klar, das Ganze ist Power Metal in Reinform, doch um einiges weniger orchestral (Keine Sorge, es gibt immer noch genug Orchestralbombast, nur eher unterstützend als dominant), etwas weniger dramatisch, etwas moderner anmutend, etwas straighter.
Innerhalb des Power Metals werden alle Komponenten ausgepackt, die in diesem Genre von Bedeutung sind: Da gibt es treibende Uptempo-Doublebass-Tracks wie “Glories” und “Gravity”, die obligatorische pathetisch-epische Ballade (“Somebody Else”, ist kitschig aber gelungen) und mit “You’re Falling”, “Truth” und “Crosswinds” auch eine stabile Menge Midtempogestampfe. Das Ganze wird garniert mit fetten Refrainmelodien, fixen Gitarrensoli und viel Synthesizer-Party. Ach ja, und zwei Sängern. Die machen beide natürlich einen herausragenden Job, bewegen sich dabei aber meist in sicheren Sphären. Ähnlich verhält es sich mit der Komposition: An sich ist sie top, geht ins Ohr, langweilt nicht – aber auf Experimente wird eben weitestgehend verzichtet. Stattdessen gibt es gelungene Power-Metal-Melodien aus dem geheimen Profi-Lehrbuch, eingebunden in die klassische Struktur aus Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, obligatorischem Solopart (Die hätte man echt etwas liebevoller gestalten können) und abschließendem Refrain in etwas fetter, in dem das Goldkehlchenduo dann ab und zu auch mal in höheren Sphären intonieren darf.
Nein, langweilig ist das nicht, an sich machen die Kompositionen durchgehend Spaß und halten zweifelsohne durchgängig ihr hohes Niveau, aber bei einem Kollabo-Album dieser Art hätte man sich ab und an ein wenig mehr Innovation oder zumindest eine etwas krassere Demonstration des Könnens von dieser spielerisch und kompositorisch ohne Frage sehr starken Band gewünscht.

Anspieltipps:
“Misbeliever”, “Gravity”, “Truth” und “You’re Falling”

Fazit:
Kam das gerade etwas zu negativ rüber? Dann seid beruhigt, “Lione / Conti” ist ein absolut starkes Power-Metal-Album, dem man als RHAPSODY/RHAPSODY-OF-FIRE/LUCA-TURILLI’S-RHAPSOY-Fan allein schon aufgrund der Sängerkombination und als Power-Metaller aufgrund der allgemeinen Qualität des Releases ein Ohr leihen sollte. Party on Fabio! Party on Alessandro!

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Ascension
02. Outcome
03. You’re Falling
04. Somebody Else
05. Misbeliever
06. Destruction Show
07. Glories
08. Truth
09. Gravity
10. Crosswinds

Jannis