NORTHTALE – Welcome To Paradise

Band: NorthTale
Album: Welcome To Paradise
Spielzeit: 53:08 min
Stilrichtung: Power Metal
Plattenfirma: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 02.08.2019
Homepage: www.facebook.com/northtaleofficial

Disclaimer 1: NORTHTALEs “Welcome To Paradise” ist ein gelungenes klassisches Power-Metal-Album der neuen Supergroup um Bill Hudson (DIRKSCHNEIDER, TSA), Christian Eriksson (TWILIGHT FORCE), Pattrick Johansson (W.A.S.P., YNGWIE MALMSTEEN) und Mikael Planefeldt (STREAMLINE). Dass ausgerechnet die Jungs ein wenig Frust abkriegen, liegt schlicht an diversen ähnlichen Veröffentlichungen in letzter Zeit, die ich rezensiert habe, und ich gehe nicht davon aus, dass eine Rezension in der Rock Garage am Erfolg der von den mächtigen Nuclear Blast gepushten Truppe etwas ändern wird.

Disclaimer 2: Keine Sorge, so eine Rezension ist und bleibt die Ausnahme, aber das muss einfach gerade mal raus. Wer keine Lust auf persönliches Rumheulen hat, skippe an dieser Stelle zum Abschnitt vor dem Fazit. Disclaimer Ende.

So. Power Metal (gemeint ist hier der, der sich an den großen Finnen, Deutschen und Schweden orientiert, mit ein paar Keyboards und ordentlich Pathos, im Folgenden: PM) ist ein Genre, dem viele seiner Vertreter gewisse inhaltliche und musikalische Attribute zuschreiben. Er muss große Emotionen auslösen, indem er hochmelodisch ist, spätestens ab dem ersten Prechorus episch, dabei meist positiv konnotiert sein – Ihr wisst was ich meine.
Diese Attribute limitieren diese Vertreter des PM, so dass auf musikalischer Ebene mit groß und majestätisch klingenden, kadenzorientierten Harmoniefolgen gearbeitet wird. Diese (in ihrer Zahl endlichen) Harmoniefolgen wirken sich auf die Melodieführung des Gesangs aus, der zusätzlich mit weiteren Kniffen den Track ebenfalls emotionaler und majestätisch-hymnischer zu gestalten vermag. Dazu die gewohnten Songstrukturen und mit einer guten Band und einem guten Sänger kann fast nichts mehr schiefgehen.
Allerdings ist es inzwischen schlicht kaum noch möglich, ein Album dieser Art aufzunehmen, ohne Harmoniefolgen, Melodien und Arrangements zu verwenden, die man so zumindest noch nicht oft gehört hat. Stattdessen wird Kadenz an Kadenz gereiht, Chor auf Orchester auf Synthesizer gepackt und insgesamt so ein Werk erschaffen, das seine Wirkung auf den Hörer haben mag, sich wie NORTHTALEs erster Streich vertraut anfühlt und schön zu hören ist, in der Menge vergleichbarer Veröffentlichungen allerdings untergeht.
Mein Problem ist: Es mag zwar schön sein, solche Alben zu hören, aber es ist nicht interessant. Interesse entwickelt man für Dinge, weil man sie nicht kennt oder sie einem anders vorkommen, als man es von vergleichbaren Dingen gewohnt war. Bei PM kann Interessantheit auf verschiedene Arten erzeugt werden, aber jeder liegt die Überschreitung der von vielen Genrevertretern selbst auferlegten Grenzen zugrunde. Man könnte einzelne Elemente anderer metallischer oder nicht-metallischer Genres einflechten. Man könnte andere Keyboardsounds oder zusätzliche Instrumente integrieren. Man könnte aber auch, wenn man etwas mehr bei den Wurzeln bleiben möchte, einfach bei der Kompositionsweise ein wenig die festgetretenen Pfade verlassen, mal andere Akkordfolgen und Melodielinien ausprobieren Zumindest könnte man einige individuelle Wendungen erarbeiten, die im PM nicht so ganz üblich sind, und somit einen eigenen Stil schaffen oder, wenn das nicht klappt, wenigstens bei der Produktion und der Auswahl des Equipments einen Sound schaffen, der nicht der absolut typische für das Genre ist.
Es gibt Bands, die es schaffen, dem Genre diese Frische, diese Interessantheit zu geben, in letzter Zeit beispielsweise MERGING FLARE, THE UNITY oder auch STORMHAMMER.

NORTHTALE verlassen sich auf die Formeln, die dem PM zu seiner treuen Hörerschaft verholfen haben. Aber sie machen bis auf wenige Parts in wenigen Tracks (Der “We Are The Champions”-Beat in “The Rhythm Of Life” oder das poppige “Everyone’s A Star”) rein gar nichts damit, außer sie exzellent zu intonieren und hinsichtlich des Songwritings nicht in zumindest eingängige, voneinander unterscheidbare Melodien umzusetzen. Damit ist “Welcome To Paradise” leider ein Album unter erschreckend vielen, das insbesondere auf längere Sicht nicht aus der Masse herausstechen wird und in Sachen Originalität noch von einer guten Anzahl an Underground-PM-Bands geschlagen wird. Alles nach Lehrbuch, alles ohne die Gefahr, irgendwo anzuecken, wirklich schön aber nicht interessant. Es ist ja löblich, ein PM-Album erklärtermaßen im Stil der späten 90er zu machen, aber wenn die Routine derartig groß ist, bleibt nicht nur der Wiedererkennungswert sondern auch die Seele des Albums zu sehr auf der Strecke. Mit so einem Album kriegt man die Leute, die sich sonst nicht so viel mit dem Genre auseinandersetzen, nicht so gesättigt sind von unzähligen gleich klingenden Veröffentlichungen in vielen Jahren. Ich erwarte nicht die Innovation um der Innovation Willen. Ich brauche auf meinem nächsten PM-Album keine Bongos statt Drums, aber das mindeste wäre es, neben der (egal wie perfekten) Einhaltung der Genrekonventionen auch ein paar Melodien zu finden, die nicht nur die obligatorische langweilige und absolut kalkulierte Standard-PM-Gänsehaut erzeugen, sondern frisch, aussagekräftig und immerhin ein bisschen unverbraucht sind.

Fazit:
Schluss jetzt: Wer auf klassischen Ende-90er-Power-Metal steht, der von Fachmännern des Genres professionell dargeboten wird, der hat mit NORTHTALEs “Welcome To Paradise” ein weiteres Album zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zur Verfügung. Keine Höhen, keine Tiefen, Keyboards, große Melodien ohne große Eigenständigkeit, für den Moment des Hörens aber recht geil. Das Ding ist eben eher ein Medikament zur Zurückdrängung des Symptoms des Wunsches nach Power Metal, aber nichts, was langfristig wirken könnte.

WERTUNG:

 

 

Trackliste:

01. Welcome To Paradise
02. Higher
03. Follow Me
04. The Rhythm Of Life
05. Time To Rise
06. Way Of The Light
07. Shape Your Reality
08. Everyone’s A Star
09. Siren’s Fall
10. Bring Down The Mountain
11. Playing With Fire
12. If Angels Are Real
13. Even When

Jannis