OPETH – Sorceress

folderBand: Opeth
Album: Sorceress
Spielzeit: 57:04 min
Stilrichtung: Progressive Rock/Metal
Plattenfirma: Nuclear Blast Records
Veröffentlichung: 30.09.2016
Homepage: www.opeth.com

Der Wechsel von Roadrunner Records zu Nuclear Blast Records hat sich zumindest in Sachen Promotion für die Schweden OPETH gelohnt – bereits seit Wochen wird die interessierte Öffentlichkeit auf das neue, mittlerweile 12. Album, der Band medial aufmerksam gemacht. Da hört es aber auch schon auf, mit der Mainstream Anbiederung, die so mancher Alt-Fan der band schon seit 20 Jahren vorwirft. "Sorceress" ist, das dürfte niemanden mehr wirklich überraschen, wieder völlig anders als alles was die Band bisher gemacht hat und zementiert auf eindrucksvolle Weise den Status der band als wahre Progressive Rocker, im echten Sinne des Wortes. Wo Bands wie Dream Theater der Queensryche das Genre nur noch zum Selbstzweck missbrauchen, lassen Michael Åkerfeldt und seine Begleitmannschaft keinen Zweifel daran, dass bei dieser Band alles Möglich ist, nur keine Stillstand.

Zu sagen, dass "Sorceress" wie „Heritage“ oder „Pale Communion“ klingt, lediglich auf Grund der Tatsache, dass keine Death Metal Growls vorhanden sind und als Basis wieder der 70er Jahre Prog Rock Pate gestanden hat, ist etwas kurz gegriffen. Schon der als erstes Video vorgestellte Track "Sorceress" lässt mit seinem doomigen, stoischen Riff eine gewisse Nähe zu Black Sabbath durchscheinen und noch nie haben OPETH so locker und befreit aufgespielt wie in den beinahe jammigen durchgeknallten Parts in „Strange Brew“ (auch wenn die Scheibe mal wieder von Åkerfeldt. im Vorfeld bis ins kleinste Detail vorproduziert wurde). Neben den durchaus mitunter gewagten Kompositionen wird auch die Produktion von "Sorceress" (wieder von Tom Dalgety) wieder hier und da auf Kritik stoßen: mitunter etwas dumpf und mit einer extremen Dynamik ausgestattet, muss man mitunter schon den Lautstärkeregler der Anlage bemühen um die kleinen ruhigen Details heraushören zu können. Der Mix, bzw. das Mastering der Scheibe ist das entgegensetzte Extrem des in den letzten Jahre so ausgeuferten Loudness-War – aber man kann es ja nie allen recht machen. Ich persönlich finde den Klang der Scheibe phänomenal – vor allem wenn man sich das ganze unter einem guten Kopfhörer gönnt: ganz großes Kino! Die Gitarren sind fett, erdig und strotzen vor Vitalität – in Fredrik Åkesson hat Åkerfeldt den Sidekick gefunden, der all das umsetzt wozu ihm selbst die technischen Fähigkeiten fehlen. Das Rhythmus-Rückgrat aus Schlagzeuger Martin Axenrot und Bassist Martín Méndez ist eine Bank und der Mann an den Tasten Joakim Svalberg setzt die echten Fender Rhodes, Hammond C3 etc. Sounds perfekt in Szene. Und so ganz nebenbei dokumentiert "Sorceress" auch einen interessanten Shift im Bandgefüge: haben sich Fans und "Kritiker" der Band bisher eigentlich ausschließlich am Bandkopf abgearbeitet, seinen Gesangsstil und das Songwriting mal vergöttert, mal verrissen, wie es gerade ins eigenen Weltbild passte, so ist aus OPETH, still und heimlich, eine bärenstarkes Einheit geworden in der Åkerfeldt mittlerweile gar nicht mehr wie der Alleinherrscher sondern als Teil eines Ganzen wirkt. Tatsächlich hat man das Gefühl er müsse sich mittlerweile doppelt anstrengen um das Level seiner Mitstreiter halten zu können – was sich in den fein herausgearbeiteten Gesangsmelodien in "Will O The Wisp" oder „The Wilde Flowers“ besonders bemerkbar macht. "Sorceress" wirkt als Gesamtwerk, auch wenn die Songs relativ eigenständig wirken und Abwechslung Trumpf ist: "Chrysalis" erinnert an selige "Still Life" Zeiten, "A Fleeting Glance" hätte auch auf "Damnation" eine gute Figur gemacht und das orientalisch angehauchte Instrumental "The Seventh Sojourn" legt nahe, dass Opeth Anno 2016 keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr im Prog Rock Genre hat. In dem treibenden "Era" zeigen OPETH zum Abschluss noch den fabelhaften Night Flight Orchestra ganz nebenbei wo der Classic Rock Frosch die Locken hat. Mein absoluter Lieblingstrack auf der Platte.

OPETH liefern mit "Sorceress" den Beweis ab, dass sie in einer völlig eigenen Liga agieren: zum einen hat Åkerfeldt Musiker um sich geschart die handwerklich über jeden Zweifel erhaben sind und wie eine perfekt geölte Maschine einen unwiderstehlichen Drive entwickelt haben. Zum anderen bietet die Scheibe zu weiten Strecken mal wieder formidables Songwriting, das den Totalausfall "Heritage" endlich vergessen lässt. Das Album versprüht eine unbändige Spielfreude und Detailversessenheit – es macht einfach Spaß der Truppe beim Spielen zuzuhören, denn der Spaß am eignen Schaffen perlt aus jeder Rille der Platte. Kurz, "Sorceress" ist ein wunderliches, verspieltes, herrliches und durchweg unterhaltsames Album geworden. Es geht auch gar nicht darum, ob man als Fan nun Akerfeld's Mut und/oder Stursinn immer zur Seite steht oder nicht. Was zählt ist die Frage ob er weiterhin gehaltvolle Musik schreiben kann. Und ein Sahnealbum wie "Sorceress" ist da wohl das beste Argument.

WERTUNG:

9

 

 

Trackliste:

01. Persephone
02. Sorceress
03. The Wilde Flowers
04. Will O The Wisp
05. Chrysalis
06. Sorceress 2
07. The Seventh Sojourn
08. Strange Brew
09. A Fleeting Glance
10. Era
11. Persephone (Slight Return)

Mario

 

MARILLION – Fuck Everyone and Run (F.E.A.R.)

0_marillion_fear_albumcover_500Band: Marillion
Album: Fuck Everyone and Run (F.E.A.R.)
Spielzeit: 68:02 min
Stilrichtung: Neo-progressive rock
Plattenfirma: earMUSIC
Veröffentlichung: 23.09.2016
Homepage: www.marillion.com

Die britische Neo Prog Institution MARILLION hat in ihrer langen und ereignisreichen Karriere so einige Höhepunkte erleben dürfen. Von den Highlights der Fish-Ära (mit dem unkaputtbaren Klassiker "Kayleigh"), über den nahtlosen und auch kommerziell weiterhin erfolgreichen Übergang zum "neuen" Sänger Steve Hogarth ("Easter"), den wegweisenden Konzeptalben wie "Marbles" bis zu der konsequenten und ebenfalls erstaunlich gut funktionierenden autonomen Crowdfunding Finanzierung Ihrer Alben wie z.B. bei "Anoraknophobia". Mit "F.E.A.R." haben die eigensinnigen Briten nun Ihr bereits 18. (!) Studioalbum eingespielt (das letzte, "Sounds That Can't Be Made", liegt auch schon wieder 4 Jahre zurück), das seit dem 23. September als CD, limitierte SuperAudio-CD und in allen Digitalen Formaten zu erwerben ist.

Auf MARILLION ist Verlass, das wissen natürlich vor allem die langjährigen und äußerst treuen Fans der Band schon lange zu schätzen. Und daher wärmt das Quintett nicht immer und immer wieder schon erprobte Ideen auf, sondern geht konsequent alternative Wege. "Fuck Everyone and Run (F.E.A.R.)" ist zwar nicht als reinrassiges Konzeptalbum anzusehen, aber als eines mit einem übergreifenden textlichen Aufbau, einer durchgehend melancholischen bis düsteren Stimmung und einem durchaus eigensinnigen Aufbau: die insgesamt 5 Songs sind in 17 einzelnen Tracks unterteilt, die man auch locker als individuell funktionierende Parts ansehen kann. Denn erfreulicherweise ist hier, wie bei ähnlichen Konzepten leider oft zu bemängeln, nie irgendein pseudocineastisches Füller-Material dabei. Das sehr früh positionierte "The Gold" ist mit seinem kraftvollen, effektiven Refrain einer der echten Höhepunkte der Scheibe. Dem folgen mit "Vapour Trails in the Sky", dem emotionalen Ohrwurm "Fuck Everyone and Run" oder dem rockig/unheilvollen " F E A R" noch weitere Hochkaräter, die auch Album No. 18 zu einem wert-, bzw. gehaltvollen Beitrag im Bandkatalog machen. 

Auch "F.E.A.R." kann das traditionell hohe Niveau der Band locker halten und bringt einige der stärksten Tracks der jüngeren Vergangenheit von MARILLION auf die Tapete. Da das Album auch hervorragend produziert ist und klanglich ein wahrer Ohrenschmaus ist, dürfte eigentlich alles in Butter sein, oder? Nun, 17 Songs bei einer Gesamtspielzeit von satten 68 Minuten ist einfach zu viel des Guten. Bloß weil die CD eine Spielzeit von bis zu 80 Minuten erlaubt heißt das nicht, dass man dies auch ausnutzen muss. So bleibt unterm Strich ein gewohnt erstklassiges neues MARILLION Album, dem ein strafferes Korsett durchaus gut getan hätte.

WERTUNG: 

7,5

 

 

Trackliste:

01. El Dorado: I. Long-Shadowed Sun
02. El Dorado: II. The Gold
03. El Dorado: III. Demolished Lives
04. El Dorado: IV. F E A R
05. El Dorado: V. The Grandchildren of Apes
06. Living in F E A R
07. The Leavers: I. Wake Up in Music
08. The Leavers: II. The Remainers
09. The Leavers: III. Vapour Trails in the Sky
10. The Leavers: IV. The Jumble of Days
11. The Leavers: V. One Tonight
12. White Paper
13. The New Kings: I. Fuck Everyone and Run
14. The New Kings: II. Russia's Locked Doors
15. The New Kings: III. A Scary Sky
16. The New Kings: IV. Why Is Nothing Ever True?
17. Tomorrow's New Country

Mario